Istanbul

eine Spielerezension von Axel Bungart - 01.06.2014
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Gesellschaftsspiel für Kenner - Istanbul - Foto von Pegasus Spiele
Lesezeit: ca. 6 Minuten

Als Kaufmann ziehen die Spieler durch die Stadt am Bosporus, von der Moschee zur Teestube, vom Postamt zum Sultanspalast, durch Läger und Märkte und – klar doch – auf einen Abstecher zum Schwarzmarkt. Die Gehilfen des Kaufmanns übernehmen dabei einen Großteil der Arbeit, schwirren durch die Stadt, bevor sich alle wieder am Brunnen treffen.

Istanbul lädt ein, den Weg des Kaufmanns mitzugehen und zu lenken, um am Ende fünf (zu zweit sechs) Rubine zu erstehen. Denn wem es gelingt, diese als Erster einzusammeln, gewinnt die Partie.

So wird Istanbul gespielt

Das Gesellschaftsspiel Istanbul von Pegasus Spiele kommt ohne Spielplan aus. Dafür liegen sechzehn Ortsplättchen (Orte) auf dem Tisch, an denen es etwas zu holen gibt: Waren, Geld, Plättchen für Vergünstigungen und/oder das Objekt der Begierde: Rubine! Außerdem kann man in der Wagnerei seinen Handkarren pimpen, mit dem man vier verschiedene Waren transportieren kann, sodass dessen Kapazität steigt.

Wer am Zug ist, zieht seinen Kaufmann mitsamt Gehilfen (sofern noch vorhanden) einen oder zwei Orte weiter, lässt einen Gehilfen dort oder sammelt einen aus einem vorigen Zug ein und vollzieht so an jedem Ort die dortige Aktion. Das Gesammelte (Geld oder Waren) wird dann z. B. im Sultanspalast oder beim Edelsteinhändler in Rubine umgemünzt. An manchen Orten gibt es zusätzliche Rubine einzusammeln, wenn man bestimmte Voraussetzungen erfüllt.

Der Kaufmann und die Orte in Istanbul

Das Aufwändigste an Istanbul in Sachen Erklären ist nicht der technische Teil der Spielregel, denn dieser beschränkt sich auf den Zug des Kaufmanns, welcher denkbar simpel ist (s. o.). Danach folgt eventuell noch eine Begegnung mit einem anderen Kaufmann, dem Schmuggler oder Gouverneur oder einem Familienmitglied eines Mitspielers. Dann ist der Zug schon beendet. Die Beschreibung dieser grundsätzlichen Regel ist rund eine Seite lang, was schon bemerkenswert kurz ist für ein Brettspiel mit so viel Varianz. Allerdings, und da braucht es dann ein paar Sätze mehr, müssen den Spielern zumindest bei der ersten Partie die sechzehn Ort erklärt werden. Glücklicherweise sind einige Orte in ihrer Art gleich, sodass man netto auf zwölf Orte mit verschiedenen Aktionen kommt. Aber auch da hilft die Grafik weiter, denn, einmal erklärt, spricht diese die Sprache der Spielregel.

Das Material ist tiptop, die (zurzeit als Download verfügbare nachgebesserte) Spielregel einwandfrei.

Der Mechanismus von Istanbul

Beim Zugmechanismus hat sich Autor Rüdiger Dorn wohl an sein Die Händler von Genua (2001 bei Alea) erinnert, bei dem auch ein Kaufmann umherzieht und auf seinem Weg Steine hinter sich lässt. Im Gegensatz zu Genua entscheidet in Istanbul aber jeder für sich, welche Richtung sein Kaufmann einschlägt und welche Aktion er damit nutzt. Gesteuert wird ein Spieler dabei insbesondere von dem Ziel, früher oder später Rubine zu bekommen. Jedoch beeinflussen ihn auch hier, wenn auch indirekt, seine Mitspieler. Denn wo bereits ein anderer Spieler mit seinem Kaufmann steht, wird die eigentlich kostenlose Aktion teurer, da jeder andere Kaufmann am selben Ort zwei Lira erhält. Je mehr Kaufleute unterwegs sind, desto öfter begegnet man sich.

Weitere, durchaus gewollte weil hilfreiche, Begegnungen können die mit einem Familienmitglied eines Mitspielers, mit dem Gouverneur oder einem Schmuggler sein. Alle drei verschaffen einem zusätzliche Einnahmen in Form von Geld, Waren oder Bonuskarten. Letztere sind extrem wertvoll, da sie Doppelzüge oder sonst gar nicht erlaubte Züge und Aktionen erlauben sowie Waren oder Geld bringen.

Wie gut ist das Gesellschaftsspiel Istanbul?

Istanbul spielt sich auch zu zweit schon recht gut und flüssig. Je mehr Spieler aber am Tisch sitzen, desto mehr Begegnungen reichern eine Partie an. Das Spiel gewinnt dadurch gewissermaßen an Interaktion, die ansonsten kaum stattfindet. Muss man für einen Ort vier Lira bezahlen, ist es eine Überlegung wert, seinen Zugweg zu ändern und später an den gewünschten Ort zu kommen. Auch das Einfangen der Familienmitglieder findet in einer Runde zu fünft häufiger statt und sorgt damit für mehr Einkommen.

Das Spiel für Anspruchsvolle

Man kann Istanbul mit der empfohlenen Startaufstellung spielen, die kurze Wege zwischen funktional verbundenen Orten garantiert. „Anspruchsvolleren“ Spielreiz versprechen aber ein paar Konstellationen, die die Spielregel empfiehlt. Schwerpunktmäßig wirkt sich das zwar zunächst mal auf die Spieldauer aus. Dennoch: Liegen Orte, die in einer gewissen Verbindung zueinander stehen, weiter voneinander entfernt, werden nicht nur die Wege länger sondern auch die Planung schwieriger. Das tritt erst einmal gar nicht so offen zutage. Aber wenn man plötzlich merkt, dass man in der Ecke, in der man den Hauptteil seiner Züge durchführen wollte, nicht weiterkommt, und man für einen Zug quer durch die Stadt nicht mehr genügend Gehilfen hat, kommt es unter Umständen zu toten Zügen, also Zügen ohne Aktion, die man tunlichst vermeiden sollte. Auch der Zug zum Brunnen, an dem man seine Gehilfen wieder einsammeln kann, führt zu Verlangsamung durch Aktionsverlust. Als Ausgleich dafür trifft man am Brunnen statistisch gesehen häufiger den Schmuggler oder Gouverneur, womit ein kleiner Ausgleich geschaffen werden soll.

Istanbul: Anspruch, Interaktivität und Spieldauer

Istanbul scheint auf Anhieb ein strategisches Spiel zu sein, in dem man die Stationen seines Kaufmanns gedanklich festlegt und dann der Reihe nach abläuft. Aber je weiter die Orte auseinander liegen und besonders mit wachsender Spielerzahl klappt das immer weniger. Gerade noch wollte man sich ein Plättchen aus der Moschee holen, da schnappt es einem ein anderer weg. Gerade wollte man zum Markt, um seine Waren zu verkaufen, da verkauft dort ein anderer vor einem, wodurch zum einen andere Waren nachgefragt werden und zum anderen zwei Lira abgedrückt werden müssen, die man nicht oder anders eingeplant hatte. Istanbul ist kein Mangelspiel, aber überflüssig ist nichts von dem, was man hat. Aufgrund der Zugmechanik ist es von Vorteil, wenn man Orte mehrmals kurz hintereinander betritt, da man dann den dort abgelegten Gehilfen wiederbekommt und somit seinen Zug verlängert, ohne den Brunnen ansteuern zu müssen. Wer sich so eine sinnvolle (!) Kette von vier bis maximal fünf Orten verknüpft, hat auch einen zeitlichen Vorteil, womit spätestens klar wird, dass Effektivität der Schlüssel zum Sieg ist, denn Istanbul ist kein sonderlich langes Spiel (in Vollbesetzung rund eine Stunde, zu zweit eher 30 Minuten). Anders ausgedrückt ist es den Spielern auch nur schwer möglich, einen Rückstand von zwei Rubinen zum Führenden aufzuholen. Schon deswegen, weil eben die Interaktionsmöglichkeit eher gering ist. An dieser Stelle spielt dann vielleicht das Glück eine Rolle, denn ein paar Aktionen im Spiel werden ja durch Würfel entschieden.

Wiederspielreiz von Istanbul

Der Wiederspielreiz von Istanbul ist anfänglich gegeben und bleibt durch das sich immer wieder verändernde Stadtbild eine Zeitlang erhalten. Letztlich bieten sechzehn Felder aber nicht so viele Möglichkeiten, wie man anfangs vermutet, sodass früher oder später die erforderliche Spielweise beim Aufdecken der Karten klar ist. Erfahrene Spieler sollten daher die Verteilung der Karten nicht dem Zufall überlassen, wenn sie ein gewisses Maß an Anforderung erzielen wollen.

Istanbul wurde zum Kennerspiel des Jahres 2014 nominiert. Nach den ersten Partien habe ich mich gefragt, weshalb zum Kennerspiel? Aber man lasse sich nicht täuschen. Das Schwierige an Istanbul sind weder die Regeln, noch die Spielmechanismen. Anspruchsvoll ist es deswegen, weil man mit seinem Ziel, fünf Rubine zu erlangen, immer wieder gegen einen Spieler scheitern wird, der seine Züge effektiv und in möglichst kurzer Zeit vollzieht. Darin liegt der Anspruch. Und außerdem sorgt es für Spaß durch Spannung. Als Familienspiel taugt es thematisch, aber Erfahrung sollte schon vorhanden sein.

Video: 

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2-5
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
10
Spieldauer (Minuten): 
40-60
Jahrgang: 
2014
Spielkategorisierung
Mehr zum Spiel

Kommentare

Wir haben das Spiel heute zum ersten Mal geoeffnet und mussten nach dreiviertelstuendigem Studieren der Anleitung aufgegeben und das Spiel wieder einpacken. Den Spielbeginn und -verlauf ueberhaupt nachzuvollziehen und in Ansätzen zu überblicken war uns zu schwer. Vielseitige Optionen, sowie die Unterteilung in Spielzüge und Aktionen blieb uns leider unverständlich.

Die Aufmachung ist ansprechend und interessant. 

Menschen mit viel Spielerfahrung können sich sicherlich in die Systematik des Spiels einarbeiten. Für uns war es für einen gemütlichen Spieleabend zu komplex.

 

 

 

Lieber Andreas,

das wäre ja jammerschade, wenn Ihr das eigentlich schöne Spiel nicht spielen könntet,  weil es an irgendeiner Stelle mit dem Verständnis der Spielregel hapert. Wenn Du interesse hast, bin ich Dir gerne behilflich beim Einstieg in das Spiel. Schreibe mir einfach eine Mail (axel (at) reich-der-spiele.de) und wir finden sicher einen Weg, Dir das Spiel zu erklären. 

Lieber Gruß

Axel

 

Sicher, das Angebot von Axel ist keine Selbstverständlichkeit, aber auch keine Dienstleistung. Wir vom Reich der Spiele schreiben ehrenamtlich. Ich hoffe nicht, das wir so abgehoben wirken, das man meinen könnte, wir verdienen hier unseren Lebensunterhalt. Deshalb sind solche Angebote als Hilfe von einem Spieler für einen Spieler zu verstehen. Du, lieber unbekannter Leser/Spieler, bist auch ein Mitglied unserer spielerischen Community. Deswegen deute ich dein Lob (Danke dafür) um in: „Feiner Zug. Solche Angebote macht nicht jeder.“ :-)

 

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