Egizia

eine Spielerezension von Wolfram Troeder - 11.09.2010
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Egizia von Reich der Spiele

Acchittocca - ein vierköpfiges, italienisches Autorenteam hat sich eines neuen Themas angenommen. Ägypten ist der Schauplatz vieler Spiele, darunter so gute wie Ra, Archeology oder Gizeh. Die Autoren verlegen ihr „Arbeiter-Einsetz“-Spiel in die klassische Zeit der Pyramiden und Pharaonen. Als Baumeister versuchen die Spieler in einem vielfachen Balanceakt, die diversen Ressourcen und die Bedingungen effizient in Bauwerke und damit Siegpunkte umzusetzen.

Mal abgesehen vom Pharaoh werden erfreulich viele Versatzstücke dieser Epoche genutzt. Ehrlich zugegeben, das Thema findet nur eine seichte Umsetzung, ungeachtet dessen wäre es nur der halbe Spaß, sich in einer profaneren Umgebung zu bewegen. Gut gelungen ist die Fluss-Charakteristik, dazu später mehr. Wer der voreiligen Ansicht ist, die fünf Runden ließen sich in kurzer Zeit spielen, der irrt. Gemäß des Zitats „Alle Tage sind gleich lang, aber unterschiedlich breit.“ sind die Runden bei Egizia sehr breit, weniger als 90 Minuten Spielzeit erreichen nicht einmal erfahrene Spieler.

Erfreulich auch, dass verbreitete Schwächen dieser Art Spiele, wie beispielsweise mangelnde Spannung im Endspiel, mithilfe von verdeckten Bonuskarten ausgeglichen werden. Wie zu erwarten, ist das Spiel materialreich, die Schachtel erfreulich gut gefüllt. Die Grafik ist gefällig, kontrastreich und bedient die klassischen Klischees, grobe Fehler fallen keine auf. Das Material macht einen wertigen Eindruck und dürfte selbst Vielspieler aushalten. Das Spielbrett ist klar und gut gegliedert, macht jedoch erhebliche Zugeständnisse an den Spielablauf, sodass sie als Orientierunghilfe beim nächsten Urlaub ausfällt. Hervorstechendstes Merkmal ist der Nil, der sich in Windungen einmal diagonal über das Brett zieht. Links davon ist an jeder Biegung ein Platz für eine Nilkarte, die rechten Biegungen haben eine feste Zuordnung zu Aktionen oder Bauplätzen. Die Ikonographie ist gewöhnungsbedürftig, aber meistens klar. Unklarheiten sind mittels der brauchbaren Spielanleitung schnell aufgelöst. Die drei Bauplätze lassen das Bauen an dem Sphinx, dem Tal der Könige/dem Obelisk und der Pyramide/demTempel zu. Auf dem Rest des Spielbretts verteilt sind noch kleinere Anzeigen für den Wasserstand des Nil, dem Getreide- und Steinmarkt und die Wertungsleiste. In der Obhut des Spielers befinden sich die acht Nilschiffe und die Bauklötze seiner Farbe, eine Acker- und eine Steinbruchkarte sowie das Lager mit den vier Bautrupps und der Steinvorratsanzeige. Im Laufe des Spiels kommen ggf. noch weitere Karten und Königsgräberchips dazu. Nach jeder Runde neu verteilt werden die Reihenfolgeplättchen. Rund um das Spielbrett wird noch Platz für die drei Stapel Nilkarten benötigt, für die Sphinxkarten war noch Platz auf dem Brett. Wie man aus der Schilderung ersieht, bietet sich die Benutzung eines großen Tisches an.

Wie läuft nun eine Runde ab? Zuerst werden nacheinander zehn Nilkarten gezogen und auf die vorgesehenen Plätze links des Nils ausgelegt. Da es immer mehr Karten im Stapel gibt, als benötigt werden, kommt hier die erste Variable ins Spiel: nicht alle Nilkarten spielen jedesmal mit. Nach den unvermeidlichen Unmuts- oder Freudenbekundungen werden nun die Spieler aktiv. Entsprechend der Reihenfolgeplättchen setzen die Spieler jeweils ein Schiff auf die gewünschte Biegung des Flusses und erhalten die dortige Nilkarte oder rechterhand die Verbesserung der Bautrupps, mehr Steine, eine bessere Position auf den Märkten oder Einfluss auf die Wassermenge im Nil. Dass jede Biegung nur von einem Schiff besetzt werden kann, von den Baustellen abgesehen, hat man fast schon erwartet, überraschender ist die flussspezifische Vorgabe, immer nur stromabwärts des letzten eigenen Schiffs einsetzen zu können. Manche Karte verlockt dann schon, einen großen Sprung zu machen, aber dafür die stromaufwärtsliegenden Karten der Konkurrenz überlassen zu müssen. Anschließend erfolgt die erste Prüfung. Der Kornertrag, den die eigenen Äcker aufgrund des Wasserstands liefern, wird gegen die Stärkesumme der vier Bautrupps gerechnet. Weizenüberschuss verfällt, Mangel dagegen muss mit Siegpunkten beglichen werden. Danach liefern die Steinbrüche Baumaterial ab. Hat man ein oder mehr Schiffe auf den Baustellen platziert, darf man nun bauen. Der Sphinx ist dabei am einfachsten, hier bekomme ich die Bonuskarten für das Spielende. Auf jeder Karte ist eine Bedingung angegeben, erfülle ich diese am Spielende, erhalte ich Bonuspunkte, die bis zu einem Drittel der Gesamtpunktzahl ausmachen können. Der nächste Bauplatz beinhaltet die Königsgräber und den Obelisken, beide haben Felder mit Zahlen, die ich mit Steinen und dem Bautrupp erreichen muss, um dort bauen zu können. Gebaute Gräber geben am Spielende noch einen Extrabonus. Der letzte Bauplatz ermöglicht das Bauen an der Pyramide und am Tempel. Für jede fertiggestellte Stufe an der Pyramide gibt es noch einen Bonus. Auch hier müssen die Feldwerte erreicht werden, um Bauen zu können, und die Zahlen steigen mit dem Grad der Fertigstellung. Als Belohnung erhält man aber auch Siegpunkte in Höhe der Feldwerte. Bautrupps, die gearbeitet haben, werden umgedreht und stehen für diese Runde nicht mehr zur Verfügung, Steine werden einfach aus dem Steinvorrat gestrichen. Zum Abschluss wird für fleißige Architekten nach der Baupase erneut ein Bonus vergeben und die nächste Runde beginnt mit der Festlegung der Spielerreihenfolge entsprechend der umgekehrten aktuellen Position auf der Wertungsleiste.

Runde um Runde steigen nun die Anforderungen an die Stärke der Bautrupps und der Verbau von Steinen. Damit einhergehend steigt der Weizenbedarf, aber auch die Ausbeute an Siegpunkten und der Bestand an Nilkarten, die weitere Äcker und Steinbrüche sein können, aber auch Regelabweichungen oder Bonusgetreide. Nach der fünften Runde werden die restlichen Steine gegen Siegpunkte getauscht und die Sphinxkarten offengelegt. In Spielerreihenfolge werden dann diese Boni vergeben. Wer hier am Ende vorne oder bei Gleichstand obenauf liegt, hat gewonnen.

Nichts an Egizia ist wirklich neu, die Kombination der verschiedenen bekannten Mechanismen und deren Verzahnung jedoch wirklich gut gelungen, dazu noch das populäre Thema. Die üblichen Fallen wie fehlende Spannung im Endspiel und zuviel Gewicht auf Ressourcenmanagement oder Konflikt wurden vermieden. Man fühlt sich beim Jonglieren mit den verschiedenen Einflussgrößen immer gefordert, aber selten überfordert. Es ist allerdings keine leichte Kost. Vielspieler kommen auf ihre Kosten, Familien nur, wenn sie viel Erfahrung haben. Gelegenheitsspieler werden sich schwer tun. Neulinge bei Egizia sollten auch die ersten Spiele unter Erfahrung verbuchen, der Wissensvorsprung schlägt den Glücksfaktor deutlich. Die Wartezeit auf die nächste eigene Aktion hält sich in Grenzen, Optimierungsfanatiker können diese aber fast beliebig verzögern. Nachbesserungsbedarf ist beim Spiel zu zweit vorhanden, ein echter Spannungsbogen will nicht recht aufkommen. Statt Konflikt steht maximal Konkurrenz auf der Tagesordnung. Am meisten Spaß gemacht hat es ab dem vierten Spiel mit voller Besetzung von vier erfahrenen Spielern.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2 - 4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
75
Jahrgang: 
2009
Spielkategorisierung
Fotos
Egizia von Hans im Glück/Schmidt Spiele
Egizia von Reich der Spiele
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