Seenot im Rettungsboot

eine Spielerezension von Bernhard Zaugg - 31.10.2007
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Seenot im Rettungsboot von Reich der Spiele
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Dramatik pur auf hoher See! Die Santa Timea ist auf Grund gelaufen und gesunken. Die wenigen Überlebenden versuchen verzweifelt, eine nahe gelegene Inselgruppe zu erreichen. Allerdings sind die Rettungsboote derart morsch, dass sie jederzeit leckzuschlagen drohen. Zudem ist die Strömung ungünstig, weshalb die Schiffe kaum vorankommen. Wer trotzdem möglichst viele seiner Gefolgsleute zu retten vermag, gewinnt das überaus erstaunliche und auf seine Weise einzigartige Spiel.

Ungewöhnlich ist primär die Tatsache, dass jede einzelne Entscheidung über den Ablauf des Geschehens im Kreis der Spieler diskutiert und durch Abstimmung gemeinsam festgelegt wird. Ein "basisdemokratisches Katastrophenspiel" eben, wie auf der Schachtel absolut zutreffend vermerkt ist. Nichts also mit Würfeln oder Kartenziehen - niemand wird hintendrein sagen können, fehlendes Glück sei ausschlaggebend gewesen für eine allfällige Niederlage im Kampf ums nackte Überleben! Und zu entscheiden gibt es Vielerlei mit überaus weitreichenden Konsequenzen.

Der Beginn ist dabei noch harmlos und unproblematisch. Die Spieler platzieren ihre Rettungsboote zusammen mit einem neutralen bei der Santa Timea und verteilen anschließend ihre Gefolgsleute, je zwei Steuermänner und fünf Matrosen, auf die einzelnen Schiffe. Dann allerdings wird’s dramatisch: Jede Runde dringt Wasser in eines der Boote und gefährdet die darin sitzenden Schiffbrüchigen. Die Spieler bestimmen durch verdecktes Ablegen von Handkarten, welchen der Kähne das Unglück treffen soll. Findet sich eine Mehrheit für eines der Schiffe, wird der Eintritt des Wassers durch einen Setzstein markiert; bei Stimmengleichheit entscheidet der Startspieler der jeweiligen Spielrunde.

War das Boot voll besetzt, wird durch das Eindringen des Wassers einer der Passagiere über Bord gespült und aus dem Spiel genommen. Zur Bestimmung des Unglücklichen werden erneut Handkarten ausgespielt, wobei ausschließlich jene Spieler mitwirken dürfen, die mindestens eine ihrer Figuren im betroffenen Boot haben. Steuermänner haben dabei ein doppeltes Stimmrecht und gehen nur über Bord, wenn kein gleichfarbiger Matrose mehr im Boot sitzt. Weist ein Schiff danach mehr Löcher als Passagiere auf, vermögen diese das eindringende Wasser nicht mehr zurückzudrängen, worauf das Boot mit seiner gesamten Restbesatzung unter und verloren geht.

Von den im Spiel verbliebenen Schiffen gelingt es in jeder Runde einem einzigen, sich den am Horizont auftauchenden Inseln zu nähern. Klar, dass auch hierzu Handkarten ausgespielt werden und der Startspieler das Zünglein an der Waage spielt. Anschließend können einzelne Seeleute das Boot wechseln. Die Spieler bestimmen dazu reihum eine ihrer Figuren, wobei aus jedem Kahn nur ein einziger Passagier aussteigen und keiner ins selbe Boot zurückkehren darf. Unnötig zu sagen, dass dadurch die Mehrheitsverhältnisse in einzelnen Schiffen kippen können mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Fortsetzung der Fahrt und die damit verbundenen Abstimmungen … Passagiere in Booten, die sich auf eine der Inseln zu retten vermögen, werden mit Gewinnpunkten belohnt. Das Spiel dauert bis alle Seeleute entweder in Sicherheit oder ertrunken sind. Der Spieler mit den meisten Punkten gewinnt, bei Gleichstand jener, dessen Boot zuerst das Ziel erreicht hat.

Seenot im Rettungsboot ist ein knüppelhartes Taktik- und Verhandlungsspiel und nichts für schwache Nerven! Zwar ist am Anfang noch gar nicht recht erkennbar, was überhaupt Verhandlungsmaterie sein könnte. Mit zunehmender Spieldauer und Erfahrung eröffnen sich allerdings unglaubliche Gestaltungsräume, sobald der Blick geschärft ist für das Erkennen der Stimm- und Mehrheitsverhältnisse in den einzelnen Booten und das Abschätzen möglicher Konsequenzen der jeweiligen Entscheidungen. Wer hier nicht mitzuhalten vermag, wird rasch ins Hintertreffen geraten und jede Freude am Spiel verlieren. Alle anderen aber werden sich lustvoll und möglichst in Vollbesetzung in die nächste Katastrophe stürzen in der Hoffnung, dass diesmal bessere Grundlagen geschaffen werden können zum Schmieden von Koalitionen und Fronten. Ein wahrhaft atemberaubendes Spieldrama!

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
3 - 6
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
10
Spieldauer (Minuten): 
60
Jahrgang: 
2006
Spielkategorisierung
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