Tournay

eine Spielerezension von Ralf Schallert - 02.07.2012
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Tournay von Reich der Spiele
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Auf der Spiele-Messe Essen 2010 avancierte der belgische Verlag Pearl Games mit seinem Erstlingswerk Troyes schnell zum Geheimfavoriten. Ein Jahr später stellte der Verlag das hier vorliegende Spiel Tournay vor. Pearl Games bleibt dabei seinem Faible für Mittelalterliches treu und reist mit den Spielern in die Vergangenheit von Tournay. Dieses kleine Städtchen im heutigen Belgien gehörte damals als Teil Flanderns zu Frankreich und war im Mittelalter ein bedeutender Standort der Tuchmacherkunst. Den dadurch erworbenen Wohlstand zeigte die Stadt durch eine ganze Anzahl von repräsentativen Gebäuden, von denen viele auch heute noch bewundert werden können.

Die Spieler schlüpfen bei Tournay in die Rolle des Oberhauptes einer wohlhabenden Familie, welches Jahrzehnte nach einem verheerenden Überfall durch Normannen, sein jeweiliges Stadtviertel größer und schöner wieder aufbauen will. Deshalb errichten sie mit Hilfe von Einwohnern neue Gebäude, nutzen deren Funktionen und versuchen schädliche Ereignisse von der Stadt fern zu halten. Das Rückgrat und der wichtigste Bestandteil von Tournay sind 123 Karten, denn es wird noch viel stärker als bei Troyes durch diese gesteuert. Die Karten verkörpern sowohl Gebäude als auch Personen in drei Wertigkeitsstufen oder aber Ereignisse, welche die Stadt heimsuchen können. Gleichzeitig gibt es auch wieder die bereits bekannten Unterscheidungen der Stände in: Adel (rot), Klerus (weiß) und Bürgertum (gelb).

Am Anfang liegen die Karten nach Wertigkeit und Stand unterschieden verdeckt in der Mitte des Spieltisches. Jeder Spieler hat zwei Einwohner eines jeden Standes und ein kleines Startkapital zur Verfügung. Ist er am Zug, kann er eine Handkarte in seine eigene Auslage spielen, die in einem 3 x 3 Karten großen Raster das zu errichtende Stadtviertel nachbildet, wobei bereits bestehende Gebäude überbaut werden können. In seinem Zug hat der Spieler die Möglichkeiten mittels der noch aktiven Einwohner seines Stadtviertels eine Karte von den Stapeln zu ziehen, ein Gebäude in seinem Stadtviertel zu aktivieren, Ereignisse zu bekämpfen, Geld zu generieren oder aber alle bereits eingesetzten Einwohner erneut auf seinem zentralen Platz zu sammeln.

Das geschickte Nutzen und Einsetzen der eigenen Einwohner ist Herz und Motor des Spiels. Nur mittels dieser kann eine Karte des zugehörigen Standes von den ausliegenden Stapeln in die Kartenhand des Spielers wandern. Für eine einfache weiße Karte ist die Tätigkeit eines Klerikers notwendig, für eine starke rote Karte der dritten Kategorie müssen sich drei Adlige ans Werk machen. Die benutzten Einwohner werden anschließend getappt und stehen dem Spieler bis auf weiteres nicht mehr zur Verfügung. In jedem der vorgenannten Stapel ist ein Ausrufer eingemischt. Wird dieser gezogen, werden die ausliegenden Ereignisse aktiviert und können alle Spieler negativ und positiv betreffen. Die Ereignisse können von den Spielern mit Einwohnern und Geld neutralisiert werden. So gewonnene Ereigniskarten dienen ihnen dann einmalig als Schutz vor einem Ereignis. Die Einwohner kommen zudem bei der Aktivierung einer Gebäudekarte im eigenen Stadtviertel zum Einsatz. Wenn das Viertel geschickt aufgebaut ist, kann man die Boni benachbarter Karten gleichzeitig nutzen. Ist Ebbe in der eigenen Kasse, können pro aktivierten Einwohner auch zwei Geldstücke eingesackt werden. Das ist allerdings nur in Notsituationen zu empfehlen, die meisten anderen Züge haben einen deutlich höheren Nutzeffekt. Das Spiel endet, sobald ein Spieler sein Stadtviertel komplettiert und darin mindestens zwei Gebäude der höchsten Wertigkeit verbaut hat oder aber, wenn mehr Stadtschreier aufgedeckt wurden, als Mitspieler dabei sind. Anschließend werden nach einem vorgegebenen Modus die Siegpunkte ausgezählt.

Sieht Tournay durch die ähnliche Grafik auf den ersten Blick wie eine Kartenspielausgabe von Troyes aus, relativiert sich dieser Eindruck bald. Mit einfachen Mitteln ist es Pearl Games gelungen, ein spannendes und forderndes Spiel auf die Beine zu stellen. Allerdings ist in Tournay aufgrund der zufällig auftauchenden Gebäudekarten ein gewisser Glücksanteil vorhanden. Aber oft sind so viele interessante Karten gleichzeitig in der Auslage, dass eine Auswahl schwer fällt. Mit diesen Punkten im Gepäck stünde einer regen Nutzung dieses Spieles auch als Reisespiel nichts im Wege, wenn der Verlag in seinem Bemühen, Vielfalt ins Spiel zu bringen, nicht ordentlich über das Ziel hinaus geschossen wäre. Gab es schon bei den wenigen Aktionskarten in Troyes oft eine Diskussion um deren Einsatz, so stehen die Spieler diesmal bei immerhin 108 Karten vor einer echten Herausforderung. Die funktionale Symbolik auf den Karten ist dabei nicht intuitiv und in der Spielregel finden sich durchaus Erklärungslücken. Tournay hat deshalb leider eine sehr hohe Einstiegshürde, denn nur wenn man alle Karten, ihre möglichen Wechselwirkungen und Zugehörigkeit zu den einzelnen Wertigkeitsstufen und Ständen kennt, hat man die Möglichkeit taktisch voraus zu planen. Um aber die Karten ausreichend kennenzulernen sollte man zwei komplette Probespiele einplanen, nichts also für Gelegenheitsspieler. Eine akzeptable Lösung wäre hier eine vollständige Auflistung aller Karten und ihrer Nutzungsmöglichkeiten.

Tournay ist ein sehr interessantes Spiel für Vielspieler, auf welches man sich aber erst einmal einlassen muss. Dann jedoch wird man mit vielen spannenden Spielabenden belohnt werden, denn aufgrund der Kartenvielfalt und der Möglichkeit, sich mit zusätzlichen Karten am Fortgeschrittenenspiel zu versuchen, wird das Spiel selbst auf lange Sicht nicht langweilig.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2 - 4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
60
Jahrgang: 
2011
Spielkategorisierung
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