Robinson Crusoe

eine Spielerezension von Olaf Bormann - 22.07.2014
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Schachtel des Gesellschaftsspiels Robinson Crusoe - Foto von Pegasus Spiele
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Eine alte Sehnsucht, ein alter Traum. Auf einer Südseeinsel stranden, sich selbst behaupten. Je mehr sich die Welt und das Leben der Industrialisierung beugen und einordnen mussten, umso mehr hatten solche Ausbruchswünsche Konjunktur. In einer neueren Version dieser Fantasie stoßen die Protagonisten der Fernsehserie "Lost" alsbald auf geheimnissvolle gefüllte Vorratslager. Hier liegt der Hase im Pfeffer, die Mühsal soll doch bitte schön im Rahmen bleiben ...

Robinson Crusoe - so funktioniert das Gesellschaftsspiel

Nicht so im Spiel von Ignacy Trzewiczek: Robinson Crusoe (Pegasus Spiele). Da wird selbige groß geschrieben. Es fängt schon mit der Regel an: 40 Seiten umfasst sie. Im Kern sind es aber nur 20 Seiten reine Regeln, der Rest sind Erläuterungen von Karten, Szenarien und Charakterbesonderheiten. Ziel in diesem kooperativen Brettspiel ist es zum einen, dass alle Mitspieler überleben und zum anderen, in einer vorgegebenen Anzahl an Runden bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Der Rundenablauf hat eine klare Struktur. Nach einem zufälligem Ereignis, welches fast immer erschwerte Bedingungen für alle darstellen, hält der aktuelle Startspieler eine Rede zur Lage der Nation. Was er sagt, ist tatsächlich zweitrangig, die Moral in der Truppe schlägt sich auf seine Entschlossenheit nieder. Ist diese im negativen Bereich der entsprechenden Skala, dann wird allgemein hin rumgenörgelt und er muss Entschlossenheitsmarker abgeben. Ein bitteres Unterfangen, da diese für Bonusaktionen der Spieler, je nach Charakter unterschiedlich, unabdingbar sind. Die zu entdeckende Insel mit maximal zehn Geländekärtchen wird in dem von allen als Lager bestimmten Gebiet, Nahrung und/oder Holz abwerfen.

Aktionsphase ist Herzstück des Spiels

Anschließend kommt die Aktionsphase, das Herzstück des Spiels. Jagen, bauen, sammeln, entdecken und ausruhen gehören zu den Standardmöglichkeiten. Jagen beschert Nahrung und Felle fürs Dach des Lagers. Dafür sind Waffen günstig, den Bären mit bloßen Händen zu jagen ist möglich, ja sogar sicher erfolgreich, nur ist ein Haufen Wunden garantiert.

Die Baumöglichkeiten bei Robinson Crusoe sind enorm. Neben den für das sich stetig verschlechternde Wetter nötigen Dachausbauten, gibt es eine Vielzahl von Erfindungen. Einige sind an einen bestimmten Charakteren gebunden. Eine schöne Idee ist die des konzentrierten Arbeitens: Jeder Spieler hat zwei Aktionsmarken. Setzt er beide für eine gewählte Aktion ein, gelingt sie. Setzt er nur eine ein, weil die andere für eine weitere genutzt werden soll, dann müssen noch drei spezielle Würfel benutzt werden. Es klappt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf diesem Weg, aber eben nur fast. Mitunter zieht man sich eine Wunde zu oder hat ein Abenteuer am Hals. Was anfangs noch von allen gut geheißen wird, verliert schnell seinen Reiz, da diese Karten selten gutes bedeuten. Die Ereigniskarten vom Rundenbeginn wiederum haben sogar noch einen zusätzlichen Bedrohungscharakter. Wenn sich niemand darum kümmert, dann gibt es zusätzlichen Ärger. Orginell ist die Möglichkeit, das Lager aufzuräumen. Dies ist eine der wenigen Gelegenheiten, die Moral der Truppe zu erhöhen. Irgendjemand muss immer zum Strand zum Fegen ...

Das Wetter und andere Unwegsamkeiten

Wenn sich alle dankbar in den Armen liegen, da durch Abkürzungen, Korb oder Topf (alles Erfindungen) auf einmal drei Gurken mehr geerntet werden können, schlägt unbarmherzig das Wetter zu! Wie bei den drei kleinen Schweinchen bleibt natürlich nur das massive Steinhaus stehen, aber das ist ein Lerneffekt. Spätestens ab der zweiten Runde wird einer sofort zu Spielbeginn rufen: "Lasst uns sofort alles was Beine hat, ins Dach stecken!" Der Druck nimmt zu, unzählige Male fragt man sich im Spielverlauf: "Wie soll das zu schaffen sein?"

Im Spiel zu dritt zogen wir uns den Hund an die Seite. Der hilft beim Erkunden und Jagen. Dachten wir zumindest. Nach dem dritten erfolglosen Versuch diskutierten wir ausgiebig über die Möglichkeit, den Köter auf den Grill zu legen, leider gibt es die Regel nicht her.

Das Spiel allein gegen den Mechanismus

Das Solospiel: Prima Sache, keiner quatscht dazwischen, alle Entscheidungen fälle ich selbst. An meiner Seite der Köter und ein friedlicher, hilfsbereiter Eingeborener, nennen wir ihn Freitag. Vier Aktionsscheiben also. Trotzdem kein Zuckerschlecken. Szenario vier, die Vulkaninsel, zwingt einem den Geheimniskartenstapel gerade zu auf. So schnell konnte ich gar nicht "so ein Mist" sagen, wie Würgeschlange, Gorilla, Spinnen und Skorpione mich auf IHREN Mittagstisch baten ... Eigentlich war ich der Koch als Charakter! Ließ ich es vorsichtiger angehen, dann legten Vulkanasche und Lava alles lahm. Es ist schwierig, aber spannend. Das gleiche Szenario läuft in verschiedenen Partien völlig unterschiedlich, da Startgegenstände, zusätzliche Erfindungsmöglichkeiten, entdeckte Gebiete und alle Formen der Ereigniskarten immer wieder zu anderen Abläufen führen.

Wie gut ist das Brettspiel Robinson Crusoe?

Robinson Crusoe ist kein Leichtgewicht! Bei vier Spielern können vier Stunden Spielzeit locker einkalkuliert werden. Das sollte allen Beteiligten vorher klar sein. Dann zu verlieren, das ist natürlich hart. Wo sonst Regeln schnell kontrovers diskutiert werden, gibt es hier plötzlich überraschende Einigkeit: Hier ALLE Spieler, dort die Regel. Sie ist nicht ohne und hat an einigen Stellen einige Umdrehungen zu viel. Für einen flüssigen Spielablauf hätte auf manches wenig Eingängige verzichtet werden können: verfügbare Ressourcen, zukünftige Ressourcen, Ausnahmen davon, zwanghaftes Nutzen der Abenteuerkarten, Wirksamkeit und Gleichzeitigkeit von Nutzungsmöglichkeiten, der in Brutto- und Nettophase unterteilte Kampf, all das hemmt die Dynamik, wenn immer wieder nachgeschlagen werden muss, wie es im Detail funktioniert.

Optisch ist Robinson Crusoe ein purer Genuß! Sehr stimmungsvoll ist die Grafik und das Material, auch wenn leider mal wieder Frau fast nur als Sexobjekt dargestellt ist und Mann natürlich mit Glatze und Schmerbauch daher kommen darf.

Der Frustmoment kann hoch sein, wieder mal schaut das Rudel an Knüppeln vorbei, was zwischen unsere Beine will. Es doch zu schaffen, das ist schon ein gewisses Erlösungsgefühl! Das von mir sehr gemochte Pandemie kommt im Vergleich tatsächlich abstrakter und kühler daher. Zu zweit funktioniert das kooperative Gesellschaftsspiel ebenfalls gut: Freitag als Nichtspielercharakter ist auf unserer Seite und macht eine halbe Spieleraktion, 90 Minuten sind hierbei realistisch.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
1-4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
10+
Spieldauer (Minuten): 
60-120
Jahrgang: 
2013
Spielkategorisierung
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