Vollblüter, Jockeys und Wetten

Pferderennspiele im Vergleich

ein Spiele-Artikel von Michael Weber - 26.01.2002
Turf von
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Pferderennspiele gibt es schon seit Jahren auf dem Markt. Mal wird das Wetten, mal das Rennen in den Vordergrund gerückt. Wir haben einige der Spiele miteinander verglichen: Ascot (ASS), Finish (Pelikan), Jockey (Ravensburger/Berliner Spielkarten), Royal Turf (Alea), Turf (Klee) und Turfmaster (AZA Spiele).

Atmosphäre. Ein richtiges Pferderennspiel benötigt Atmosphäre. Wenn man die Hufe donnern hört und den Totalisator klingeln, dann ist man auf der Rennbahn. Bei Ascot ist man wirklich mittendrin. Nur gewettet wird nicht. Die Ereigniskarten und das Bewegungssystem tragen aber zur Atmosphäre bei. Ähnlich ist es bei Turfmaster. Der Rennmechanismus ist gut, Turniermöglichkeiten bieten so etwas wie eine Galopperkarriere. Jockey ist taktisch ausgeklügelt, der Pferdepulk reißt aber zu sehr auseinander. Ganz anders bei Royal Turf, hier liegen die Pferde meistens dicht beisammen, aber die für Deutschland unrealistischen Wetten machen einiges kaputt. Turf hat durch eine Art Programmheft viel Realitätsnähe, die sich auch auf die Wetten und den Bewegungsmechanismus überträgt. Finish ist eher ein spaßiges Spiel, das mit schrägen Namen für Pferde und Jockeys eher ein Lächeln als Realismus auf den Spieltisch zaubert.

Das Rennen. Das wichtigste am Pferderennen ist natürlich der Bewegungsmechanismus. Am wenigsten kann hier Finish überzeugen. Zwar ist das System der Fortbewegung interessant, doch ebenso überschaubar. Überraschungen bleiben für Leute, die rechnen können aus. Royal Turf setzt andere Maßstäbe. Ähnlich wie bei Finish und Turf haben die Pferde hier vorgegebene Stärken, die aber nur zum Tragen kommen, wenn man das entsprechende Symbol würfelt. Durch das Verbot der Pferdebewegung, bevor nicht alle Pferde nacheinander vorwärts gerückt sind, bleibt das Feld hier eng beisammen. Turf hat ein ähnliches System wie Finish, der Rennausgang ist vorhersehbar, dafür sind die Wettquoten für die Pferde aber auch individuell festgelegt. Auch bei Turfmaster verhindert ein kleiner Mechanismus das allzu starke Auseinanderdriften des Rennfeldes. Handicap ist hier das Stichwort. Zudem gibt es wie bei Turf eine Beschränkung der Bahnwechsel. Ascot hat einen ganz eigenen Rennmechanismus, der aber schnell deutlich werden lässt, welches Pferd die Spieler nach vorne bringen wollen. Der Rest ist Würfel- und Blockadearbeit. Das Feld reißt außerdem schnell auseinander. Bei Jockey gibt es die größte taktische Tiefe. Mit Pferdekarten können auch die Nachzügler schnell wieder an die Spitze gebracht werden. Damit ist bis kurz vor Schluss nicht klar, wer auf welches Pferd gesetzt hat.

Royal Turf von alea/RavensburgerDas Wetten. Bei Ascot und Turfmaster wird gar nicht gewettet, dafür gibt es aber andere Spielbestandteile, die den Konkurrenten fehlen. Turf hat für jedes Pferd feste Quoten, was so recht nach einem Buchmacherbesuch riecht und hervorragend ins Spiel passt. Auch bei Finish darf gewettet werden. Die Quoten richten sich Wettart und dem Abstand des Siegers zu den folgenden Pferden. Das bringt Spannung für die Quoten. Bei Jockey sind die Quoten nach Wettart festgesetzt, was kaum Spannung, aber Taktieren beim Rennen hervorruft. dafür gibt es wie bei Finish mit Sieg, Platz und Einlauf das volle Wettprogramm. Royal Turf wartet mit der Pacemakerquote mit einer komischen Zusatzquote auf, die eher störend wirkt. Aber sonst richtet sich die Wettauszahlung nach der Menge von auf die Sieger platzierten Wetten. Das ist realistisch. Dafür setzt man nur auf den Einlauf der Pferde unter die ersten drei Plätze, was einfach zu wenig ist.

Ausstattung und Regeln. Die Regeln von Finish sind unausgegoren. Einige Fragen bleiben offen. Die Ausstattung ist dafür mit Plastikhufeisen, einigen Würfeln und wirklich gutem Katenmaterial überdurchschnittlich. Ascot bietet wenig spektakuläres in der Schachtel, wenigstens gibt es Pferdefiguren. Die Regeln sind eindeutig, auch wenn das Spielprinzip noch Lücken (dritte Geschäftsrunde) aufweist. Turf ist komplex, aber sehr gut erklärt. Das Material kommt aber trotz Pferdefiguren nicht über Durchschnitt hinaus. Bei Jockey bleiben keine Regelfragen offen. Je nach Ausgabe besteht das Material unter anderem aus Metall- oder Plastikpferden. Die Ausstattung ist gut. Royal Turf ist solide ausgestattet (ebenfalls Plastikfiguren), die Regeln vorbildlich und lückenlos. Turfmaster hat einen gut erklärten komplexen Rennmechanismus. Die Ausstattung ist selbst bei der Standardversion edel und dürfte kaum zu schlagen sein.

Spielreiz. Für Spaß und schnelle Spiele sind Finish und Ascot zu empfehlen. Allerdings ist hier der Spielreiz nicht so besonders hoch. Zu einfach und am Ende sogar unausgereift sind die Spiele. Royal Turf eignet sich gut für große Spielegruppen, die "einfach nur spielen" wollen. Spaß dürfte das Pferdesetzen machen. Der Glücksfaktor ist aber sehr hoch. Auch bei Turfmaster spielt das Glück eine Rolle. Doch muss man immer genau darauf achten, im richtigen Moment in die richtige Position zu ziehen. Das Rennen verläuft anspruchsvoll und macht Lust auf mehr. Durch den Einfluss mit den Pferdekarten gibt es durchaus taktische Komponenten. Turf verlangt ebenfalls ein gutes Planen der Züge, hinzu kommt die Wettherausforderung. Durch die vorgesehenen sechs Rennen ist das Spiel aber etwas zu langatmig. Jockey bietet Taktikern die größten Einflussmöglichkeiten. Dieses Spiel hat fast nichts mit Glück zu tun. Hier gewinnt der Spieler, der das Rennen am besten beeinflussen kann.

Vergleichswertung. Finish und Ascot gehören zu den Außenseitern dieses Spielevergleichs. Zumindest Ascot bietet aber ausreichende Unterhaltung, um einen netten Abend zu verbringen. Royal Turf hat interessante Aspekte, das Wetten und Bewegen wird hier aber zu einem echten Glücksspiel. Turf ist sicherlich am nächsten an einem echten Renntag dran, wird aber von Jockey und Turfmaster auf Platz verwiesen. Jockey bietet eine enorme taktische Tiefe, die die Spieler fordert, ohne sie zu überfordern. Richtiges Wetten bringt die Spieler auf die Gewinnerstraße. Herzstück ist aber das Rennen selbst. Turfmaster ist allein optisch eine Wucht und bietet einen ausgeklügelten Rennmechanismus. Wenn es in einer Ergänzung bald noch Wettmöglichkeiten geben würde, wäre Turfmaster das perfekte Spiel. So bleibt Jockey mit einer Nasenlänge vorne. Zumindest an diesem Renntag ...