Bahn frei

eine Spielerezension von Axel Bungart - 15.02.2022
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Eisenbahnspiel Bahn frei - Ausschnitt des Covers - Foto von Spieleverlag Hartmut Haas
Lesezeit: ca. 6 Minuten

Ausgerechnet nach der SPIEL ’18 in Essen kam dem jungen Autor Hartmut Haas nach einer Zugfahrt-Odyssee die Idee, aus dem Chaos, das zusammengefasst den Namen Die Bahn trägt, ein Spiel zu gestalten. Ich traf ihn auf der SPIEL ’21, wo er stolz sein Erstlingswerk Bahn frei im Eigenverlag präsentierte.

Bei dem kooperativen Spiel Bahn frei geht es darum, Fahrgäste von A nach B zu bringen. Weil das aber zu dröge und überdies abgegriffen wäre, sollen die Fahrgäste auch nicht lange auf ihren Zug warten müssen und auch pünktlich ankommen. Sonst meckern sie. Während zu viel Gemecker bei der echten Bahn in der Höhle der Gleichgültigkeit verhallt, führt es im Spiel Bahn frei zum Totalausfall: Man verliert das Spiel.

So spielt man Bahn frei

Bahn frei - der Spielplan - Foto Axel Bungart

1-4 Spieler ab 11 Jahren spielen eine Partie in 60-90 Minuten. Vor den Spielern liegt eine Deutschlandkarte mit dem Schienennetz, das die Städte verbindet. Jeder Spieler erhält ein Zugtableau mit fünf Waggons, in denen die Fahrgäste Platz nehmen können. Zu Beginn jeder Runde wird ausgewürfelt, wie viele Fahrgäste erscheinen. Auf den Fahrgastkarten stehen ihr Start- und Zielort sowie die Anzahl an Runden, in der sie ans Ziel kommen müssen, sofern keine Beschwerde eingehen soll. Somit wissen die Spieler schon mal, wer wie schnell wohin muss. Ab Runde drei treten auch zufällige Ereignisse ein, die in den meisten Fällen die anschließende Planung erschweren, mindestens aber modifizieren.

Sind alle Voraussetzungen bekannt, sprechen sich die Spieler ab: Wer kann wen aufnehmen und auch rechtzeitig abliefern? Wer schafft es, weitere Fahrgäste aufzunehmen? Kommt man trotz Umweges noch rechtzeitig am geplanten Ziel an? Kann oder muss man sich treffen, damit Fahrgäste umsteigen können?

Bahn frei - Passagier will  nach Kassel - Foto Axel Bungart

Diese Phase nimmt die meiste Zeit einer Partie in Anspruch. Hier wird oft gerechnet und wieder neu gerechnet, weil die Fahrstrecke ein Feld zu lang ist. Schließlich kann jeder Zug nur acht Felder weit fahren (wenn alles gutgeht). Hartmut Haas sagt dazu: "Je geringer der Akademikeranteil in der Spielrunde, desto schneller geht es."

Steht der Fahrplan, fahren alle gleichzeitig mit ihren Holzloks los, laden wartende Passagiere auf und bringen mitfahrende an Ziel. Schafft man es, einen Passagier sogar vor der maximal zur Verfügung stehenden Rundenzahl abzuliefern, erhält das Team einen Gutschein. Dazu später. Im gegenteiligen Fall (ein Fahrgast kommt nicht rechtzeitig ans Ziel oder wird gar nicht erst am Startbahnhof aufgenommen), steigt das Beschwerd-O-Meter. Erreicht es Stufe 8, haben die Spieler verloren.

Schaffen es die Spieler aber 15 Runden lang, die Beschwerden im Zaum zu halten, gewinnen sie gemeinsam.

Keine neue Idee - gut umgesetzt

Die Spielidee ist der von Switch & Signal (Kosmos) sehr ähnlich, wenn auch die Spielmechanik eine andere ist. Auch wenn das Thema an sich nichts Neues in sich birgt, ist die Umsetzung doch gelungen. Das Material ist recht reduziert designt, fast retro, manche finden es auch nüchtern. Der Funktionalität und Übersichtlichkeit tut das keinen Abbruch. Von der Darstellung der Städte über die Fahrgastkarten bis hin zu den Ereigniskarten ist alles von guter Qualität und eindeutig dargestellt. Die Spielregel ist vollständig sowie klar strukturiert und formuliert; sucht man nachträglich Erklärungen für Symbole, vermisst man hier und da eine grafische Darstellung, die das Auffinden einer solchen Erklärung erleichtert. Eine Kurzanleitung in Form einer Schaffnerkelle tut das ihre.

Bahn frei - die Leisten - Foto Axel Bungart

So können sich die Spieler ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren. Da man sich beim Spielstart vermeintlich recht gut auf der Landkarte verteilt, einigt man sich in der ersten Runde meist schnell darauf, wer welchen Fahrgast aufnimmt. Doch schon ab der zweiten Runde, besonders, wenn der Würfel erbarmungslos zuschlägt und dem Team die Höchstzahl neuer Passagiere andient, kommen die ersten ins Schwitzen. Kann man auf dem Weg nach B noch einen Umweg über C und D einplanen, ohne Fahrgast von A zu vernachlässigen? Und wer kriegt Fahrgast E an Bord, ohne Passagier F zu verärgern?

Gute Planung ist nicht alles

Man hat all das gerade mit viel Hin und Her erledigt, da schlägt der Würfel wieder zu und bringt drei neue Passagiere, die von einem Ar… der Welt zum anderen wollen. Spätestens jetzt bekommt man Mitleid mit der Bahn und den Fahrplanwärtern.

Bahn frei - Das Abteiltableau - Foto Axel Bungart

Stress erzeugt die Tatsache, dass jeder Fahrgast am Ende jeder Runde einen Platz weiter Richtung Zugende rutscht. Hat er das Zugende erreicht und ist noch nicht am Ziel, steigt er aus und – meckert. Folge: Das Beschwerd-O-Meter steigt.

Hat ein Spieler einen Fahrgast aber sogar vorzeitig an sein Ziel gebracht, bekommt das Team einen Gutschein in Form eines orangen Klötzchens. Diese Gutscheine können dazu verwendet werden, Fahrgäste, die in der Runde ihres Auftauchens nicht aufgenommen wurden, eine Runde zu gedulden, sodass man sie in der nächsten Runde noch einsammeln kann. Auch kann man mehrere Gutscheine abgeben, um das bereits erreichte Beschwerdelevel zu senken.

Bahn frei ist, wie viele kooperativen Spiele, mehr Arbeit als Spiel. 15 Runden lang planen und rechnen die Spieler, tüfteln und probieren, freuen sich über gelöste Probleme oder müssen auch mal resignieren, weil ein Fahrgast außerhalb jeglicher Fahrpläne auftaucht. Das Unmögliche wird eben nicht immer möglich, und dann muss man das machen, was Die Bahn auch macht: man nimmt es in Kauf.

Neulich in der Bahn …

Was mir anfangs nicht wirklich gefallen hat, sind die Ereigniskarten. Ab Runde drei kommen sie ins Spiel. Die dort aufgeführten Ereignisse haben den Charakter von Monopolykarten. Sie haben keinen Bezug zur Spielsituation, es sind einfach zufällig gewählte Ereignisse, die den Spielern das Planen erschweren sollen. Und das tun sie zahlenmäßig gewaltig, denn unter den 25 möglichen Ereignissen sind nur zwei gute und ein neutrales. Man kommt auf die Idee, der Rest sei reine Schikane.

Bahn frei - Rauchen als Ereignis - Foto Axel Bungart

Eine etwas andere Sicht habe ich erst mit der Erkenntnis erhalten, dass Hartmut Haas mit den zuweilen witzigen Einfällen nur das widerspiegelt, was er selbst als Bahnkunde erlebt hat. Mit dieser Sichtweise kann ich dann doch leben.

Zwei Varianten liefert Haas mit seinem Spiel gleich mit: ein paar Sonderkarten, bei denen Fahrgäste unter erschwerten Bedingungen transportiert werden müssen (z. B. allein im Zug oder nur in Begleitung). Bei der zweiten haben die verschiedenen Spieler unterschiedliche Zugoptionen, die sie in ihre Planung einfließen lassen können. Das verlängert den Spielspaß, dessen Herausforderungsniveau sich in jeder Partie neu ergibt.

Schachtel Bahn frei - Foto von Spieleverlag Hartmut Haas

Auch wenn mit Switch & Signal nur kurz zuvor ein Spiel herausgekommen war, das in seiner Anlage viele Überschneidungen hat, kann Bahn frei daneben gut existieren. Der Vergleich mit dem Kosmos-Spiel darf dabei als Kompliment verstanden werden. Das Tüfteln um die optimale Planung mit möglichst wenig Beschwerden hat immersiven Charakter und erzeugt Zufriedenheit, ja Glücksgefühle, wenn sie gelingt. Doch man muss das mögen.

Video: 

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
1-4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
11
Spieldauer (Minuten): 
60-90
Jahrgang: 
2021
Spielkategorisierung
Fotos
Bahn frei - Passagier will  nach Kassel - Foto Axel Bungart
Bahn frei - Rauchen als Ereignis - Foto Axel Bungart
Bahn frei - die Leisten - Foto Axel Bungart
Bahn frei - Das Abteiltableau - Foto Axel Bungart
Bahn frei - der Spielplan - Foto Axel Bungart
Schachtel Bahn frei - Foto von Spieleverlag Hartmut Haas

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