Broom Service: Das Kartenspiel

eine Spielerezension von Alexandra Fauth - 22.01.2017
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Brrom Service - Das Kartenspiel - Foto von alea/Ravensburger
Lesezeit: ca. 6 Minuten

Der Siegeszug der Spin Offs und Neuverarbeitungen hat längst den Weg aus der Literatur- und Filmbranche in die Brettspielwelt gefunden. Spielereihen waren gestern, Spielefamilien sind heute: Aus Kartenspielen werden (eigenständige) Brettspiele, Brettspiele werden zu (eigenständigen) Würfelspielen, Duelle für Gruppen ausgearbeitet und umgekehrt. Eine besondere Metamorphose hat Broom Service – Das Kartenspiel hinter sich: Die Magier in der Redaktion von alea Spiele (Ravensburger) haben ein Kartenspiel (Wie verhext, 2008) verwandelt in … ein Kartenspiel. Dazwischen lag natürlich das Kennerspiel des Jahres 2015: Broom Service, übrigens von Andreas Pelikan, der nicht nur die beiden Neuversionen – zusammen mit Alexander Pfister –, sondern auch das ursprüngliche Kartenspiel von 2008 aus dem Spielehut gezaubert hat.

Hexen hexen … noch immer mutig und feige

Das bekannte „Mutig-Oder-Feige-Prinzip" stammt in seinen Grundzügen bereits aus der Erstversion von 2008 (dort als ‚Aktion‘ und ‚Gunst der Stunde‘ betitelt) und darf natürlich auch in der neuen Kartenspiel-Variante nicht fehlen. Im Gegenteil, hier wurde das Spiel nahezu auf dieses Grundprinzip, das sich durchaus als Herzstück von Broom Service bezeichnen lässt, reduziert. Mutig oder feige – eine etwas andere Spielweise des klassischen Stichspiels. Wie gehabt muss ich Farbe bekennen, allerdings sticht nicht die höhere Zahl, sondern Mut. Und wer zuletzt lacht, lacht am besten – beziehungsweise, wer zuletzt mutig ist, dessen Mut zahlt sich aus. Feige Hexen bekommen einen geringeren, aber dafür sicheren Ertrag (in diesem Fall: Zaubertränke), mutige riskieren alles: Pechvögel gehen hier leer aus, dafür winken bei Erfolg mehr und bessere Tränke.

Dieses Grundprinzip wird im Kartenspiel lediglich von begleitenden Regeln eingebettet. So werden zu Beginn eines jeden der vier Durchgänge jeweils drei verschiedene Hexen gewählt, mit denen man – Hex, hex! – versucht, die begehrtesten Tränke zu ergattern. Neben dem relativ einfachen Punktesystem (je mehr Tränke einer Sorte, desto mehr Punkte) gilt es wie im Brettspiel Aufträge zu erfüllen, die ebenfalls einige Siegpunkte einbringen.

Wer schwingt sich gern auf die Besen des Karten-Broom-Services?

Dank der simplen Regeln und der Reduktion auf das Wesentliche bietet Broom Service – das Kartenspiel auch für neue Teilnehmer am Tränkegeschäft einen leichten Einstieg. Die gut verständliche und sehr übersichtliche Anleitung hilft dabei auch Wenigspielern, sich schnell zurechtzufinden – nicht zuletzt dank des Alea-typischen Kurzfassungs-Randbalkens.

Die Altersangabe ab acht Jahren erscheint angemessen – nicht nur aufgrund der gewohnt niedlichen und überaus gelungenen Illustrationen der verschiedenen Hexen und Tränke. Glück und Taktik halten sich ausreichend die Waage, sodass sich insbesondere Familien unbesorgt auf die Besen des Karten-Broom Services schwingen können. Doch auch der ein oder andere taktikerprobte alte Druide wird sich ab und zu gerne ins Besengetümmel stürzen.

Magische Alternative oder billiger Abklatsch? Das Kartenspiel für Broom-Service-Fans

Was aber ist mit den alten Hasen im magischen Besen-Business? Kommen auch Liebhaber der Brettspiel-Variante (oder der ursprünglichen, komplexeren Kartenspielversion Wie verhext) auf ihre Kosten?

Durch den Mutig-/Feige-Mechanismus ist es besonders wichtig, seine Mitspieler und ihre Pläne einschätzen zu wissen. Ein Spielelement, das dem Brettspiel Broom Service seinen besonderen Reiz gibt. Der „Wenn-du-denkst-ich-denke-dann-denkst-du-nur“-Effekt greift im Kartenspiel allerdings nur begrenzt, die Trankpläne der Mitspieler sind meist etwas durchschaubarer. Erst im Getümmel mehrerer Hexen (bzw. Mitspieler) entsteht das altbekannte „Was-wenn“- und „Wenn-ich-weiß,-dass-du-weißt“-Gefühl. Doch auch dann lässt sich anhand der vor jedem Spieler ausliegenden Tränke/Hexen vorausberechnen, wer welche Tränke sammelt (je mehr Tränke einer Farbe, desto mehr Punkte). Abwechslung und wetteifernden Konkurrenzkampf bringen die für alle ausliegenden Aufträge – oder auch bewusst unerwartet gestaltete Spielzüge, mit denen hakenschlagende Taktikhexen ihre Mitspieler in die Irre führen (oder es zumindest versuchen).  

Im Gegensatz zum Brettspiel mit all seinen Varianten erscheint Broom Service - Das Kartenspiel eher statisch. Die spielerischen und taktischen Möglichkeiten bleiben begrenzt und stark dem Mutig-Feige-Prinzip verhaftet. Auch bei risikoscheuen Spielerunden bleibt jedoch die Spannung erhalten, da ein spezieller Trank nur mit Mut zu bekommen ist und auch die feigsten Hexen aus der Reserve lockt.

Erzählerisch bleibt das Element der auszuliefernden Tränke nur theoretisch erhalten. Es gilt die richtigen Tränke zu sammeln und Aufträge zu erfüllen, aber das Zick-zack-Fliegen von Burg zu Burg, die Belieferung der Türme und das Umfliegen von Gewitterwolken oder die Hilfe der Wetterfee wurden in unseren Partien von den Broom Service-Fans vermisst. Die Vielfalt und schöne Atmosphäre des Brettspiels findet sich in den illustratorisch wieder wunderschön von Vincent Dutrait gestalteten Karten nur bedingt, das Sammeln der Tränke folgt beinahe ausschließlich dem spielerischen Zweck und wird nicht, wie im Brettspiel, durch eine Hintergrundhandlung gestützt. Ebenso gut könnten es Juwelen, Steine oder einfach farbige Punkte sein.

Alte Druiden und Taktikhexen werden Broom Service – das Kartenspiel sicher gerne in die Hand nehmen – solange es nicht abendfüllend ist, denn dann werden sicher einige die taktische und atmosphärische Vielfalt des Brettspiels vermissen. Eines sollte man nicht tun: Mit den Erwartungen aus dem Brettspiel an diese neue, verschlankte Variante herangehen. Für sich als eigenständiges Kartenspiel betrachtet ist und bleibt Broom Service – das Kartenspiel ein lohnenswertes Familienspiel; als kurzweilige Alternative zu Broom Service macht es ebenfalls Spaß. Als zeitlich schnellere, aber ebenso anspruchsvolle und abwechslungsreiche Variante ist es jedoch nicht geeignet.

Zauberkarten oder Taschenspielertrick? Lohnt sich Broom Service – das Kartenspiel?

Wie Kollege Dirk Janßen es schon im Spielgefühl beschreibt: die Hexen sind eben „abgespeckt“. Dennoch, aus dem Mutig-Feige-Prinzip ein eigenständiges, nur darauf konzentriertes Kartenspiel zu zaubern, ist eine umsetzungswürdige Idee. Der Mechanismus trägt als solcher und verleiht auch dem Kartenspiel seinen besonderen Reiz.

Die Programmentscheidungen des Verlages sind dabei durchaus nachvollziehbar: Aus einem komplexen Kartenspiel (Wie verhext) wurde ein Brettspiel, das sich gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Familien- und Kennerspiel hält (und seinen großen Erfolg sicher auch mit dieser Tatsache zu verdanken hat). Das neue Kartenspiel ist nun das, was die meisten Familienspieler (die ja einen Großteil der Ravensburger-Zielgruppe stellen) von einem solchen erwarten: schnell, kurzweilig, einfach zu verstehen und dabei dennoch mit hohem Unterhaltungswert.

Extra: Die 1. Erweiterung zum Brettspiel

Hoppla, war die Rezension nicht eben zu Ende? Ja, war sie. Aber ebenso wie beim Kartenspiel ist damit noch nicht Schluss. Denn da gibt es noch 19 weitere der kleinen Karten. Was ist denn das? Ein Blick auf die erste dieser Karten schafft schnell Abhilfe: die. 1. Erweiterung – des Brettspiels, nicht des Kartenspiels! Über Sinn und Unsinn dessen, diese ausgerechnet einem eigenständigen Spiele-Ableger beizulegen, lässt sich streiten – die Zielgruppen-Erwartung des Verlages erscheint damit jedenfalls klar im Bereich der Broom Service-Brettspiel-Fans. Auf den ersten Blick handelt es sich „nur“ um eine Mini-Erweiterung; selbst die Anleitung ist so simpel, dass sie auf eine der kleinformatigen Karten passt. Das neue Element fügt sich jedoch hervorragend in die Baukasten-Struktur von Broom Service ein. Wie die Sturmwolken oder Amulette des Brettspiels lässt sich auch die Kartenerweiterung schnell und einfach ins bekannte Spiel integrieren und erweitert die „feige“-Option um eine weitere Handlungsmöglichkeit. Feige Hexen überlassen zwar weiterhin den mutigen das Feld; dafür können sie aber eine Sonderkarte nutzen, die Vorteile und/oder Siegpunkte bringt. Auch wenn reine Kartenspiel-Käufer nichts mit den Extra-Karten anfangen werden: eine schöne Geste der Spielemacher, die mehr neue Dynamik ins Spiel bringt, als der erste Eindruck einer Mini-Erweiterung vermuten lässt.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spielerzahl: 
3-6
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
8
Spieldauer (Minuten): 
15-30
Jahrgang: 
2016
Spielkategorisierung
Spielefamilie: 
Spielethema: 
Spielegattung: 
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