Shakespeare

eine Spielerezension von Alexandra Fauth - 28.03.2016
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Shakespeare - Spielaufbau - Foto von Ystari
Lesezeit: ca. 6 Minuten

„All the world’s a stage, and all the men and women are merely players. They have their exits and their entrances, and one man in his time plays many parts.” (William Shakespeare, As You Like It)

Shakespeares vielzitierte Analogie über die Bühne und das Leben hat über die Jahrhunderte nichts von ihrer Faszination verloren. Vielleicht einer der Gründe, warum das moderne Brettspiel sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Schließlich ist der Mensch „nur da ganz Mensch, wo er spielt“, wie Schiller bereits im 19. Jahrhundert meinte. Das Workerplacement-Spiel Shakespeare (Ystari Games) greift diese Verwandtschaft auf und dreht sich im wahrsten und doppelten Sinne um die „Bretter, die die Welt bedeuten“ (Schiller). Spieleautor RV Rigal lässt die Spieler in das Zeitalter der Bühnenkunst eintauchen: Als Dramaturg des Elizabethan England gilt es, mit der eigenen Produktion die Gunst der Königin und damit das Spiel für sich zu gewinnen.

Akt I: Wie stelle ich ein gutes Theaterstück auf die Beine?

Da müssen Komparsen angeworben, Schauspieler eingekleidet und Bühnenbilder dekoriert werden – immer die Kosten im Blick, immer auf das angestrebte Prestige bedacht. Shakespeare entfaltet seine Atmosphäre dabei wie im Theater nach und nach. Wir spielen über sechs Tage mit jeweils drei Tagesphasen, an den Tagen 4 und 6 wird zusätzlich eine Kostümprobe durchgeführt.

Wie beim Bühnenvorhang, der sich langsam hebt, findet zunächst eine einleitende Phase statt: Das Festlegen der Aktionsanzahl. RV Rigal greift hier Elemente auf, die im klassischen Workerplacement-Spiel eher selten vorkommen. Das „Bieten“ erfordert nicht nur taktisches Gespür, sondern auch Bluff-Geschick und Menschenkenntnis. Verdeckt wählt jeder so viele Aktionszylinder aus, wie er Aktionen zur Verfügung haben möchte – doch derjenige mit den wenigsten Aktionen erhält nicht zu unterschätzende Vorteile, u. a. den Startspielervorteil.

Gibt der Vorhang den Blick auf die Bühne frei (sind die Aktionsmöglichkeiten und Startbedingungen erst einmal festgelegt) kann das eigentliche Stück (bzw. Spiel) beginnen. Dieses vereint mehrere (Zusatz-)Mechanismen, die bereits aus anderen Workerplacement-Spielen bekannt und bewährt sind. Wie in Die Säulen der Erde (Michael Rieneck und Stefan Stadler, Kosmos) können wir verschiedene Helfer anwerben – hier allerdings nicht nur Handwerker (Schneider, Bühnenbildner, Juwelier usw.), sondern natürlich auch Schauspieler und Komparsen. Der klassische Workerplacement-Mechanismus bezieht sich auf den Einsatz dieser Figuren. Wie bei einem Theaterstück schicken wir Akteure ins Spiel, nutzen deren verschiedenen Aktionen und lassen sie am Ende der Szene (des Tages bzw. der Spielrunde) wieder abgehen. Fast alle verwendeten Figuren müssen in der Folgerunde pausieren und stehen nicht zur Verfügung – sie haben die Brettspielbühne bis zum nächsten Akt verlassen.

Die Figuren bieten dabei sehr unterschiedliche Aktionsmöglichkeiten. Bühnenbild und Kostüme bringen Prestige, sind aber auch teuer (ähnlich wie bei Village von Inka und Markus Brand, Pegasus Spiele, sind die dafür zur Verfügung stehenden Plättchen abhängig von der Spielerzahl), außerdem gibt es Bauregeln zu beachten. Sonderhandwerker bringen Boni (z. B. Siegpunkte durch das Gold des Juweliers), Schauspieler haben jeweils eigene Sonderfähigkeiten, die Königin hilft mit Geld oder Zusatzzielen. Wer sich bei all dieser Kunsterschaffung noch nicht an Fresko (Marco Ruskowski und Marcel Süßelbeck, Queen Games) erinnert fühlt, wird spätestens in der Phase „Stimmung“ ein Déjà-vu erleben: Wie bei Fresko wirkt sich die Stimmung der Schauspieltruppe (dort: der Arbeiter) auf das Spielgeschehen aus.

Doch kein Theaterstück ohne Kostümprobe: An den Tagen 4 und 6 findet hier eine Zwischenwertung statt. Je prächtiger die Kostüme, desto schneller geht es in den drei Akten (dargestellt als Leisten auf dem Spielbrett) voran. Und je weiter man im Akt, also im Stück, fortgeschritten ist, desto mehr Siegpunkte und Boni gibt es. Schließlich war der Applaus des Publikums schon in Shakespeares Zeit (zu der Theater eher einer Mischung aus Kino und Fußballstadion glichen) entscheidend.

Akt II: Liebesschwüre und Shakespearean Sonnets? Weit gefehlt!

„Shakespeare“ – wer dabei augenrollend an verstaubte Liebesschwüre, langweilige Theaterabende und hochgestochene Werkanalysen denkt, hat Shakespeare noch nicht gespielt. Doch auch wer den Sieg schon sicher in der Tasche glaubt, weil er Anglistik studiert oder in der Schultheater-AG die Julia gespielt hat, wird eine Überraschung erleben. Shakespeare ist kein Kommunikationsspiel mit strategischen Elementen – strenggenommen auch kein Literaturspiel. Man muss weder Professor sein noch die Shakespearean Sonnets zitieren können, um in diesem Spiel zu punkten – und großen Spaß daran zu haben. Schon Shakespeares Julia wusste um die Bedeutungslosigkeit von Namen („What’s in a name? That which we call a rose, by any other name would smell as sweet.“, Romeo and Juliet). Hier trifft das auch auf die Thematik zu. Der ausgeklügelte und durchdachte Spielmechanismus würde auch ‚mit jedem anderen Namen ebenso süß duften‘ – mit anderen Worten, das Spielprinzip würde auch bei anderer Thematik verzaubern und begeistern. Die Spielanleitung erklärt die komplexen Funktionsweisen des Spiels anschaulich und leicht verständlich, Strategie-Tipps runden diesen Eindruck ab. Damit dürfte Shakespeare auch für neugierige Gelegenheitsspieler, die sich das erste Mal an ein Kennerspiel wagen, zu bewältigen sein. Dennoch, Shakespeare ist genau das: Ein Kennerspiel, das sich in erster Linie an Vielspieler wendet. Als Optimierungsspiel fordert Shakespeare in erster Linie strategisches und taktisches Können, bringt durch kleinere Glücksfaktoren jedoch auch Überraschungsmomente ins Spiel.

Ehrgeizige, Strategen und Spielbegeisterte können Shakespeare auch in der Solo-Variante spielen und verschiedene Strategien austesten. Damit bietet das Workerplacement-Spiel eine zusätzliche Spielebene, die gerade für Grübler und Taktiker reizvoll sein dürfte.

Akt III: Bühnenluft und Taktik-el-Dorado

Natürlich ist es aber gerade auch die theaterbezogene Atmosphäre des Spiels, das Sich-Zurückversetzen in die Bühnenwelt des 16. Jahrhunderts, das den Reiz und Wiederspielreiz von Shakespeare mit ausmacht. Die Illustrationen von  A. Demaegd und Neriac tragen einen großen Teil zur atmosphärischen Dichte Shakespeares (des Spiels, nicht des Dichters ;) ) bei. Schon die Anleitung erinnert grafisch an ein antikes Buch (oder Theaterskript), das bereits vor dem Aufschlagen Lust auf die Lektüre macht – ein Effekt, den Spielanleitungen sonst selten bis nahezu nie haben. Viele liebevolle Details erzeugen Bühnenflair und versetzen ins elisabethanische Zeitalter: Die Tableaus, auf denen jeder Spieler sein eigenes Theater einrichtet, die Umsetzung der Schauspieler als bekannte Figuren aus Shakespeares Stücken und die Hintergrundinformationen zum Thema, die Interessierte in der Spielanleitung nachlesen können. Dass kleinere Anpassungen vorgenommen wurden, um das Thema „spielbarer“ zu machen, fällt daher kaum ins Gewicht (Shakespeares Dramen sind Fünf-Akter, im Spiel werden daraus nur drei Akte; Kostümproben waren zu Shakespeares Zeit noch nicht fest integrierter Bestandteil der Vorbereitungen; …).

Die überaus gelungene Spielatmosphäre wird mit einem interessanten Spielmechanismus kombiniert, der bereits für sich betrachtet einen großen Wiederspielreiz aufweist. Mehrere Strategien führen zum Ziel, weshalb Shakespeare immer wieder eine neue Herausforderung darstellt. Klassische Workerplacement-Mechanismen und gängige Elemente aus Optimierungs- und Aufbauspielen bilden ein altbekanntes und dennoch neuartiges Spielerlebnis. Auf den ersten Blick scheint Shakespeare relativ nah bei Fresko zu liegen, entwickelt jedoch nicht zuletzt aufgrund der Theateratmosphäre und des Workerplacement-Mechanismus ein ganz eigenes Spielgefühl. Insbesondere die für das Spielgenre eher ungewöhnlichen Aspekte (wie das Bluffen in der „Bieten“-Phase) bringen Esprit ins Spielgeschehen und sorgen für den ganz besonderen Shakespeare-Charme. Nicht nur Shakespeare-, Literatur- und Bühnenliebhaber werden dieses Spiel wieder und wieder spielen wollen – allein, zu zweit, in der Gruppe. Bühnenluft und Taktik-el-Dorado, Atmosphäre und gelungener, erfrischender Spielmechanismus: Dieses Spiel hat alles, was man sich von einem guten Kennerspiel wünscht.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
1-4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
13
Spieldauer (Minuten): 
20-90
Jahrgang: 
2015
Spielkategorisierung
Fotos
Shakespeare - Spieleschachtel - Foto von Ystari
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