Wenn Marketing und Lebensgefühl aufeinanderprallen
Vor Jahren gab es die Silverager. Ältere Menschen um die 50+, die nicht nur Geld hatten, sondern auch (wieder) Zeit, um Hobbys zu pflegen. Gesellschaftsspiele für diese Zielgruppe hatten sich angeboten. Allerdings waren sie nicht mit den Brett- und Kartenspiele vergleichbar, die wir so lieben. Es waren mehr so auf Hochwertig aufgepimpte „Wald- und Wiesenspiele“ für betagte Senioren. Also am eigentlichen Zielpublikum vorbei. Hat sich das geändert?
Gesellschaftsspiele: Kidult statt Silverager?!
Mittlerweile gehöre ich selber zu den Silveragern. Aber zum Glück gab es eine Veränderung. Der Inhalt ist fast gleich, für Menschen mit Geld und ein bisschen Zeit. Aber das Alter spielt jetzt so gut wir keine Rolle mehr. Denn wir sind jetzt schon länger alle: Kidults!
Juhu! Fühlt sich direkt viel, viel besser an. Und wir haben alle ein Mantra: „Shut up and take my money!“ Habe ich nur bisher noch nie so gemacht. Zumindest nicht bewusst. Denn wir sollen alle die Spielsachen unserer Jugend kaufen, und darauf hatte ich keine Lust. Was soll ich mit dem Scheiß von vor 50 Jahren?
Ein Begriff, aber ganz unterschiedliche Sichtweisen auf Spiele

Bei meinem Vater sieht es noch schlimmer aus. Der war beim Ende des zweiten Weltkriegs sechs Jahre alt und hatte das zum spielen, was die Soldaten der Wehrmacht, nach ihrer Kapitulation, zurückließen. War, wie er mir erzählte, nicht ungefährlich und manchmal auch tödlich. Da fällt mir ein, das herumliegende Zeug von damals, kann man heute noch kaufen. „Shut up and take my money“?
Böser Vergleich, weil Vatter und ich keine echten Kidults sind. Vatter noch weniger als ich ich. Denn es braucht eben das coole Zeug aus der Kindheit. Ich möchte eben nicht mehr die, wie ich jetzt weiß, öden Gesellschaftsspiele meiner Kinder- und Jugendzeit spielen. Vatter hingegen interessiert sich schon immer für echte Dampfeisenbahnen und hat vor langen Jahren eine Kurzausbildung zum Ehrenlokführer auf einer Dampflok gemacht. Gesellschaftsspiele deswegen für ihn wohl Kinderkram. Wenn man sich so umhört, ist ab 40 eh so langsam Schluss mit Kid und Ults. Vielleicht, weil ab da das Gehirn irgendwann einem sagt: Was soll ich mit dem ganzen Krempel. Statt: Ich brauche das alles jetzt sofort. „Shut up …“ Danke reicht. Wir wissen es.
Kaufwahn oder Spielerlebnis
Die Pilosophie kommt mit Wissen und Konsumverantwortung. Oder (gewollten) Nichtwissen. Zum Beispiel Crowdfunding. Du butterst einen dreistelligen Betrag in eine Kampagne und weißt im Grunde nicht, wann du das geile Zeug in den Händen halten wirst. Vielleicht auch nie. Trotzdem raus mit der Kohle. Oder der Loot (ein noch ungespielter Stapel mit Spielen) nach einer Messe, der, wenn man nicht aufpasst, zu einem Pile of Shame (ein immer noch ungespielter Stapel mit Spielen) werden kann. Obwohl man sich nur einen Überblick über die neuen Spiele verschaffen wollte. Doch dann. Du ahnst es schon. „Jeah! Shut up!“
Das Lebensgefühl macht mich zum Homo Ludens
Doch nun zu meinem Lebensgefühl mit Gesellschaftsspielen. Bei mir persönlich ist das Erlebnis Gesellschaftsspiel wie das Lesen eines Sachbuches oder Romans. Mein Flow, der den Alltagsstress abbaut.
Nur suche ich diesen Flow nicht in der Vergangenheit und es ist auch kein nostalgischer Schutzmechanismus. Ich Spiele im hier und jetzt.
Im Prinzip als einen Teil des lebenslangen Lernen mit Spaßfaktor. Silverager? Kidult? Nein! Ein Homo Ludens.
