Titelillustration Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft, Foto Z-Man Games, (c) by MEE
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Matt Leacock über Das Schicksal der Gemeinschaft

von Michael Weber
8 Minuten Lesedauer
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Wie Der Herr der Ringe und der Pandemic-Mechanismus zusammenpassen

Matt Leacock ist unter anderem für seine erfolgreichen Pandemic-Spiele bekannt. Dieser Mechanismus ist auch die Basis seiner neuen Veröffentlichung  Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft. Wie passen Pandemic und Mittelerde zusammen? An wen richtet sich das Spiel und was hat es mit dem riesigen Barad-dûr auf sich? Viele Fragen … Also haben wir einfach den Mann gefragt, der es wissen muss: Matt selbst.

Spielerfinder Matt Leacock

You don’t speak German? Here is the english version of the interview as pdf:
English interview: Matt Leacock about The Lord Of The Rings: Fate Of The Fellowship (words only)

Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft ist ein Brettspiel von einem Fan

Matt, dein neues Brettspiel handelt von Der Herr der Ringe. Du bist seit deiner Kindheit von Tolkiens Mittelerde fasziniert, wie du in deinem Design Diary (Entwicklertagebuch) schreibst. Kannst du unseren Lesern kurz erläutern, warum du ein Brettspiel zu diesem Roman entwickeln wolltest?

„Seit meiner Kindheit faszinieren mich Spiele, die in Mittelerde spielen, weil ich dadurch mehr Zeit in Tolkiens Welt verbringen kann. Als Teenager begann ich, an einem eigenen Fantasy-Spiel zu basteln. Vor allem, weil mir die Spiele zu kompliziert waren, die ich zu diesem Thema finden konnte. Aber damals war das nur ein Hobby für mich.

Im Juni 2012, als die Verkaufszahlen von Pandemic zu steigen begannen, brachte Z-MAN mehrere Ideen für verschiedene Nachfolge-Produkte ins Spiel. Darunter war auch die Idee, eine Version von Pandemic zu entwickeln, die auf Der Herr der Ringe basiert. Als Fan der Geschichte und der Welt war dies eine unglaubliche Gelegenheit. Aber ich war von dem Konzept überwältigt und wusste nicht, wie ich ein so großes Werk angehen sollte. Ich packte die Idee als etwas beiseite, das ich vielleicht in Zukunft versuchen würde.

Dann, im Jahr 2021, nachdem ich an einer Reihe verschiedener Pandemic-Produkte gearbeitet hatte, insbesondere an Fall of Rome, kamen mir einige Ideen, wie Saurons Streitkräfte in einem solchen Spiel durch Mittelerde marschieren könnten. Das begeisterte mich und ich begann, das Bedrohungssystem des Spiels zu skizzieren. Dieser Mechanismus war vielversprechend und ich begann, den Rest des Spiels auszuarbeiten.“

Basis ist ein robustes Spielsystem

Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft, ein früher Prototyp des Spielplans von Matt Leacock
Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft, ein früher Prototyp des Spielplans von Matt Leacock

Obwohl Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft deutlich andere Akzente aufweist, schimmert der Grundmechanismus von Pandemic durch. Wie bist du auf die Idee gekommen, beide Welten miteinander zu verbinden? Wie viel Pandemic steckt wirklich in dem Spiel?

„Als ich 2008 zum ersten Mal gebeten wurde, die erste Erweiterung für Pandemic zu entwickeln, zögerte ich etwas – ich hatte Bedenken, dass das Spielsystem zu instabil sein könnte, um eine Erweiterung zu verkraften, und dass es zu schwierig auszubalancieren sein könnte. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass das Pandemic-System unglaublich robust und dehnbar ist.

Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft hat die gleiche Grundstruktur wie Pandemic: Du nutzt deine Aktionen, ziehst zwei Spielerkarten und dann eine bestimmte Anzahl an Bedrohungskarten. In regelmäßigen Abständen kehren diese Bedrohungskarten wieder und beschleunigen sich, was die Spannung und Herausforderung erhöht. Unterdessen müssen die Spieler lokale Notstände im Griff behalten und gleichzeitig eine Reihe von langfristigen Zielen erreichen. Sobald du weißt, wie dieses System funktioniert, ist es einfacher, alle anderen Spiele zu erlernen, die das ebenfalls verwenden.

Thematisch unterscheidet sich Das Schicksal der Gemeinschaft jedoch erheblich. Erstens wollte ich nicht, dass Orks einfach zufällig aus dem Nichts auf der Karte auftauchen. Also habe ich ein eher heraufbeschwörendes Bedrohungssystem entworfen, das sie in Mittelerde einsetzt und marschieren lässt. Anstatt einfach nur Aktionen zu nutzen, um Bedrohungen zu beseitigen, habe ich ein Kampfsystem hinzugefügt, um sie zu entfernen. Und anstatt vier einfache Kartenkombinationen zum Gewinnen des Spiels zu vervollständigen, verlangte ich den Spielern das Erreichen verschiedener Ziele ab, die ich nach den Hauptereignissen und dem Ausgang von Der Herr der Ringe gestaltet habe.“

Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft – der Spaß am aussichtslosen Kampf

Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft, Spezialwürfel, Foto Z-Man Games, (c) by MEE

Aufgabe der Spieler ist es, den Ring zu zerstören. Aber auch hier hast du zwei Dinge miteinander vermischt. Ähnlich wie bei Der Ringkrieg (Maggi/Nepitello/Di Meglio) müssen die Spieler auch militärisch um Mittelerde kämpfen, um Frodo den Raum zu geben, den Schicksalsberg zu erreichen. Wie schaffst du es, beides so zu verbinden, dass ein einziges harmonisches Spielgefühl entsteht?

„Der Herr der Ringe zeichnet sich durch epische Schlachten aus, aber grundlegend für die Geschichte ist die Idee, dass die freien Völker Sauron militärisch niemals besiegen können. Ich hielt es für wichtig, dass das Spiel dies ebenfalls widerspiegelt. Die Spieler müssen also den Ring zerstören, um das Spiel zu gewinnen.

Ich habe dafür gesorgt, dass die Schlachten in zweierlei Hinsicht wichtig sind. Erstens: Wenn Sauron eine Zuflucht der freien Völker erobert, wächst die Verzweiflung, und wenn Frodo der Verzweiflung erliegt, verlierst du das Spiel. Zweitens: Die Schlachten sind ein wichtiges Mittel, um Sauron abzulenken. Immer wenn die Spieler eine Schlacht beginnen, lenken sie Saurons Blick von Frodo ab, sodass es weniger wahrscheinlich ist, dass er von den Nazgûl entdeckt wird.

In gewisser Weise laufen also zwei Spiele parallel. Frodo muss seinen Weg zum Schicksalsberg finden, während die Armeen der Freien Völker sowohl Mittelerde verteidigen als auch in die Offensive gehen, um Sauron abzulenken.

Für den Spieler erzeugt dies eine Menge Spannung. Sollten sie sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen und Frodo auf seiner Reise begleiten? Wenn ja, können sie Ressourcen mit ihm teilen, ihn auf seinem Weg führen und ihm helfen, schneller voranzukommen. Oder sollten sie sich aufteilen, um die Ziele besser zu erreichen und die Zufluchten Mittelerdes gegen die eindringenden Schattenarmeen zu verteidigen?“

Die Herausforderung:  Ein Spiel, das alle ausreichend motiviert

Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft, Karten der englischen Ausgabe, Foto Z-Man Games, (c) by MEE

Es handelt sich bei Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft wie bei Pandemic um ein kooperatives Spiel. Das bedeutet zugleich, der Mechanismus muss eine echte Herausforderung für Einsteiger, aber auch für erfahrene Spieler bieten. Wie schwer ist es für dich als Autor, solche Mechanismen perfekt auszugestalten?

„Das ist eine schwierige Balance! Ich möchte nicht, dass Spieler, egal ob sie neu im Spiel sind oder bereits Erfahrung haben, über die Abläufe im Spiel stolpern. Ich möchte, dass diese so eingängig wie möglich sind. Ich mache mir weniger Gedanken darüber, ein Spiel mit einer schwierigen Herausforderung zu entwickeln. Als Designer versuche ich, eine Reihe von Schwierigkeitsgraden anzubieten, aus denen man wählen kann, und im Idealfall wählt man einen, der gut zu seinem Erfahrungsniveau passt.

Allerdings solltest du nicht unbedingt erwarten, die erste Partie zu gewinnen. Schließlich handelt es sich hier um einen epischen Überlebenskampf! Ich hoffe, dass du auch im Falle einer Niederlage viel aus dieser Erfahrung lernst und motiviert bist, es mit neuen Ideen für andere Taktiken und Strategien erneut zu versuchen.

Dieser Ansatz funktioniert in der Regel gut, solange die Spieler nicht frustriert sind (überfordert von der Schwierigkeit) oder ihre Niederlage auf Pech zurückführen. Um dem entgegenzuwirken, versuche ich, den einfachsten Schwierigkeitsgrad nicht zu schwer zu gestalten, und biete viele verschiedene Möglichkeiten, um Kartenpech oder schlechte Würfelwürfe auszugleichen.

Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft als modulares Erlebnis

Mit welchen Mitteln schaffst du es bei Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft, dass Sauron auch nach mehreren Partien schwer zu bezwingen ist?

„Die Herausforderung zu erhöhen, ist ein viel einfacheres Designproblem. Das Spiel enthält ein Dutzend ‚Der-Himmel-verfinstert-sich-Karten‘, die du dem Spielerdeck hinzufügen kannst, um die Anzahl der gezogenen Bedrohungen zu erhöhen. (Die ‚Der-Himmel-verfinstert-sich-Karten‘ ähneln den Epidemiekarten aus Pandemic.) Sie erhöhen den Zeitdruck und erfordern einen stärkeren taktischen Fokus, da du dich mehr Schatten-Truppen stellen musst, die schneller über das Spielfeld marschieren.

Im Gegensatz zu Pandemic enthält das Spiel jedoch auch eine Reihe von hinzufügbaren Zielkarten. Durch das Hinzufügen weiterer Ziele wird die Situation komplexer und es ist mehr strategisches Denken erforderlich. Das Spiel enthält 24 dieser Ziele, mit denen sich sowohl den Schwierigkeitsgrad erhöhen lässt, als auch für enorme Abwechslung von Partie zu Partie gesorgt ist.“

Haltet das Auge von Sauron wann immer möglich von Frodo fern!

Der Kampf gegen das Böse und eine Niederlage können natürlich auch frustrierend sein. Gibt es von dir einen Tipp über die Hinweise in der Spielanleitung hinaus, wie die Spieler die Ringgemeinschaft führen sollten – speziell in der ersten Partie?

„Haltet das Auge von Sauron wann immer möglich von Frodo fern! Das kann bedeuten, dass ihr einen aussichtslosen Kampf beginnen müsst, um Sauron abzulenken. Die Nazgûl werden meistens beim Auge erscheinen. Wenn ihr Frodo also nicht sicher bewegen könnt, könnt ihr ihm zumindest etwas Zeit verschaffen.“

Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft ist mit viel Liebe zum Detail entstanden

Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft, der Würfelturm, Foto Z-Man Games, (c) by MEE

Eine optisch wichtige Komponente ist der Turm Barad-dûr. Er dominiert fast das Spielbrett. Welche Aufgabe hat er? Warum ist er so riesig?

„Der Barad-dûr-Würfelturm war eine schöne Möglichkeit, dem Spiel mit relativ geringen Produktionskosten eine effektvolle Präsenz auf dem Tisch zu verleihen. Er ist zwar nicht unbedingt notwendig, bietet aber eine unterhaltsame Art, die Kampf- und Suchwürfel zu werfen. Außerdem verhindert er, dass die Würfel die Spielfiguren auf dem Brett umwerfen.

Thematisch kann man sich vorstellen, wie Saurons Auge über ganz Mittelerde schweift und nach Frodo sucht. Und obwohl der Turm ziemlich hoch ist, lässt er sich in drei einfache Teile zerlegen, sodass er leicht in der Schachtel verstaut werden kann.“

Wie wichtig sind dir das Material und die Illustrationen generell in deinen Spielen? Sollen diese Details „nur“ den Mechanismus unterstützen? Oder kann die Gestaltung eines Spiels ein schlechtes Spiel sogar gut und ein gutes schlecht werden lassen?

„Das Spielkonzept, die Illustrationen, die Komponenten und das Produktdesign sollten alle zusammen ein lebendiges und stimmiges Spielerlebnis bieten. Ich bin zwar der Meinung, dass großartige Illustrationen und ein hervorragendes Produktdesign ein schwaches Spielkonzept verbessern können, aber ich bin nicht davon überzeugt, dass sie ein schlechtes Spiel gut machen können. Schlechte Illustrationen und schlechtes Material können allerdings sicherlich dazu führen, dass ein gutes Spiel viel weniger Spaß macht.

Das Produktteam hat bei diesem Spiel wirklich ganze Arbeit geleistet. Ihre Liebe zu Tolkiens Welt zeigt sich deutlich in der Liebe zum Detail bei den Illustrationen, den Figuren, dem Grafikdesign und der Pappkonstruktion.“

Wer soll Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft spielen?

Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft, Spielfiguren, Foto Z-Man Games, (c) by MEE

Noch eine abschließende Frage zur Zielgruppe. Im Vergleich zu Pandemic, Pandemic Hot Zone, Der Herr der Ringe (Knizia), Der Ringkrieg etc: Wie komplex ist Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft? Wie schwer ist der Einstieg und wer wird am meisten Spaß mit dem Spiel haben?

Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft ist das mechanisch und thematisch dichteste Spiel mit dem Pandemic-System. Die Abläufe im Spiel sind zwar nicht wesentlich schwieriger, aber es gibt viel mehr Dinge zu beachten: Jeder Spieler hat zwei Charaktere zu spielen, von denen die meisten über drei Fähigkeiten verfügen. Du musst mindestens vier verschiedene Ziele unter einen Hut bringen. Und zu verstehen, wie du den Nazgûl effektiv ausweichst und die Schattenarmeen bekämpfst, ist nicht so offensichtlich wie das Bekämpfen von Seuchen in Pandemic.

Wenn dir die Geschichte egal ist oder du einfache Spiele bevorzugst, könnte dir das alles etwas zu viel sein. Wenn du jedoch ein Fan von Der Herr der Ringe bist, wirst du wahrscheinlich all die Details zu schätzen wissen, da sie dir und deinen Freunden helfen, gemeinsam eine neue, umfassende und filmreife Geschichte zu erschaffen. Es ist einfacher (und kürzer) als Der Ringkrieg und spricht daher vielleicht Leute an, die die Geschichte nacherleben möchten (so wie ich), aber noch nicht bereit sind, sich auf ein komplexeres, mehrstündiges Kriegsspiel einzulassen.

Es passt gut, dass du Reiner Knizias Spiel Der Herr der Ringe erwähnst, denn dieses Spiel hat mein Interesse an kooperativen Spielen geweckt. Ich liebe seine Interpretation der Geschichte, aber es ist auch ein viel abstrakteres Spiel. Ich denke, Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft fügt sich ein in die große Lücke zwischen Knizias abstrakterem Titel und dem schwereren Der Ringkrieg.“

You don’t speak German? Here is the english version of the interview as pdf:
English interview: Matt Leacock about The Lord Of The Rings: Fate Of The Fellowship (words only)

Brettspiel Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft, Foto Asmodee, (c) by MEE

Weiterführende Informationen zum Interview mit Matt Leacock über Der Herr der Ringe: Das Schicksal der Gemeinschaft

Produktfotos: (c) MEE

3 Kommentare

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Gloin 1. Oktober 2025 - 22:43

Jaaaaah! Danke! Danke! Danke! Das wäre an mir vorbeigegangen. Ich liebe Pandemie und habe alles von Tolkien gelesen. Das ist bestellt!
Ach ja… Das Interview ist auch ganz gut.

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JonTheDon 2. Oktober 2025 - 07:37

Was ich nicht ganz verstehe, ist, dass dieser spannende Artikel zu dem aktuell absoluten Hype-Titel bei euch nicht auf der Startseite zu finden ist. Würde den viel prominenter herausstellen.

Antworten
Michael Weber
Michael Weber 2. Oktober 2025 - 09:05

Danke für deinen Hinweis. Wir haben einiges umgestellt. Der Artikel ist im oberen Bereich unter „Interviews & Artikel“ im manuell durchzuklickenden Slider zu finden (aufs Bild gehen, dann zeigen sich die Navigationspfeile – alternativ mobil das Bild zur Seite wischen). Wir wissen, dass einige Funktionen sich erst noch erschließen müssen, und hoffen, dass nach und nach alle unsere herausgestellten Themen finden werden. Mehr Infos auch unter „?“ in der Navigation.

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