Bretagne

eine Spielerezension von Ralf Schallert - 08.12.2015
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Worker-Placement als Strategiespiel: Bretagne - Foto von Heidelberger Spieleverlag

Im Jahr 1882 beschloss der französische Staat die Leuchttürme an seinen Küsten zu modernisieren, um diese an die Erfordernisse der modernen Dampfschifffahrt anzupassen. Die Wichtigsten von ihnen sollten zudem mit Elektrizität ausgestattet werden. Im gleichen Atemzug sollten bestehende Leuchttürme erhöht oder komplett neu erbaut werden, um die jeweilige Reich- bzw. Sichtweite zu vergrößern. Speziell vor der wild zerklüfteten bretonischen Küste, die durch ihre sehr hohen Gezeitenunterschiede geprägt ist, stehen derzeit noch über 50 mehr als  100 Jahre alte Leuchtturm-Oldies und werden immer noch betrieben. Das freut natürlich auch die Touristen die jährlich in Scharen zu diesen Türmen pilgern.

Worum geht es beim Brettspiel Bretagne?

Das vorliegende Spiel von Marco Pozzi (Heidelberger Spieleverlag) versetzt die Spieler in das ausgehende 18. Jahrhundert und damit in die Bauzeit der bekanntesten bretonischen Leuchttürme. Sie verkörpern dabei Baumeister und sind dafür zuständig, dass die Türme fristgerecht und völlig unabhängig vom gerade herrschenden Wetter fertiggestellt werden. Zusätzlich gilt es natürlich auch den genauen Einsatz der notwendigen Materialien, Arbeiter und Ingenieure zu planen. Das Spiel läuft über fünf Runden, die wiederum jeweils in fünf Phasen unterteilt sind: die Rundenvorbereitung, die Materialbeschaffung, die Aktionen selbst, die Wertung der in der jeweiligen Runde errichteten Leuchttürme, sowie das Rundenende.

Wie wird Bretagne gespielt?

Ausgehend von einer zufälligen Startaufstellung kann sich jeder der bis zu vier Spieler in der ersten Phase ein Tableau mit Versorgungskähnen aussuchen. Diese transportieren später neben auszuwählenden Baumaterialien auch Ingenieure und Geld und legen zudem die Spielreihenfolge für die aktuelle Runde fest. Anschließend werden individuell für diese Runde die Märkte bestückt, das Einkommen für Hafenarbeiter ausgezahlt, die verfügbare Produktionen sowie das aktuelle Wetter festgelegt. Die Versorgungskähne werden nach bestimmten Regeln mit den in dieser Runde durch die allgemeine französische Produktion zur Verfügung gestellten Baumaterialien (Holz, Stein, Sand und Ziegel) beladen und stehen somit den jeweiligen Spielern zum Bau von Leuchtturmsegmenten zur Verfügung.

In der nun folgenden Aktionsphase können die Spieler rundenweise entweder Segmente für die Leuchttürme errichten oder auf den beiden Märkten Handel treiben. Die Leuchttürme werden aufgrund ihrer Lage in drei unterschiedlich stark vom Wetter abhängigen Kategorien eingeordnet: Himmel-Leuchttürme haben einen direkten Landbezug, Fegefeuer-Leuchttürme stehen meist in Sichtweite vor der Küste, die Hölle-Leuchttürme trotzen allerdings weit vor der Küste einsam im Atlantik stehend Wind sowie Wellen. Je nach Art der Kategorie werden unterschiedlich viele Baumaterialien zum Bau benötigt. Zudem ist es von der Art des Wetters abhängig, wie viele Ingenieure notwendig sind, um eine Segment des Leuchtturmes zu errichten. Will also ein Spieler ein Leuchtturmsegment errichten, nimmt er sich eines der auf dem Plan offen zur Verfügung liegenden Segmente, gibt die geforderte Stückelung an Baumaterialien zum Erwerb und zum Bau von seinem Frachtkahn und Lager und die notwendige Anzahl an Ingenieuren ab. Anschließend erhält er einen Bonus je nach Kategorie des gebauten Leuchtturmsegmentes. Zusätzlich besetzt er das gerade gebaute Segment mit einer Anzahl von Arbeitern, die der Anzahl an Baumaterialien entspricht, welche er gerade ausgegeben hat. Alternativ kann der Spieler die Angebote auf den beiden Märkten nutzen, um dort zu handeln, muss aber auch dafür jeweils einen Arbeiter entsenden.

Ist keine Aktion mehr möglich, weil Arbeiter, Ingenieure oder Baumaterial ausgegangen sind, so passt der Spieler und sichert sich somit einen guten Platz, um in der nächsten Runde möglichst zuerst einen der Frachtkähne aussuchen zu können. Nun werden noch die in dieser Runde fertiggestellten Leuchttürme gewertet. Dieses geschieht in drei Schritten: Ausbau, Hafen und Wertung. In Reihenfolge der Mehrheiten an Arbeitern auf dem Leuchtturm können die Spieler Ausbaukarten ausspielen. Diese Ausbauten erbringen Siegpunkte, benötigen allerdings auch einen Arbeiter, der vom Turm abgezogen wird. Anschließend können die Spieler in Reihenfolge der neuen Mehrheiten einen weiteren Arbeiter abziehen und in einem Hafen stellen, der in demselben Gebiet liegt wie der gerade errichtete Leuchtturm. Erst jetzt wird die endgültige Mehrheit festgelegt und es werden dafür Siegpunkte ausgeschüttet.

Wie gut ist das Brettspiel Bretagne?

Bretagne ist eines der üblichen Worker-Placement-Spiele. Ständig haben die Spieler mit einem Mangel an allen Ressourcen zu kämpfen. Viele interessante Mechanismen wurden hier zu einem logisch ablaufenden und thematisch sehr dichtem Spiel verknüpft. Leider kann es jedoch im Vergleich mit Highlights dieses Genres wie z. B. Auf den Spuren von Marco Polo und Orléans nicht mithalten. Erster und größter Mangelpunkt ist die mögliche Spielstrategie. Zwar gibt es im Spiel viele Möglichkeiten, Siegpunkte zu generieren, dieses verschleiert jedoch den Blick darauf, dass Arbeiter quasi unabdingbar sind und es nur zwei Häfen gibt, die einen Nachschub an Arbeitern garantieren. Wenn also ein Spieler nicht von Anfang an den Hölle-Leuchttürmen mitbaut, in deren Gebiet die entsprechenden Häfen liegen, gerät er automatisch ins Hintertreffen und kann diesem Manko nicht einmal auf den Märkten gegensteuern, da jede Marktaktion nur einmal ausgeführt werden darf. Selbst in der Regel und im Internet finden sich zum Einsatz der Arbeiter aktuell etliche Unklarheiten, die durch den Verlag nicht schlüssig beantwortet wurden. Zu diesem Fauxpax kommen noch einige grafische bzw. gestalterische Detailmängel. So sind zwar Spielbrett und Leuchtturmkarten sehr gut gelungen, was den Grafiker jedoch geritten hat, z. B. die Nachschubplättchen der Häfen mit einer Camouflage-Grafik zu verzieren, wird wohl immer sein Geheimnis bleiben.

Unter dem Strich ist Bretagne zwar ein solides Arbeiter-Einsetzspiel, das sich zwar eines unverbrauchten und sehr speziellen Themas annimmt, leider jedoch an einer Unwucht seiner Spielmechaniken krankt und deshalb hier nur für Fans empfohlen werden kann. Zu groß ist die aktuelle Konkurrenz anderer Spiele auf diesem Sektor, sodass sich selbst Kleinigkeiten über Erfolg und Misserfolg eines Spiels entscheiden können.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spieleautor: 
Grafik: 
Spielerzahl: 
2-4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
90-120
Jahrgang: 
2015
Spielkategorisierung
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