Süddeutsche Spielemese 2005

Der ganz persönliche Messebericht

ein Spiele-Artikel von Wolfram Troeder - 09.12.2005
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Lesezeit: ca. 5 Minuten

Allerbestes Samstagswetter ließ am 29. Oktober 2005 auf einen verminderten Andrang und mehr Platz zum Spielen und Schauen hoffen. Weit gefehlt, zehntausende von Besuchern kamen täglich zur Stuttgarter Messe, um die vier Freizeitmessen zu besuchen, die vom 26. bis 29. Oktober 2005 stattfanden. Am Ende waren es dann annähernd 100.000 Besucher. In den Hallen ging es an allen vier Messetagen rund, teilweise war kaum noch ein Durchkommen. Die vielen Spieleflächen auf den 6.700 Quadratmetern Ausstellungsfläche waren konstant voll belegt. Teilweise war der Andrang so groß, dass auf dem Boden gespielt wurde. Aber das tat der Begeisterung keinen Abbruch. An den Ständen der 112 Aussteller und an den Ludotheken des Baden-Württembergischen Spielearchivs sowie des Deutschen Spielearchivs warteten hunderte Spiele aufs Ausprobieren.

Als Messe wesentlich kleiner als die Spiel in Essen, leben die südddeutschen Spielemessen von einem großen Anteil an unabhängiger Spielfläche und dem Angebot der Ludotheken. Klassische Höhepunkte gab es auch: Einem Großmeister der Spieleentwickler-Zunft widmete das Deutsche Spielearchiv eine kleine Sonderschau; Erwin Glonnegger, der am 19. Mai 2005 seinen achtzigsten Geburtstag feierte. Weltweit bekannt wurde er für seine Klassiker Malefiz und Memory. Genauso bekannt ist er in historisch interessierten Kreisen für seine „Altdeutsche Spielesammlung“, mit der viele klassische und mittelalterliche Spiele der Vergessenheit entrissen wurden.

Ein Spielpreis wurde auch verliehen, der „Deutsche Lernspielpreis“, schon zum dritten Mal. Überhaupt legt diese Messe einen ihrer Schwerpunkte auf den Bereich Spiel und Pädagogik. Hauptpreisträger dieses Jahr war Isis’ süsse Sünde, das wir (meine Begleitung und ich) natürlich sofort ausprobieren mussten. Dazu später mehr.

Nachdem wir uns mit den Massen durch den Eingang gedrückt hatten, nutzten wir jede Möglichkeit zum Spielen, die sich uns bot. Erstes „Opfer“ wurde Schatten über Camelot. Nach zirka einer Stunde einhelliges Fazit: Schönes Prinzip und schöne Umsetzung der Stimmung, zu dritt ist das Böse aber einfach zu mächtig. Kritik auch zum Spielende, bei dem die Ritter, nachdem sieben weiße Schwerter erworben sind, möglichst böse Taten begehen oder zulassen, um schnell auf die geforderte Anzahl von zwölf Schwertern zu kommen.

Als nächstes eine sichere Bank, das diesjährige Spiel des Jahres. Sehr interessiert wurde Niagara ausgepackt und aufgebaut. Gelungene Umsetzung der dritten Dimension, der allgegenwärtige Druck des fließenden Wassers und die praktikablen Spielmechanismen ergeben einen würdigen Preisträger. Persönlich gefallen hat mir die Teilholzausstattung. Und die Edelsteine sind zwar aus Kunststoff und bekannt von Meisterdiebe oder Ubongo, aber besser zu greifen als Glastropfen.

Am gleichen Tisch war das nächste die Brettspielvariante unseres Pausenklassikers 6 nimmt, Tanz der Hornochsen. Punktgenaue Grafiken und schöne Mechanismen heben dieses Spiel aus der Masse heraus. Zur Familientauglichkeit sind die Regeln zu komplex, den Vielspieler freut’s. Weiter geht es zu Raubritter. Dieses Legespiel in der Kleinschachtel mit historischem Thema bietet ein paar neue Ansätze, zu wenige allerdings, um uns lange zu fesseln.

Nach einem kurzen Abstecher zur Glonnegger-Sonderschau stürzen wir uns auf Isis’ süße Sünde, preisgekröntes Spiel mit Anspruch. Eine Dreiviertelstunde später sind wir schlauer, was die Ernährung betrifft und bezüglich des Spiels. Zum Spiel ist der Wissensgewinn aber umfangreicher als bei der Ernährung. Wer nicht völlig ignorant durchs Leben geht, dem bietet das Lernspiel nichts wirklich Neues. Bei Dauergebrauch könnten aber Nebenwirkungen aufs Unbewusste nicht ausgeschlossen werden. Die Mechanismen des Spiels selbst sind einfach, die Ausstattung teilweise amateurhaft. Von schlecht unterscheidbaren und nicht zueinander passenden Farben über wackelige Pyramidenaufsteller und unübersichtliche Spielpläne bis hin zum Nebeneffekt, dass durch die ungerundeten Kalorienangaben das Kopfrechnen geübt wird, zieht sich die Spanne der Kritik. Ein Spiel, das von einer Überarbeitung ganz sicher profitieren würde, dann kann man es auch guten Gewissens empfehlen.

Von einer Neuheit zur nächsten, das zweite computerunterstützte Brettspiel des Ravensburger Touch-&-Play-Mechanismus', Die Insel, wartet. Zwei Mistspieler gesucht, Knopf ins Ohr und gestartet. So schnell geht es aber nicht, die Anleitung ist sehr umfangreich und in ein Live-Tutorial eingebunden. Das schreckt schon ein wenig ab, aber wir entscheiden uns für ein richtiges Spiel und überfliegen die Anleitung nur. Die Sprachausgabe klappt dank des Ohrknopfes wesentlich besser als beim Vorgänger King Arthur und das Spiel bietet dank des eingebauten Computers Features, die sonst nur mit einem umfangreichen Regelwerk zu realisieren wären. Das Spiel an sich ist aber eher einfach gestrickt. Und ganz abschalten sollte man auch nicht, wenn die Mitspieler dran sind, Tracking der Figuren und Nachhalten der Aktionskarten sind noch manuell. Sollten sich in Zukunft RFID-Chips durchsetzen, wäre hier eine Einsatzmöglichkeit. Eine Verbesserung, aber noch kein Durchbruch.

Kontrastprogramm bietet dafür das nächste Spiel. Frische Luft für die Gruft ist die erfrischende Erweiterung zu Dicke Luft in der Gruft. Graf Rucola und seine zwölf Fledermäuse geben sich die Ehre. Insbesondere für Memory-Versager wie mich eine sinnvolle Erweiterung. Das Spiel wird schöner und vielseitiger, trotzdem bleibt der Charme des Originals erhalten. Ab auf die Weihnachtsliste.

Als Abschluss eines langen Spieletages noch ein echtes Schmankerl. Großspiel, Holzausstattung, Spielspass und Interaktion, alles was mir gefällt auf einmal. Die Messevorführversion von Nacht der Magier zog uns unwiderstehlich an. In einer verdunkelten Kabine versuchen wir teilweise nachtleuchtende Steine so zu schieben, dass bevor ein Stein über den Rand fällt, wir unseren Kessel über dem Feuer platzieren. Ein echtes Highlight. Ich warte schon gespannt darauf, dass es erscheint.

Insgesamt eine erfreulicher Messebesuch und erneut die Erkenntnis, dass auch die kleineren Messen eine Reise wert sind.

Erwin Glonnegger mit zwei seiner Memory-Spiele von Messe Stuttgart
Niagara war als Spiel des Jahres in Stuttgart mit dabei von Messe Stuttgart
Foto der Preisträger des Deutschen Lernspielpreises (v. l): Andreas Finke (Snoerta), Raimund Wybranietz (Isis süße Sünde), Vertreterin des Studienkreises (Ausrichter), Gordon Mc Leod (Pizza Flitzer) und Wiebke Vogelsang (Das große Ritterturnier) von Messe Stuttgart