Spielen in ... Brasilien

Zwischen klassischen Spielen und Kinderkram

ein Spiele-Artikel von Peer Sylvester - 25.02.2007
Peer Silvester über Spielen in Brasilien
Lesezeit: ca. 7 Minuten

Deutsche Spiele sind in der Welt das Nonplusultra, sagt man wenigstens. Doch was ist mit anderen Ländern. Wie und was wird dort gespielt? Gibt es dort eine ähnlich rege Spieleszene? Wir wagen einen Blick über die Grenzen und haben Menschen gefragt, die es wissen müssen: Autoren, Verlage, Spieler. Natürlich können unsere Ergebnisse nur eine Stichprobe und eine Momentaufnahme sein. Die Wahrheit liegt hoffentlich dicht an unserer Recherche, vielleicht aber auch weit davon weg.

Brasilien mag zwar ein großes Land sein, die Brettspielszene ist aber sehr klein. Die meisten Brasilianer verbinden Brettspiele automatisch mit „Kinderkram“. Die dortigen Brettspielfirmen tun ein übriges um diesen Eindruck zu stärken: Sie produzieren fast ausnahmslos Kinderspiele. Ausnahmen sind lediglich ein paar Partyspiele wie Pictionary, moderne Klassiker wie Risiko (Heißt dort War) oder Monopoly (Banco Imobilário) und die typischen Klassiker Schach, Dame, Domino und Kartenspiele (es gibt eine ganze Reihe klassische Kartenspiele in Brasilien –siehe unten). Da ist es natürlich kein Wunder, dass „echte“ Brettspielläden Mangelware sind – wer ein Brettspiel möchte, muss in einen Spielzeugladen gehen.

Wie in vielen anderen Ländern auch herrscht auch in Brasilien die merkwürdige Denkweise vor, dass zwar Brettspiele Kinderkram sind und erwachsene Brettspieler daher wohl etwas merkwürdig sind. Traditionelle Brettspiele wie Dame dagegen irgendwie anders beurteilt werden – auf den öffentlichen Plätzen findet man viele Leute mit Schachbrettern, die Dame oder Schach (auch vereinzelt Go) spielen und niemand findet etwas dabei.

Ein Problem, das einer Spieleszene hier im Wege steht sind die hohen Steuern, besonders auf Importe. Daher sind die potentiell Spielebegeisterte von den hiesigen Spielefirmen abhängig. In den Achtziger Jahren wurden eine Reihe von Ravensburger-Titeln für den brasilianischen Markt aufgelegt – Leider hat die zuständige Firma, Grow, die entsprechende Produktreihe eingestellt.

Verwandten Produkten geht es nicht unbedingt besser: Rollenspiele hatten einen Boom in den 90er-Jahre, als Dungeons & Dragons stark beworben wurde. Als dann mit dem Niedergang des Herstellers TSR auch der Support für Dungeons & Dragons abebbte, verlosch die generelle Begeisterung für Rollenspiele gleich mit ab. Heute ist die Rollenspielszene ein Nischenhobby so wie das Brettspielen auch. Abgesehen von Magic The Gathering, das auch in Brasilien gerne gespielt wird, ist der Sammelkartenmarkt nicht existent. Wargames sucht man völlig vergebens (wenn man nicht gerade Risiko als Wargame bezeichnen möchte). Alexandre Tauzig (einer der Organisatoren der Festa do Peão de Tabuleiro) meint, einer der Gründe für das Schattendasein der Brettspiele könnte das Klima sein: „Brasilien ist ein heißes Land. Wir haben keine harten Winter. Wir haben keinen Schnee. Wir haben viele Strände und schöne Gegenden im Inland. Die Leute gehen lieber zum Strand, in die Berge, zum Fischen, spielen Fußball etc. als dass sie zuhause Brettspiele spielen würden.“

Organisiertes Spielen. Auch in Brasilien versuchen einzelne Brettspielfans und -autoren, das Brettspielhobby zu fördern. Besonders mit Hilfe des Internets versuchen sich Interessegemeinschaften zu finden (zum Beispiel über die Seite des Brasilianischen Autoren André Zatz). Inspiriert von Bruno Faiduttis Ludopathic Gathering wurde von einigen Jahren das Festa do Peão de Tabuleiro (FPT) (bedeutet so viel wie „Party des Pöppels“) ins Leben gerufen. Ricardo Christie und Fabio Tola luden 30 Leute in Tolas Heim ein, um dort eine Mini-Convention abzuhalten. Als Tola für einige Zeit in die USA ging, übernahm Alexandre Tauzig die Organisation und verlegte die Stätte in einen Partyraum des Fast-Food.Restaurants Bob´s. Da der Raum aber nur Platz für maximal 80 Leute hatte und die Veranstaltung mittlerweile über 100 Interessierte anzog wurde erneut gewechselt: Die letzten vier Male fand das FPT im Aneto statt und 2006 kamen über 200 Gäste. Neben São Paulo findet jetzt auch eine kleinere Veranstaltung in Rio de Janeiro statt.

Brasilianische Spiele. Wie bereits erwähnt werden eine ganze Reihe klassischer Spiele in Brasilien gespielt, allen voran Schach, Dame, Domino und Backgammon, aber auch Go und auch eine Menge Kartenspiele: Truco stammt aus dem südfranzösischem Spiel Truc ab und ist in ganz Südamerika populär. Es wird mit einem spanischen 40-Blatt gespielt und ist eine sehr interessante Mischung aus Bluff- und Stichspiel. Eine Besonderheit ist es, dass die Partner miteinander über eine Reihe von festgelegten Zeichen miteinander kommunizieren können (zum Beispiel bedeutet das Heben der Augenbrauen, dass der Spieler das Schwert-As hält). Buraco stammt dagegen aus Italien, wo es als Burraco ebenfalls noch recht beliebt ist. Bei Buraco spielen jeweils zwei Partner gegeneinander und versuchen, möglichst punkteträchtige Kombination von Mehrlingen oder Straßen auslegen. Es hat einige Ähnlichkeiten mit dem aus Argentinien stammenden Canasta, das in Brasilien ebenfalls beliebt ist). (Anmerkung: Wenn ich mich nicht irre ist Buraco das Spiel, dass in Sid Sacksons Buch "Kartenspiele der Welt" als Samba bezeichnet wird.) Sueca brachten die Portugiesen nach Brasilien (und übrigens auch nach Angola). Es ist ein recht einfaches Stichspiel für vier Personen (jeweils zwei Spieler spielen zusammen) ohne große Sonderregeln: Es muss bedient werden, es gibt eine Trumpffarbe und die höchste Trumpfkarte (oder die höchste Karte in der geforderten Farbe) macht den Stich.

Spieleautoren haben es in Brasilien schwer. So sucht man den Namen des Autoren auf der Schachtel eines brasilianischen Spieles vergebens. Dort ist es einfach noch nicht üblich, dass der Autor auf diese Weise geehrt wird. Zudem ist die Bezahlung deutlich niedriger als in Europa. Außerdem werden nur wenig eingeschickte Spiele eingeschickt und von den wenigen noch weniger tatsächlich produziert. Viel häufiger kommt es vor, dass die Verlage schon wissen, was sie wollen (zum Beispiel ein bestimmtes Merchandising-Produkt) und dann gezielt Verlagsmitarbeiter oder Bekannte ansprechen, die das Spiel dann umsetzen sollen. Dennoch gibt es eine kleine Riege von brasilianischen Autoren, die ich natürlich hier vorstellen möchte. Als Pionier gilt Mário Seabra. Der Wahl-Brasilianer (eigentlich ist er Portugiese) war der erste professionelle Spieleerfinder Brasiliens. Er hat bereits Ende der Sechziger Jahre Spiele erfunden und ist mittlerweile quasi in Rente gegangen. Insgesamt hat er vermutlich über hundert Spiele veröffentlicht – darunter allerdings auch Werbespiele und Zeitschriftenbeigaben. Das vielleicht interessanteste Spiel von Seabra ist das abstrakte Spiel Bot. Hier versuchen zwei Spieler, eine neutrale Schlange mit Hilfe von Karten so zu steuern, dass sie möglichst viele gegnerische Steine frisst. Ein originelles Konzept, das mittlerweile von Grow wieder aufgelegt wurde.

Mário Seabra hat die Gabe des Spiele erfinden an seinen Schüler Luiz da Monte Neto weitergegeben. Da Monte Neto bringt es mittlerweile auch schon auf über 50 Veröffentlichungen. Empfehlenswert vielleicht sein Börsenspiel Bolsa de Valores, dass als eines der besten seines Genres gilt.

Die 80er-Jahre boten einer Reihe von brasilianischen Spieleautoren die Chance, Spiele zu veröffentlichen; vielleicht hat dies mit der Importreihe von Grow zu tun, die einen Markt für Designerspiele eröffnete. Spieleautoren der Zeit waren Carlos Seabra (Der Sohn von Mário Seabra), Fernando Fonseca (Co-Autor von Carlos Seabra), Luiz Gonzaga R. Leite (dessen Autorennspiel Alta Velocidade ein kleiner Geheimtipp für Freunde des Genres ist) und Milton Célio de Oliveira. Letzterer ist der einzige noch heute aktive unter den eben genannten Spieleautoren. Er gilt als einer der führenden Kinderspielautoren Brasiliens.

Von den aktiven Spieleautoren kennt man in Deutschland am ehesten André Zatz und Sergio Halaban, die Autoren des bei Kosmos erschienen Bluff-Spiel Hart an der Grenze. Dieses Spiel um das Schmuggeln von illegalen Waren über die mexikanische Grenze ist allerdings niemals in Brasilien erschienen. Das erfolgreichste Spiel der beiden in Brasilien ist das Kinderspiel Floresta Encantada („Verzauberter Wald“), das bereits über 200.000 Mal verkauft wurde. Vermutlich ist es nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil es den Kindern einige kleinere taktische Entscheidungen ermöglicht und sich somit von den anderen simplen Würfelspielen abhebt. Generell versuchen die beiden, „moderne“ Mechanismen in ihre Spiele einzubauen und somit ihre Spiele den "Eurogames" anzupassen. Insgesamt haben die beiden in zehn Jahren Autorentätigkeit über 20 Spiele veröffentlicht.

Mauricio Gibrin hat viele Merchandising-Produkte veröffentlicht, versucht aber diese mit neuen Mechanismen zu würzen. Bei seinem Spiel Ídolos (zur brasilianischen Version von "Deutschland sucht den Superstar") müssen die Spieler zum Beispiel nicht nur singen, sondern auch ihren Geheimkandidaten trotz etwaiger mangelnder Gesangskünste ins Finale bringen. Die meisten Spiele entwickelt er zusammen mit seinen Freunden Fabiano Onça and Mauricio Miyaji. Witzig ist der Karrierestart des Trios: Sie haben der Firma Toysters ein Wargame angeboten. Die lehnten ab, beauftragten sie aber im Gegenzug mit dem Design eines Kinderspiels. Das Ergebnis hieß A Corrida do Pateta („Goofys Rennen“) und war ihre Veröffentlichung.