Typische blaue Armbinde mit weißem Männchen mit Blindenstock, entschlossene Armhaltung
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Wie geht Spielen als Blinder, André Skora?

von Michael Weber
14 Minuten Lesedauer
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Der Würfelheld über Barrieren, Leidenschaft und viel Engagement

André Skora ist der Würfelheld. Auf seinem Blog und in vielen Podcasts berichtet er von seiner Leidenschaft: Gesellschaftsspiele und Rollenspiele – mit einer Besonderheit. Denn er gilt mit einer Sehkraft von zwei Prozent als gesetzlich blind. Wir möchten es genauer wissen: Welche Spiele liebt er, welchen Stellenwert haben Gesellschaftsspiele für sein Leben und mit welchen Produkten und Menschen am Spieltisch hat er Probleme? In unserem Interview versuchen wir, einerseits den Weg zu mehr Barrierefreiheit auszuloten und andererseits die Leidenschaft für eine soziale Freizeitbeschäftigung herauszuarbeiten.

Der Antrieb, über das Thema zu berichten

André, du bist in der Szene für deinen Blog „Würfelheld“ sowie als Gast bei vielen Podcasts bekannt. Was treibt dich an, von deiner Leidenschaft für Gesellschafts- und Rollenspiele zu berichten? Welche Zielgruppe möchtest du erreichen?

„Hallo Michael, da müssen wir zurück zu den Anfängen meines Blogs gehen. Diesen habe ich damals gestartet, weil mich andere Angebote und deren Rezensionen geärgert haben. Aber ich war zu diesem Zeitpunkt schon sehr in einigen Rollenspielforen unterwegs, sodass Schreiben und Diskutieren über mein Hobby nicht neu war. Den letzten Kick habe ich durch meinen jahrelangen Mitstreiter Ingo ‚Greifenklau‘ Schulze bekommen, der seinen Blog einige Tage vor mir gestartet hat. So konnten sich zwei Blog-Neulinge gegenseitig motivieren und über ihr Lieblingshobby, das Pen-&-Paper-Rollenspiel, in jeglicher Form berichten.“

Das heißt, es war anfangs nur ein Hobby?

„Ja, anfangs lag mein Fokus nur auf dem Hobby. Damals war ich stark sehbehindert und hatte eine geschätzte Restsehkraft von 9 Prozent pro Auge. Da habe ich mir selbst noch nicht so viele Gedanken gemacht, da ich es zum einen nicht anders kannte und zum anderen die Entwicklung meiner Erkrankung ungewiss war. Ich weiß, das war etwas naiv. Seit 2014 gelte ich nun als gesetzlich blind, das heißt, meine Sehkraft ist auf ungefähr 2 Prozent pro Auge gesunken. Dieser schleichende Prozess brachte viele Änderungen mit sich, unter anderem auch den Wunsch, darüber zu berichten.

Das sorgte anfangs in der Szene für viel Verwirrung. Man wusste zwar, dass ich schlechte Augen habe, aber dies dann mitzuerleben, war für manche ein kleiner Schock. Mein offener Umgang mit der Situation hat mir dabei geholfen. Auch die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre haben bei vielen Menschen für einen offeneren Umgang mit behinderten Menschen gesorgt – wobei hier noch viel Arbeit zu tun ist.“

„Ich möchte mich mit der aktuellen Situation, dass sehbehinderte Menschen ausgegrenzt werden, nicht zufriedengeben“

Wie ging es dann weiter?

„Auf meinem Weg gab es viele Meilensteine, zum Beispiel die Herausgabe von Science-Fiction- und Fantasy-Anthologien, die Veranstaltung des Winter-One-Page-Contest, das Schreiben von Rollenspiel-Abenteuern und Quellenbuchtexten. Mittlerweile treibt mich immer noch der Spielspaß an, den ich bei Spielrunden erlebe, und ich möchte mich mit der aktuellen Situation, dass sehbehinderte Menschen ausgegrenzt werden, nicht zufriedengeben. Die aktuelle Zeit sehe ich als Chance, dass sich etwas ändert. Wenn ich mich mit anderen Sehbehinderten und Blinden zum Thema Brettspiele austausche, höre ich immer wieder: ‚Wie toll wäre es, wenn ich ein aktuelles Brettspiel beim örtlichen Händler kaufen und einfach loslegen könnte.‘ Solange dieser Satz im Raum steht, mache ich weiter.“

Als Blinder spielen: die Grenzen der Wahrnehmung

Ein Blinder mit Armbinde spielt Karten mit drei Freunden, generiert mit KI

Ein wesentlicher Aspekt ist deine Einschränkung. Mit einer Sehkraft von zwei Prozent giltst du gesetzlich als blind. Zwei Prozent klingt sehr wenig, erlaubt dir aber dennoch eine gewisse Wahrnehmung. Das ist für Leute ohne Einschränkung kaum abschätzbar. Kannst du uns bitte erläutern, in welcher Form du Dinge wahrnimmst und wo die Grenzen sind?

„Ich habe Retinitis pigmentosa, kurz RP, auch als Tunnelblick bekannt. Eine genauere Beschreibung findet ihr bei Pro Retina auf der Website (Hinweis: Link unter dem Text). Meine Augen weisen Kurzsichtigkeit, Lichtempfindlichkeit, Nachtblindheit, verminderte Reaktion und Farbspektrumsänderungen auf. Cataract und Nachbildung wurden bereits operiert. Das Sehfeld ist verkleinert, mit vermehrten Ausfallzonen. Die Netzhaut ist großflächig vernarbt, die Augenflüssigkeitsbildung gestört – also das volle Programm.

Da ich RP von Geburt an habe, ist es immer schwer zu sagen, inwieweit ich etwas ‚normal‘ wahrnehme. Die Restsehkraft reicht, um einige kleine Dinge zu erkennen. Aber wenn es um Detailtiefe oder schnelle Abläufe geht, bin ich raus.“

Sind spezielle Spiele für Blinde ausreichend?

Das schränkt dich nicht nur im Alltag, sondern auch beim Spielen ein. Es gibt besondere Spielevarianten von spezialisierten Firmen, die Klassiker wie Mensch ärgere dich nicht, Uno oder Rummy blindengerecht aufarbeiten. Was hältst du von solchen Produkten für dich persönlich?

„Hier gibt es entscheidende Unterschiede. Zum einen gibt es mit Velen Spiele einen hochwertigen Spieleumrüster für Ravensburger Spiele. In Folge 21 meines Podcasts habe ich mit Volker von Velen gesprochen. Ich finde diese Spiele gut umgerüstet. Vorteil: Sie passen in die Originalbox. Nachteil: Der Preis ist etwa dreimal so hoch, was verständlich ist.

Dann gibt es immer wieder Spiele, die plötzlich auftauchen und genauso schnell wieder verschwinden. Beispiel: Uno von Mattel. Der Verlag hat aufgrund der erhöhten Nachfrage eine Braille-Variante herausgebracht, diese dann aber sehr stiefmütterlich behandelt. Mittlerweile liegt der Vertrieb bei jemand anderem.

Es gibt auch Spiele, die gut gemeint sind, aber deren Umsetzung zu wünschen übrig lässt. Ich habe einige Versuche auf der SPIEL erlebt. Die Variante für sehbehinderte Spielende war nicht durchdacht. Die Normalvariante griff auf alle gängigen Farben zurück, also auch auf Rot, Grün, Blau, Schwarz. Die verbesserte ersetzte Grün durch Gelb – K.O., denn die häufigsten Farbschwächen sind Rot-Grün und Blau-Gelb.

Dann gibt es noch Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, die Spiele meist von Grund auf neu bauen und unter Lizenz vertreiben.

Die letzte Variante sind Hobbyumbauten. Ab und zu stößt man beim Surfen auf solche. Ich baue auch immer wieder mal um – aber oft genug für die Tonne.

Für mich sind alle Brettspiele, bis auf die Werkstattvarianten, eine Möglichkeit, Zugang zu Spielwelten zu finden. Die Werkstattvarianten sind aus vielerlei Hinsicht nicht meins, unter anderem wegen der prekären Arbeitsumstände, der Rechtslage und einiger Skandale in den letzten Jahren. Außerdem stellen sie meist nur Klassiker her, und wie oben genannt, wollen wir ‚normal‘ spielen.“

Der Wunsch, „normal“ spielen zu können

Kannst du ein Beispiel geben, welche konkreten Spiele oder Spielegattungen du gut ohne Hilfe ausprobieren kannst und bei welchen das leider nicht funktioniert?

„Spiele, die auf Geschwindigkeit setzen, sind für mich meist raus. Hier hängt es vom Spielmaterial ab. Bei Spielen mit viel Material bin ich ebenfalls oft verloren. Ich hatte mal Gloomhaven geschenkt bekommen – allein das Auspacken und Sortieren war schon anstrengend und ermüdend.

Alles andere versuche ich auf jeden Fall. Letztlich habe ich mir das Logikspiel Mondrian Blocks zugänglich gemacht. Derzeit probiere ich einige Spiele aus, die ich umrüsten und vorstellen will.

Ein paar Titel, die ich zuletzt allein oder mit der Spielgruppe gespielt habe: Hitster (Rock, Film, …), Anno Domini, Warhammer 40K Tabletop, Bezzerwizzer.“

Ich kann mir vorstellen, dass Karten und Steine sich gleich anfühlen oder dass Marker und Figuren auf dem Brett durch das Nachvollziehen der Platzierung und Form schnell verrutschen, von Kartentexten ganz zu schweigen. Wie überwindest du diese Barrieren?

„Kartenspiele kann man sich dank Technik gut zugänglich machen. Ich nutze mein Smartphone mit Headset und Apps wie ‚Seeing AI‘ und ‚Be My Eyes‘. So kann ich die Informationen verarbeiten. Mit etwas Übung geht das, dauert aber trotzdem etwas. Außerdem ist das Thema Akku relevant.

Bei Figuren geht das Ziehen teils noch, aber meine Gruppe ist da schon so geübt, dass ich Hilfe bekomme. Marker sind teils schwierig, vor allem wenn sie sich nur grafisch unterscheiden. Würfel kann man gut durch Würfel-Apps ersetzen. Da gibt es mittlerweile viele Angebote.“

Das Spieldesign könnte einfach barrierefreier sein

Du hast durch deine Einschränkung und dein Interesse an Gesellschaftsspielen viel Erfahrung mit Spielen aller Art. In einem deiner Beiträge erwähnst du, dass Verlage mit etwas Überlegung und eventuell mehr Kunststoffeinsatz ihre Titel barrierefreier gestalten könnten. Hast du konkrete Vorschläge, wie das funktionieren kann? Was benötigst du, damit du beispielsweise ein Brettspiel oder Kartenspiel besser handhaben kannst?

„Klar habe ich Beispiele. Mondrian Blocks ist ein guter Kandidat. Um das Spiel sehbehinderten und blinden Menschen zugänglich zu machen, benötigen die drei schwarzen Spielsteine Markierungsdots oder Braillepunkte. Die Aufgabenkarten bekommen einen QR-Code, sodass die Aufgabe per Smartphone erfasst werden kann. Alternativ könnte eine Tabelle in der Anleitung helfen. Also etwas Kunststoff, etwas Hirnschmalz – und schon grenzt man 1,2 Millionen Spielende (Deutschland) nicht mehr aus.

Beim Wortspiel Quickstop müssten zwei kleine Änderungen passieren: Die Kartenrückseite mit cremefarbenen Buchstaben auf gelbem Hintergrund müsste auf schwarz-gelb oder weiß-schwarz geändert werden. Auf beiden Seiten müssten die kleinen Infozahlen weg. Schon kann man mit Hilfe von ‚Seeing AI‘ oder ‚Be My Eyes‘ loslegen.

Die Neuheit Light Speed Arena ist ein besonderer Fall. Warum kommt man 2025 noch mit einer nicht barrierefreien App auf den Markt? Und gibt es auf der SPIEL offen zu?“

Gibt es mehr allgemeine Tipps für Verlage, wie Sie Spiele barrierefreier gestalten könnten?

„Ganz allgemein: Achtet bei Spielfiguren und -steinen auf Farben. Legt eine Farbe zusätzlich bei oder bietet auf Messen Anpassungen an. Habe ich bei Pluxinus erlebt – Würfelfarben durfte ich mir aussuchen.

Bietet auf euren Websites barrierefreie Spielanleitungen an, sowohl als PDF als auch für Braillezeilen. Denkt an die Leitlinie ‚weniger ist mehr‘ bei Farben, Grafiken und Sprache. Bildbeschreibungen sind sehr hilfreich.

Spielbretter können mit Vertiefungen für die Spielsteine ausgerüstet werden. Der Einsatz kleiner Magneten ist auch kein Hexenwerk – hier gingen auch Pins.

Bei Würfeln kommt es auf Erkennbarkeit und nicht auf den Coolness-Faktor an. Ich finde meine Würfel für Shadowrun, Cyberpunk, Dungeon Crawl Classics und Game of Thrones auch toll, aber das ist Sammelleidenschaft. Beim Spielen braucht es kontrastreiche Würfel – ich bevorzuge Schwarz-Gelb bzw. Gelb-Schwarz. Wenn diese noch Braille- oder Fühlpunkte hätten, wäre es super. Dazu am besten ein faltbares Würfelbrett.

Anfänglich klingt das nach Mehrkosten, was sich aber reguliert. Meine Gespräche mit Würfelproduzenten zeigen das – bei den Mengen ist das logisch.“

Sind Apps wirklich eine Hilfe für Sehbehinderte und Blinde?

Ein Blinder mit Armbinde nutzt eine App, um eine Spielkkarte zu erkennen

Welchen Einfluss haben technische Hilfsmittel wie die bereits genannten Apps auf dein Spielerlebnis? Können vorhandene Apps oder könnten bessere Apps dich beim Spielen besser unterstützen? Was müssten diese Hilfsmittel bieten? Welche Spiele mit App-Unterstützung bieten das bereits?

„Kein Spiel mit App konnte mich bisher wirklich überzeugen. Es hakt immer irgendwo – sei es, dass die Smartphone-Einstellungen nicht berücksichtigt werden, die App nur fürs Tablet und nicht fürs Smartphone ist oder das Betriebssystem nicht unterstützt wird. Ein aktuelles Beispiel habe ich oben genannt.

Als Hilfsmittel nutze ich die Apps ‚Seeing AI‘, ‚Be My Eyes‘ oder ‚Piccy Bot‘ (Hinweis: Links unter dem Text). Diese erkennen Spielkarten oder Spielbrett-Situationen und beschreiben sie mir, teils mit Nachfragemöglichkeit. Das Gute: Sie helfen und sind kostenlos im Store erhältlich. Probiert sie einfach mal aus.

Weiterhin nutze ich ein kleines mobiles Bildschirmlesegerät, das mir bei Karten, Charakterbögen oder kurzen Texten hilft. Bei Illustrationen und Kontrasten stößt es schnell an Grenzen.

Ich habe auch die OrCam, eine KI-Brillenkamera, im Einsatz. Die ist bei textbasierten Sachen gut, bei Grafiken – besonders im phantastischen Bereich – ist schnell das Ende erreicht.

Derzeit überlege ich, mir eine Meta Glasses zuzulegen. Aber die Berichte aus der Community sind nicht eindeutig, sodass ich die Investition noch nicht getätigt habe. Die minimalen Änderungen an der zweiten Version beschleunigen diese Entscheidung nicht.

Persönlich würde ich mich über Apps freuen, die das Spielen am Tisch nicht ersetzen, sondern mir Informationen zugänglicher machen, sodass ich selbstbestimmter spielen kann und nicht auf die Hilfe meiner Mitspielenden angewiesen bin. Nicht, dass das ein Problem wäre, aber es ist eine andere Art des Spielens.“

Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen? Kannst du gezielt fragen, welche Motive du auf der Hand hältst?

„Apps klingen am Anfang immer nach einer Erleichterung, aber das war und ist ein stetiger Lernprozess. Wenn man zum Beispiel mit ‚Be My Eyes‘ pokert, bekommt man ein ordentliches Ergebnis für seine Handkarten. Auf Nachfrage funktioniert es auch mit ‚Flop‘ und ‚River‘. Somit ist hier eine Erleichterung gegeben. Nutzt man die App jedoch für komplexere Brettspiele als Tok oder Mensch ärgere dich nicht, stößt sie an ihre Grenzen – nicht was die Beschreibung anbelangt, aber diese wird zu kleinteilig und erinnert eher an einen Roman als an eine kurze Zusammenfassung.

Bei Kartenspielen sollte man vorher testen. Nehmen wir Quick Stop: Die Seite mit den Großbuchstaben ist bei keiner der Apps ein Problem. Geht es aber um die Frageseite, kann es sein, dass die kleinen Seiteninformationen mitgelesen werden. Das kann nerven.

Wenn es um Anleitungen oder Regelwerke (Rollenspiel) geht, funktioniert es in der Regel gut. Hier taucht jedoch ein anderes Thema auf, nämlich die Barrierefreiheit von PDFs. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel hier trotz aktueller Möglichkeiten noch falsch oder gar nicht gemacht wird.“

Das Würfeln und „Figurenschubsen“ für blinde oder Sehbehinderte Menschen

Wie kannst du mit Würfeln umgehen?

„Beim Würfeln gibt es mehrere Möglichkeiten: Entweder teilt eine mitspielende Person das Ergebnis mit, oder man nutzt digitale Würfeltools. Alternativ kann man auf Braille-Würfel oder taktile Würfel zurückgreifen. Man muss aber etwas suchen, bis man die richtigen für sich gefunden hat.

Zu bedenken ist auch, dass nicht jede blinde Person Braille lesen kann – hier spielen verschiedene Gründe eine Rolle (weitere Erkrankungen, Desinteresse, Technik usw.) – ich gehöre auch dazu. Wie beschrieben, war das bei mir ein schleichender Prozess. Ich bin nicht durch das System von Förder- und Blindenschulen gegangen, das zu meiner Zeit noch eine Katastrophe war (wenn Abschluss, dann Sonderschule). Sondern ich habe einen normalen Schulweg und Ausbildung absolviert und später noch ein Studium nachgelegt.

Zurück zum Würfeln: Als Tipp kann ich empfehlen, Würfelbecher und Würfelmatten zu benutzen. Bei Personen mit Restsehkraft sollte man unbedingt fragen, welchen Kontrast sie am besten sehen können. Denkt auch an das Thema Farbblindheit.“

Ein Blinder mit Armbinde spielt ein Brettspiel mit drei Freunden, generiert mit KI

Wie ist das mit dem Ziehen von Figuren? Kannst du das selbst machen?

„Wenn es zum ‚Figuren-Schubsen‘ kommt, hängt es immer vom Spiel und der Situation ab. Nehmen wir Warhammer 40k: Wenn mit einer kleinen Armee gespielt wird und die Figuren noch weit auseinander stehen, schubse ich selbst. Wird es eng und ich könnte durch Berührungen die Situation verändern, lasse ich mir von Mitspielenden helfen. Klar, auf der Platte ist es mein Konkurrent, aber man möchte gemeinsam Spaß haben – also HELFEN! Hier rückt das Thema Vertrauen in den Vordergrund. Das habe ich. Wenn hier jemand betrügt, betrügt er/sie sich selbst um ehrliche Spielfreude.

An dieser Stelle muss ich auch mal ein Lob an meine Spielerunden und -gruppen loswerden, denn ich weiß, dass ich sicherlich in der ein oder anderen Situation den Spielfluss verändere und öfter eine Beschreibung brauche, aber es gab dahingehend noch nie Stress. Wir kennen uns alle sehr lange und die Leute sind mit meiner Blindheit konfrontiert worden bzw. aufgewachsen.“

Du hast vorhin Vertiefungen in Tableaus angesprochen, die dir beispielsweise das Bewegen von Wertungssteinen erleichtern. Auf einem Spielbrett ist das meistens nicht möglich, oder?

„Nicht jedes Spiel ist für mich geeignet, das stimmt. Spiele, die auf Geschwindigkeit gehen oder eine hohe Anzahl an Token haben, sind raus. Auch das Umrüsten von Brettspielen ist nicht immer machbar, aber ich probiere es immer wieder.

Es müssen nicht immer Vertiefungen sein. Schauen wir mal bei Velen Spiele vorbei: Hier werden die Spielbretter mit einer dünnen, innenliegenden Folie ausgerüstet, was wiederum dazu führt, dass die Spielsteine mit Magneten versehen werden können. Oder es gibt die Zählertafel usw. Es muss nicht direkt auf dem Spielbrett sein.“

Mehr Barrieren sollten verschwinden

Wir sind also noch immer zu weit von Barrierefreiheit entfernt?

„Ich weiß auch, dass sich in den letzten Jahrzehnten Strukturen etabliert haben, die es zu ändern gilt. Das betrifft gerade den Bereich Design. Wenn man sich die letzten Zahlen anschaut, haben wir allein in Deutschland 1,2 Millionen betroffene Menschen (Seheingeschränkt), die als Zielgruppe einfach nicht erkannt werden. Dazu kommen natürlich noch die Bedürfnisse anderer Betroffener. Daher kann man eigentlich schlecht von ‚Barrierefreiheit‘ sprechen, sondern muss wohl ‚barrierearm‘ sagen. Ersteres ist das Ziel, wobei letzteres schon ein Riesenschritt wäre. Und da meine ich nicht nur leichte Ansätze wie 2024, als ein großer Verlag Spiele ‚labelte‘ und einfach nur die Schriftgröße auf seinen Spielkarten um zwei Größen vergrößerte. Das ist dann ziemlich peinlich und sorgt bei mir dafür, dass ich laut schreien will.

Spielen geht für mich auch alleine. Ich wage mich seit einiger Zeit auch an Solospiele. Diese kann ich dann so anpassen, wie ich sie brauche. Teilweise muss ich dann einfach auch verfälschen. Aber ich bin ja dann, wenn es nicht hinhaut, der einzige Leidtragende.“

Die Hilfe der anderen: Unterstützung beim Spielen

Spielen ist eine extrem soziale Freizeitbeschäftigung. Welchen Einfluss nehmen die Mitspielenden darauf, welche Gesellschaftsspiele oder Rollenspiele für dich nutzbar sind?

„Bei Gesellschaftsspielen haben meine Mitspielenden und auch Freunde aus der Blinden-Community Einfluss auf meine Kaufentscheidungen. Über die Jahre hinweg wissen sie, wo meine Grenzen sind und wo sie ggf. helfen müssen. Wenn es zu kompliziert wird, greife ich nicht zu. Sollten solche Spiele trotzdem auf dem Tisch landen, habe ich auch kein Problem damit, mal eine Partie zuzuschauen. Es geht mir nicht nur um den Spielspaß, sondern um eine gute Zeit mit netten Menschen.

Bei Rollenspielen toben sich alle von uns richtig aus. Rollenspiel heißt auch zu einem großen Teil sammeln. Hier wird in der Regel kurz gesprochen, entschieden und losgelegt. Normalerweise finden wir ein Setting, das uns liegt – die Auswahl ist groß. Hier geht es eher um Geschmackssache: Ich bin in der Regel nicht für Cthulhu zu begeistern, ein Freund hat eine Abneigung gegen WH40K usw.“

„Baut Barrieren ab und macht einfach mal den ersten Schritt“

Wie können Spielende allgemein daran mitwirken, dass blinde Menschen mit ihnen spielen und dabei besser zurechtkommen können?

„Wie wir mehr Sehbehinderte und Blinde zum Spielen bekommen, ist relativ einfach: Nehmt Kontakt zu örtlichen Vereinen auf, bietet etwas an – ob als Spielrunde, Verein oder Veranstalter. Baut Barrieren ab und macht einfach mal den ersten Schritt. Was soll passieren? Maximal gibt es ein ‚Nein, danke‘ und gut ist.

Bietet Mitfahrgelegenheiten und Begleitung zu Veranstaltungen an oder organisiert in eurem Ort/Stadtteil/Dorf etwas. Als Spielgruppe oder Verein kann man auch mal auf Social Media schauen und Kontakt aufnehmen. Einfach ehrlich, offen und freundlich auf seine Mitmenschen zugehen – die beißen nicht!“

Events als Blinder erleben

Du hast vorhin deine Mitspielenden gelobt, die dir in schwierigen Situationen helfen. Hast du auf Events ähnlich gute Erfahrungen mit Mitspielenden gemacht oder gab es auch negative Erlebnisse?

„Wenn ich Messen und Conventions Revue passieren lasse, gab es zwei Situationen, die mich irritiert haben. Zum einen wurde einmal ein Spieltisch mit dem Statement ‚Mit dem spiele ich nicht‘ verlassen – das haben wir Jahre später geklärt und sind jetzt okay miteinander. Die andere Situation fand an einem asiatischen Stand (ich glaube, chinesischer Aussteller) statt. Nachdem meine Blindenplakette erkannt wurde, hat man mich einfach stehen gelassen. Hier spielen kulturelle Gepflogenheiten eine Rolle. War schnell abgehakt.

Von der Szene her ist das ok. Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt (und kennenlernen dürfen), die ich ohne Rollen- und Brettspiele nie getroffen hätte. Und das nicht erst, seit sich in der Gesellschaft in den letzten Jahren etwas verändert hat. Wo sich aber noch vieles ändern muss, ist auf Verlagsseite.“

Der Besuch der Spielemesse in Essen

Mit deiner Begleitperson hast du unter anderem die Spielemesse 25 in Essen besucht. Wie hast du die Messe als Blinder erlebt?

„Genau, ich war mit meinem besten Freund, meiner Begleitperson bzw. wie er sagt ‚Blindenführhund mit Sprachsteuerung‘, vier Tage – von Mittwoch bis Samstag – vor Ort. Die SPIEL ist seit den 1990ern ein fester Termin im Kalender. Dieses Jahr habe ich die Messe als solide empfunden. Was Spiele angeht, habe ich zwar gekauft, wusste aber, dass ich Hand anlegen muss, um sie spielbar zu machen. Es ist noch nicht sicher, ob ich das hinbekomme. Es war ernüchternd: Kein Spiel, das direkt geeignet war. Dafür bin ich dieses Jahr ohne große Rempler und Drängler durch die Hallen gekommen. Die Kennzeichnung mit Blindenplakette scheint zu helfen – zumindest 2025.

Was die Barrierefreiheit der Ausstellung angeht, bin ich froh, jemanden an meiner Seite zu wissen. Sonst müsste ich die Segel streichen und sagen: ‚Geht nicht.‘

Die vier Tage haben mich an das Maximum meiner Augenleistung gebracht. Als es entspannter wurde, etwa am Samstag beim Meet & Play, musste ich der erhöhten Belastung Tribut zollen. Meine Augen produzierten dann Doppel- und/oder Dreifachbilder – dann geht leider nichts mehr. Aber auch davon lasse ich mich nicht unterkriegen.“

Konntest du Neuheiten ausprobieren? Welche haben dich sowohl spielerisch als auch in deiner persönlichen Handhabung überzeugt?

„Ich habe auf der SPIEL einige Spiele ausprobieren können. Darunter eShop, Tornado Splash, Bezzerwizzer, Planepita, um nur ein paar zu nennen.

Auf der Messe ist es immer schwierig, etwas Passendes zu finden und sich nicht von der Atmosphäre verleiten zu lassen. Daher ist dieses Jahr nicht viel in den Rucksack gewandert. Ich muss direkt 110 Prozent geflasht sein, sonst schaue ich es hinterher beim örtlichen Händler noch einmal an.“

Wo hast du dann doch zugeschlagen?

„Gekauft habe ich Orapha, Playball, Ultimatum (Spielbuch), Sockenpuppen (Rollenspiel) und Holzmeeple.“

Welche deiner Lieblingsspiele ergänzen diese zukünftig, also was spielst du am liebsten?

„Mein Liebling bei Rollenspielen sind derzeit Shadowrun und Cyberpunk Red. 2026 werde ich bei zwei neuen Gruppen einsteigen und dort einiges ausprobieren können.

Bei Brettspielen stehen derzeit Hitster Rock, All Time Wrestling und X-Wing hoch im Kurs. Aber das wird sich wohl bald ändern, denn in der Weihnachtszeit wird viel gespielt werden. Mal sehen, was die Leute alles mitbringen. Jetzt geht es für mich auch wieder mit Spielbüchern los – da hat sich einiges angesammelt.“

Links, Tipps und Informationen für Interessierte und Betroffene

Logo Würfelheld

Zu diesem Interview haben wir mit Andrè Skora einige Links und Tipps zusammengestellt. Auch die Adressen, wo er selbst aktiv ist, verlinken wir hier übersichtlich.

Links für Betroffene und Interessierte

Empfehlungen, welche Spiele gut für Sehbehinderte und Blinde funktionieren oder umbaubar sind

  • Velen Spiele: Hersteller von Spielen/Spielversionen für Blinde und Sehbehinderte
  • QuickStop von ATM Gaming: Kartenspiele, welche verschiedene Editionen und Kartenkontrtaste anbietet
  • Echeos von Ravensburger: Audio Mystery Kartenspiel, welches mit Smartphone gut funktioniert
  • Uno Braille von Mattel: bekanntes Kartenspiel in Brailleversion
  • Mondrian Blocks von Asmodee: Logikspiel, welches mit ein paar kleinen Anpassungen funktioniert
  • Anno Domini von Abacuss Spiele: Quizspiel, welches mit App und einer kleinen Anpassung spielbar ist
  • Bezzerwizzer von Asmodee: Quizspiel, welches mit zur Hhilfenahme einer App geht
  • Light Speed Arena von Pegasus: mit ein wenig Ausprobieren und Hilfe ist es machabr
  • Troubleshooters RPG auf DE von Green Gorilla: Rollenspiel mit barrierefreien PDFs (das Abdré Skora unterstützt hat)
  • Black Puzzle von u. a. Ravensburger = Puzzle ohne Motiv, hier kommt es auf Vorstellung und Verschen an
  • 4 Gewinnt = wenn die Spielsteine unterscheidbar gemacht werden, kann man loslegen

Links zu Würfelheld, den Veröffentlichungen von Andrè Skora

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