Arkham

Hexenstadt am Miskatonic

ein Spiele-Artikel von Christoph Brandt - 11.10.2009
Arkham - Foto von Pegasus Spiele
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Lag der bisherige Schwerpunkt deutscher Veröffentlichungen zum Rollenspiel Cthulhu auf Quellenbüchern zu Europa, speziell Deutschland, so hat sich dies seit etwa einem Jahr geändert. Mit dem Quellenband USA – Großmacht unterm Sternenbanner rückte das Heimatland des Mythos-Begründers H. P. Lovecraft in den Focus der Veröffentlichungen, und der neuste Quellenband führt uns schließlich mitten ins Herz von Lovecraft Country, nach Arkham. Es soll der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Hintergrundbänden zu den fiktiven Städten Neuenglands werden, zu denen neben Arkham so illustre Orte wie Innsmouth, Kingsport und natürlich Dunwich gehören.

Als solides Hardcover mit stabiler Bindung und erstklassigem Druck kommt der fast 320 Seiten starke Quellenband in gewohnt herausragender Qualität daher, so wie es Fans von  Publikationen aus dem Hause Pegasus schon (fast) gewohnt sind. Ein ordentliches Inhaltsverzeichnis und ein entsprechend gut sortierter Index vereinfachen die Arbeit mit dem Buch erheblich, gehören aber auch mittlerweile schon zum guten Ton des Verlages, einzig das Lesebändchen habe ich vermisst, was aber nicht tragisch ist. Abgerundet wird alles durch eine Schwarz-Weiß-Karte von Arkham, die ein dreidimensionales Häusermeer der Hexenstadt am Miskatonic zeigt.

Doch zum Inhalt: Der Verlag hat sich die Mühe gemacht gleich zwei amerikanische Quellenbücher miteinander zu verschmelzen. Die Originalbände Arkham: Unveiling the Legend-Haunted City und Miskatonic University: A Sourcebook wurden übersetzt und neu geordnet und präsentieren sich im Deutschen nun als Einheit, was überraschend gut gelang. Das Quellenbuch beginnt als klassischer Reiseführer durch Arkham. Alle sehenswerten Orte, Gebäude und Personen der fiktiven Stadt am Miskatonic River werden vorgestellt. Hinzu kommt eine gewohnt stimmige Bebilderung mit alten Fotografien von Personen und Häusern, sowie (einigen) großartigen Hausskizzen. Alle vorgestellten Personen verfügen über Spielwerte und können sofort vom Spielleiter eingebaut werden. Klasse!

Das eigentliche Highlight des Bandes ist aber die Beschreibung der Miskatonic University, die etwa zwei Drittel des Quellenbuches einnimmt. Hier ist es gelungen diese etwas andere Universität glaubwürdig zu beschreiben, mit der uralten Orne-Bibliothek voller Mythosbücher, der archäologischen Fakultät mit ihren Expeditionen in die entlegensten Winkel der Erde (und darüber hinaus), mit professoralen Geheimbünden und obskuren Studentenverbindungen. Natürlich dürfen auch die verborgenen Tunnel unter dem Campus ebenso wenig fehlen wie die gefährlichen Initiationsriten so mancher Studentenschaft oder okkulten Gesellschaft. Genug Material also um unzählige Abenteuer zu bestehen. Hinzu kommt das präzise geschilderte Leben der Studenten mit Ruderclub, Theatergesellschaft und den obligatorischen Studentenverbindungen. Selbst Kopiervorlagen für Studienbücher und Zeugnisse wurden nicht vergessen, sodass es nun bis ins Detail möglich ist eine junge Studentengruppe zu spielen, die zwischen Kursen, Prüfung, Hausarbeiten, Sportturnieren und Studentenpartys den Geheimnissen der Miskatonic University nachspüren.

Liest sich die Beschreibung des Studentenlebens noch sehr amüsant, fällt bei einer näheren Betrachtung auf, dass die Ausführungen doch sehr modern sind. Man orientiert sich hier eher an der Popkultur wie „Buffy“, „Harry Potter“ oder auch „Beverly Hills 90210“ als an der Realität der 1920er-Jahre, in denen das Studieren sehr viel ernster war und selbst heute harmlos anmutende Begebenheiten wie in der „Feuerzangenbowle“ schon die Ausnahme waren. Es wird also kein realistisches Bild des damaligen Universitätslebens mit seinen strengen Hierarchien gezeichnet, aber warum auch? So werden die Abenteuer sehr viel pulpiger und auch eher nachvollziehbar für Spieler und Spielleiter, und das zählt.

Darüber hinaus wird mit Arkham – Hexenstadt am Miskatonic das Cthulhu-Rollenspiel endgültig kampagnenfähig. Dank des Quellenbuchs ist es nun möglich eine junge Studentengruppe zu kreieren, die zwischen dem Büffeln für die Matheklausur, der Theatergruppe, dem Fechtturnier und der nächsten Studentenfete dem Mythos nachjagt. Erst auf dem Campus, dann in der Stadt, und schließlich auf Exkursion in der ganzen Welt. Durch Sonderregeln für junge Studenten und Steigerungsboni für bestandene Kurse und Sportturniere kann eine Gruppe wachsen und schließlich als Doktoranden abseits des normalen Lebens unsere Welt retten. Ein tolles und absolut stimmiges Konzept für dieses Rollenspiel, das mit Hilfe der zahlreichen enthaltenen Szenarioideen leicht ausgestaltet werden kann.

Das Quellenbuch Arkham – Hexenstadt am Miskatonic ist für mich die beste Publikation seit Jahren zum Rollenspiel Cthulhu. Das der Schwerpunkt des Bandes auf der Universität liegt und nicht auf der Stadtbeschreibung irritiert nur im ersten Moment, fällt die Stadtbeschreibung mit gut 75 Seiten doch nicht gerade klein aus. Doch gerade die Verschmelzung der beiden Schauplätze Stadt und Universität macht den Reiz von Arkham aus. Hinzu kommt der originelle Ansatz eine Studentengruppe durch die Abenteuer zu schicken, die die Hexenstadt am Miskatonic bereithält. In diesem Jahr folgt noch ein Abenteuerband zu Arkham und es ist zu hoffen, dass die darin enthaltenen Abenteuer zumindest in einigen Fällen diesen Ansatz mit aufnehmen. Trotz der kleinen historischen Ungenauigkeiten bei der Darstellung des Studentenlebens ist dem Verlag mit diesem üppigen Quellenband mal wieder ein ganz großer Wurf gelungen.

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