Aus dem Leben eines Spiele-Rezensenten

Rainer Fieseler über gescheiterte Testrunden

ein Spiele-Artikel von Rainer Fieseler - 15.02.2006
Rainer Fieseler von Rainer Fieseler
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Ich habe zum Spieltreffen ein neues Spiel mitgebracht, und es auch gleich auf den Tisch gestellt, um es auf jeden Fall zu spielen. Schließlich muss ich noch eine Rezension schreiben. Meine Mitspieler setzen sich zögernd dazu und kommentieren abwechselnd:
"Was, schon wieder ein neues Spiel?“
"Worum geht es denn da?“
"Ih, Mittelalter!“
"Ist es schwierig?“
"Klar, wenn Rainer es mitbringt ...“
"Das hat sicher wieder so eine ellenlange Regel!“
"Und dann dauert es auch so lange!“
"Ich habe aber höchstens bis zehn Uhr Zeit!“
"Bah, ist der Spielplan hässlich!“
"Schau mal, sechseckige Felder, das ist sicher wie Siedler!“
“Lass uns doch gleich Siedler spielen“
"Ja, warum nicht - das kennen wir wenigstens.“

Nach etwas Überredungskunst habe ich mich scheinbar doch noch durchgesetzt und wir spielen das neue Spiel. Nach einer Weile kommen folgt folgender Dialog:
Spieler: "Also, ich setze meinen Stein hierein.“
Ich: "Das darfst du nicht!“
Spieler: "Wer sagt das?“
Ich: "Die Spielregel.“
Spieler: "Blöde Regel, ich hatte mir das so gut ausgedacht. Also gut, dann dahin.“
Ich: "In Ordnung, das kostet zwei Taler.“
Spieler: "Waaas? Das kostet?“
Ich: "Klar, das ist doch ein Bergfeld!“
Spieler: "Das hat du aber nicht erklärt, dass ein Bergfeld extra kostet!“
Ich: "Doch, hab ich!“ (seuftz)
Spieler: "Na dann muss ich mir das noch 'mal neu überlegen ...“
Ich: "Nun mach mal hinne, wir habe nicht ewig Zeit!“
Anderer Spieler: "Und ich muss um zehn gehen!“
Spieler: "Das ist ja schon gleich.“
Anderer Spieler: "Wäre das nicht hier ein geeigneter Zeitpunkt aufzuhören?“
Spieler: "Ja, das finde ich auch; dann hätten wir noch Zeit für eine Runde Karrierepoker.“
Anderer Spieler: "Karrierepoker? Dann bleibe ich noch etwas. Es reicht, wenn ich um halb elf gehe!“

Ich bin etwas enttäuscht, da tatsächlich die Karrierepokerkarten verteilt werden. Ich packe mein Spiel ein. Einer meint zu mir: "Ich glaube, das Spiel brauchst du nicht wieder mitzubringen!“

Ich denke mit Schaudern daran, dass ich das Spiel ja noch rezensieren muss. Aber ich habe ja noch eine andere Spielerunde. Dort schlage ich ein paar Tage später mit meinem Testexemplar auf. Wieder kommen die offensichtlich nicht zu vermeidenden Kommentare:
"Was ist denn das für ein Spiel?“
"Ich dachte wir wollten Civilization spielen!“
"Das hatten wir doch letztens schon; ich habe mal Das Zeitalter der Renaissance mitgebracht.“
"Und ich Twilight Imperium III. Ich habe jetzt endlich die Regel durch.
"Außerdem, wie sieht denn dieses Spiel bloß aus!“
"Bist du sicher, dass das für Erwachsene ist?“
"Na gut, tun wir dir den Gefallen und spielen das 'mal.“
"Aber dann haben wir bei dir was gut.“

Mit einem leichten Hoffnungsschimmer erkläre ich die Regeln, und wir spielen ein paar Runden. Schließlich:
Spieler: "Ich bin dran, wo ist der Würfel?“; würfelt: "Scheiße!“
Ich: "Na, ich muss doch sehr bitten ...“
Spieler: "Was soll ich denn sonst sagen, zum dritten Mal hintereinander eine eins!“
Ich: "So kommt du tatsächlich nicht auf eine grünen Zweig.“
Spieler: "Was kann ich dafür?“
Anderer Spieler: "Das Spiel ist viel zu glücksabhängig!“
Spieler: "Ach, was du nicht sagst!“
Anderer Spieler: "Warum tun wir uns das eigentlich an?“
Spieler: "Wenn wir jetzt aufhören, schaffen wir noch eine Partie Die Macher.“
Anderer Spieler: "Na also, dass ist doch ein vernünftiger Vorschlag!

Ich bin etwas enttäuscht, da tatsächlich Die Macher aufgebaut wird. Ich packe wieder einmal mein Spiel ein. Einer meint zu mir: "Ich glaube, das Spiel brauchst du nicht wieder mitzubringen!“

Jetzt muss ich eine Rezension über das Spiel verfassen. Was schreibe ich nur? Ein weiterer Versuch hat ganz offensichtlich keinen Zweck, denn bei meinen Mitspielern ist es komplett durchgefallen. Nicht einmal zu Ende spielen wollten sie es! Das Problem ist nur. Mir selbst hat das Spiel gut gefallen ...