Todesangst

Cthulhoide Welten Bibliothek

ein Spiele-Artikel von Jörg Deutesfeld - 28.06.2008
Todesangst - Foto von Pegasus Spiele
Lesezeit: ca. 6 Minuten

Zusätzlich zum seit Oktober 2001 halbjährlich erscheinenden offiziellen deutschen Cthulhu-Magazin „Cthuloide Welten“ gibt es noch die "Cthuloide Welten Bibliothek". In dieser Reihe findet der interessierte Spielleiter ein ganze Palette von höchst unterschiedlichen und interessanten Abenteuersammlungen mit Szenarien für das klassische Cthulhu-Setting in den 1890er- oder 1920er-Jahren, aber auch gänzlich andere Epochen wie das Mittelalter, die ferne Zukunft und natürlich das für den deutschen Markt neu konzipierte Cthulhu Now.

Der neue Abenteuerband aus der Reihe „Cthuloide Welten Bibliothek“ enthält auf rund 100 Seiten zwei komplette Szenarien für Cthulhu Now, in denen die Spieler den Schrecken des Cthulhu-Rollenspiels in der Gegenwart erleben können, und in deren banale Alltäglichkeit des Daseins unvermittelt das kosmische Grauen hereinbricht, um sie schmerzlich erkennen zu lassen, dass der Cthulhu-Mythos seit Anbeginn der Zeit das Leben auf diesem Planeten bestimmt und das vermeintlich sichere Dasein sehr schnell brüchig werden kann. Nicht umsonst heißt der vorliegende Abenteuerband Todesangst und stimmt mit seinem überaus gelungenen Cover von Manfred Escher auf den Inhalt ein. Mit Jens Weber (Kati S.) und Chris Schlicht (Kinderstimmen) sind auch diesmal wieder zwei Illustratoren dabei, die es verstehen mit ihren Bildern die Stimmung des Abenteuers zu visualisieren. Die Karten und die Handouts für die Spieler im jeweiligen Anhang sind - wie immer - sehr aufwendig gestaltet und erfüllen erneut die Erwartung an die gewohnte Qualität.

Die Geschichte der Kati S. Bei dem ersten Abenteuer handelt es sich um die Übersetzung und Neukonzeption von Love’s Lonely Children von Richard Watts, der ursprünglich bei Chaosium in dem Band The Stars Are Right erschienen ist, durch Frank Heller. In dieser Geschichte ermitteln die Charaktere als Polizeibeamte der Mordkommission des LKA Berlin die Umstände des Todes einer jungen Frau, die zerstückelt und in Müllsäcke verpackt in der Hasenheide in Berlin aufgefunden wird. Zunächst nichts Überraschendes für die Beamten des LKA, doch die Spur führt die Charaktere immer tiefer in ein Milieu von Prostitution, Punkrock und den Abgründen sexueller Perversionen, um am Ende am eigenen Verstand zweifeln zu müssen.

Das Abenteuer ist als so genannter „One-Shot“ mit vorgefertigten Charakteren konzipiert und verläuft in seiner Handlung ziemlich geradlinig, dafür  hat der Spielleiter ziemlich viel Raum um der Stadt ein zynisches und düsteres Bild zu geben und eine finster beklemmende Atmosphäre aufzubauen. Sicherlich sind die Inhalte dieses Abenteuers nicht etwas für schwache Gemüter und der Spielleiter sollte viel Fingerspitzengefühl walten lassen, um die dunklen Seiten dieser großen Stadt zu präsentieren.

Kinderstimmen. Das Abenteuer stammt aus der Feder von Jens-Christian Seele, der als Autor im Bereich Cthulhu längst kein Unbekannter mehr ist.  In einer spießigen Vorortsiedlung einer fiktiven deutschen Stadt erhängt sich ein kleines Mädchen auf dem Dachboden. Die Charaktere versuchen, den tragischen Vorfall aufzuklären, denn der Vater des Kindes glaubt nicht an einen Suizid, sondern an eine Verschwörung. Bei ihren Ermittlungen finden die Charaktere recht bald heraus, dass die Borniertheit der Vorortidylle nur eine Fassade ist, hinter der sich im wahrsten Sinne des Wortes Abgründe nicht nur menschlicher Art verbergen.

Die Handlung selbst konzentriert sich auf die Neubausiedlung und die mysteriösen Ereignisse, die hier stattfinden, wobei es den Charakteren obliegt den Worten des traumatisierten Vater des toten Kindes Glauben zu schenken und bei ihrer Recherche hinter die verborgenen Geheimnisse tief unter der Erde zu stoßen. Die Charaktere kommen dabei einem uralten Kult auf die Spur und stoßen auf finstere Hinterlassenschaften, deren Existenz niemand in dieser Vorstadtidylle vermutet hätte.

Ist die „Geschichte der Kati S.“ noch sehr geradlinig angelegt und ohne große Probleme an einem Abend durchzuspielen, so eignet sich „Kinderstimmen“ durchaus als Start für eigene Kampagne, da sich etliche Anregungen, wie sich weitere Abenteuer anschließen können, aus dem Hintergrund ergeben. Sehr wahrscheinlich dürfte sich alleine aus dem Umstand, dass der im Cthulhu -Now-Quellenband beschriebene Megakonzern NWI seine Hände im Spiel hat, die Möglichkeiten um ein vielfaches steigern – entsprechende Hinweise und Ideen werden aber auch im Abenteuer vorgestellt.

Die Zielsetzung bei der Neukonzeption war von Anfang an mehr als deutlich: In Cthulhu Now soll eindeutig ein anderes Spielgefühl als im klassischen Cthulhu aufkommen lassen. Die in Cthulhu Now beschriebene heutige Welt ist düster und glänzt durch Entfremdung, Irrsinn, Drogen, Sekten, Terror, organisiertes Verbrechen und nicht zu vergessen: SIE! Denn SIE sind überall und das schon seit Millionen von Jahren. Die Umsetzung dieses zentralen Aspektes ist in beiden Abenteuern insgesamt sehr überzeugend und auch qualitativ hochwertig gelungen. Beide Abenteuer bieten neben dem Einstieg in eine wahrlich düstere Welt unserer Gegenwart mit „Die Geschichte der Kati S.“, aber auch mit „Kinderstimmen“ fast schon klassische cthuloide Abenteuer, in denen sich nicht nur erfahrene Spieler im Kampf gegen das unsagbar Böse hinter der biederen Fassade einer kleinen Vorstadt oder auf den Straßen Berlins auszeichnen können.

Neben den gewohnt umfangreichen und detaillierten Handouts kommen in diesem Abenteuerband auch erstmals andere Medien zum Einsatz: So stoßen die Charaktere im laufe ihrer Ermittlungen in Berlin auf eine Punkband namens "Grenzfall". Um dieser Szene mehr Leben einzuhauchen, wurde mit der Rollenspiel-Soundtrack-Truppe "Erdenstern“ der authentische Punk-Rock-Song „Wohin wir gehen” eingespielt, der auf einer eigens für diesen Zweck eingerichteten Homepage  als Download bereit steht. Frank Heller hatte „Erdenstern“ nach der Veröffentlichung des Albums „Into The Dark“ angesprochen und hieraus entstand die gemeinsame Idee, das musikalische Können der Gruppe auch einmal in einem völlig anderen Genre auszuprobieren. Ob es von „Grenzfall“ allerdings jemals noch mehr zu hören geben wird, ließen „Erdenstern“ allerdings offen.

Im Abenteuer „Kinderstimmen“ ist das Audio-Tagebuch des jungen Mädchens wunderbar als MP3-Datei umgesetzt worden. Als Spielleiter erspart man sich dadurch nicht nur das umständliche vorlesen, sondern bekommt durch die hervorragend vorgetragene Fassung eine unerhört gut gemachte Umsetzung geliefert. Die MP3-Datei kann kostenlos auf der Web-Seite des Cthuluide-Welten-Magazins unter „Spielhilfen/Sonstiges“ herunter geladen werden. Der schwierigste Part war wohl, ein kleines Mädchen zu finden, das in der Lage ist, den Text authentisch zu sprechen. Auch hier hatten wieder "Erdenstern" ihre Finger im Spiel, die nicht nur Annalina, die Sprecherin, aufgetan haben, sondern auch das gesamte Soundfile "komponiert" haben. Auch ohne Kenntnis des Abenteuers lohnt es sich auf jeden Fall diese Geschichte anzuhören.

In beiden Fällen kann man den Machern nur herzlich zu der technischen und inhaltlichen Umsetzung sowie ihrem Engagement gratulieren – eine nicht unbedingt marktübliche Leistung, die sich sehen lassen kann. Wenn man den Gerüchten allerdings Glauben schenken mag, werden die die Bände aus der Reihe "Cthuloide Welten Bibliothek“ nunmehr kurz- oder mittelfristig eingestellt, denn deren Material soll stattdessen zukünftig in die „Cthuloide Welten“ einfließen. Die Reihe der Bibliotheksbände schien ohnehin nur dem Zweck zu dienen, Material, das wegen seinem Umfang nicht mehr ins Heft passte, vermarkten können, wobei der Erfolg der „Cthuloide Welten Bibliothek“ gänzlich außer Zweifel steht. Insofern dürfte dies dann wohl vielleicht der letzte Band aus dieser Reihe sein - Schade.

 

Links zum Thema

 

Spieleinfo

Verlagsangaben
Jahrgang: 
2008