Der Dreh mit den Ziffern

Autor Heinrich Glumpler über die Entwicklung seines Spiels Tschuk

ein Spiele-Artikel von Heinrich Glumpler - 10.10.2007
Tschuk von Heinrich Glumpler
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Ich entwickle gerne Spiele, bei denen man im Laufe der Partie immer mehr Informationen erhält. Am Anfang weiß man nichts, am Ende alles. Gewinner in solchen Spielen ist derjenige, der am schnellsten über alles Bescheid weiß. Typisches Beispiel: Cluedo – oder in gewisser Weise auch Memory.

Tschuk ist nichts anderes als der Versuch, dieses Konzept mit minimalen Mitteln aber auf interessante Art und Weise umzusetzen. Ich spiele gerne mit Zahlen beziehungsweise Kombinationen von Zahlen und so kam ich schnell auf die Idee, Kombinationen von je zwei – unterschiedlichen – Ziffern als zentrales Element zu nutzen. Beispiel: Mit den Ziffern von 1 bis 4 ergeben sich folgende sechs Kombinationen: 1/2, 1/3, 1/4, 2/3, 2/4, 3/4. Ich packte jede Kombination auf eine Münze (zum Beispiel 1 auf die Vorderseite, 4 auf die Rückseite) und das Spiel begann damit, dass die Münzen wahllos auf den Tisch geworfen wurden. Damit erreichte ich auf simple Weise einen Ausgangszustand, bei dem jeweils nur eine Ziffer pro Kombination zu sehen war.

Um die Information anwachsen zu lassen, musste man einfach nur eine Münze umdrehen, womit der Spielzug pro Spieler schon klar war. Ebenso klar wurde mir an dieser Stelle, dass es ein Spiel für zwei Spieler sein musste, wenn es angesichts des bereits jetzt erkennbaren Ungewissheitsfaktors taktisch behandelbar bleiben sollte.

War das ein Spiel? Ein Beispiel: Es werden die sechs Münzen auf den Tisch geworfen und alle Münzen, die den gleichen Wert haben, in einem Stapel zusammengefasst – hier die sichtbaren Ziffern: 1, 2, 2, 2, 3, 4. Welche Ziffer befinden sich auf der anderen Seite der Münze, die die 1 zeigt? Es wird keine 2 sein, denn es sind drei Münzen zu sehen, die eine 2 zeigen und es gibt nur drei Kombinationen, die eine 2 enthalten, darunter die 1/2. Mit anderen Worten: Unter der 1 muss sich eine 3 oder 4 verbergen.

Tschuk Prototyp von Wenn die 1 umgedreht wird, weiß man es natürlich. Interessanterweise erfährt man es aber auch, wenn die 3 oder die 4 umgedreht werden. Dreht man die 3 um und es erscheint eine 4, so zeigt die (noch nicht umgedrehte) 4 mit Sicherheit eine 1 auf der andere Seite (3/4 kann es ja nicht sein und 2/4 ist ja auch schon weg) – dann muss die 1 auf der anderen Seite eine 3 zeigen. Erscheint beim Umdrehen der 3 allerdings eine 1, dann verbirgt sich unter der 1 eine 4. Wenn eine 2 umgedreht wird, gibt es ebenfalls Hinweise darauf, was unter den anderen beiden 2 verborgen liegt, da alle Kombinationen im Spiel nur ein Mal vorhanden sind.

Das eigentliche Tschuk arbeitet mit den Ziffern 1 bis 7 (21 Münzen) und das Spielziel besteht darin, die Münzen so auf die eigene Seite zu verschieben (und dabei umzudrehen), dass man als Erster alle sieben Ziffern auf seiner Seite hat.

Leider bekamen wir bei der Produktion sofort Probleme. Wie man sich leicht überlegen kann, müssen die Münzen perfekt sein, das heißt, die verschiedenen Münzen dürfen sich nur durch die Ziffern unterscheiden, die sie zeigen – sie dürfen sonst keinerlei Merkmale besitzen, anhand derer man zum Beispiel eine 5 von einer anderen 5 unterscheiden kann. Hätte eine 5er-Münze beispielsweise eine Macke am Rand oder eine auffallende Maserung, wüssten die Spieler nach ein oder zwei Partien bereits, welche Ziffer sich auf der anderen Seite verbirgt. Wir fanden kein Material, das unseren Ansprüchen genügte – nicht zu vertretbaren Kosten.

Ingo Althöfer vom 3-Hirn-Verlag lernte das Spiel kennen und war fasziniert von den „verschränkten Wahrscheinlichkeiten“. Er löste das Materialproblem, indem er zusätzlich zu den 21 Spielmünzen (Pokerchips, die mit Ziffern beklebt werden) weitere sieben Deckscheiben (Pokerchips in einer zweiten Farbe) hinzufügte, von denen jede eine der Ziffern zeigte.

Wenn die eigentlichen Spielmünzen zu Stapeln sortiert werden, wird anschließend auf jeden Stapel die dazu passende Deckmünze gelegt, sodass die Spielmünzen selbst nicht mehr offen liegen und Unreinheiten keine Rolle mehr spielen. Anstatt jeweils die oberste Münze eines Stapels aufzudecken, wählt man einen Stapel und nimmt einfach die unterste Münze.

Die Zielgruppe des Spiels: Knobelenthusiasten und/oder Gelegenheitsspieler. Man kann sich leicht überlegen, dass Tschuk ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten ist. Jemand, der sich mit Kombinatorik auskennt, wird in den meisten Fällen sehr genau abschätzen können, welche Kombinationen noch in welchen Stapeln verborgen liegen.

Da in einem Stapel aber meist mehrere Münzen liegen, ist der optimale Spielzug damit noch lange nicht gewährleistet, da selbst ein kombinatorisches Genie letztendlich nur eine Münze umdrehen darf. So hat auch ein Gelegenheitsspieler, der vielleicht nur aus dem Bauch heraus spielt, durchaus eine Chance, dem Grübler und Tüftler ein Schnippchen zu schlagen.