Die Legenden von Andor - Chada & Thorn

eine Spielerezension von Alexandra Fauth - 20.02.2016
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Die Legenden von Andor - Chada & Thorn - Foto von Kosmos

Nebel wabert über der Landschaft. Die Reste unseres Schiffs liegen verstreut zwischen den Klippen. Wir sind gestrandet. Unheimliche Geräusche dringen durch die Nacht. Welche Herausforderungen werden uns hier, fern der Heimat, erwarten? Werden wir es schaffen, nach Andor zurückzukehren und dem Fluch dieser Insel zu entkommen?

So oder so ähnlich hatten wir uns als Andor-Liebhaber vor dem ersten Ausprobieren das Spielgefühl von Die Legenden von Andor – Chada und Thorn vorgestellt – ganz im Sinne der Spielatmosphäre seines großen Bruders Die Legenden von Andor. Michael Menzel legte mit dem Kennerspiel des Jahres 2013 ein kooperatives Brettspiel vor, das in seinen Spielmechanismen stark an Pen and Paper-Rollenspiele erinnert, aber dennoch Elemente eines klassischen Brettspieles aufweist. Die eigenständig spielbare neue Version um die Helden Chada und Thorn greift diese Mischung auf, übersetzt sie jedoch in ein weniger komplex angelegtes, kartenbasiertes Zweierspiel. Nicht verwunderlich, dass es als solches an weitere Fantasy-Kartenspiele wie Der Herr der Ringe – Das Duell (Peter Neugebauer, Kosmos) erinnert – allerdings ohne den Duellcharakter solcher Spiele aufzugreifen. Andor bleibt trotz Autorenwechsel eine kooperative Herausforderung. Spielmechanismus und Umsetzung stammen diesmal von Gerhard Hecht, der mit Jäger + Späher schon einmal erfolgreich ein Zwei-Personen-Spiel (ebenfalls für Kosmos) vorgelegt hat. Michael Menzel steuert weiterhin die gekonnten Illustrationen bei.

Wie spielt sich das Kooperationsspiel Die Legenden von Andor – Chada und Thorn?

Wie im Brettspiel gibt es verschiedene Abenteuer, die nacheinander zu bewältigen, aber auch in sich abgeschlossen sind. Mit Chada und Thorn befinden wir uns auf der Rückreise ins Land Andor, das dringend unsere Hilfe braucht. Zuerst müssen wir jedoch dem Fluch entkommen, der die Insel heimsucht. Das ist er auch schon, der Hauptantagonist, den es zu bezwingen gilt. Wobei, „bezwingen“ ist hier eigentlich nicht das richtige Wort; „weglaufen“ trifft es schon eher. Anders als im Grundspiel treibt nicht eine Erzählerleiste zur Eile, sondern der stetig aufrückende Fluch: Eine Spielfigur, die im Gegensatz zu unseren Helden immer die kürzesten Wege beschreitet. Stärke und Willenspunkte sind dennoch weiterhin relevant: Aus dem Nebel tauchen durch sogenannte Nebelkarten (Andor-Kennern wird das bekannt vorkommen) unheilvolle Kreaturen auf, die wir in den eigenen Kartenreihen auslegen und entweder mit Stärke oder durch (meist negative) Sonderaktionen bekämpfen müssen. Wie gewohnt können wir uns (zu) starken Gegnern gemeinsam stellen; allerdings nur, wenn wir auf benachbarten Feldern stehen. Nicht immer ist das möglich, denn manche Strecken können nur von Chada, andere nur von Thorn beschritten werden. Vorausschauende Absprachen sind daher unabdingbar, zumal am Wegesrand Gefahren und Blockaden lauern.

Kartenbasierter Mechanismus

Andor-typisch stehen uns dabei drei verschiedene Aktionen zur Verfügung: Laufen, Kämpfen und Sonderfähigkeiten. Im Gegensatz zum Brettspiel spielt sich hier jedoch alles über Karten ab. Wir legen je drei Kartenreihen vor uns aus, von denen wir jeweils die vorderste Karte für unseren Zug nutzen können – anschließend legen wir sie entweder ans Reihenende oder, beispielsweise im Falle eines besiegten Gegners, entfernen sie aus dem Spiel. Im Verlauf des Abenteuers werden die Reihen mit weiteren Karten verlängert. Gerhard Hecht nutzt hier also, ähnlich wie bereits in Kashgar, eine Variante des Deckbau-Mechanismus und verknüpft diese mit den Andor-typischen Rollenspiel-Elementen.

Gespielt wird übrigens nicht auf einem Spielbrett, sondern ebenfalls auf (größeren) Karten, den sogenannten Abenteuerkarten, die wie die Legendenkarten aus dem Brettspiel in die Geschichte einführen, dann jedoch in Etappen die zu überquerende Landschaft abbilden.

Schwierigkeitsgrad und Losspielanleitung: Für wen ist Chada und Thorn geeignet?

Ein Spiel aus der Andor-Familie, eignet sich das überhaupt für Nicht-Andorianer? Ja, denn Chada und Thorn erzählt eine eigenständige Geschichte und grenzt sich im Spielmechanismus deutlich von seinen Vorgängern ab. Daher bietet es auch erfahrenen Andorianern neue Herausforderungen. Die Spielemacher erleichtern den Einstieg durch die berühmt-berüchtigte Losspielanleitung. Direkt in der Spielanleitung findet sich die erste zu bewältigende Etappe mitsamt Feld- und Mechanismus-Erklärungen. Genau darin liegt jedoch das Problem: Während die Figuren in der Anleitung stehen, können wir nicht zurückblättern, um vorige Erklärungen nachzulesen (immerhin: neueren Ausgaben des Spiels liegt hierfür ein Beiblatt bei). Insgesamt sind wir beim Spielen immer wieder auf Unklarheiten gestoßen, die auf den Karten und auch in der Anleitung irreführend oder doppeldeutig erklärt sind. Für Gelegenheitsspieler eignet sich die Losspielanleitung daher nur bedingt. Dennoch ist das Kartenspiel deutlich weniger komplex als das Kennerspiel Die Legenden von Andor – zumal der Schwierigkeitsgrad insgesamt geringer erscheint und sich anhand der Anzahl hilfreicher Freundeskarten individuell regeln lässt. Auch der Wiederspielreiz ist durch austauschbare Zwischenetappen gegeben. Dennoch wünschen wir uns schnell weitere Abenteuer, mehr Geschichten, mehr Atmosphäre.

Atmosphärische Dichte oder bröckelnde Phantasie?

Durch die Abenteuerkarten taucht die Insel nur nach und nach aus dem Nebel auf, was das Spiel unvorhersehbarer macht. Gleichzeitig würde dies sicher auch zur Atmosphäre eines zu bewältigenden Abenteuers beitragen, wenn, ja wenn, wir uns in diesem Kartenspiel ebenso geistig-phantasievoll verlieren könnten wie im Brettspiel. Nach einem kurzen Prolog, der sich dramaturgisch in verschiedenen Varianten um die Flucht vor dem Fluch dreht, stehen die Wege und Landkarten für sich. Selbst nach erfolgreichem Abschluss eines Abenteuers folgt kein atmosphärischer Epilog, wie wir von einem Andorspiel erwartet hätten; stattdessen beenden wir das Spiel nüchtern und fantasielos, indem wir unsere Figuren auf ein Zielfeld ziehen, ganz wie bei jedem klassischen Laufspiel. Die Illustrationen von Michael Menzel machen das zumindest ein wenig wett: insbesondere die Figuren sind liebevoll fantastisch gestaltet und versetzen bereits beim Betrachten in die Welt Andors. Die Landschaftskarten haben diesen Effekt zumindest auf uns jedoch nicht in diesem Maß; vielleicht, weil ihnen die Detailverliebtheit der Spielbrettlandschaft aus Die Legenden von Andor fehlt, sicher auch weil sie durch den Nebel relativ ähnlich gestaltet sind.

Auf nach Andor … äh, zur verfluchten Insel?

Wer die atmosphärische Dichte von Michael Menzels Die Legenden von Andor liebt, wird seine Fantasie in der neuen Kartenversion anstrengen müssen. Trotz der gekonnten Illustration fehlen den Abenteuern die packenden Geschichten, die die Spieler mitten ins Geschehen ziehen. Dafür liefert Hecht einen interessanten Spielmechanismus, der sich gut in die fantastische Welt Andors einfügt und ein völlig anderes Spielgefühl entfacht als Menzels Brettspiel. Die Flucht vor dem Fluch erinnert stark an andere Fantasy-Umsetzungen, wie beispielsweise das gleichfalls kooperative Der Hobbit oder Der Herr der Ringe (beide ebenfalls aus dem Hause Kosmos). Neben der Flucht als Haupthandlungsstrang nehmen die Kämpfe dennoch eine zentrale Funktion ein. Anders als im Brettspiel können die Helden ihre Strategie freier wählen: Ohne die Begrenzung eines durch besiegte Kreaturen vorrückenden Erzählers besteht immer die Option, den Kampf mit den Nebelkreaturen zu suchen, um sich dadurch Vorteile zu verschaffen. Der Kartenmechanismus bringt durch die offen liegenden Karten und die Deckbau-Elemente eine hohe Planbarkeit ins Spiel, die nur durch kleinere Glücksfaktoren wie die nächste Kartenetappe oder die Nebelkarten abgeschwächt wird. Der kommunikative Charakter der Andorspiele bleibt dabei erhalten: Nur durch Absprachen gelingt es den Helden, den Fluch auszutricksen und die Insel schließlich zu verlassen … ähm, ich meine, die Figur in das dafür vorgesehene letzte Kästchen zu setzen.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Verlag: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
10
Spieldauer (Minuten): 
45
Jahrgang: 
2015
Spielkategorisierung
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Kommentare

So erging es uns auch. Tolles Spiel, aber weniger Stimmung und Andor-Feeling. Etwas schade.

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