Wettlauf nach El Dorado

Ein Ziel, tausend Möglichkeiten - welche Taktik wählst du?

eine Spielerezension von Michael Weber - 14.05.2017
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Brettspiel Wettlauf nach El Dorado - Foto von Ravensburger
Lesezeit: ca. 5 Minute

El Dorado! Das Land des Goldes. Auf geht es, im Brettspiel von Reiner Knizia (Ravensburger), den Weg in das sagenumwobene El Dorado zu finden. Doch, so einfach ist das nicht. Denn vor den Spielern breiten sich dichter Dschungel, weite Seen und immer wieder Eingeborenendörfer aus, die ein Vorankommen erschweren. Und dann sind da noch unüberwindliche Berge. Verspricht das nicht, den Abenteurer im Menschen zu wecken?

Wettlauf nach El Dorado - so wird es gespielt

Reiner Knizia hat mal wieder ganze Arbeit geleistet. Es beginnt mit dem Spielplan, der variabel ist und für jede Partie ganz eigene Herausforderungen bereithält. Weiter geht es zum Kern des Mechanismusses. Er hat sich hier eines Deckbausystems bedient, wie es durch Dominion bekannt wurde. Das heißt: Jeder Spieler hat einen eigenen Spielkartenstapel, den er nach und nach wiederholt durchspielt: Vier Handkarten, beliebig viele Karten ausspielen und sofort die jeweilige Aktion ausführen, Karten auf den Ablagestapel legen, Karten nachziehen (ggf. dazu den Ablagestapel mischen).

Dieser Mechanismus ist interessant, zumal nach und nach Karten hinzukommen, sodass die Spieler aus dem ehemaligen Basiskarten ein ganz eigenes Deck zusammenbauen und immer wieder durchspielen können. Genau hier liegt der erste Reiz von Wettlauf nach El Dorado: Anhand des jeweiligen Spielplans können die Spieler sich eine Taktik überlegen, möglichst schnell El Dorado zu erreichen. Der Erfolg ist aber auch davon abhängig, welche Spielkarten sie in ihr Deck aufnehmen können.

Dummerweise kosten neue Karten Geld und die Auswahl ist anfangs begrenzt. Erst nach und nach kommen alle verfügbaren Karten zum Verkauf, sodass besonders attraktive Spielkarten tendenziell zum Spielende auf die Hand kommen. Ausnahmen sind natürlich möglich. Daher müssen die Forscher zunächst mit einer kleinen Expedition in den Dschungel starten. Jeder Schritt ist mühsam und muss durch eine Handkarte untermauert werden, die mindestens dem Wert des Landschaftsfeldes entspricht. Forscher, Matrosen und Reisende helfen anfangs dabei. Doch das reicht nicht. Denn wer nicht weiterkommt, muss früher oder später Karten nachkaufen. Nachkaufen kostet Geld und verlangsamt das Deck, bringt aber je nach Karte neue Impulse in das Deck. So gibt es Kartenzieher, Kaufvorteile, Wegbereiter und viele andere Funktionen, mit denen das eigene Deck optimiert und damit die Schritte erleichtert werden.

Schritt für Schritt nach El Dorado

Zu kompliziert? Ein Beispiel. Anfangs stellt ein 2er-Dschungelfeld ein schier unüberwindliches Hindernis dar. Denn es gibt keine Karte, mit der das Betreten des Feldes möglich ist. Also muss der Spieler investieren, um zum Beispiel einen Kundschafter, Entdecker oder gar die mächtige (Einmal-) Machete zu kaufen. Bis diese Karte wiederum auf die Hand kommt, dauert es etwas. Sodass ein Umweg interessanter sein könnte. Aber auch dort warten anfangs große Hürden, die ggf. andere Karten wie den Kapitän oder die Millionärin bedürfen.

So müssen die Spieler stets abwägen zwischen dem Kauf weiterer Karten und einem längeren Weg. Einige optimieren auch erst rundenlang ihr Kartendeck, bis sie lossprinten und die Konkurrenz noch zu überholen versuchen. Andere gehen von Anfang an Schritt für Schritt und sichern sich so Tiebreaker-Möglichkeiten. Andere halten ihre Kartenhand schlank und versuchen, ein Gleichgewicht aus Geschwindigkeit und Stärke hinzubekommen. Ganz am Ende gilt es jedoch, als erster Spieler El Dorado zu erreichen.

Lohnt sich das Brettspiel Wettlauf nach El Dorado?

Wettlauf nach El Dorado ist ansprechend gestaltet (Die Spielanleitung jedoch aus zu dünnem Papier) und überzeugt durch eine kluge Mixtur bekannter Mechanismen. Die Spielkarten und der Deckbau geben dem Brettspiel die richtige Würze. Besonders schön ist ein Sperrmechanismus gelungen. So stehen anfangs nur wenige Karten zum Verkauf. Erst wenn eine Kartenart aufgebraucht ist, kann der nächste Käufer aus allen Karten wählen, setzt diese Kartenart auf den freien Platz und begrenzt das Angebot wieder auf wenige.

Der Deckbaumechanismus ist geübten Spielern inzwischen bekannt und überzeugt hier durch eine schöne Umsetzung. Der Wettlauf selbst wird fast zur Nebensache, obwohl dieser über den Sieg entscheidet.

Mir fehlt etwas mehr Seele im Spiel. Mit Reisenden Entdecker zu kaufen, wirkt beispielsweise etwas arg konstruiert. Dennoch ist die Doppelfunktion der Karten als Sonder- oder Bewegungsaktion sowie als Geld gut gemacht. Irgendwie erinnert all das aber etwas zu stark an Dominion, auch wenn ausufernde Kettenzüge unwahrscheinlich sind und Wettlauf nach El Dorado so übersichtlicher bleibt. Das ist mir trotz der Verknüpfung mit dem Bewegungsmechanismus zu wenig, um wirklich zu überzeugen. Zumal die Kartenhand sich fast schon automatisch relativ stark aufbläht. Da hilft auch das Camp zum Reduzieren der Kartenzahl wenig.

Mehr Spannung bietet die Höhlen-Variante mit den verdeckt liegenden Sonderaktionen. Hier kommt zwar der Zufall ins Spiel, aber auch etwas mehr Interaktion und Spielspaß. Der ist übrigens im Spiel zu zweit ebenfalls durchaus vorhanden. Zwar wetteifern drei oder vier Spieler stärker, aber bei zwei Spielern sind zwei Figuren ins Ziel zu bringen. Dadurch bleibt es auf dem Plan "eng".

Wettlauf nach El Dorado ist eine stimmungsvolle Herausforderung für die spielende Familie. Meine Vielspieler fanden das Prinzip ganz ordentlich, hatten aber wenig Interesse an Wiederholungen. Meine Familienrunden fanden Wettlauf nach El Dorado sehr gut gemacht und wollten sofort noch eine Runde spielen. Ich gehöre wohl dann doch zu den Vielspielern. Der Reiz von Wettlauf nach El Dorado war nach wenigen Partien trotz Interaktion und Deckbauherausforderung völlig erschöpft. Schade, ich würde mich gern weiter durch den Dschungel schlagen, um dann das sagenumwobene El Dorado zu finden. Aber irgendwie bin ich unterwegs vom Weg abgekommen. Gutes Handwerk bedeutet für mich nicht zwingend Atmosphäre, Spieltiefe oder Spielspaß. Genau das ist hier mein Jammern, wenn auch auf wirklich hohem Niveau.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Verlag: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2-4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
10
Spieldauer (Minuten): 
60
Jahrgang: 
2017
Spielkategorisierung
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