Das richtige Timing beim Gebäudebau

Autor Reinhard Staupe über sein Spiel Havanna

ein Spiele-Artikel von admin - 16.09.2009
Havanna von eggertspiele
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Reinhard, in Essen zeigt eggertspiele dein neues Spiel Havanna. Da auch Cuba bei dem Verlag erschien, liegt die Frage nahe, ob beide Spiele etwas gemein haben?
„Zunächst mal muss ich erwähnen, dass der Wunsch, mein Gebäudebau-Spiel nach Kuba zu verlegen, genauer gesagt mitten in die Hauptstadt Havanna hinein, vom Verlag kam; es hätte auch problemlos woanders hingepasst. Wobei diese Entscheidung nur allzu gut nachvollziehbar ist, denn Cuba ist ja so was wie das strahlende Aushängschild von eggertspiele geworden. Das Thema erneut aufzugreifen und noch enger mit dem Verlag zu verknüpfen, ist also sinnvoll.
In beiden Spielen gibt es Rohstoffe, Personenkarten und Gebäudebau – eine thematische Brücke von hier nach da ist also vorhanden. Und so wird man dann auch in Havanna den einen oder anderen alten Bekannten aus Cuba wieder finden.
Spielmechanisch gehen beide Spiele völlig verschiedene Wege und sind absolut eigenständig. Cuba ist eher komplex und regelaufwändig, Havanna hingegen einfach und ruckzuck zugänglich. Und dennoch, trotz dieser Unterschiede, stehen beide prima auf demselben Untergrund. Cuba bietet dem anspruchsvollen Spieler enorm viel an, er wird strategisch gefordert und es eröffnen sich diverse Wege zum Sieg. Genau das macht Havanna auch, nur mit sehr viel einfacheren Mitteln. Keine Partie verläuft gleich. Jedes Mal muss man sich auf eine neue Situation einstellen, das eigene Handeln den Gegnern und den Gegebenheiten anpassen und die eigene Strategie überdenken.“

Um was geht es thematisch und wie bist du auf dieses Thema gekommen?
„Es wird ja häufig die Frage gestellt, was zuerst da war, das Thema oder die Mechanik. Bei mir ist es oft so, wie im vorliegenden Fall, dass ich einen Grundgedanken habe, so was wie ein Spielgefühl oder Spielerlebnis, das initiiert werden soll, und das zieht dann Thema und Mechanik nach sich.
Zuallererst war bei mir die ganz vage Vorstellung vorhanden, dass jedem Spieler am Anfang sehr viele Aktionen zur Verfügung stehen – jedem die gleichen. Diese wundervolle Vielfalt schmilzt jedoch Runde für Runde und Schritt für Schritt immer mehr zusammen und schränkt einen zunehmend ein.
An dieser Stelle kam sofort das Thema ‚Gebäudebau’ auf, denn es birgt zahlreiche Optionen. Man braucht grundsätzlich erstmal Rohstoffe, Geld, Arbeiter und einen Baumeister. Die Rohstoffe kann man sich entweder auf normalem Wege besorgen oder den Schwarzmarkt aufsuchen. Man kann andere Spieler beklauen und sich natürlich auch vor Diebstahl schützen. Man kann Steuern eintreiben, errichtete Gebäude wieder abreißen – oder einfach mal nur faul sein und gar nichts tun. Relativ schnell war klar: Das ist das Richtige! Nun ist Gebäudebau sicherlich nicht neu in der Spielethemenwelt, aber es kommt ja immer und einzig auf die Umsetzung an.“

Durch welche Hauptmechanismen wird das Thema denn spielerisch umgesetzt? Wodurch zeichnet sich Havanna besonders aus?
„Der Mechanismus, der den Ablauf und die ständig wechselnde Spielerreihenfolge regelt, ist sozusagen das Herzstück von Havanna. Jede Aktionskarte ist mit einer Zahl von null bis neun versehen. Die besonders guten und konstruktiven Karten haben einen hohen Wert, die schwachen hingegen einen niedrigen. Jeder hat immer zwei Aktionskarten vor sich liegen und bildet mit den beiden ausliegenden Werten eine zweistellige Zahl, die die Spielerreihenfolge festlegt (niedrigste Zahl zuerst, dann aufsteigend). Mit den beiden Karten führt man, wenn man dran ist, in jeder Runde zwei Aktionen damit aus. Am Ende der Runde legt jeder eine neue Karte auf eine der beiden aktuellen drauf. Die alte Karte kommt weg und die neue wird aufgedeckt.
Tja, und damit ist das Dilemma unausweichlich: Einerseits möchte man natürlich in jeder Runde möglichst zwei konstruktive Aktionen ausführen – dafür braucht man Karten mit hohen Werten. Andererseits möchte man möglichst früh in der Runde dran sein – dafür braucht man jedoch niedrige Werte. Beides gleichzeitig ist nicht möglich (zumal die Karten ja auch immer mehr schwinden). Es kommt also darauf an, die richtige Mischung zu finden. Hinzu kommt, dass jede Partie bis zum Schluss spannend verläuft und fast jeder Spieler Siegchancen hat. Und genau dann entscheidet der richtige Zeitpunkt über den Ausgang. Welche Karten habe ich noch übrig? Und wann spiele ich die? So sind insbesondere am Ende die niedrigen Werte ausschlaggebend. Das kann man einfach auf sich zukommen lassen oder eben auch sehr überlegt und gezielt anbahnen. Genau das liebe ich an diesem Spiel: Das richtige Timing zu finden.“

Welche Zielgruppe siehst du für Havanna?
„Die zahlreichen Testpartien haben gezeigt, dass Havanna sowohl die Gelegenheitsspieler einbindet, sie nicht überfordert, als auch genügend Futter für die Anspruchsvollen bietet. Es gibt keine optimale Strategie. Man muss das eigene Handeln stets am Verhalten der Kontrahenten ausrichten. Der Unbedarfte kann einfach drauf los spielen, und der überlegte Stratege muss zeigen, dass er in der Lage ist, damit umzugehen. Der Rundenablauf ist in zwei Minuten verstanden und die Karten sind fast selbsterklärend. Da kann eigentlich jeder sofort loslegen.“

Auf was sollten Spieler in der ersten Partie besonders achten? Gibt es typische Anfängerfehler?
„Den richtigen Moment für die richtige Karte(nkombination) zu finden, das ist der Schlüssel zum Sieg. Ich muss gestehen, dass mir das selbst nach vielen Partien noch immer nicht leicht fällt. Von daher kann man nicht wirklich etwas falsch machen beziehungsweise: Man macht sowieso nicht alles richtig. Zwei ganz niedrige Karten ausliegen zu haben, ist meistens (es gibt Ausnahmen!) nicht sonderlich ratsam, aber davon abgesehen kann fast jeder Weg zum Sieg führen – es sei denn, die Mitspieler finden einen besseren, schnelleren. Ausprobieren ist angesagt!“