Rasante Gefangenennahme

Malgorzata Majkowska und Tomasz Z. Majkowski über ihr Spiel Yucatan

ein spielerischer Artikel von Michael Weber - 03.10.2008
Yucatan von Wolf Fang
Lesezeit: ca. 6 Minuten

Malgorzata und Tomasz, ihr stellt in Essen euer Spiel Yukatan vor. Um welches Thema geht es dabei?
“Yucatan ist ein Pyramidenbau-Spiel, angesiedelt im dunklen und unbekannten Dschungel der Halbinsel Yukatan in unbestimmter Vorzeit. Jeder Spieler ist Führer einer abstrakten unbenannten Indianerzivilisation, die den Göttern ein mächtiges Monument errichten möchte.

Um das zu erreichen, ist Arbeitskraft notwendig – Gefangene von Dörfern der niederen Stämme und anderer Spieler Zivilisationen. Sobald die erste Pyramide fertiggestellt ist, erfreut deren Besitzer die Götter und - durch ihre Gnade, so stellen wir uns das vor – gewinnt sein Volk das Spiel.“

Wie seid ihr auf dieses Thema gekommen? Sklavenarbeit ist ja eher ungewöhnlich und sicherlich ein schwieriger Punkt für einige Spieler …
“Wir wollten ein Spiel erfinden, in dem man eine Pyramide aus Holzsteinen baut. Wir entschieden uns für eine mittelamerikanische Pyramide, weil das alte Ägypten auf dem Spielemarkt überrepräsentiert ist. Die Grundmechanismen fielen uns ein, als wir den Film ‚Apocalyptyco’ (mit Mel Gibbs) sahen. Der war so langweilig, dass wir an etwas Unterhaltsameres denken mussten. Das ist der Grund, warum in unserem Spiel der Zivilisationsfortschritt mit Gefangenen statt mit dem üblich genutzten Holz, Stein und Gold verbunden ist.
Yucatan - Pyramide von Wolf FangAber wir möchten betonen, dass Yucatan kein Spiel über Sklaverei ist und die Spieler keine Sklaven haben, um daraus Profit zu schlagen. Sie kontrollieren Gruppen von Kriegern, die nach der Schlacht Gefangene in ihr Heimatdorf bringen. Natürlich sind diese Gefangenen nützlich, um den Bau der Pyramide zu unterstützen. Aber dies ist ein abstrakter Vorgang im Spiel. Dies ist ein Spiel über Krieger und ihre Gefangenen, nicht über Sklaverei und ihre Aufseher. Wir glauben nicht, dass Yucatan in irgendeiner Weise  bedenklich ist, jedenfalls nicht für eine durchschnittlich verantwortungsbewusste Person.
Auf der anderen Seite glauben wir aber auch nicht, dass das Totschweigen von brisanten Themen der menschlichen Geschichte diese ungeschehen macht. Natürlich gibt es ein paar Themen, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen oder über die man sich lustig machen darf. Aber komische geschichtliche Tabus helfen niemandem. Es gibt viele Spiele, in denen Sklaverei vorkommt – von jedem Spiel ums alte Rom bis hin zu einer Vielzahl von Spielen über den amerikanischen Bürgerkrieg. Das Thema ist für gewöhnlich versteckt und niemand hat ein Problem damit. Manchmal ist es nur eine Frage der Perspektive, wenn zum Beispiel das Spiel einfach kein Thema der Sorte „Wer hat all diese römischen Straßen gebaut?“ hat. Aber manchmal ist das Verschweigen der Sklaverei einfach eine Lüge, wenn zum Beispiel vorgegeben wird, die Arbeiter auf de Plantagen in den Kolonien waren frei, glücklich und hatten Gewerkschaften. Diese Lüge hat keinen anderen Zweck, als unser Gewissen zu beruhigen.“

Mit welchen Hauptmechanismen setzt ihr das Thema um? Welche machen das Spiel und den Spielspaß aus?
“Unser Spiel hat Tempo und Spannung. Die Spieler kontrollieren ihre Krieger, die Holzfiguren, die auf der Suche nach Gefangenen über das Brett ziehen, und Siedlungskarten, die ihre Krieger unterstützen. Ziel ist es, die Gegnersiedlungen auszuplündern, die eigenen zu schützen und die Gefangenen ins Dorf zu bringen. Aber im eigenen Zug darf man nur eine Aktion ausführen: Krieger bewegen, das Dorf besiedeln oder erweitern (die größeren Siedlungen können Krieger produzieren und verschwinden bei einer Plünderung nicht vom Brett) oder ein Teil der Pyramide bauen. Die Spieler müssen ihre Aktion sehr sorgfältig wählen und es ist unmöglich, alles abzusichern.
So geht bei Yucatan alles darum, den Gewinn zu maximieren und den Verlust zu minimieren. Durch die besonders kurzen Spielzüge ändert sich die Situation auf dem Brett rasant und man muss sich im Bewusstsein, dass eine schlechte Aktion einem selbst teuer zu stehen kommt, schnell entscheiden. Auf der anderen Seite gibt es ein Zufallselement, das einen Schneeballeffekt abweht und für Spannung bis zum Schluss sorgt.“

Ihr meint den Kampfmechanismus mit Jaguar-Schlange-Kolibri, der an Schere-Stein-Papier erinnert. Ist er tatsächlich davon inspiriert und wie wichtig ist dieser Mechanismus für das Spiel? Macht er das Spiel nicht zu glücksabhängig?
Schere-Stein-Papier ist eines der bekanntesten Spiele der Menschheit. Wir kennen nicht seinen Ursprung, aber wir wissen, dass Baron Münchhausen persönlich vorgibt, ihn erfunden zu haben – zumindest im hervorragenden Spiel von James Wallis.
Wir haben uns für diesen einfachen, aber effizienten Mechanismus aus mehreren Gründen entschieden. Zunächst die Popularität des Spiels selbst – man muss sich nur merken, welches Symbol welches schlägt, und braucht keine Regeln für Kämpfe zu lernen.
Zweitens ist es sehr schnell und passt gut zum allgemeinen Tempo unseres Spiels. Der Kampf kann so nicht länger dauern als der eigentliche Spielzug. Zudem sind weder Würfel noch andere Spielmaterialien nötig, die man vor dem Kampergebnis erst auf dem Spieltisch finden muss und so das Spiel verlangsamen.
Wir benötigen das Zufalls-Element, um den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten und Yucatan von einem statischen und sich wiederholenden Verlauf zu bewahren. Aber mit dem Mechanismus von Schere-Stein-Papier ist das Glück begrenzt. Im frühen Verlauf einer Partie hat es eine wichtige Rolle: Wenn die Krieger erstmals in den Kampf ziehen, entscheidet das Glück über Ausgang. Aber man kann sich die Symbole auf den einzelnen Spielsteinen leicht merken, sodass das Spiel im weiteren Verlauf strategischer wird. Die Spieler müssen aufmerksam alle Kämpfe verfolgen, sich die Symbole auf den Spielsteinen merken und mit diesem Wissen ihre Pläne schmieden. Der Zufall scheint also wohl dosiert zu sein.“

Was empfiehlt ihr den Spielern, die Yukatan zum ersten Mal spielen? Worauf sollen sie besonders achten, was sollen sie unbedingt vermeiden?
“Achte auf alle deine Gegner: Wenn man mit allen Kriegern einen einzelnen Gegner bekämpft, kann einem leicht ein anderer in den Rücken fallen. Zögere nicht anzugreifen – selbst bei einer Niederlage lernt man, wie man diesen Gegner bezwingen kann. Nutze eine Gelegenheit für einen Überraschungsangriff. Vermeide es, im Dschungel Wasser aus unbekannten Quellen zu trinken.“

Yucatan - Spielbrett von Wolf FangSeid ihr eigentlich verheiratet? Wie kam es zu euerer Zusammenarbeit, wer hat wen zum Spieleerfinden gebracht?
„Ja, wir sind verheiratet. Wir haben uns an der Uni kennengelernt. Tomasz war ein emsiger Rollenspieler und arbeitete seit vielen Jahren in diesem Bereich des Spielemarktes. Aber es war Malgorzata, die Kartenspielerin, die als erste vorschlug, ein Brettspiel zu entwickeln, und die Basis unseres ersten Projektes, ein sehr sprachabhängiges Piratenspiel, legte. Wir arbeiten immer im Team außer bei einem Spiel, das Thomasz bei einem Zahnarztbesuch entwickelte. Komischerweise hat das Spiel nichts mit Zahnpflege zu tun.“  

Polen ist bislang wenig für Spiele bekannt. Ist es in Polen besonders schwer, als Spieleautor zu arbeiten und einen Verlag zu finden? Habt ihr versucht, eure Spiele auch deutschen oder anderen europäischen Verlagen anzubieten?
„Der polnische Brettspielmarkt ist sehr jung und entwickelt sich noch. Bis vor ein paar Jahren gab es hier nur wenige Spieleautoren Aber es wird jedes Jahr besser wie sich anhand der Zahl der in Essen dieses und letztes Jahr vorgestellten Brettspiel aus Polen ablesen lässt.
Was Verlage angeht, sind wir keine Freischaffenden, sondern entwickeln für unseren Verlag Wolf Fang. Ehrlich gesagt haben wir sehr wenig Erfahrung damit, Verlage zu finden oder Projekte an Dritte zu verkaufen – in Polen und Europa. Wir sind sehr froh, mit unserem geschätzten Freund und Manager Marcin Podsiadlo, dem Inhaber von Wolf Fang,  jemanden zu haben, der unsere Spiele in ganz Europa vermarktet.“

In welcher Auflage wird das Spiel produziert? Ist es sinnvoll, das Spiel vorzubestellen und in Essen abzuholen?
“Als junger Verlag lassen wir in der ersten Auflage 2.000 Exemplare herstellen. Wir glauben, dass es sinnvoll ist, ein Exemplar vorzubestellen, denn wir wagen zu hoffen, dass die erste Auflage sehr schnell ausverkauft sein wird.“

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