Riemi und Dr. G. Ame wollen es wissen: Was bedeutet dieses Jubiläum?
Vor 25 Jahren steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Im Jahr 2000 nutzen das WWW erst rund 29 % der Deutschen, ein Jahr später bereits 10 % mehr. Es war demnach ein guter Zeitpunkt, das Netz um eine Seite zu bereichern, die Spielerinnen und Spielern ein Zuhause für Themen rund um Brett- und Kartenspiele bieten sollte.
Das dachte sich auch Michael Weber, als er 2001 aus Hobby-Motivation das Online-Magazin Reich der Spiele aus der Wiege hob. Mit seinen nunmehr 25 Jahren gehört Reich der Spiele damit eindeutig zu den ältesten Angeboten zum Thema Gesellschaftsspiel im Netz. Es gibt nur wenige Angebote, die in diesem Bereich noch älter sind und ein ähnlich umfangreiches Themenangebot haben. Reich der Spiele zählt somit nicht nur zu den ältesten, sondern inzwischen auch zu den reichweitenstärksten Online-Magazinen im deutschsprachigen Raum.
Wie kam Michael Weber zu der Idee? Was möchte Reich der Spiele, an wen richtet es sich? Und wie sieht die Zukunft von Reich der Spiele aus? Sicher gibt es darüber einiges zu erzählen. Was liegt da näher, als dem Gründer und Herausgeber einige Fragen zum Jubiläum zu stellen? Natürlich habe ich das nicht allein gemacht, sondern mir Dr. G. Ame geschnappt, unseren Spiele-Doktor. Der hat dann gleich losgelegt. Aber lest selbst.
25 Jahre – wer ist eigentlich Reich der Spiele?

Dr. G. Ame: 25 Jahre Reich der Spiele. Das ist eine lange Zeit, aber Hand aufs Herz: Sie haben das Jubiläum schon 2001 geplant?
Michael: „Herr Doktor … Nein, im Gegenteil. Damals war die Idee, einfach ein gutes Angebot zum Thema zu schaffen. Es gab ja kaum Webseiten. Selbst die Verlage hatten teilweise noch gar keine oder keine besonders gut gemachten. Dass wir damals etwas gestartet haben, was schnell sehr erfolgreich wurde und so lange existiert, davon war nicht auszugehen.“
Dr. G. Ame: Wer ist „wir“?
Michael: „Die Idee ging zwar von mir aus, aber meine damalige Partnerin Gerlinde war ebenfalls Gründerin. Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir das Angebot konsequent ausgebaut hatten. Sie sorgte beispielsweise für die Fotos und war auf den Messen mit dabei. Unsere Spielewege hatten sich dann irgendwann getrennt. Bereits vorher war das ‚Wir‘ aber das Team. Denn schon kurz nach dem Start kamen die ersten Mitarbeitenden dazu.“
Vom Solo-Start zum ganzen Team, das im Reich der Spiele berichtet
Riemi: Wie kommt man 2001 darauf, eine Internetseite über Gesellschaftsspiele zu machen und wie organisiert man das? Damals war das in der Tat fast noch das sprichwörtliche Neuland …
Michael: „Oh, das ist eine ganz eigene Geschichte …“
Dr. G. Ame: Bitte fassen Sie sich kurz, unsere Leserinnen und Leser haben nicht so viel Zeit.
Michael: „Natürlich. Die Kurzfassung ist: Ich war damals ganz begeistert davon, selbst eigene Webseiten zu gestalten. Sieht man heute kaum, weil Reich der Spiele anfangs eher hässlich war. Gleichzeitig kannte ich aus meiner Arbeit als freier Journalist im Musikbereich die Vergabe von Rezensionsexemplaren. Und ich spielte sehr gern. So kam eins zum anderen, bis wir die ersten Verlagskontakte aufbauten und uns auf der SPIEL in Essen vorstellten.“
Dr. G. Ame: Wie ging es dann weiter? Wie ist das mit den Mitstreitenden (Himmel muss ich das wirklich gendern?!)?
Michael: „Das war gar nicht so schwer. Das meiste lief über die ‚Zentrale‘. Hier kamen die Spiele an, hier wurden die Fotos gemacht und die Texte verfasst. Erst als über Anfragen und Fragen im Forum der Zeitschrift Spielbox, als es damals noch gut war, Leute hinzukamen, wurde die Arbeit anders: Wir verschickten die Spiele weiter und erhielten dafür die Texte. Eins blieb aber bis heute gleich: Ansprechpartner war immer die Zentrale. Heute sind das Axel und ich.“
Die fordernde Arbeit in der Redaktion

Riemi: Das Team von Reich der Spiele umfasst heute etwa 40 Leute. Die meisten davon sind mehr oder weniger regelmäßig aktiv. Welchen Einfluss hat das Team?
Michael: „Ohne das Team wären wir fast nichts. Denn jeder einzelne Mensch trägt zum Angebot bei. Aber allein die Größe hat auch einen erheblichen Einfluss auf die Arbeitsweise. Zum einen nimmt das Team also sehr viel Arbeit ab und kann sehr viel flexibler und schneller eine Menge neuer Rezensionen und Artikel veröffentlichen. Das erlaubt uns, dieses umfassende Angebot online zu stellen, das in Deutschland unerreicht ist und im deutschsprachigen Raum mit unseren alten Freunden von spieletest.at konkurriert.
Auf der andren Seite erfordert es eine gewisse Struktur, die manchmal fast an die eines Unternehmens heranreicht. Das stimmt natürlich nicht ganz, fühlt sich aber so an. Das heißt: Alle im Team wünschen sich natürlich auch regelmäßig Spiele zur Rezension, möglichst bestimmte Spiele. Das versuche ich, möglichst umzusetzen und allen zumindest ein paar gute Titel herauszusuchen. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, die Sachen pünktlich innerhalb einer gewissen Zeit zu veröffentlichen. Das gehört sich gegenüber den Verlagen so. So entsteht ein nicht zu unterschätzender administrativer Aufwand, der mit der Teamgröße mitgewachsen ist. Hinzu kommt der persönliche Austausch mit den Temamitgliedern. Mal sind es Fragen, mal Wünsche oder Probleme, die zu klären sind.“
Dr. G. Ame: Da möchte ich einhaken: Das klingt so, als wenn Sie sich selbst enormen Stress verursachen? Muss ich mir Sorgen machen?
Michael: „Stress? Nicht im medizinischen Sinn. Aber es ist schon fordernd. Denn die Spiele werden von hier an das Team verschickt, der Status ‚überwacht‘, die Texte müssen dann noch redaktionell bearbeitet werden, Fotos ergänzt, die Termine geplant usw. Dann gibt es noch Sicherungselemente: Wir können nicht alle Spiele eines Verlags an eine Person geben, da sonst bei einem Ausfall keins davon bearbeitet wird. Auch sind nicht alle Leute gleich schnell, sodass einige Leute für dringende Themen bevorzugt werden. Zugleich können aber nicht alle, über jedes Thema schreiben. Riemi ist beispielsweise Kinderspielexperte, andere wünschen sich nur Expertenspiele.“
Dr. G. Ame: Wie steht es um den Zusammenhalt?
Michael: „Unser Team ist in ganz Deutschland und der Schweiz ansässig. Ich versuche, alle möglichst häufig über Wichtiges zu informieren und neben dem Rezensionsdurchlauf mit einzubinden. Seit einiger Zeit treffen wir uns auch hin und wieder online, um einige Dinge zu besprechen. Leider viel zu selten, weil es zeitlich nicht einfach ist, möglichst viele Leute unter einen Hut zu bekommen. Denn eins ist auch wichtig: Obwohl einige von uns relevante Berufe im Bereich Medien haben, machen wir das alle aus Spaß am Spielen, also als Hobby.“
Ist das alles noch Hobby und wer bezahlt Reich der Spiele eigentlich?
Dr. G. Ame: Wie wird das alles finanziert? Gibt es wie bei der Medizin eine Art Vereinigung, die für jeden Partienten, ähm, Leser Prämien ausschüttet?
Michael: „Nein, leider nicht. Reich der Spiele war lange Zeit Teil meines Gewerbes und konnte so zumindest kostendeckend arbeiten. Verlage und Shops haben Anzeigen bei uns geschaltet. Heute ist Reich der Spiele wieder 100 % Hobby. Das bedeutet auch, dass ich aktuell sämtliche Kosten aus eigener Tasche finanziere.“
Dr. G. Ame: Das klingt nach einem teuren Hobby, wie passt das ins Privatleben?
Michael: „Andere spielen Golf oder haben ein Pferd, ich betreibe eben eine Webseite. Es ist eben Hobby, manchmal ein schwieriges, denn alle von uns müssen mal ‚Spielekröten‘ schlucken, also mäßige Spiele rezensieren. Auch die Arbeit am Text ist nicht immer nur eine Freude. Aber das gehört eben dazu. Meistens machen das Spielen und spätere Einordnen jedoch Spaß. In dem Sinne ist es ein Hobby für uns alle.“
Dr. G. Ame: Für mich klingt das immer noch nach Stress, Haben Sie nie daran gedacht, das alles zu lassen?
Michael: „Natürlich. Ich habe in den letzten 25 Jahren oft gedacht: Warum machst du das eigentlich noch? Denn die zentrale Abwicklung geht zeitlich über ein normales Hobby hinaus und fordert vor allem eine gewisse Kontinuität. Das ist etwas, was viele Leute unterschätzen, die ‚mal eben einen Blog oder Kanal starten‘ wollen. Wohl gemerkt reden wir dann nur vom Drumherum, nicht vom Spielen als Basis für die Rezensionen.“
Mitmachen für weitere 25 Jahre

Dr. G. Ame: Was heißt das denn nun? Machen Sie nun noch einmal 25 Jahre oder hören Sie irgendwann auf?
Michael: „Ganz ehrlich: Aus heutiger Sicht werde ich das nicht noch einmal 25 Jahre machen. Im Gegenteil: Ich habe eigentlich vor, mich zukünftig etwas mehr aus dieser Arbeit herauszuziehen, und würde einen Teil davon gern anderen übergeben. Wir werden das in Kürze intern beraten.“
Dr. G. Ame: Das ist die Chance für andere, sich einzubringen. Aber bei der Gelegenheit: Wie wird man eigentlich Rezensentin oder Rezensent? Was muss man mitbringen? Da ist sicher kein Studium erforderlich?
Michael: „In der Tat können grundsätzlich alle mitmachen. Man kann sich jederzeit bei uns formlos bewerben. Einfach Kontakt aufnehmen. Manchmal suchen wir auch gezielt – besonders für Kinder- und leichte Familienspiele sowie kritische Blogs oder gar Videos und Podcasts. Mitbringen muss man etwas Leidenschaft, ein Mindestmaß an wahlweise Schreibwunsch oder Videoaffinität sowie vor allem eine zuverlässige Arbeitsweise. Schön wäre es, wenn man sprachlich einigermaßen sicher ist, also Sachverhalte verständlich vermitteln kann. Doch wir unterstützen sowohl stilistisch als auch grammatikalisch unsere Neuen und alle, die dabei Hilfe benötigen. Dann kommen wir kurzfristig zu besseren Texten. Ich bin immer wieder begeistert, wie sich einige von uns über die Zeit verbessert haben.“
25 Jahre und manchmal der Zeit voraus
Riemi: Wir haben in den Jahren viel ausprobiert und sind immer mit der Zeit gegangen. Wie hat sich die Seite entwickelt und was waren die größten Veränderungen?
Michael: „Das ist ein wirklich interessantes Thema. Ja, wir waren mit einigen Details wirklich der Zeit voraus. Es gab bei uns beispielsweise ‚Interessenlinks‘ unter den Texten, als es noch gar keine Blogsysteme gab. Wir hatten die Spielecharts ins Leben gerufen, die lange ein Barometer für das Interesse der Szene an Neuheiten waren. Wir haben auch immer wieder technische Neuerungen umgesetzt, bevor es andere machten. Zum Beispiel gehörten wir in der Spieleszene zu den Vorreitern der SSL-Verschlüsselung, die heute Standard ist.
Nicht zuletzt haben wir in den letzten zwei Jahren viele neue Dinge ausprobiert, die sehr gut ankommen: eine Vorlesefunktion, einen Dunkelmodus sowie KI-Elemente. Letztere aber nur als Ergänzung, nicht als Ersatz zum Angebot oder bei den Rezensionen. Vieles davon ist nicht neu, aber für Webseiten im Bereich Gesellschaftsspiele eben kein Standard. Ich denke, wir sind technisch einigen anderen Seiten wirklich voraus und versuchen dabei, immer an unsere Leserinnen und Leser zu denken.“
Spielen ist Popkultur
Riemi: Das ist aber nur der Teil unter der Haube. Wie sieht es bei den Inhalten aus?
Michael: „Das ist mir wirklich wichtig. Wir haben von Anfang an auf mehr als nur Rezensionen gesetzt. 2001 gab es nur wenige Zeitschriften, die neben Spielebesprechungen mal einen Messebericht oder einen Artikel veröffentlicht haben. Interviews gab es fast nie. Auch auf anderen Webseiten nicht …“
Riemi: Dabei ist das doch wichtig. Welche Rolle haben Interviews und kritische Berichte für die Entwicklung von Reich der Spiele gehabt?
Michael: „Das ist genau der Punkt. Wir haben damit den Bogen von damals eher verstaubt klingenden Rezensionsangeboten in anderen Medien zur Popkultur geschlagen. Wir wollten speziell mit Interviews ganz bewusst Menschen in den Mittelpunkt stellen, nicht nur Spiele. Und zwar die Macher, nicht nur die Verlage. Daher haben wir sehr früh begonnen, regelmäßig die Menschen zu interviewen, die Spiele erfinden oder redaktionell bearbeiten. Dadurch haben wir einen damals noch ungewohnten, frischeren Blickwinkel auf die Spieleberichterstattung geschaffen. Diese Menschen, sozusagen die Branche als Ganzes, wissen das sehr zu schätzen. Wir haben auch deshalb einen großen Stellenwert bei vielen Verlagen und eben den Leuten, die die Spiele marktreif feilen.“

Dr. G. Ame: Gibt es denn keine Unterstützung mehr von Verlagen für diesen Ansatz? Interviews gab es zuletzt weniger häufig?
Michael: „Dass wir weniger machen, liegt an zwei Dingen. Zum einen kann ich aktuell nicht so viel Zeit investieren, um Interviews zu führen. Zum anderen zeigen sich einige Verlage nicht wie früher interessiert, solche Anfragen zu bearbeiten. Ich bedauere das sehr, denn es ist Aufgabe der Pressestellen, mehr als nur Rezensionsexemplare zu verschicken.
Es gibt aber sogar Verlage, die nicht einmal Fragen an die Zuständigen weiterleiten und offenbar Anfragen über das Thema Rezensionsexemplare hinaus als störend empfinden. Dabei macht genau das die Berichterstattung über Gesellschaftsspiele erst aus. Alle sprechen gern vom ‚Kulturgut Spiel(en)‘, aber bei der Umsetzung denkt keiner weiter als bis zur nächsten verkaufsfördernden Rezension. Das ist sehr schade und ich denke, hier müssen vor allem einige Verlage nachbessern.
Um das in Zahlen zu fassen: Die letzten zwei Jahren sind zwei Drittel aller Anfragen wegen solcher Sachen letztlich nicht umsetzbar gewesen. Das ist teilweise frustrierend. Vor allem, weil es im Direktkontakt mit Spieleautorinnen und -autoren oder Redaktionen fast immer deutlich besser klappt.“
Die Zukunft von Reich der Spiele
Dr. G. Ame: Mich beschäftigt immer noch der angedeutete Rückzug. Wir alle werden ja nicht jünger. 25 Jahre bedeutet auch, dass einige inzwischen recht alt sind. Wie sehen die Pläne für die Zukunft der Seite aus? Sind genug junge Leute dabei?
Michael: „Das aktuelle Team ist das vielleicht engagierteste, das wir je hatten. Ich mache mir daher keine Sorgen, dass wir weiterhin ein gutes Angebot auf die Beine stellen. Und ja, es gibt eine Reihe von jungen Leuten, die bei uns mitmachen. Was ich besonders schön finde: Darunter sind mit Anne und Yannis auch zwei, deren Eltern bereits bei uns tätig waren. Wir arbeiten also nicht nur 25 Jahre, sondern im wahrsten Sinne des Wortes in und mit der zweiten Generation an unserer Webseite.“
Riemi: Zum Abschluss noch eine etwas andere Frage: Was würde sich das Reich der Spiele als Webseite zum Jubiläum wünschen?
Michael: „Das ist eine gute Frage. Ich denke, die Webseite würde sich teilweise mehr Anerkennung für das Gebotene bei den sogenannten Vielspielenden oder Nerds wünschen. Während wir die typischen Gelegenheitsspieler sehr gut erreichen und die Branche uns mit den genannten Einschränkungen stark unterstützt und nach meiner Wahrnehmung schätzt, mögen uns die Nerds nicht so sehr. Ein Teil davon wird vielleicht von Spielerezensionen über leichte Kartenspiele oder Kinderspiele abgeschreckt, die von Anfang an einen wesentlichen Teil der Inhalte ausmachten. Aber wir haben einige Leute, die sich auf Kenner- und Expertenspiele spezialisiert haben, sodass auch Nerds bei uns genug Futter finden. Ein zweiter Wunsch der Webseite ist vielleicht, dass sich jemand findet, der uns mit Videos unterstützt. Diesen Bereich haben wir bisher fast komplett ausgelassen. Vielleicht sind das beides Wünsche, die für Reich der Spiele nach 25 Jahren irgendwann noch in Erfüllung gehen.“

1 Kommentar
Toller Einblick. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ihr anfangs wirklich anders berichtet hattet. Als die Spielbox noch richtig dröge Messeberichte veröffentlicht habt, hattet ihr längst hinter die Kulissen geschaut. Heute ist das aber normal. Nur gab es damals halt keine echten Spielemedien. Die Spielbox und Fairplay waren zwar nett, aber abseits von Besprechungen nie besonders gut. Bleibt dran und schwimmt vor der Welle!