Darf man eigentlich Spiele kritisieren, die einem nicht gefallen?
Endlich hat es mal jemand ausgesprochen! Sollten Rezensentinnen und Rezensenten über Spiele ein Urteil abgeben, die ein Spielprinzip enthalten, das sie nicht mögen? So vor wenigen Tagen geschehen bei Skull King – Das Würfelspiel (Rezension von 2016). Axel hat in seiner Kritik geschrieben: Er sei eher kein Freund von Würfelspielen. Hätte also Axel diese Rezension überhaupt schreiben dürfen? Unsere Leserin Barbara ist im Kommentar der Meinung (die völlig in Ordnung ist): Nein! Aber ist das wirklich so?
Wie kommt es zu Rezensionen zu Spielen, die einem nicht gefallen?
Um meine Sichtweise zu verstehen, muss ich kurz die Arbeitsweise in unserer Redaktion erklären – und den Weg, wie man üblicherweise an Spiele kommt. Natürlich kann ich ein Spiel beim Verlag anfordern, dessen Spielprinzip ich per se schon ziemlich geil finde. Vielleicht habe ich das schon mal auf einer Veranstaltung angespielt und es hat mich da schon angefixt. Oder jemand, der meinen Geschmack kennt, hat mir was vorgeschwärmt.
Die Wahrscheinlichkeit, dass in einer solchen Rezension ein Füllhorn voll des Lobes und der Liebe über dieses Spiel ausgeschüttet wird, ist relativ groß. Der Spaß am Spielen und Schreiben ebenfalls. Wenn ich jetzt weiß, dass dieser rezensierende Mensch ein Fan dieses Genres ist … Darf der (oder die) überhaupt seinen Senf dazu abgeben? Wie Barbara es im gegenteiligen Kontext geschrieben hat: Ein schales Gefühl bleibt (doch dann auch hier).
Wir suchen uns die zu rezensierenden Spiele nicht immer aus
Bei Reich der Spiele kann es durchaus sein (ich weiß nicht ob das bei Axel so war), dass der Chef des Ganzen in der Zentrale die Päckchen mit den Rezensionsexemplaren packt und „Unpassendes“ zu uns schickt. Manchmal denke ich, er macht das aus „reiner bösartiger Gehässigkeit“, wenn er auch einmal ein zusätzliches Spiel in den Karton packt, das völlig unerwartet kommt. Typische „Ausrede“ von ihm: „Weil noch Platz im Karton war …“ Solche Spiele entsprechen dann nicht unbedingt dem persönlichen Geschmack. Zur Entschuldigung unserer Zentrale: Da es Neuheiten sind, ist vorher nicht immer klar, wer welches Spiel mögen wird.

Ich persönlich liebe das. Solche Überraschungen sind spannend. Auch wenn ich bei aus meiner Sicht unbeliebten „Gurken“ immer erst mal schlucken muss: Das Resultat ist, dass ich mich sehr intensiv mit solchen Titeln auseinandersetzen muss. Viel intensiver, als wenn ich schon weiß, was mich erwartet. Wenn ich dann schreibe, „ich bin bin kein Fan von …“, ist es eigentlich ein Hinweis. Nämlich: „Das war für mich echt harte Arbeit, liebe Leute.“ Im Fazit der Rezensionen bei uns heißt es häufig, „das Spiel hat überzeugt“ oder „hat nicht überzeugt“. So auch bei diesen Titeln. Aber genau dann weiß man: Dieses Fazit wurde nicht mal eben aus der Hüfte geschossen! Das hat der Mensch schweißtreibend sozusagen aus Granit gemeißelt. Denn eine Regel gibt es bei uns auch: Teste jedes Spiel ausreichend oft und möglichst mit verschiedenen Gruppen. Bei persönlich unbeliebten Titeln ist das dann schon einmal harte Arbeit.
Ihr alle profitiert von solchen Meinungen
Für unsere Leserschaft hat das Vorteile. Ihr lernt eure Rezensentinnen und Rezensenten beim Lesen immer besser kennen. Ihr könnt dann einschätzen, ob der oder die zu euch und eurem Geschmack passt. Und wenn wir es halbwegs richtig machen, werden wir trotz einer eventuellen Abneigung gegen das Spiel diesem dennoch gerecht.
Mein Anspruch ist es zum Beispiel, mit meinen Texten zu unterhalten. Ich möchte am Ende aber den Lesenden auch zumindest ein Gefühl vermitteln, ob sie sich dieses Spiel mal anschauen sollten oder nicht. Wenn ihr mit diesem Ansatz klarkommt, freut es mich sehr. Wenn nicht, dann bin ich mit meinen Stil vielleicht im Moment nicht der richtige Rezensent für euch.
Es kommt auf die richtige Emotion an
Das Schöne ist, andere Leute, die selbst Rezensionen schreiben, oder auch Konsumentinnen und Konsumenten dürfen eine andere Meinung über dasselbe Spiel haben. Die kann sich später (teilweise in Jahren) auch noch verändern. Schreiben, lesen und spielen – das hängt alles an der eigenen Emotion zum jeweiligen Zeitpunkt. Deswegen ein dickes Danke an Barbara und an Axel, die mich beide mit ihren Kommentaren zu der Rezension von Skull Kings – Das Würfelspiel beschwingt an den Rechner gebracht haben.
Also, doch: Eine Rezension sollten auch Leute verfassen, die mit dem Spielprinzip, dem Thema oder einem Mechanismus nicht so viel anfangen können. Falls du anderer Meinung bist, ruhig raus damit.

12 Kommentare
Danke für diesen interessanten Artikel. Als Mensch, der die Zentrale „ist“, muss ich das kurz erklären: Ich frage zwar, ob jemand bestimmte Wünsche hat, aber die Verteilung der Rezensionsexemplare ist doch stärker von Kartongrößen, Terminen und anderen Faktoren abhängig – und ich prüfe nicht bei jedem Spiel, ob es inhaltlich passt.
So passieren genau solche Situationen, wie sie Axel erlebt hat. Plötzlich ist ein Spiel da, das einem nicht gefällt. Aufgabe eines guten Kritikers ist nun, eine Rezension zu verfassen, die Stärken und Schwächen des Spiels unabhängig von der eigenen Meinung herausstellt, dann aber in einen übergeordneten Zusammenhang bringt und schließlich eben doch meinungsstark einordnet.
Dabei kann es zugegeben passieren, dass jemand etwas „lustloser“ ist oder dass der Erfahrungshorizont mit bestimmten Mechanismen oder Themen etwas enger als bei anderen Leuten ist. Aber am Ende klappt das bei unserem Team immer ganz gut, viele fühlen sich tatsächlich besonders animiert, sich das Spiel zu „erarbeiten“. Wichtig ist, dass eine Einordnung gut begründet ist.
Ich stimme Riemi daher zu. Ganz besonders bei dem Punkt, dass gerade solche Rezensionen zum Kennenlernen unseres Teams beitragen.
Ich finde die Geschichte mit den Kartons fast interessanter als das Thema selber. Bisher dachte ich, dass jeder Spiele direkt von den Verlagen bekommt oder das rezensiert, was er kauft. Es wäre schön, wenn man mal einen Blick hinter die Kulissen werfen könnte.
Hi Boris, da ist kein großer Blick hinter den Kulissen nötig. Im Prinzip ist alles drin.
Ich wäre eher bei der Gegenfraktion, denn das funktioniert höchstens bei Würfelspielen und einfachen Spielen. Aber bei komplexen Mechanismen sollte man schon ähnliche Spiele kennen, um das bewerten zu können. Das geht aber nicht, wenn man sich damit nicht beschäftigt, weil man sie ja nicht mag.
Du unterstellst, dass man sich nicht mit Spielen beschäftigt, weil man sie nicht mag. Das mag auf herkömmliche Spieler zutreffen. Aber für Menschen, die sich mit Spielen journalistisch auseinandersetzen, genau nicht. Man muss mitunter viele Frösche küssen, um einen Prinzen zu finden.
Und, ja, es ist schon hilfereich, wenn man Mechanismen aus anderen Spielen kennt, um diese zu vergleichen. Aber am Ende muss ein Mechanismus vor allem in diesem Spiel, das ich gerade beurteile, funktionieren. Das stelle ich auch ohne einen Vergleich anzustellen fest.
Das Thema ist interessant, aber die Schlussfolgerung ist ein Bißchen komisch. Gehört nicht viel Wissen dazu, um ein Spiel, das man nicht mag fachgerecht zu beschreiben? Andererseits… besser als die vielen Influencer, die zu wenig kritisch sind.
Das ist nicht ganz falsch. Ich würde „Wissen“ gegen „Erfahrung“ tauschen, aber das alleine würde bedeuten, dass man kein Spiel testen und beurteilen könnte, ohne Erfahrung zu haben. Dennoch muss man sich mit einem Spiel auseinandersetzen, erst mal, indem man es häufig genug spielt, dann aber auch, indem man es analysiert und bewertet. Im Prinzip kann das jeder.
Nur, und da bin ich anderer Meinung, muss man als Kritiker ein Spiel immer neutral beobachten. Ob man es mag oder nicht. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Man braucht gar nicht so weit zu gehen und von mögen oder nicht mögen zu sprechen. Kenner- und Expertenspieler beurteilen Familienspiele ganz anders als reine Gelegenheitsspieler, weil sie andere Ansprüche daran stellen. Deshalb kann ich als Kennerspieler aber nicht ein Familienspiel anders bewerten als dies ein Spieler aus dieser Zielgruppe tun würde. Im Gegenteil: Ich muss versuchen, das Spiel aus seiner Sichtweise zu beurteilen. Wem das gelingt, der hat schonmal „Erfahrung“. Wenn er es dann noch gut zu Papier bringen kann …
In der Meinung über viele Influencer sind wir uns einig. Deren Zielsetzung ist aber z. T. auch eine andere.
😊
Grundsätzlich sehe ich die Fragestellung sehr ähnlich wie Riemi. Solange ein Mensch die Rezension schreibt, ist und bleibt natürlich ein bisschen der persönlichen Vorliebe oder Abneigung in der Rezension hängen. Das ist aber auch gut so.
Jeder, der eine Rezension schreibt, hat seine persönlichen Lieblinge und Dinge, die nicht gefallen. Dies gilt für Spiele und Kochshows und Kinokritiker, Restaurantkritiker, Autotestmagazine, Mode, Videos im Internet, …, für alle. Ich will und kann mich natürlich auch nicht davon freisprechen.
Eine Rezension für ein Spiel, dass ich mag, geht mir auch leichter von der Hand, die anderen halt etwas schwerer.
Die Kombination aus Spiel und Rezensent muss und soll meines Erachtens auch nicht perfekt aufeinander abgestimmt sein. Um einen Vergleich zum Kochen zu setzen: Ein Koch kann viele Rezepte kochen und prüfen, ob das Endergebnis stimmig ist. Und wenn Spinat nicht mein Lieblingsgemüse ist, ist die Zubereitung und der Geschmack trotzdem bewertbar. Nur wenn ich allergisch auf z.B. Fisch reagiere, dann sollte ich ihn weglassen.
Ich gehe auch in ein Restaurant, ohne das Essen vorher probiert zu haben, ich gucke mir neue Kinofilme an und kann erst danach sagen, ob es mir gefallen hat.
Auf die Spielemesse gehe ich, weil es dort neue, mir unbekannte Spiele gibt, die ich testen möchte.
Ich, als Rezensent, würde die Redaktion, den Chef, informieren, falls ich auf eine Art von Spielen „allergisch“ bin. Ansonsten ist mein Spieleschrank gut gefüllt mit verschiedenen Arten von Spielen. Mal kommt das eine Spiel auf den Tisch, dann ein anderes, manche öfter, manche seltener.
Wenn ich hingegen nur eine absolute Favoritengruppe von Spielen hätte, steht meine Meinung schon im Vorfeld fest. Trifft das Spiel den Favoriten, der z.B. Kartenspiele mit genau 20 Karten für 3 Mitspieler und einer linksdrehenden Geberreihenfolge, die mit einem Würfel bestimmt wird, wäre es gut. Alles andere schlecht. Dann brauche ich aber auch keine Rezension hierzu. Und hätte vermutlich auch einen sehr kleinen Spieleschrank.
Neue Spiele bieten die Chance, dass es sehr gut gefällt, ebenso wie einen Reinfall. Und manchmal bringt jemand ein Spiel mit, dass ich nach dem Titel nie gekauft hätte. Nach einer ersten Runde kommt es aber dann doch auf meine Wunschliste.
Jede Rezension ist eine Chance etwas über das Spiel zu erfahren. Ich biete eine Meinung und hoffentlich sachliche Kritik zu den durchgeführten Testspielen. Und solange ich Mensch bin, muss nicht jeder meiner Meinung sein.
Eine perfekte Rezension wäre schon, ist aber vermutlich utopisch. Ich nutze die positiven Chancen einer Rezension, Spielemesse, offenem Spielabend und gelegentlichem Glückskauf. Und schon füllt sich mein Spieleschrank wieder. 😊
Vieles von dem, was Riemi gesagt hat, sehe ich auch so. Sehr treffend finde ich vor allem die Schlussfolgerung, dass man, wenn man ein Spielegenre besonders mag, im Umkehrschluss zu einer außergewöhnlich guten Bewertung kommen müsse. Das ist natürlich Blödsinn.
Ich teste in der Tat die Spiele am ausführlichsten, von denen ich nach ein, zwei Partien das Gefühl habe, dass etwas nicht passt. Ich rede hier nicht von Spaß, sondern, wie beim Skull King Würfelspiel, von Funktionalität (Mechanismen, Material, Regeln etc.). Jeder, der Spiele bewertet, weiß warum. Bevor ich zu einem Ergebnis komme, will ich mir absolut sicher sein, dass ich es vertreten kann. Ich werde gerade solche Spiele häufiger spielen, um herauszufinden, ob ich mich nicht irre oder sogar etwas übersehen habe. Wenn Umfang und Komplexität des Spiels es erfordern, umso mehr. Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob ich die eine oder andere Mechanik oder gar das ganze Genre mag oder nicht.
Bei Spielen, die gut funktionieren, ist das oft einfach(er). Nur was ist ein gutes Spiel? Ein bekannter Autor, eine renommierte Redaktion, ein erfahrener Übersetzer – das sind Indizien, die schon mal für ein gutes Ergebnis sprechen können. Aber auch nicht mehr als das, wie Ausnahmen bestätigen (s. Rezension zu Bali).
Nun sind weder Schmidt Spiele noch Manfred Reindl Unbekannte. Aber in diesem Fall hat es trotzdem nichts gefruchtet. Warum, steht in der Rezension.
Natürlich darf man auch Spiele rezensieren, die nicht in die eigene Lieblingsbubble passen! Beim Testen meiner Rezensionsexemplare habe ich zwei bis drei unterschiedliche Spielgruppen und befrage auch alle Mittesterinnen zu ihren Meinungen. Das wird bei meiner Bewertung berücksichtigt und ich versuche im Fazit die Frage zu beantworten, für wen das Spiel geeignet ist.
Wenn ich ein Spiel sehr gut finde, kann man es zwischen den Zeilen sicher mitlesen. Wenn es mich nicht abgeholt hat, gebe ich mir Mühe eine neutrale Position zu vertreten – aber meine persönliche Note wird immer mitschwingen.
Falls ihr also nur noch kristallklare, journalistisch hochwertige Rezensionen von mir lest, wurde ich von einer KI ersetzt 🙂
Bei uns wird niemand durch KI ersetzt. Schon gar nicht bei den Rezensionen.
Hallo, natürlich kann jemand zu etwas schreiben was einen emotional nicht bewegt (mit dem er nichts anfangen kann. Das gleich gilt ebenso wenn jemand absoluter Fan von etwas ist. Beide Seiten sind natürlich voreingenommen. Wichtig ist das erwähnen damit der Leser es einordnen kann. Solange der Schreiber weiß worüber er schreibt und versucht die Fakten heraus zu arbeiten ist alles legitim.