Einst konnte man sich darüber beklagen, dass Bonn (und Umgebung) eine Art Spielewüste, ein weißer Fleck auf der Spielelandkarte sei. Das war 2005. Die Zeit hat aber zum Glück auch in Bonn nicht stillgestanden. Man kann mittlerweile ohne Übertreibung sagen, dass Bonn zwischenzeitlich zu einer Art Hochburg des Spielens avanciert ist. Die Uni und das Studierendenwerk Bonn sind nicht ganz schuldlos daran.
In Bonn ist was los!
Dazu haben Veranstaltungen wie die BONN-SPIELT beigetragen, die seit 2017 zunächst im kleineren Rahmen, nach 2024 nun aber zum zweiten Mal im großen Stil stattfinden wird (07./08.03.2026). Bis kurz nach Corona gab es ein Spiele-Café, das leider mittlerweile wieder eingestellt wurde. Der Spieleverein Wilde Zockerei mit über 150 Mitgliedern ist in Bonn beheimatet, gleichwohl die regelmäßigen Spieleabende überwiegend im benachbarten Troisdorf stattfinden. Seit 2025 gibt es den Campus-Spieleabend, der seit Beginn regelmäßig bis zu 300 Spielverrückte einmal im Monat an die Tische lockt. Von den vielen kleineren Spieletreffs in Gemeindesälen und anderen öffentlichen Institutionen ganz zu schweigen.
Das hat eine ungemeine Strahlkraft auf das Umland. Besonders die BONN-SPIELT, die 2024 an zwei Tagen fast 2.000 Besucher anlockte, zieht Spielerinnen und Spieler aus weit entfernten Gegenden an und hat damit sehr schnell einen Platz in den Kalendern gefunden.
Spielen an der Uni
Mehr auf das Bonner Publikum zielt der Campo-Spieleabend „Campus Spielwiese“ ab. Diesen gibt es seit April 2025 und er wird vom Studierendenwerk Bonn organisiert. Er findet immer am ersten Montag im Monat in dem im Ortsjargon „Pop-Mensa“ genannten Mensagebäude der Uni Bonn (CAMPO Campusmensa Poppelsdorf) statt und startete quasi aus dem Stand mit rund 200 Spielerinnen und Spielern. Organisator der ersten Stunde ist Oliver Bungard, Kulturbeauftragter des Studierendenwerks Bonn.

Er hatte Anfang 2025 die Idee für den Spieleabend unter dem Dach des Studierendenwerk Bonn. Also ging er, wie er sagt, Klinkenputzen in den Fachschaften, um das Interesse zu wecken und Mitspieler zu generieren. Was sich anhört, als müsse man nur irgendwo klingeln, damit einem geöffnet wird, war in Wirklichkeit aufwändig, denn natürlich gibt es für diese Belange keine konkreten Ansprechpartner, die eine solche Nachricht zentral einsteuern können.
Wie Phoenix aus der Asche
Doch es gelang! Am ersten Spieleabend im April 2025 kamen ad hoc rund 180 Spieler zusammen. Am zweiten Spieleabend einen Monat später waren es nur noch ca. 80. War damit der Glanz damit schon wieder vorbei? Nein, Bungard ließ sich nicht beirren und siehe da: Im Juni waren es über 200, die kamen. Der Zuspruch hielt an, ob bei Regen oder Sonnenschein.
Das Studierendenwerk gab seinen Part dazu, indem es anfangs Getränke und kleine Snacks sponsorte. Dem wachsenden Besucherandrang musste man dann aber Tribut zollen und Getränke und mittlerweile auch warme Snacks für kleines Geld anbieten. In der Tat lediglich zum Selbstkostenpreis, und Wasser gibt es nach wie vor auf Kosten des Hauses. Selbstverständlich ist die Teilnahme am Spieleabend ebenfalls kostenlos. Der CAMPO bietet Platz für rund 400 Gäste und weitere 125 Tische stünden stünden eine Etage höher zur Verfügung. Die Atmosphäre ist vielleicht eher nüchtern, schließlich ist es eine Mensa. Doch der Stimmung tut das keinen Abbruch. Gespielt wird, was an der Ausleihe zur Verfügung steht, oder was die Spielenden selbst mitbringen. Im Zweifel stehen sogar Erklärbären parat, die einzelne Spiele erklären können. Auch eine Runde Blood on the Clocktower hat sich bereits etabliert, womit auch schon gesagt ist, dass sich das Genre der Spiele nicht auf Brettspiele oder gar Euro-Games beschränkt. So sind auch die Papierdrachen Bonn, eine Rollenspielervereinigung, mit an Bord.
Mit der Wissenschaft am Spieltisch
Hand in Hand arbeitet das Studierendenwerk dabei mit weiteren Beteiligten. Mit von der Partie sind bei den Spieleabenden das LAGIP, die Uni Bonn spielt Community und Boardgame Historian. Weitere unterstützende Organisationen: Magic in Bonn, die Papierdrachen (Pen & Paper), Blood on the Clocktower Community und der Spielverein Wilde Zockerei. Die Beteiligten Personen bzw. Organisationen machen deutlich, dass hier wenig dem Zufall überlassen werden soll. Das Bonn Lab for Analog Games and Imaginative Play (LAGIP) bezeichnet sich als ein universitäres kulturwissenschaftliches Labor für alle Aktivitäten rund um (analoge) Spiele und Spiel-Kulturen. Die Initiative an dieser Stelle liegt bei Lukas Boch. Das LAGIP erforscht moderne, analoge Spiele und Spielformen und stellt ein primär geisteswissenschaftliches Forschungs- und Lehrlabor dar, ohne sich naturwissenschaftlichen Zugängen bewusst zu verschließen. Etwas (be)greifbarer wird seine Aufgabe durch die eigene Definition: „Als Spiellabor konzentriert es sich auf das transformative Potenzial analoger Spiele, mit einem besonderen Interesse an analogen Spielsystemen und den daraus resultierenden Spielpraktiken bzw. deren Einfluss auf die Vorstellungskraft von Kindern und Erwachsenen.“

Die Spieleabende könnte man somit auch als Areal für Feldversuche für das LAGIP bezeichnen. Dementsprechend unterstützt die Institution mit Personal und ausgewählten Titeln aus der eigenen Ludothek.
Die „Uni Bonn spielt-Community“ mit ihren Koordinatoren Dennis Daseking (Transfer Center enaCom der Uni Bonn) und ebenfalls Lukas Boch sind der zweite Partner. Die Community sieht sich dabei nicht nur als zentrale Anlaufstelle für die Spieleabende. Vielmehr bietet sie Autoren und Verlagen Beratung, Coaching und Workshops zum Thema Spieleentwicklung und beruft sich dazu auch auf ein breites Netzwerk für Kooperationen und Events.
Der Dritte im Bunde ist Boardgame Historian. Dahinter verbergen sich die Archäologin Anna Klara Falke und erneut der Historiker Lukas Boch. Das Projekt versucht seit 2020, das moderne Brettspiel für die Wissenschaft zu erschließen. Auf ihrer Blogseite verfassen Sie nach eigenen Angaben Artikel zum Thema Spiel mit einer wissenschaftlichen Brille und dem Anspruch, aktuelle Forschungen in populärwissenschaftlicher Weise darzustellen und damit einer breiten Zielgruppe näherzubringen. In Interviews sollen dazu auch Sichtweisen von Spielerinnen und Spielern dargestellt werden. Auch Rezensionen findet man auf der Seite, doch soll sich die Betrachtungsweise auch hier durch eine wissenschaftlichere Herangehensweise von üblichen Rezensionen absetzen.
Neben dem Schreiben von Artikeln kuratiert das Projekt zudem Ausstellungen über Brettspiele und organisiert Spieleveranstaltungen in Museen. Ein Beispiel ist die Boardgame-Nacht im Museum Schnütgen, die am 03.12.2026 in Köln wiederholt wird (Veranstaltungshinweis folgt im Reich-der-Spiele-Kalender).

Das Ganze läuft also schon rund. Doch Oliver Bungard betont, er wolle von Mal zu Mal besser werden, Abläufe optimieren, das Spieleangebot ausweiten und Events organisieren.
Veranstaltungsprogramm in Vorbereitung
Ein solches Event steht Ende März auf dem Programm. In Zusammenarbeit mit der Spiele-Autoren-Zunft e. V. (SAZ) werden, ähnlich wie auf den Treffen der Spieleautorinnen und Autoren in Göttingen, bei der Campus Spielkultur Autoren ihre neuen Ideen vorstellen und mit den Gästen Probespiele können. Dazu gibt es Fachvorträge und Diskussionsrunden, die Möglichkeit, sich zu vernetzen und von diesem konzentrierten Austausch zu profitieren. (Das Event haben wir im Kalender auf Reich der Spiele vermerkt; einen Anmeldelink findet Ihr dort).
Weitere Events sind bereits in Planung.
Das Spiele-Highlight in Bonn
In diesem Format ist der Campus-Spieleabend ein, wenn nicht das neue Highlight in der Bonner Spieleszene. Mir ist kein vergleichbarer Spieleabend bekannt, an dem regelmäßig so viele Spielerinnen und Spieler teilnehmen. Bei allem wissenschaftlichen Touch, der bei der Veranstaltung mitschwebt, bleibt das Spielen doch im Vordergrund. Das Studierendenwerk Bonn hat damit offenbar auch an der Uni den Nerv getroffen, was wenig verwundert, gibt es bei den Teilnehmern doch eine deutliche Schnittmenge mit der Zielgruppe der Brettspiele insgesamt.
Nun warten wir gespannt, ob sich das Studierendenwerk in Spielendenwerk umbenennt.
