Trend: Farmspiele begeistern

Meine kleine Farm oder doch lieber Mittelalterpunkteoptimierung?

ein Spiele-Artikel von Michael Weber - 07.03.2013
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Lesezeit: ca. 3 Minuten

Sie sind wuselig, knuffig, wecken den Ehrgeiz der Hege und Pflege und bei dem einen oder anderem Spieler auch den Wettbewerb. Die Rede ist von Farmspielen. Farmville auf Facebook, Farmarama als Browserspiel und viele andere Ableger der Sorte „Meine kleine Farm“ begeistern inzwischen Millionen von Spielern. Mit Farmarama – Das Brettspiel ist nicht das erste Mal eine Umsetzung in Form eines Gesellschaftsspiels gelungen. Denn das Thema ist alt.

Eine Ranch, ein Bauernhof, ein … Farmspiele oder Bauernhofspiele beglücken schon die kleinsten Kinder. Denn das Prinzip ist einfach und friedlich: Auf dem Bauernhof ist die Welt noch in Ordnung. Da wuselt eine Katze zwischen lieben Pferden herum, da muht eine Kuh und grunzt ein Schwein. Hühner gackern um die Wette und der Bauer fährt mit dem Traktor zum Feld hinaus. Kein Trübsal weit und breit. Kein Krieg, kein Gegner, keine Gefahr. Das friedliche Leben in den Farmspielen verspricht eine heile Welt. Genau das ist es, das Spieler begeistert. Wettbewerb gibt es bei den entsprechenden Browserspielen nur im übertragenen Sinne. Jeder „kämpft“ gegen sich selbst. Wer sich regelmäßig einloggt und seine Farm bestellt, erfährt größte Befriedigung durch niedliche Grafiken und süße Tiere. Das ist überraschenderweise nicht nur für Kinder und Frauen/Mädchen eine tolle Sache. Auch so mancher hartgesottene Spieler findet sich beispielsweise auf Farmville, um dort seinen Hof zu bestellen.

Die Herausforderung bei Farmspielen ist also überraschenderweise nicht, als Sieger vom Spielbrett zu gehen. Das gilt auch häufig für Gesellschaftsspiele, die sich des Themas direkt wie eben Farmarama oder indirekt wie viele Kinderspiele oder bei den Erwachsenen auch Agricola annehmen. Zwar will jeder gewinnen, aber irgendwie eher erfolgreich sein. Je weniger abstrakt das Spiel ist und desto besser die Grafik, umso größer ist die Freude über ein schön aufgebautes Spiel. Das gilt für Gesellschaftsspiele wie für Browserspiele. Denn der Trend ist klar: Farmspiele sind virtuelle Bauernhöfe, die vom wuseligen Leben profitieren, nicht vom Erbsenzählen.

Was können Verlage und Spieleautoren vom Erfolg dieses Genres im Internet lernen? Eine gute Frage: Aber vielleicht ist es an der Zeit, die typisch deutsche Mechanik etwas in den Hintergrund zu stellen. Spiele wie Agricola (im Grunde auch ein Farmspiel) sind zum Beispiel knallharte Optimierungs- und Strategiespiele. Das widerspricht eigentlich dem „süßen Thema“ des Bauernhofs. Klar soll ein Spiel spannend und fordernd sein. Aber vielleicht lassen sich ja die Erfolgsrezepte aus dem Internet auf das Brett übertragen: Schöner, niedlicher und sorgenfreier müssen die Spielideen sein.

Wie man den Spagat zwischen Wettstreit am Spieltisch und einer knuffigen Bauernhofsimulation hinbekommt, hängt vom Szenario ab. Aber eins ist irgendwie deutlich: Etwas spaßiger und lockerer dürfen Gesellschaftsspiele gern sein. Dabei muss man ja nicht unbedingt auf gute Mechanismen und Spielspaß verzichten. Im Gegenteil: Die Verbindung von intelligenten Mechanismen, fordernden Partien, schönen Grafiken und einem lockeren Spiel machen gerade den Reiz für Spieleautoren und Verlage aus. Denn wer diese Mischung hinbekommt, wird den einen oder anderen Spieler fesseln, der sonst eher nicht am Spieltisch sitzt. Farmspiele sind also eine gute Vorlage, um den in den letzten Jahren häufig eher trockenen Mechanismen mehr  Spielspaß (Italiener und Franzosen haben es den Deutschen in der Vergangenheit vorgemacht) und damit ein breiteres Publikum zu geben. Was bei Farmspielen im Internet klappt, kann auch am Spieltisch zum Erfolgsrezept werden. Vielleicht eröffnen sich so auch völlig neue, bisher unbeachtete Themen und ergänzen die typischen Mittelalter-, Fantasy- oder Bauspiel-Szenarien. Frei nach dem Motto: Tiere füttern statt Punkte zählen!