Shadowrun: Rhein-Ruhr Megaplex

ein spielerischer Artikel von Jörg Deutesfeld - 15.09.2013
Shadowrun: Rhein-Ruhr Megaplex

Der Rhein-Ruhr-Megaplex – der größte Sprawl der ADL, der sich von Unna bis Bonn zieht: 25 Millionen Metamenschen, Luxusviertel, extraterritoriale Konzerngelände, Slums, Massenarbeitslosigkeit und Ausbeutung.

Nirgendwo in der ADL leben so viele Menschen zusammengedrängt beieinander. Wo zwischen Büdchen und Städtetag kommunale Politik gemacht wird, wo die Grenze zwischen Arbeiterverein und radikaler Sprawlguerilla fließend ist, wo alle Kulturen Europas sich zu einer heterogenen Masse vermischen - dort geht die gute alte Polizei auf Streife, dort hat die italienische Mafia das Heft in der Hand, dort sind die Schatten rußig, rau und blutig. Und dort thront wie ein König in seinem Weltreich der goldene Drache und zieht wie eine Spinne seine Netze zusammen.

Zum Äußeren: Der Quellenband „Rhein-Ruhr-Megaplex“für das Rollenspiel Shadowrun erscheint als solide gebunde Hardcoverausgabe mit dem für Quellenbände typisch blauen Einband und einem Seitenumfang von 208 Seiten, die sich auf 7 Kapitel verteilen. In Sachen Qualität steht dieser Quellenband den bereits erschienen Publikationen der Reihe in nichts nach. Die Cover-Gestaltung oblag Ralf Beszuck, der sich bereits bei anderen Bänden auszeichnete. Als kleines Highlight gibt es zudem eine „Werbebeilage“ des Saeder-Krupp Konzerns, die insbesondere Runner ansprechen dürfte. Als nützliche Ergänzung gehört zu diesem Band wiederum ein Lesebändchen.

Das Layout ist durchgehend schwarz-weiß und zweispaltig im Aufbau. Die einzelnen Kapitel sind übersichtlich gegliedert und Textpassagen durch sinnvolle Abschnitte und Überschriften gekennzeichnet. Manchmal gestaltet sich die Suche nach bestimmten Abschnitten allerdings jedoch etwas schwierig, da Überschriften sich am unteren Ende eine Seite befinden. Hier hätte man an einigen Stellen den Fliesstext besser aufteilen sollen oder aber einen etwas auffälligeren Schrifttyp wählen sollen. Ergänzt werden die Texte durch den üblichen „Shadowtalk“, der diesmal allerdings fest in deutscher Hand ist. Insgesamt handelt es sich ohnehin um eine ausschließlich deutsche Produktion unter der Redaktion von Lars Blumenstein und Tobias Hamelmann, an der Autoren wie Peer Bieber, Lars Blumenstein, Torben Föhrder, Jan Helke und noch eine ganze Reihe mehr mit viel Liebe zum Detail und einer fast schon ungewohnten Prise Humor einen weiteren Mosaikstein der ADL präsentieren und deren Texte sich durchgehend angenehm lesen lassen. In Verbindung mit den zahlreichen Illustrationen von deutschen Zeichnern wie Klaus Scherwinski, Lydia Schuchmann und Andreas Schroth wird die Atmosphäre des Rhein-Ruhr-Megaplex gut eingefangen

Deutscher Megasprawl: Der Rhein-Ruhr-Megaplex dürfte der einzige Ort der ADL sein, der den Namen „Sprawl“ verdient. Wer allerdings verstehen will, wie dieser Moloch entstanden ist, der muss sich zunächst mit seiner Geschichte befassen und so gibt es einen aufschlußreichen Ausflug über die Renaissance im Revier, als zunächst alle Räder still standen, bis dann die die Klauen des Drachen zupackten. Neben einer recht brauchbaren Übersichtskarte, welche die Ausmaße des Rhein-Ruhr-Megaplex plastisch vor Augen führt, gibt es einen Überblick über die Fortbewegungsmittel und Reisemöglichkeiten in diesem Sprawl. Hier stehen natürlich die Autobahnen im Vordergrund, die auch weiterhin die Lebensadern des Plex sind, wobei man allerdings auch den Nahverkehr als auch Lufttaxies recht gut ausgebaut hat.

Rundflug: Mit einer Fläche von 6.728 Quadratkilometern lohnt sich ein Rundflug, um die Städte, aus denen der Plex letztlich besteht, zwischen Duisburg im Westen bis Dortmund im Osten und von Gladbeck im Norden bis nach Bonn im Süden näher kennen zu lernen. Vorgestellt werden die wichtigen Zentren, mit einer jeweils recht knappen Beschreibung und der Erwähnung einiger Besonderheiten. Bei der Fülle von Möglichkeiten die sich bieten, hätten ausführlichere Beschreibungen wahrscheinlich auch den Rahmen gesprengt. Erstaunlicherweise findet sogar das Bergische Land Erwähnung, bevor es einen Blick auf die direkten Nachbarn des Plex gibt, mit denen es natürlich im Zusammenleben nicht immer ganz einfach ist.

Rhein-Ruhr-Kultur: Die bestehende Nord-Süd-Achse bringt zwangläufig einige Spannungen mit sich, da rheinische Frohnaturen auf echte Ruhrpott-Schnauzen treffen. Diesen wichtigen Unterschied im Hinterkopf macht sich dieses Kapitel daran, das Leben des kleinen Mannes, die Freizeitgestaltung der Arbeiterklasse aber auch den Fußball und die Erholung im Grünen zu schildern. Vorgestellt werden aber auch Köln, als Medienmetropole im Plex, Bochum als das „Las Vegas der ADL“ und Düsseldorf, welches durch seinen hohen Anteil an Japanern geprägt ist. Zwangsläufig – die Autobahnen wurden ja bereits erwähnt – dürfen auch schnelle Autos und entsprechende Rennen nicht fehlen, denen sich ein komplett eigener Abschnitt widmet.

Essen und Saeder-Krupp: Der Rhein-Ruhr-Plex ist trotz aller Modernität und einiger demokratischer Augenwischerei geradezu feudalistisch strukturiert. Das Zentrum der Macht ist Saeder-Krupp in Essen und der Alleinherrscher der Großdrache Lofwyr. Dieses Kapitel bietet einen ziemlich umfassenden Einblick in die Organisation und den Aufbau von Saeder-Krupp als Megakonzern als natürlich auch seinen Statisten und Protagonisten. Wie sich die Kontrolle von Saeder-Krupp auf die Infrastruktur, die Politik und die Polizei auswirkt ist ebenso spannend geschildert, wie die Vorstellung der extraterritorialen Enklave Essen, dem Hort der Macht im Revier. Und so wird nicht nur die Stadt Essen in groben Zügen vorgestellt, sondern auch die Saeder-Krupp Arkologie mit ihrer beeindruckenden Infrastruktur.

Mächte im Pott: Saeder-Krupp ist eine bestimmende Größe im Rhein-Ruhr-Megaplex, aber bei weitem nicht der einzige Konzern im Reigen des rheinischen Neo-Kapitalismus. Dieses Kapitel widmet sich dem Netz von Konzernen, Politik, Gesetzeshütern, Unterweltlern, Radikalen und Gangs, die alle miteinander verknüpft zu sein scheinen. Neben der Darstellung der AAA-Elite, wie beispielsweise Ares, Horizon und anderen großen Konzernen, gibt es einen sehr erstaunlichen Einblick in das Herdenverhalten der japanischen Großkonzerne als natürlich auch einen Blick auf Deutsche- und Eurokons.

Welche politische Gruppen und Parteien es gibt und wie „Politik“ in Düsseldorf, der Landeshauptstadt, funktioniert wird mit etlichen Hintergrundinfos präsentiert, wie auch ein Blick in den modernen Klassenkampf, der unter dem Stichwort „Sprawlguerilla“ um sich greift. Einblicke in die Arbeit der Polizei als auch in die unterschiedlichen Gruppierungen der Unterwelt und Straßenbanden runden das Kapitel inhaltlich ab.

Brennpunkte: Ein Kapitel, welches in einem guten Quellenband nicht fehlen sollte, hier aber im Aufbau nich nur die klassischen „Brennpunkte“ einer Region beleuchtet, sondern mit einer ziemlich großen Bandbreite an sinnvollen zusätzlichen Informationen aufwarten kann. Den Einstieg mach ein Abschnitt über den Bergbau und das Leben unter Tage. Logisch das dieser Aspekt früher oder später noch einmal intensiv in einem solchen Band zur Sprache kommt.

Wuppertal hat sich in einen architektonischen Alptraum verwandelt, als die Stadt mehr oder weniger zum größten Werk für die Produktion industriell gefertigter Nahrungsmittel Europas ausgebaut wurde. Verteilt auf mehreren Ebenen existiert nun eine riesiger maroder industrieller Koloss, in dem das Leben nicht unbedingt einfach ist und der kreativen Spielleitern einige interessante Abenteuermöglichkeiten bietet.

Das Arbeiterghetto Herten-Halde kennt keine Regeln des öffentlichen Lebens mehr. Hier möchten weder Konzerne noch die Polizei einen Fuß in die ehemalige Bergbaustadt setzen. Anders hingegen Kettwig, die als Enklave für verdiente Mitarbieter und treue Konzernanhänger von Saeder-Krupp dient. Natürlich gibt es auch noch klassische No-Go-Zonen, zu denen toxisch belastete Gebiete, aufgegebene Industrieanlagen oder magische Gefahrenzonen zählen. Abgerundet wird das Kapitel mit Abschnitten über Hotspots in „Love-Wyrm-City“ (sprich Essen), sehenswerte Schauplätze und einen Abschnitt über die Schattenszene und urbane Mythen.

Spielinformationen: Im Rhein-Ruhr-Megaplex hat man zahllose Möglichkeiten als Spielleiter um sich auszutoben. Man kann seinen Spielern Runs gegen Großkonzerne anbieten, Aufträge gegen Forschungseinrichtungen, politische Spionage und alle nur erdenklichen Machtspiele in der Unterwelt. Eine Möglichkeit die Gruppe vor ihr eigentlichen Runnerleben im Rhein-Ruhr-Plex zu integrieren, bietet eine „Lowlevel-Kampagne“. Hier können sich die Charaktere von der Pike aus hocharbeiten und haben dann einen guten Einstieg in die Schatten. Hilfreich sind dabei eine ganze Reihe von ausgearbeiteten Locations nebst passenden Kartenmaterial. Ein weiterer Abschnitt bietet eine ganze Reihe von Beispielcharakteren und deckt unterschiedliche NSC-Bereiche im Rhein-Ruhr-Plex ab. Zum Schluss gibt es noch die beiden Kampagnenskizzen „Der Feldzug“ und „Drachenläufer“, die mit den aktuellen Ereignissen im Rhein-Ruhr-Plex verzahnt sind.

Fazit: Man kann diesen Quellenband unterm Strich einfach nur als gelungen bezeichnen. Hier haben deutsche Autoren das Flair des Ruhrpotts (und seiner Ausläufer) eingefangen und mit den bereits etablierten und bekannten Tatsachen aus der Entwicklung von Shadowrun ein würdiges Update gegeben. Zu bemängeln gibt es von meiner Seite kaum etwas, da hier ein Band vorgelegt wird, der in sich schlüssig ist und sowohl dem Spieler als auch dem Spielleiter etliche interessante Möglichkeiten bietet, egal ob es sich um Konzerne, Machenschaften in der Unterwelt oder um Runs handelt

Wo ich sonst immer über die Qualität der Illustrationen am nörgeln bin, muss ich diesmal den immer wieder passenden Einsatz von entsprechenden Illustrationen loben, die nicht so aussehen, als habe man sie im Dutzend bestellt sondern jeweils auf die Thematik der einzelnen Kapitel ein wenig abgestimmt. Das gleiche gilt für den sinnvollen Einsatz von Karten für unterschiedliche Locations oder einfach nur zum Überblick.

Wer nach einem vielseitigen und interessanten Spielort in der ADL sucht, der dürfte mit dem Rhein-Ruhr-Megaplex auf jeden Fall voll und ganz auf seine Kosten kommen, gibt es doch neben dem Konzern Saeder-Krupp und den Machenschaften des großen Drachen weitaus mehr zu entdecken.

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