SPIEL.digital 2020: Spielend der Pandemie trotzen

Virtuelle Erlebnisse auf der digitalen Messe

ein Spiele-Artikel von Dirk Janßen - 30.10.2020
Spiel digital 2020 erleben
Lesezeit: ca. 16 Minuten

Als Peter Berneiser, Public Relations Manager von Pegasus, Sonntagmorgen um 10 Uhr im Pegasus Live Stream beim morgendlichen Plausch seine Kollegin Julia, die an dem Morgen quirlig wie eh und je ist, zu ihren Spielgewohnheiten befragt, kommt er trotz Kaffee immer wieder ins Stocken und lässt sich auch von einem Sekt nicht aufheitern. Peter Berneiser hat in den letzten Tagen viel gearbeitet und wenig geschlafen, drei Tage Spielemesse und ihre Vorbereitung stecken ihm sichtlich in den Knochen. Er schüttelt und rüttelt sich, aber der Schlafmangel lässt sich nicht vertreiben.

Eigentlich nicht verwunderlich, so eine Spielemesse zehrt halt jedes Jahr an den Kräften, aber 2020 ist alles anders, denn es gibt nicht die eine SPIEL, sondern nur eine digitale Version, bei der die einzelnen Verlage zwar unter dem Banner SPIEL.digital vereint sind, aber doch alle verteilt in ihren eigenen Räumen sitzen und das Beste aus der jetzigen Situation zu holen versuchen.

Unterstützt werden sie dabei von Horden von Bloggern, Podcastern, Vloggern, Influencern und anderen Freiwilligen, die vor, während und nach dem Event eine riesige Contentblase schaffen, damit es nicht mehr oder weniger als die Marke SPIEL unbeschadet ins Jahr 2021 schafft und bestenfalls dann auch wieder live und vor Ort stattfinden kann. Träumen darf man nicht nur während vieler bunter Spiele sondern auch von einer besseren Zukunft.

Stresstest für alle

Nicht nur für Peter Berneiser ist die SPIEL.digital ein Stresstest, sondern auch für die anderen Beteiligten. Abends im Live-Stream geben Marie von Nordsprech und Christoph von Better Board Games an, dass sie seit morgens früh nichts mehr zwischen die Zähne bekommen haben. Strahlen aber dennoch emsig und professionell in die Kamera. Gleichzeitig scheint SPIEL-Herrin Dominique Metzler auf allen Kanälen unterwegs zu sein, beantwortet geduldig Fragen, stellt sich der Kritik und wird nicht müde, viel Lob an alle, die das Event zum Leben erweckt haben, zu verteilen. Viel Schlaf dürfte auch sie in den letzten Wochen nicht bekommen haben, in diesen Tagen wird es noch weniger sein. Und auch die zahlreichen Erklärer und Promoter schaffen bis spät in die Nacht rein, erklären teils enthusiastisch über Discord immer und immer wieder die gleichen Spieleneuheiten. Chapeau!

Beim betriebenen Aufwand stellt sich natürlich die Frage, ob sich das alles gelohnt hat. Eine Frage, die sicherlich erst eine Auswertung nach der Messe bringen kann, indem man neben der allgemeinen Resonanz auch auf die blanken Zahlen schauen muss. Und dies nicht ausschließlich von Seiten des Merz Verlags, sondern auch von Seiten der Aussteller, die natürlich ihre Produkte bewerben und verkaufen wollten, sowie von den oben erwähnten freiwilligen Content-Schaffenden, die neben Ruhm und Ehre vor allem auch eine Steigung ihrer Bekanntheit und ihrer Zugriffe erhoffen.

Nicht alles läuft rund

Bewegte man sich während der Messe durch die sozialen Medien, gab es eine bunte Mischung aus Zuspruch und deutlicher Kritik. Dass die Plattform Donnerstag zu Beginn direkt in die Knie ging, damit hatten wohl die meisten gerechnet. Dass die Plattform noch nach einer Stunde hin und wieder „stotterte“, war auch kein großes Thema und wurde augenzwinkernd mit dem jährlich stattfinden Messeeinlass verglichen.

Allerdings gelang vielen der Sprung vom Analogen ins Digitale schwer oder gar nicht. Dies lag zum einen an den technischen Hürden, da man für die Nutzung des vollen Programms, auch Tools wie Tabletopia und Discord, parallel nutzen musste. Einige Verlage griffen in einzelnen Fällen auch noch auf andere Tools zurück, wie z. B. Zoom.

Themenfelder der SPIEL.Digital: Lost in Navigation

Zum anderen lag es aber auch am Portal an sich. Hier versuchte man über Themenfelder und eine virtuelle Messekarte, in der die einzelnen Verlage wie auf der offiziellen Messe als unterschiedlich große Standflächen dargestellt wurden, die Messe zu visualisieren und hierüber ins heimische Wohnzimmer zu transportieren, sorgte aber mehr für Verwirrung als Begeisterung. Viele Besucher fanden sich in der Oberfläche nicht zurecht.

Klickte man in der Themenwelt bspw. auf „Familienspiele“, wurden einem die Messestände aller Verlage angezeigt, die Familienspiele anbieten. Klickte man daraufhin allerdings auf einen der Verlage, ging der Filter verloren und das gesamte Programm wurde angezeigt.

Auch war der Weg zu den Live Aktionen nicht zielführend, sodass man häufig Aktionen angezeigt bekam, die dauerhaft schon seit einiger Zeit liefen. Nicht aber die Aktionen, die in Kürze begannen. Und das war es, was die Besucher eigentlich interessierte. In diesem Zusammenhang wäre auch die Möglichkeit, auf der Plattform direkt einen eigenen Kalender mit Erinnerungsfunktion zu pflegen, ein Mehrwert gewesen.

Außerdem wünschten sich viele Besucher, ihren jährlichen Kaufrausch hemmungslos, aber ohne Mehrkosten ausleben zu können. Dies war auf der digitalen Messe so nicht möglich. Viele Spiele waren nicht wie sonst pünktlich zur Messe in Essen erschienen, andere Spiele ließen sich nur mit deutlichen Mehrkosten aus dem Ausland bestellen.

Für die, welche unbefangen an die Sache herangegangen sind und die sich auch von den technischen Hürden nicht stoppen ließen, stellte die SPIEL.digital aber eine Alternative zum obligatorischen Offline-Event dar. Einige frotzelten zwar, dass der offizielle Live Stream und auch viele der anderen Kanäle den Charme von klassischen Shoppingsendern im TV hätten, andere hingegen genossen einfach ein breites Programm an Live-Streams und Aktionen sowie der Möglichkeit, vor allem über Tabletopia Demorunden mit Besuchern aus anderen Städten und Ländern zu spielen. Natürliche werden dabei nicht alle Sinne bedient – wobei dies aus der Erfahrung der vergangenen Jahre auch ein Vorteil sein kann. Hashtag #Gerüche ...

Schließlich haben sich einige schlicht darüber gefreut, dass sie endlich einmal an einer SPIEL teilnehmen konnten. Vor allen Dingen die, für die ein solches Event aufgrund der Distanz ansonsten zeitlich und finanziell nicht stemmbar ist.

Persönliche Impressionen

Tag 1

Nach dem ersten Tag war ich ein wenig enttäuscht von der digitalen Version der SPIEL. Normalerweise ist die Messe jedes Jahr mit viel Vorfreude und Vorbereitung verbunden. Und gerade am ersten Tag stellt sich spätestens beim Betreten der Hallen und ihrer Jahrmarktsatmosphäre ein kindlicher Kick ein. Am ersten Tag aber kehrte ich abends recht unbefriedigt und vor allen mit leeren Beuteln heim. Bildlich gesehen.

Dabei hatte eigentlich alles ganz gut angefangen. Während die Plattform noch fröhlich vor sich hinstotterte, lief zumindest auf Twitch der Pegasus Livestream schon. Gemütliches Plaudern zum Reinkommen in die Messe war angesagt. Die Standführung konnte allerdings nicht pünktlich stattfinden aufgrund der erwähnten Startschwierigkeiten.

Pegasus Live Stream: Peter Berneiser im Talk mit Stephen King?

Nachdem die Plattform dann verfügbar war, hatte ich schnell einen beliebigen Tisch belegt, um unvoreingenommen eine Neuheit auszuprobieren. Bei der SPIEL.digital bin ich hierbei taktisch vorgegangen und hatte mir eine Neuheit rausgepickt, die ich schon kannte, um nicht das Spiel, sondern die Bedienung von Tabletopia und Discord am Live-Objekt zu studieren. Mit Doreen, einer Promoterin von Pegasus, hätte ich keinen besseren Coach finden können. Doreen war zwar selbst noch etwas wacklig auf ihren virtuellen Beinchen, führte aber mit fröhlicher Gelassenheit durch das Spiel und die Tücken der Technik

Punktesalat hatte ich schon auf der letzten Messe bei AEG unter dem Originalnamen Pointsalad als Blindkauf erworben und spiele es auch heute noch gerne. Einfache Nummer, bei der man in seinem Zug entweder zwei Gemüsekarten oder eine Wertungskarte nimmt. Über die Wertungskarten kann man sowohl Plus- als auch Minuspunkte erlangen, je nachdem welches Gemüse man in seiner Auslage hat. Außerdem darf man einmal pro Runde eine Wertungskarte umdrehen und so in eine Gemüsekarte umwandeln. Gewonnen hat natürlich der mit den meisten Punkten. Nett für den Ein- oder Ausstieg in bzw. aus einem Spieleabend.

Viel Gesundes bei Punktesalat auf Tabletopia. Nächstes Jahr die Version mit Hochprozentigen namens Promillesalat.

Nach dem Spiel herrschte aber Ziellosigkeit. Die Plattform führte einen weder noch lockte sie einen irgendwo hin. Die Kacheln erweckten kein Messefeeling, sondern sahen eher aus wie der Prototyp eines abstrakten Plättchenlegespiels. Man vermisste den Lärm, den Trubel, den audio-visuellen Overkill der wahren Messe, ja, den Sog, der einen die Zeit vergessen lässt.

Abhilfe schaffte in diesem Moment auch nicht der offiziell gestartete Live-Stream zur Messe. Auch hier herrschte coronabedingt eine gewisse Leere. Wo letztes Jahr im Stream noch das omnipräsente Hallenmurmeln war, schaffte selbst Ben vom Brettspielblog mit seinen ratternden Spielvorstellungen die belastende Stille nicht zu füllen. Wie Weihnachten, wenn man bei 20 Grad im T-Shirt auf dem Weihnachtsmarkt am Glühweinstand steht und gut gekühltes Bier aus ist. Auch die anderen Kanäle konnten der Leere trotz mächtig Einsatz nicht trotzen.

Der offizielle SPIEL.Digital Livestream. Mit dabei Ben vom Brettspielblog, dem zukünftigen Weltmeister im Apnoe-Tauchen. Keiner atmet weniger.

Irgendwann gesellte ich mich dann noch an einen weiteren Spieltisch und probierte Switch & Signal von Kosmos aus. Auch hier stolperte ich über meine hohen Erwartungen.

Bei Switch & Signal spielen wir zusammen und müssen mit unseren Eisenbahnen Güter aus verschiedenen Städten Europas nach Marseille schaffen. Dabei gilt es, Weichen und Signale rechtzeitig zu stellen und ausreichend Eisenbahnen auf die Schienen zu bringen. Die Positionierung von Eisenbahnen und Waren in Tabletopia war äußerst frickelig und nie zufriedenstellend. Die Eisenbahnen standen nie richtig auf den Schienen, die Waren fielen ständig runter. Hinzu kam, dass einer der Mitspieler das „kooperativ“ etwas überstrapazierte und auch während der Züge der anderen Spieler immer eingriff. Hätten wir an einem richtigen Tisch gesessen, hätte ich ihm die Hände hinter den Rücken gebunden. Hier gab es nur eine kurze, freundliche aber deutliche Ansage. Während des Spiels schmissen dann noch die Mitspieler hin und ich brachte die Nummer mit dem gelassenen Erklärbären alleine zu Ende. Auch wenn ich schon zu Beginn gemerkt hatte, dass das hier nicht wirklich meine Nummer war.

Der virtuelle Wühltisch der Spiele Offensive oder Spiele, die wirklich kein Schwein mehr kaufen will.

Danach war bei mir dezent die Luft raus. Den Todesstoß verlieh mir der virtuelle Wühltisch der Spiele Offensive, der so trostlos daherkam wie ein Weihnachtsbaum ohne Nadeln.

Tag 2

Mit niedrigen Erwartungen ging es in den zweiten Tag. Und niedrige Erwartungen waren das richtige Rezept und schufen Klarheit: Die digitale Messe bietet einem eine Freiheit, die man auf der normalen Messe nicht hat. Man kann Messebesuch und Alltag gut unter einen Hut bringen, d. h., zwei Stündchen auf die Messe, gemütlich Essen mit der Familie, wieder auf die Messe, eine Runde durch den Wald mit den Hunden, wieder auf die Messe, etc.

Zocken bei Tabletopia ist sicher anders, aber auch entspannter als auf der SPIEL. Ohne störende Nebengeräusche und -gerüche kann man konzentriert der Erklärung des Spiels folgen. Zeitdruck gibt es nicht, da niemand von hinten drängelt. Kein Erklärbär versucht ein Spiel vorzeitig abzubrechen, sondern bringt die Präsentation geduldig und entspannt zu Ende. Am letzten Tag fiel auch auf, dass kein Erklärbär gesundheitlich angeschlagen ist. In Essen pfeifen die Kollegen ja spätestens dann schon aus dem letzten Loch.

Den Morgen startete ich wieder entspannt mit einem Blick in die Streams und blieb bei den Spielfritten hängen. Wer sie nicht kennt: Die Spielfritten sind zwei aufgekratzte YouTuber aus dem Ruhrpott, bei denen man nie weiß, ob man sie einfach nur nervig oder sympathisch frisch finden soll. An diesem Morgen musste ich ihnen Respekt zollen, da sie Tacos mit verschiedenen Dips frühstückten, aber auch Mitleid, weil ihr Plausch dabei nur 25 Leute interessierte. Irritiert war ich außerdem davon, dass Funfairist die gleiche Stimme wie mein Hausarzt hat und habe wirklich überlegt, ob ich ihn im Chat bitten soll zu sagen: „Beugen sie sich bitte einmal vor.“

Die Spielefritten gehen für Klicks an ihre Schmerzgrenze und essen schon frühmorgens scharfe Tacos. Aber immer schön drank denken: Es brennt immer zwei Mal.

Anschließend ging es gemeinsam mit einer Bekannten auf die Messe und wir spielten keine Neuheit, sondern ein Highlight vom letzten Jahr: Der Kartograph. Da das Flip & Write inzwischen allseits bekannt ist, gehe ich auf das Gameplay hier nicht mehr ein.

Beim Spielen wuchs mein Bart gefühlt um 2 Zentimeter. Kartograph auf Tabletopia ist wie Ministeck mit Handschuhen. Hinzukommt kommt noch, dass sich in die angebliche Anfängerrunde ein erfahrener Spieler geschmuggelt hatte, der mies nach vorne preschte und alle anderen abzockte. Und am Ende dennoch behauptete, Kartograph noch nie gespielt zu haben. Wäre er Pinocchio, hätte ich ihn darauf hingewiesen, dass sein Schuh offen ist, damit seine Nase seinen Oberschenkel durchbohrt.

Inspiriert durch den Spielfritten Stream ging es später bei Heidelbär an den virtuellen Tisch, um Unicorn Fever zu spielen. Optisch absoluter Farboverkill und mit einem Thema, das mir normalerweise kilometerweit am Allerwertesten vorbeigehen würde (Einhörner!!!), gefiel mir die Überarbeitung von Horse Fever mit seinem Wett- und Bietmechanismus sehr gut. Vor allem der Moment, wenn die Einhörner loslaufen und man mitfiebert, ob das eigene Einhorn Sieg oder Platz holt, nahm mich an dem Morgen mächtig mit. Erklärbär Marco war vom eigenen Spiel auch gut angetan und so schmuggelte ich mich am nächsten Tag spät abends noch einmal in eine Tabletopia Runde, um ein weiteres Mal Unicorn Fever zu spielen.

Unicorn Fever. Einhörner in einem Gemälde von Timothy Leary.

Einmal bei Heidelbär am Stand, folgte eine Runde Caretos, ein Spiel aus und in Portugal, welches um besessene Dorfbewohner (sog. Caretos) und Monster geht, die des nachts umherstreifen und Dorfbewohner erschrecken, jagen und gefangen nehmen. Gesteuert wird das ganze über Farbkarten, die wiederum unterschiedliche Aktionen bei den Monstern auslösen. So kann man z. B. seine Monster einige Felder bewegen oder direkt von einem Ort zum anderen springen. Auch die Caretos und Dorfbewohner können bewegt werden. Gar nicht einfach ist es dabei, Bewohner in die Arme einer seiner zwei Monster zu treiben. Zum einen, weil einem andere Monster in die Quere kommen oder den Weg blockieren, zum anderen, weil eine Begegnung mit den Caretos dafür sorgt, dass man temporär vom Brett fliegt.

Tatsächlich dauerte es einige Zeit, bis man im Spiel drin war, aber dann übte es eine gewisse Faszination aus. Würde ich auch gerne noch mal auf einem richtigen Tisch spielen.

Caretos. Unblutige, aber taktische Verspielung von Cabin in the wood.

Auf SPIEL.digital durfte nicht nur der von der Spiele-Offensive zum Kultstar avancierte Robert wieder seinen Spieleramsch zu schockierenden Bestpreisen über die Resterampe in die gierige Menge feuern, sondern bekam Konkurrenz in Form von drei Ludolf-Lookalikes von Pegasus. Diese eskalierten über die gesamten vier Tage in einem Brei aus unverständlichen Gebrabbel, teils übelst zotigen Witzen und noch mindestens genauso üblem Resterotz wie der einsame Robert. Vielen gefiel die Affenshow, ich fand nur die Kutte wirklich sehenswert.

Zock'n'Roll. Kennt man noch von früher, wenn man den Arsch nicht vom Tresen hochbekommen hat, der letzte Bus weg ist und man vom Inventar schwindlig gequatscht wird.

Wer sich abends noch nicht wund gesehen hatte an Messestreams, aber nicht nur bunte Schachteln in die Kamera gehalten sehen wollte, bekam teils einen guten Mix aus Hintergrundinformationen, Talks, aber auch durchaus professionell aufgemachten Spielerunden. Dabei waren auch die Jungs von den Rocket Beans, die neben Klassikern wie Bang! The Dice Game eine Abacus-Neuheit namens Fringers spielten. Nebenbei geguckt, habe ich nicht wirklich verstanden, was man machen muss, aber es sah aus, als würden vier Digital Natives versuchen, sich gegenseitig bunte Ringe an die Hände zu stecken, um dabei eine nie dagewesene Knobbelei zu lösen. In Corona-Zeiten sicherlich kein Bringer, aber würde ich danach gerne einmal spielen.

Rocket Beans. Vier junge Männer, die gerne die Nachfolge von Thomas Gottschalk antreten würden.

Tag 3

Spätestens am dritten Tag hatte man sich auch als Mid-40er an die digitale Spiel gewöhnt und genoss es wie einst im klassischen TV, zwischen den Programmen hin und her zu springen. Statt ARD, ZDF und irgendwelchen dritten Programmen standen hier verschiedene Streams zur Verfügung, die sich inhaltlich alle um Gesellschafts- oder Rollenspiele drehten und und bei denen nicht nur zahlreiche mehr oder weniger bekannte Blogger sondern auch jede Menge Spieleautoren oder Verlagsmitarbeiter zu Wort kamen. Statt Videos aus der Konserve, war man dank YouTube und Switch live dabei und konnte über Einwürfe im Chat das Programm mitgestalten.

Gespielt wurde auch an diesem Tag wieder. Bei Heidelbär wagte ich mich mit zwei Damen an die Neuheit Decipher, einem der zahlreichen Wortspiele, die man jedes Jahr präsentiert bekommt. Hier denkt sich ein Spieler ein Wort aus maximal fünf Buchstaben aus und baut dieses aus unterschiedlichen Teilen nach einem vorgegeben Schema zusammen. Anschließend gibt er abwechselnd immer ein Teil an einen Spieler raus, der die Position des Teils im Wort ermitteln muss. Sobald jemand meint, dass Wort zu kennen, kann er raten. Je früher das Wort erraten wird, umso mehr Punkte bekommt der Ratende und umso weniger der Wortgeber. Und umgekehrt. Irgendwie banal-genial. Hat zumindest beim ersten Mal Laune gemacht. Zumal es sich gut auf Tabletopia spielen ließ.

Decipher: Banal-geniales Wortspiel. Das Ende der Fahnenstange in dem Genre ist immer noch nicht erreicht.

Monster Expedition von Alexander Pfister spielt im gleichen Universum wie Carnival of Monsters, ist dabei aber aus meiner Sicht noch zugänglicher. Hat somit also eher etwas mit Port Royal als Great Western Trail oder Mombasa zu tun. Ein kleiner Pfister sozusagen.

In der Tiefsee, in den Wolkenlanden und im verwunschenen Wald gehen wir auch hier auf Monsterjagd. Hierzu stehen uns je nach Territorium unterschiedlich viele Würfel zur Verfügung, mit denen wir die Monster der jeweiligen Territorien erwürfeln können. Je mehr Monster wir erfolgreich in einem Territorium fangen, umso mehr Würfel bekommen wir für dieses Territorium.

Monster Expedition ist ein etwas aufgebauschter Amigo-Titel, der aus meiner Sicht dank der tollen Illustrationen vorgibt, mehr zu sein als er ist. Würde ich mitspielen, aber unbedingt haben muss ich es nicht. Funktioniert aber auch gut über Tabletopia.

Der Hylopoda bei Monster Expedition bringt mir 12 Punkte. Letzlich zu wenig, um das Spiel zu gewinnen.

Ebenfalls mit hübsch illustrierten Karten wartet Wildes Weltall vom Board Game Circus auf. Unser Schweizer Erklärer tat sich allerdings samstagabends schwer, uns das Spiel näher zu bringen. Nach der Erklärung waren wir so schlau wie zuvor, hatten nur verstanden, dass wir auf den oberen Karten unsere Raumschiffe positionieren und ansonsten Karten sammeln und ausspielen mussten. Nach welchen Kriterien wir sammeln, wann wir wie ausspielen und was das Ziel des Spiels ist, hatte zu Beginn niemand verstanden. Und so spielten wir die ersten Runden mühsam und gesteuert vor uns hin, bis ich schließlich versehentlich den gesamten Nachziehstapel auf meine Hand zog und das Spiel neu gestartet werden musste. Danach kamen dann (fast) alle gut in das Spiel rein und entdeckten ein wirklich spannendes Set-Collection-Kartenspiel, bei dem man mit einer Mischung aus Glück und Taktik starke Kartencombos generieren und ausspielen konnte. Da mir dies wiederum versehentlich einmal mit fünf Karten glückte, entschied ich schließlich das Spiel mit einem deutlichen Punktevorsprung für mich. Wildes Weltall steht auf meiner Haben-Will-Liste.

Wildes Weltall: Dank Schweizer Erklärbär gibt es Samstagabend nostalgisches Kurt Felix Feeling.

Tag 4

Sonntag machte sich Messemüdigkeit und die Sehnsucht nach analogem Gameplay breit. Dezent übermüdet skippte ich mich erneut durch die Kanäle, aber so richtig hängen bleiben wollte ich nirgendwo. Selbst der tüchtige Robert, seine Resterampe und das absurde Drumherum konnten an dem Tag nicht mehr so richtig unterhalten.

Komm, Robert, hau die alten Schinken raus. Ob Dellen, ob Flecken oder eingedrückte Ecken, im Kaufrausch, wird das schon keiner erkennen.

Ein kleines Highlight gab es dann doch noch über Discord, wo der Board Game Circus ein Interview mit einem seiner Autoren führte, der mit Wild Cards zumindest einen optischen Leckerbissen rausgebracht hat. Gerade der Blick hinter die Kulissen und das (aktive) Teilnehmen an solchen Gesprächen stellte einen Mehrwert gegenüber der analogen Spiel dar. Nie war es so einfach, ins Gespräch mit Autoren, Designern und Verlagsmitarbeitern zu kommen. Beim anschließenden Gewinnspiel ging ich allerdings leer aus. Und eine Chance, Wild Cards einmal anzuspielen, erhielt ich an dem Nachmittag auch nicht mehr.

Board Game Circus on the air.

Meine letzte Tat am Spieltisch sollte an diesem Sonntag King of 12 von Corax Games sein. Meine Mitspielerin hatte immense technische Probleme, aber Erklärbär Micha ließ nicht locker und bekam es tatsächlich hin, dass sie dran blieb und schließlich am Spiel teilnahm.

King of 12 ist ein Würfelstichspiel, bei dem die Würfel über Karten zusätzlich manipuliert werden können. Jede Runde müssen wir versuchen, unser Würfelergebnis so zu manipulieren, dass wir den höchsten Würfelwert haben. Allerdings zählen gleiche Karten und gleiche Würfelergebnisse in einer Runde nicht. Da alle die gleichen Karten haben, muss man sich in seine Gegner hineinversetzen und antizipieren, welche Karten sie spielen werden. Bis zum Ende hin war nicht zu erkennen, wer das Spiel für sich entscheidet. Cool. Steht auch auf meiner Haben-Will-Liste.

Micha aus Spandau berlinert sich durch King of 12. Selbst technische Tiefen umschifft der 24 Stunden Erklärer gekonnt.

Sonntagabend ließ ich die Messe mit dem finalen Livestream ausklingen, der allerdings zu einer Farce geriet, weil eigentlich kein sehenswerter Content mehr vorlag, man aber einfach nicht loslassen wollte. Bei den 1900 Zuschauern auf YouTube schlug die Stimmung dann auch langsam um, weil die meisten nur noch auf die Verlosung eines riesigen Spielepakets warteten. Als das Ding schließlich verlost war, sackten die Zuschauerzahlen auch rapide ab und die SPIEL.digital 2020 konnte endlich zufrieden die Lichter ausmachen.

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