Die Wurzeln der Spielergemeinde

Wie das Postspiel die Community begründete

ein spielerischer Artikel von Axel Bungart - 12.11.2016
Wurzeln der Spieleszene - Foto Clipdealer
Lesezeit: ca. 6 Minuten

Alle, die diesen Artikel lesen, sind Teil einer Community. Der eine mehr, der andere weniger, vielleicht unbewusst, vielleicht auch weniger zufällig, weil man sich eben für sein Hobby soweit interessiert, dass man auch begleitende Themen aufnimmt. Doch woher kommt unsere Community, unsere „Szene“, eigentlich? Wo entstand sie und wie? Das ist eine spannende Frage, deren Ursprünge man vielleicht an ganz anderer Stelle vermutet – je nachdem, aus welchem Blickwinkel man das betrachtet. Da ich keine Doktorarbeit schreiben möchte, beschäftige ich mich hier mit der Entstehung der „modernen“ Szene. Jene, deren Mitglieder seit nunmehr über 30 Jahren nach Essen pilgern, jene, von denen die meisten hunderte oder tausende von Spielen in ihren Heimen beherbergen. Jene, die kaum etwas schöneres finden kann, als zusammenzusitzen und zu spielen.

Im Zuge meiner Recherche zum Artikel über die Herkunft des Wortes Pöppel erhielt ich von einem mir wohlbekannten Mitglied der Bonner Spieleszene, Micha Heißing, einen umfangreichen Abriss über die Ursprünge der Spieleszene, soweit er sie miterlebt hat. Das hat durchaus etwas Historisches und zeigt in Ansätzen schon auf, welche Windungen der Weg zur heutigen Spielelandschaft gegangen ist.

Bei all‘ den nachfolgenden Aussagen ist immer davon auszugehen, dass es sich hier zwar um Tatsachen, sozusagen um Zeitzeugenberichte, handelt, die aber weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Objektivität stellen. Ich spreche hier wahrscheinlich auch eher über die Wurzeln der Spieleszene in Nordrhein-Westfalen, bestenfalls etwas darüber hinaus. Wie gesagt: keine Doktorarbeit. Sollte viel mehr jemandem beim Lesen noch ein Detail einfallen, das er zur Geschichte der Spieleszene beitragen kann, werde ich das gerne noch ergänzen.

Die Wurzeln der Spieleszene

Die Spielelandschaft war in den 70er-Jahren noch sehr karg. Von einer Szene konnte man da noch nicht sprechen. Diejenigen, die sich schon für Spiele interessierten, mussten sich entweder mit dem in Deutschland vorhandenen zufrieden geben (alte 3M Spiele, Risiko, Diplomacy, Railway Rivals (später bekannt als Dampfross)) oder über den Tellerrand in den angelsächsischen Raum blicken (z. B. zu Avalon Hill, SPI).

Diplomacy war dann das Spiel, das sowohl für viele einen gemeinsamen Anlaufpunkt bildete, als auch die weit verstreuten Spieler zusammenzuführen in der Lage war. Voraussetzung war erst mal, ein Instrument zu schaffen, welches das gemeinsame Spielen ermöglichte. Das Rad musste dazu aber nicht neu erfunden werden, denn Schachspieler hatten es vorgemacht: Sie spielten ihre Partien über hunderte von Kilometern entfernt von- und doch miteinander. Man bediente sich des Postweges und sendete so seine Züge an den Mitspieler. Diplomacy, aus gewisser struktureller Sicht dem Schach nicht unähnlich, bot sich dafür geradezu an, und so saßen schon in den 70er-Jahren Spieler erstmals virtuell an einem Tisch.

Pioniere des Postspiels

Maßgeblich unterstützt wurde die Bemühungen durch eine Sammlung von Auswertungen von Postspielen, so genannter PBM-Zines, des Schweizers Walter Luc Haas („Bumm“) sowie Hartmut Halfmeier („Stabsanzeiger“). Der Stabsanzeiger (erstmals 1977) war damals die einzige deutschsprachige Alternative zum Schweizer Bumm, und zusammen bildeten sie das Zentrum für Diplomacy-Begeisterte. Ca. 50 Partien wurden hier zeitgleich abgebildet. In Amerika hatte sich zu diesem Zeitpunkt hingegen eine Diplomacy-Gemeinde gebildet, die mit der ersten PBM-Zine überhaupt „Graustark“ (John Boardman) bereits seit 1963 versorgt wurde.

1983 übernahm der Stabsanzeiger alle Postspiele aus der Pöppel-Revue von Knut-Michael Wolf. Seit 1997 zeichnen Dietlind und Michael Venzmer für den Stabsanzeiger verantwortlich, doch mittlerweile erscheint er nur noch in einer kleinen Auflage und langem Erscheinungsintervall.

Walter Luc Haas hatte es sich außerdem zur Aufgabe gemacht, auch deutsche Spieler mit Spielen aus dem angelsächsischen Raum zu versorgen. Er importierte und vermittelte sie im größeren Stil. Zudem veranstaltete er jährliche Bumm-Treffen mit seinen Mitgliedern. Hier kamen dann tatsächlich Gruppen aus ganz Deutschland zusammen. Die Gruppen aus dem Ruhrgebiet („Ruhris“) und dem Sauerland („Sauris“) bildeten hier schon das Kernstück der Spielergemeinde in NRW, und sie hielten jeweils Cons ab. Weiter nördlich kam ab ca. 1979 der von Knut-Michael Wolf herausgegebene Wolfs Wirtschaftsbrief (WWB) dazu, der seine Gemeinde weiter nördlich vereinte. Da aber die Spieler sich nicht regional einschränkten, hatten auch die verschiedenen Spielergemeinden Schnittmengen.

Einen Meilenstein in der wachsenden Postspielaera setzte Dietmar Pfohl aus Recklinghausen. Er entdeckte 1981 in England das Postspiel United (Alan Parr, Hopscotch), das auch als Urahn der Postspiele gilt. Es ist eine Art Fußballsimulation. Schon vorher (1980) hatte er mit „Der grinsende Beobachter“ ein weiteres PBM-Zine ins Leben gerufen und damit der ungebrochenen Diplomacy-Nachfrage Rechnung getragen. Nun löste er mit seiner ersten deutschsprachen United-Liga einen unglaublichen Boom in der Postspielgeschichte aus, der bis heute anhält. Bedauerlicherweise zog er sich 1995 recht abrupt von seinen Postspielaktivitäten zurück und widmete sich wohl vorwiegend dem Pferdesport.

Ein auch heute noch existierendes Zine ist auch gleichzeitig eines der ältesten: der Dottendorfer Soccer. Er entstand in der Hochzeit der Postspiele 1982 im Bonner Stadtteil Dottendorf und hat heute (2016) rund 100 Mitspieler. Seitdem gab es über 350 Ausgaben des Magazins, das man sowohl als eMail als auch in der Printversion erhalten kann. Cici Beilken (Sankt Augustin bei Bonn), der bereits zu einem früheren Zeitpunkt als Herausgeber für über 100 Ausgaben verantwortlich war, kümmert sich seit Ausgabe Nr. 288 auf diese Weise wieder um den Zusammenhalt der Postspielgemeinde.

Spielen im Wandel der Begeisterung

Die Grundzüge der Spielerszene sind also aus dem einfachen Willen entstanden, gemeinsam ein Spiel zu spielen. Das ist weniger überraschend als mehr die Tatsache, dass sich zunächst Spieler zusammenfinden wollten, die weit entfernt voneinander gewohnt haben. Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts kam die Brettspiel-Aera dann erst langsam, später immer schneller in Fahrt. Die ersten echten Spiele(r)zeitschriften (1978), das erste Spiel des Jahres (1979), die erste Spielmesse (1982). Doch seitdem in den späten 90er-Jahren das Internet mit seinem unüberschaubaren Angebot an Spielehändlern, Blog-Seiten, Foren und Archiven sowie nicht zuletzt mit seinen Online-Spiel-Plattformen zur Beschleunigung beigetragen hat, ist es mit der Beschaulichkeit vorbei. Da wirkt so ein PBM-Zine fast ein bisschen anachronistisch. Dass das ein Irrtum sein muss beweist die Vielzahl an PBM-Zines, die auch heute noch bestehen. Und auch die Internet-Plattformen, bei denen man nicht live sondern zugbasiert spielt, haben den Gedanken des Postspiels gewissermaßen weitergelebt, wenn auch stark modifiziert.

Ebenso ist der Vergleich nicht weit hergeholt, dass das, was die Beatles, der King of Rock oder selbst die Stones für die Musikgeschichte sind, die PBM-Magazine Bumm und Stabsanzeiger für die Entstehung der Spielerszene waren. Und dann erscheinen die heutigen Zines, wie auch der Dottendorfer Soccer, in einem ganz anderen Licht. Sie führen vor allem auf direktem Wege zurück zu den Wurzeln der riesigen Spielergemeinde, die sich heute auf Veranstaltungen wie der SPIEL in Essen auf die Neuheiten stürzt und die in unzähligen Spielveranstaltungen auch heute noch Spieler aus allen der Teilen der Republik, sogar der Welt, zusammenführt.

Kommentare

Spannend und sehr interessant! Vielen Dank für den gut geschriebenen Blick zurück. Da war vieles neu für mich, obschon ich auch schon einige Jahre mit dabei bin.

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