Der letzte Exodus

Das Rollenspielepos des dritten und letzten Tanzes

ein Spiele-Artikel von Tanja Weber - 31.01.2004
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Ein neues Zeitalter ist angebrochen. In der Nacht des neuen Millenniums wurden zwölf neue Apostel ausgewählt, um den Kampf um die Seelen der Welt zu führen. Was war am Anfang? Einen Anfang gibt es nicht, denn Gott und der Himmel sind ewig. Aber vor etwa 22 Millionen Jahren traf ein geschlagenes flüchtendes Volk auf Gott. Gott bot ihnen eine Zuflucht - Eden, in sieben Tagen erschaffen. Ihren gestaltlosen Körpern wurden Hüllen geschaffen, die Seelen. Und so rettete Gott sie vor ihren Feinden. Die Seelen hatten viel Zeit, um eine hoch entwickelte Gesellschaft zu schaffen, ihre Technologie unterscheidet sich auch heute noch stark von der irdischen, die zumeist ein Abklatsch der edenschen Forschung ist. Doch auch der Schutz Gottes rettete die Seelen nicht vor einem Angriff ihrer alten Feinde, die sie schließlich fanden und unzählige Opfer verursachten. Luzifer, der derzeitige Imperator, forderte Rache für seine gemordete Familie, Gott (auch unter dem Namen Ahura Mazda bekannt) verweigerte dies. Luzifer nahm heimlich eine genetische Probe der Gestalt Gottes und beging das große Verbrechen, Gott zu klonen. Wenn Gott sie nicht vor ihren Feinde retten würde, würde er eine Gottheit erschaffen, die dies tun würde. Durch das Opfer vieler Tausender Seelen wurde die Gottheit erschaffen.

Gott war erzürnt über diesen Frevel und verbannte die Seelen aus Eden, sie fanden sich auf der Erde wieder, eingesperrt in körperliche Hüllen, die so ganz anders waren als die Gestalten ihrer Seelen. Viel Zeit verging, einige Seelen schafften die Rückkehr nach Eden, vieles, was man aus der Religionsgeschichte und der Mythologie kennt, ist teilweise wahr. Die Gesellschaft der Seelen spalteten sich in zwei Parteien, die erbittert Krieg gegeneinander führten. Auf der einen Seite die Anhänger Ahura Mazdas und auf der anderen Seite die Anhänger der Gottheit.

Jetzt hat Gott seine Kinder auf die Erde geschickt. Seine Söhne und Töchter sollen ausgewählte Seelen zurück nach Eden führen. Sechs der neuen Apostel sind seine Anhänger, sie sind Messiasse. Die sechs anderen Apostel sind Antichristen, Anhänger der Gottheit, die die Seelen verderben und in die höllischen Teile Edens zwingen möchten. Der Kampf Gut gegen Böse wird unerbittlich geführt. Die Zwölf Apostel sind die Führer der neuen Millenniumsreligionen, aber sie sind nicht die einzigen Gotteskinder. Diesmal gibt es nicht nur einen Gottessohn, diesmal gibt es hunderte, die einen neuen Exodus anführen sollen. Die Charaktere gehören dazu, sie führen den Kampf um die endgültige Herrschaft Gottes (oder der Gottheit). Unter ihnen befindet sich ein Gotteskind, das den Kampf endgültig entscheiden wird. Wer wird der eine der letzte Messias oder Antichrist sein?

Wer Filme wie "Dogma", "Gods Army" und andere mag, wird einige Freude an diesem Rollenspielsystem haben. Die Geschichte, die dabei entworfen wurde, ist schön beschrieben und es macht Spaß sie zu lesen. Manchmal wirken die Beschreibungen vor allem von Eden und der Seelengestalten (Deiformen) etwas befremdlich und abgehoben. In Eden hat fast jeder Mensch eine bestimmte Seelengestalt, die wie ein Alien, Engel, Roboter, Tiergestalt, Gnom oder was man sich sonst noch ausdenken kann, aussieht. Zusätzlich wirken einige Kleinigkeiten etwas undurchdacht. Zum Beispiel ist es etwas undurchsichtig, wie der Kreislauf von Leben und Tod der Menschen oder Seelen funktioniert. Wenn Menschen sterben, kommen ihre Seelen zurück nach Eden (werden sie dort "geboren"?) und was passiert, wenn eine Seele in Eden stirbt? Aber trotzdem bietet Der letzte Exodus eine Vielzahl interessanter Plotmöglichkeiten. Egal ob man hauptsächlich irdische oder edensche Szenarien spielen möchte. Es gibt genügend Spielraum dem System seine persönliche Note zu geben, sodass jede Spielrunde die grundsätzlich Interesse an "religiösen" Geschichten hat, zufrieden sein kann.

Mythologische und auch Geschichtliche Ereignisse werden geschickt in die Rollenspielhistorie eingearbeitet. Dabei gehen die Autoren mit dem nötigen Feingefühl vor, sodass zum Beispiel gewaltsame neuzeitliche Geschehnisse nicht abgewertet werden. Die Grenzen zwischen Spiel und Realität werden sehr deutlich gemacht.

Insgesamt legt Exodus auch sehr viel mehr Wert auf die erzählerische Komponente des Spiels, als auf Werte und Regeln. Natürlich gibt es Regeln, die sind aber recht übersichtlich gehalten und einfach zu verstehen, sodass auch Rollenspieleinsteiger wenig Probleme haben sollten. Dabei geht Der letzte Exodus einen neuen Weg und verzichtet auf die üblichen Würfel. Bei Proben, die eher selten sind, wird ein normales Kartendeck benutzt. Die gezogene Karte entscheidet zusätzlich zu den benötigten Werten über den Ausgang der Probe. Im ersten Moment wirkt das etwas ungewohnt und man hat das Gefühl es dauert länger, eine Karte zu ziehen, als den Würfelbecher zu schwingen. Allerdings ist es nur eine Sache der Gewohnheit und nach einer Weile geht es genauso einfach von der Hand. Das Kartenziehen eignet sich ebenfalls für diejenigen, die Exodus auch im Live-Rollenspiel umsetzen möchten, dazu gibt es noch einige weitere Hinweise im Regelwerk.

Insgesamt ist es schwierig ein neues Rollenspiel interessant zu gestalten, ohne manchmal an bestehende Systeme angelehnt zu sein. Umso erfreulicher ist es, dass dies hier mit nur wenigen kleinen Ausnahmen gelungen ist. Allerdings mag sich sicher nicht jeder an dem Kampf Ahura Mazdas gegen die Gottheit beteiligen, denn Religion ist für einige Menschen ein sehr ernstes Thema und die Thematik mag einige Gruppen abschrecken.

Hinweis
Warnung: Der letzte Exodus basiert teilweise auf realen Personen und Religionen. Dabei ist es nicht beabsichtigt, das religiöse Empfinden mancher Leute zu verletzen. Es handelt sich um ein Spiel und nicht um die Realität. Wer sich also durch das Benutzen von real existierenden Religionen in einer abgeänderten Form gestört fühlt, sollte die Finger von dem Buch lassen und kann sich auch den Bericht darüber sparen. Religion und Glaube ist etwas sehr persönliches und man sollte darüber nicht streiten!

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