Augustus

eine Spielerezension von Axel Bungart - 02.07.2013
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Augustus von Hurrican

Nach Auffassung von Spieleautoren müssen die Römer ein recht schreifreudiges Volk gewesen sein. Schon in Ruhm für Rom sollte man „Ruhm für Rom!“ ausrufen, wenn man nach staatlicher Aufforderung nichts als die umgekrempelten Innenfutter der Hosen anzubieten hatte.


Augustus von Hurrican Games spielt ebenfalls zur Zeit der römischen Schreihälse und so gibt es unter den 2-6 (auch nicht-römischen) Mitspielern immer einen, der als Ausrufer die Aufgabe hat, die Legionen aufzufordern, sich auf Ihrer Reise in die Provinzen und zu den Senatoren (?) im Angesicht der auf sie wartenden Aufgabe adäquat auszurüsten. „SÄBEL!“ sollen sie zum Beispiel mitnehmen und das möglichst mehrfach. „DOLCH!“ auch. (Den gibt’s nur einmal.) Ein wenig willkürlich scheint diese Auswahl bei Augustus, doch der Ausrufer denkt sich nichts aus. Er greift in ein Säckchen und zieht eins von 23 Plättchen heraus, das den Ausrüstungsgegenstand zeigt, den er sodann lauthals verkünden soll, auf dass alle Mitspieler ihre Legionen in die Provinzen schicken, in denen man ein Feld mit einem solchen Gegenstand findet.


Ein Spielbrett sucht der Legionär bei Augustus aber vergebens. Vielmehr hat jeder Spieler Zielkarten vor sich ausliegen, Provinzen und Senatoren eben. Ob und wie auch Senatoren von Legionen besetzt werden können, lassen wir einfach außer Acht. Trägt eine Zielkarte das ausgerufene Symbol, setzt sich sofort eine Legion dorthin in Bewegung (sofern noch eine der sieben Legionen eines Spielers gerade frei hat oder sich frei machen kann). Gibt es mehrere Ziele zur Auswahl, entscheidet der Spieler, welches er besetzen will. Vergesst aber die „STREITWAGEN!“ und auch die „STANDARTE!“ nicht. Wieder wandern Legionen bei Augustus.


Sind alle Felder einer Provinz/eines Sanators gefüllt, ruft der Besitzer. Dieses Mal „AVE CAESAR!“, was so viel bedeutet wie „EINE-MEINER-KARTEN-IST-BESETZT - ICH-KRIEGE-EINE-BELOHNUNG!“. Das ist aber zu lang, daher kurz: „AVE CAESAR!“. Seine Provinz (oder sein Senator) sagt ihm durch Symbole, was er erhält. Das können zusätzliche Legionen sein, oder man darf vorrätige Legionen außer der Reihe mobilisieren und auf bestimmte Felder schicken. Viele Zielkarten versprechen auch Sondersiegpunkte am Spielende von Augustus. Dafür muss man meist andere Voraussetzungen erfüllen.


Danach wird die erfüllte Zielkarte zur Seite gelegt und der Spieler sucht sich eine neue aus fünf ausliegenden aus. Und weiter geht’s. „KATAPULT!“ Der Ausrufer ruft solange, bis er einen „JOKER!“ aus dem Beutel zieht, der eine Legion auf ein beliebiges Feld einer Zielkarte schickt. Dann wird der nächste Spieler zum Ausrufer.


Bis hierhin: Wer hat’s erkannt? Das ist doch … (und jetzt alleee) ... „BINGO!“. Genau! Und weil’s das schon gibt und nur Rentner und Mallorca-Urlauber begeistert, sollen die Spieler bei Augustus ihre Zielkarten möglichst schnell erfüllen, was ein gewisses Zielkarten-Legionen-Management erfordert. Denn nur wer seine Zielkarten möglichst schnell füllt, bekommt Belohnungen. Als Erster drei Provinzen gleicher Farbe, als Erster drei Senatoren besetzt – das bringt Bonuspunkte. Wer bei Augustus Gold oder Weizen einsammeln konnte, das auf den erfüllten Zielkarten liegt, bekommt einen Bonus. Allerdings behält er ihn nur, solange ein anderer nicht wenigstens gleich viel Gold/Weizen einsammeln konnte. Also gilt es, nachzulegen.


Für ein bisschen Kribbeln sorgt beim Gesellschaftsspiel Augustus der dritte Bonustyp. Wer nämlich eine bestimmte Anzahl Zielkarten erfüllt hat, darf sich das dieser Anzahl entsprechende Bonusplättchen nehmen. Aber nur genau in dem Moment, in dem er es erfüllt!


Hat ein Spieler (mindestens) sieben Zielkarten erfüllt, endet das Spiel. Wer durch das Erfüllen seiner Zielkarten, den Sonderpunkten und Bonuskärtchen die meisten Punkte erzielen konnte, ist Sieger.


Augustus spielt sich schnell und einfach. Es ist tatsächlich eine Art Bingo, aufgepeppt durch Bonusregelungen. Das scheint banal und irgendwie ist es das auch. Aber dennoch entwickelt man beim Spielen einen Ehrgeiz, sein Spielergebnis zu optimieren. Die Zielkarten haben genug Potenzial, um verschiedene Wege einzuschlagen, was eine Art strategisches Denken provoziert: Sechzehn Punkte für eine Zielkarte sind viel, doch muss man dafür viele und wertvolle (weil seltene) Felder besetzen. Da scheint die Karte, für die es weder Belohnung noch Siegpunkte gibt, auf Anhieb sinnlos. Sie ist aber mit zwei Legionen sehr schnell voll besetzt ist, verschafft einem somit schnell eine Provinz in einer Farbe und übt so Druck auf die Gegner aus, die schnell eine Zielkarte im Hintertreffen sind. Es geht bei Augustus ja um Schnelligkeit. Dummerweise folgen weder die ausliegenden Karten noch die gezogenen Plättchen (immer) der eigenen Strategie, was man dann unumwunden als Pech bezeichnen muss. "O FORTUNA!"


Die sieben Legionen jedes Spielers sind (anfangs) viel zu wenig für die durchschnittlich zehn bis zwölf Felder auf den Zielkarten. Also muss man Prioritäten setzen, die Legionen schlau einsetzen. Auch mal eine Legion von einer Karte zurückpfeifen, um sie auf einer anderen einzusetzen. Wichtig ist es, möglichst viele verschiedene Symbole auf seinen Zielkarten zu haben, denn wenn ein „SCHILD!“ gefragt wird, wo man keine Schilde hat, geht man leer aus, was einen zurückwirft.


Entscheidend was den Spielausgang angeht, sind bei Augustus allem voran die Bonusplättchen. Wirklich taktieren muss man bei dem Bonus für die Anzahl der erfüllten Zielkarten. Das Spezielle daran: Jedes Bonusplättchen gibt es nur einmal. Hat man erst mal ein Plättchen, gibt’s kein anderes mehr. Also spekuliert man, ob man noch weitere erfüllt, um einen besseren Bonus zu bekommen, wobei man Gefahr läuft, sogar ganz leer auszugehen, weil ein Gegenspieler plötzlich schneller ist und den entsprechenden Bonus wegschnappt. Ein eher taktisches bis strategisches und vor allem spannendes Element.


Das Material von Augustus ist sehr gut; stabile Bonusplättchen, klar definierte Zielkarten. Leider kann die Spielanleitung da nicht ganz mithalten. In der mittlerweile auf der Verlagshompage herunterzuladenden überarbeiteten Anleitung wurden zwar schon die gröbsten Unklarheiten und Orthografiefehler beseitigt. Dennoch gibt es noch einen gravierenden Schreibfehler in den Symbolerklärungen, und es bleiben Detailfragen offen. (Wer bestimmt, welche Legion ein Spieler bei einer bestimmten Zielkarte entfernen muss? Woher erhält man zusätzliche Legionen? Die Übersichtskarten sind gar nicht erwähnt.) Das ist nachlässig. Unsinnig und unpraktisch ist vor allem die Faltung der Spielregel, welche einen nicht nur ständig hin- und herblättern sondern auch die Spielregel wenden lässt ("BLÖDSINN!").


Alles in allem aber macht Augustus wirklich Spaß. Nur zu zweit entfaltet sich nicht der volle Spielreiz, der hauptsächlich durch die konkurrierenden Mitspieler entsteht. Mit der Spieleranzahl wächst auch die Einflussnahme auf gegnerische Karten bzw. Legionen. Soforteffekte auf erfüllten Zielkarten entfalten eine Art Interaktion, die im Ganzen eher dürftig ausfällt. Ferner ist es im Spiel zu sechst umso wichtiger, schnell eine Nase (Karte) voraus und die gegnerischen Zielkarten im Auge zu haben. Insbesondere, wenn es um die Boni geht. Störend ist dann nur, dass der Spielfluss häufiger von den Pausen unterbrochen wird, die durch das Aussuchen neuer Zielkarte durch unentschlossene Spieler entstehen. Dennoch: Das Brettspiel ohne Brett ist von kurzer Dauer (20-40 Minuten, je nach Besetzung) und reizt somit zu einer sofortigen Revanche, in der man auch sein eigenes Ergebnis optimieren möchte.


Animiert von der exaltierten Position des Ausrufers bewirkt die Funktion bei manchem Spieler, dass die Fantasie mit ihm durchgeht. Der Ausruf „BIER!“ fiel aber sofort auf (es gibt kein Feld für Bier) und so fühlte sich auch keiner angesprochen, eines zu holen. Auch ein von finsterer Miene begleitetes barsches „DU BIST!“ bei der Übergabe des Säckchens an den nächsten Spieler ließ erahnen, dass Augustus schon Spuren hinterlassen hat. Augustus ist nominiert für das Spiel des Jahres 2013.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2 - 6
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
8
Spieldauer (Minuten): 
30
Jahrgang: 
2013
Spielkategorisierung
Spielethema: 
Spielegattung: 
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