LAMA

… nimm's lässig!

eine Spielerezension von Dirk Janßen - 09.06.2019
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LAMA - Ausschnitt - Foto von Amigo Spiele
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Bei vielen Dingen fragt man sich ja, wie konnte es dazu kommen. Zum Beispiel im Bereich Sprache. Wann haben Jugendliche angefangen, Dinge "nice" zu finden? Oder jemand anders als Ehrenmann zu betiteln? Und so verhält es sich auch mit Hypes in der Brettspielszene. Parallel zur Flügelschlag-Welle (nominiert für das Kennerspiel 2019) startete der L.A.M.A.-Hype. Eines der zahlreichen Kartenspiele von Amigo Spiele war auf einmal in aller Munde und an vielen Spieltischen auch in den Händen. Während den einen das simple Kartendreschen euphorische Reaktionen entlockte, wähnten andere den Untergang der Brettspiellandschaft wie wir sie kennen gekommen. It‘s the end of the Spielelandschaft as we know it! Das Lama als Personifizierung aller vier apokalyptischer Reiter inklusive Pauken, Trompeten und natürlich Drachen sowie leicht bekleideter, wolllüstiger Frauen. Johannes lässt grüßen. Mit dem L.A.M.A. ist das aber alles gar nicht so schlimm, denn im Gegensatz zur Apokalypse hat man hier ja die Wahl.

L.A.M.A. rules

L.A.M.A. steht für „Lege Alle Minuspunkte Ab“, und das ist auch die einzige Aufgabe bei diesem Kartenspiel. Jeder Spieler hält zu Beginn sechs Karten auf der Hand, welche Zahlenwerte von 1 bis 6 oder ein Lama enthalten. In der Mitte liegt eine beliebige Startkarte. Bin ich dran, habe ich folgende Möglichkeiten:

  • Karte abspielen,

  • Karte nachziehen,

  • aus der Runde aussteigen.

Beim Abspielen kann ich auf den Ablagestapel eine gleichwertige oder um 1 höhere Karte ablegen. Ein Lama kann dabei nur auf eine 6 oder auf ein Lama gelegt werden. Eine 1 wiederum kann auf ein Lama gelegt werden. Ziehe ich nach, kann ich nicht sofort ablegen, sondern muss warten, bis ich wieder an der Reihe bin. Kann ich weder ablegen, noch möchte ich nachziehen, steige ich aus der Runde aus und lege meine Karten verdeckt vor mir ab.

Eine Runde endet, sobald ein Spieler alle Karten von seiner Hand abgelegt hat oder alle ausgestiegen sind. Sind bis auf einen Spieler alle ausgestiegen, kann dieser, wenn möglich, seine Handkarten spielen. Er darf nur keine Karten mehr nachziehen.

Minuspunkte gibt es für Zahlenkarten (1 - 6) und das Lama (10), wobei doppelte Karten nur einzeln gezählt werden. Zum Beispiel zählen 3 Lamas trotzdem nur 10 Minuspunkte. Minuspunkte werden in Form von weißen (1 Punkt) und schwarzen (10 Punkte) Chips vergeben. Schafft es ein Spieler, in einer Runde alle Karten abzulegen, darf er einen Chip zurücklegen. Sobald ein Spieler 40 oder mehr Punkte hat, endet das Spiel und der Spieler mit den wenigsten Karten gewinnt.

Mit dem Lama lautstark andere Spieler vertreiben

LAMA - Spielmaterial - Foto von Amigo Spiele

Spieler, für die ein Spiel mit einer Spieldauer von unter zwei Stunden kein Spiel ist, die gerne vor jedem Spielzug mehrere Minuten grübeln und die bei einem Spiel mehr Optionen als Paare Socken im Schrank benötigen, für die ist L.A.M.A. nichts bis gar nichts. Ebenso für Leute, die Spielen und Lachen kategorisch ausschließen, mit der einfachen Spielfreude ihrer Kindheit abgeschlossen haben und eine Antipathie gegen Spiele haben, die andere gerne mit den Worten „Glück“, „Zufall“ und „Verkehrsleitsystem“ umschreiben. Wer es hingegen hin und wieder oder überhaupt gerne mag, wenn ein Spiel einfach bis hin zu stupide ist, der kann in L.A.M.A. einen treuen Begleiter finden, dessen abgewetzte Karten nach einigen Monaten an fröhliche Kartenabende erinnern.

Denn L.A.M.A. bietet nicht viele Entscheidungen. Bin ich dran, versuche ich zu bedienen. Entweder mit einer gleichwertigen oder um 1 höheren Karte. Kann ich das nicht, ziehe ich entweder nach oder steige ganz einfach aus, um möglichst Schadensbegrenzung zu betreiben. Der Spaß erwächst bei L.A.M.A. dann aus einem selbst und aus den Mitspielern, indem diese sich über eine besonders erfolgreiche Runde freuen oder die Karten auf den Tisch k(l)otzen, wenn sie auf einer „großen Straße“ sitzen bleiben.

Wem das am Allerwertesten vorbeigeht, der wird sich königlich bei L.A.M.A. langweilen. In einer unserer altersgemischten Runden waren wir bei unserem Spieletreff so launig-lamalaut, dass einige andere Spieler frühzeitig gingen. In anderen Runden wurde das Spiel nach einer Partie beendet, weil alle es stinklangweilig fanden. Vielleicht braucht L.A.M.A. sogar einen Warnhinweis!

Und nun ist das Lama auch noch nominiert!

Für Spinnerei habe ich es gehalten, als L.A.M.A. schon vor einigen Wochen als Kandidat für die Nominierung zum Spiel des Jahres 2019 gehandelt wurde. Ein schlichtes Kartenspiel soll den gleichen Titel bekommen wie bahnbrechende Spiele wie Siedler von Catan, Carcassone oder Dominion. Wie opulente Titel wie El Grande, Colt Express oder Camel Up? Ich meine, kennt oder spielt einer noch Hanabi? Wie begründet das die Jury?

„Autor Reiner Knizia hat das Prinzip des Kartenablegens genial reduziert. Die Aufgabe, die hier auf den ersten Blick trivial erscheint, entfaltet dank der minimalen taktischen Note schnell eine Sogwirkung, der sich kaum jemand entziehen kann. Spielern aller Zielgruppen entlockt das schnelle Kartenspiel immer wieder Emotionen und es schenkt ihnen so schlichtweg eine gute Zeit. Mit diesen Eigenschaften hat L.a.m.a. das Potenzial zum Klassiker.“

Okay! Ja, das trifft zu, aber dann gleich Spiel des Jahres? Ich erwarte bei dieser Auszeichnung immer noch mehr, aber vielleicht ist L.A.M.A. in der aktuellen Spieleszene, in der die Kartons immer größer, das Material immer opulenter und die Regeln immer komplexer sowie die Preise immer höher werden, tatsächlich das richtige Kontrastprogramm, um das Gesellschaftsspiel an sich wieder auf das Wesentliche zurückzuführen: Auf das Spielen! Zugänglich für möglichst jedermann! Wenn das das Ziel sein sollte, dann ist L.A.M.A. auf jeden Fall der Weg. Und hat die Auszeichnung verdient.

Video: 

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2-6
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
8
Spieldauer (Minuten): 
20
Jahrgang: 
2019
Spielkategorisierung
Fotos
LAMA - Spielmaterial - Foto von Amigo Spiele
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Kommentare

Deiner etwas erzwungenen Schlussfolgerung könnte ich mich sogar anschließen. Aber dann hätten Titel wie 5 Gurken oder Futschikato, spätestens aber Furcht vom grünen Friedemann den Titel schon viel früher verdient. Zumal diese Spiele all das mitbringen, was mutmaßlich die Entscheidung der Jury beeinflusst haben mag und zudem (offenbar) noch mehr SPIEL sind als L.A.M.A.. Und in diesem Jahr hätte sich die Jury dann nicht gezwungen fühlen müssen, so etwas zu nominieren.

Hallo Axel,

bin ich ja bei Dir. Es gab in der Vergangenheit sicher genug Spiele, die ähnlich gelagert sind wie L.A.M.A. Vielleicht hatte das Spiel nur gerade das Glück, genau in dem Moment auf den Markt zu kommen als das SdJ 2019 gesucht wird und die Kriterien zu erfüllen. Zumal L.A.M.A. ja vorher in der Szene schon einen riesigen Hype erfahren hat und damit auch den Juroren ins Auge gestochen sein dürfte. Spiel gefällt vielen, Spiel eignet sich für ein breites Publikum, Spiel ist Kontrast zum "Wahn" in der Spielerwelt. Mein SdJ Favorit ist es nicht, aber als Zwischendurchspiel finde ich es ganz gut.

Grüße

Dirk