Münchner Spielwies'n 2004

Ein Erlebnisbericht

ein Spiele-Artikel von Wolfram Troeder - 01.12.2004
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Vom 12. bis 14. November 2004 belegte die Münchner Spielwiesn ganze 3.600 Quadratmeter Spielfläche im Forum des Deutschen Museums. Sie fand heuer zum 13. Mal statt und war trotz der "Unglücks"-Zahl ein voller Erfolg. Im Gegensatz zu anderen großen Spiele-Events wie der Spiel '04 in Essen drei Wochen zuvor, ist die Spielwiesn primär auf Spielen ausgerichtet. Gut die Hälfte der Fläche war mit neutralen Tischen ausgestattet, wo die ca. 25.000 Besucher eines der 2.500 Spiele aus der Spielothek allein oder unter Inanspruchnahme der Spieleberater ausprobieren konnten. Selbst für die Kleinen war gesorgt, in der Kids Area konnten sie sich austoben, während die Eltern Muße zum eigenen Spiel hatten.

Unser Besuch begann, eingedenk der Menschenmassen des letzten Jahres, Samstag früh. Pünktlich um 10 Uhr standen wir vor dem Forum, und obwohl wir dann doch noch 15 Minuten warten mussten, konnten wir anschließend problemlos durch die Gänge wandern. Gegen Nachmittag wurde es dann sehr voll und wer sich nicht frühzeitig um einen Tisch gekümmert hatte, drehte oft lange Runden, um einen Spielplatz zu ergattern. Als wir gegen 6 Uhr abends das Forum verließen, war noch jeder Tisch besetzt oder blieb nur Sekunden unbelegt.

Doch nun zu den Spielen, die wir ausprobiert haben. Ein unbesetzter Tisch am Stand des Münchner Zoch-Verlags machte uns die erste Wahl nicht schwer. Goldbräu war als erstes an der Reihe. Der erste Eindruck war positiv, eine schöne Ausstattung und eine schöne grafisch Umsetzung des Themas ließen uns schnell ins Spiel finden. Zu viert kämpften wir um Biergartentische, Brauereianteile und die schöne Schankkellnerin. Ein fassbares Thema, gekonnt umgesetzt, da ist eine Langzeitmotivation schnell erreicht. Ein Spiel, das dann auch gleich in den Beutesack wanderte.

Am Amigo-Stand, den wir als nächstes besuchten, eine neue Bohnenvariante. Bohnanza goes France. Bohnaparte führt zur Aufwertung der ungeliebten Massenbohnen. Diese haben nun den größten Kampfwert. Und davon kann man nie genug haben, um die ausliegenden Landschaften zu erobern. Auf der Mitte des Tischs liegen die Zusatzkarten, von Feldlager über Steinbruch und Eisenmine bis zu Stadt und Dorf. Und nur die Punkte, die man durch den Besitz dieser Landschaften erhält, zählen zum Sieg. Wie gewohnt grafisch sehr pointiert umgesetzt erweist sich Bohnanza wieder einmal als das Chamäleon unter den Spielen. So wandlungsfähig in die verschiedenen Ausprägungen, das ist die Stärke dieses Kartenspiels.

Nun kam der Griff zum Spiel des Jahres 2004, Zug um Zug. Mit insgesamt fünf Spielern am Tisch wurde mit Spannung die Schachtel geöffnet und losgespielt. Aufgrund der vielen bekannten Spielmechanismen kam sehr schnell Routine ins Spiel. Auch die farblich nicht immer eindeutig zu unterscheidenden Karten konnten das nicht verhindern. Eine Anmerkung sei gestattet: "Mit Holzspielfiguren, entsprechend den Siedlerstraßen, hätte es mir wesentlich besser gefallen." Das Thema wirkt aufgesetzt, bietet dafür aber Platz für mannigfaltige Erweiterungen. Kurz ein nettes Spiel, aber die Messlatte der Vorgänger als Spiel des Jahres wird klar gerissen.

Ebenfalls aufgesetzt wirkt das Thema beim nächsten Spiel, Auf den Spuren von Marco Polo. Immerhin ist es schneller vorbei. Zum mittelmäßigen Eindruck trägt sowohl wieder die Plastikausstattung als auch die fehlende Spannung bei. Das zum Schluss alle gleichauf liegen und nicht einmal ein Sieger gekürt werden kann, fällt kaum noch ins Gewicht.

Lassen wir unsere morbide Stimmung die Spielauswahl beeinflussen? Das nächste Spiel scheint es zu bestätigen. Der Untergang von Pompeji lässt mit einem 3D-Vulkankrater nichts Gutes für unsere Römer hoffen. Weit gefehlt, nach der Besiedelung der Stadt mit zahllosen Pöppeln, unter anderem durch schaulustige Verwandte der Bewohner, beginnt die große Flucht. Spannend bis zuletzt ist hier das Thema gelungen auf einem grafisch ansprechenden Spielplan umgesetzt worden. Langeweile und Weltuntergangsstimmung kommen nie auf, auch wenn der eine oder andere Pöppel in den Vulkan wandert.

Aufgekratzt beschließt die Runde eines der Riesenspiele zu erproben. Geistertreppe kommt uns gerade recht. Ausgezeichnet als Kinderspiel des Jahres steht sie zwei Meter groß vor uns. Einfache Regeln, die es Sechsjährigen problemlos ermöglichen, Erwachsene zu besiegen. Ein schönes Spielprinzip und eine ansprechende Umsetzung lassen das Kind im Manne erwachen. Rein in den Sack als Weihnachtsgeschenk für die jüngere Verwandtschaft.

Noch ein Großspiel muss her. Am Stand des Zoch-Verlags lockt ein überdimensionales Dicke Luft in der Gruft. Wieder was für Gedächtnisriesen oder Achtjährige. Beide besiegen mich regelmäßig bei dieser Art Spiel. Macht nichts, Hauptsache es macht Spaß - und das tut es. Eine Art Memory de Luxe. Wir versuchen, unsere Vampire zur Ruhe zu betten, was uns die Mitspieler mit Knoblauchzehen und Gruftbesetzungen madig machen wollen. Thematisch stilsicher und von der Ausstattung gelungen, wandert wieder ein Weihnachtsgeschenk in den Sack.

Das letzte Spiel des Tages, Meisterdiebe, glänzt mit der schönsten Ausstattung seit Jahren. Vom hölzernen Schubladenwürfel über die "Edelsteine" aus klarem, hochwertigem Plastik bis zu den Samtkissen, auf denen besagte Steine gesammelt werden, stimmt hier alles. Auch das Spiel. Wieder einmal ist das Gedächtnis gefordert, um nach dem Drehen und Wenden noch einen oder mehrere Edelsteine auf das eigene Kissen zu befördern. Aber genauso ist die Intuition gefragt, welcher Mitspieler nun welchen Charakter ausspielt. Die Mischung aus beiden macht's und schon kann der Meisterdieb ganz alleine das Geheimfach mit dem Rubin plündern. So kurzweilig vergeht Runde um Runde und man möchte nach Spielende sofort wieder anfangen.

Es hätte noch viel mehr zu sehen gegeben: Die Wiesnwirte beim Göldbräu spielen für einen guten Zweck, das Sankt-Petersburg-Turnier und vieles mehr. Gesehen und gekauft wird in Essen sicher mehr, aber auf der Spielwiesn wird mehr gespielt. Erschöpft und bepackt machen wir uns auf den Heimweg. Nicht ohne das Versprechen: "Nächstes Jahr kommen wir wieder."