First Train To Nürnberg

eine Spielerezension von Silke Groth - 21.05.2011
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First Train To Nürnberg von Reich der Spiele
Lesezeit: ca. 6 Minuten

Fällt der Name Martin Wallace, bekommt ein bestimmter Menschenschlag (gerne als Vielspieler bezeichnet) leuchtende Augen. So verwundert es wenig, dass der Großteil seiner im eigenen Kleinverlag erschienenen Spiele schnell vergriffen sind. Schön, dass sich Argentum dieses Problems angenommen hat und Last Train To Wensleydale nun als First Train To Nürnberg erneut das Licht der Welt erblicken darf. Dabei wurde nicht nur die Optik ordentlich aufgehübscht, sondern auch inhaltlich hat sich einiges geändert. Puristen können aber aufatmen, sie dürfen auch weiterhin nach den Originalregeln spielen; allen anderen stehen hingegen nicht nur die Möglichkeit offen, das Spiel auch zu zweit spielen zu können, sondern auch ein komplett neuer Spielplan, auf dem statt Käse und Stein, Post und Bier transportiert werden. Bitte einsteigen.

Bei First Train To Nürnberg schlüpfen die Spieler in die Rolle der Leitung eines kleinen Eisenbahnunternehmens. Mit äußerst geringen finanziellen Mitteln werden Schienen gebaut, Züge gemietet, Waren und Passagiere transportiert und unrentable Strecken an eine der beiden großen Gesellschaften der Region abgestoßen, bis nach vier oder fünf Runden der Spieler gewinnt, der die meisten Punkte abtransportiert hat. Für die Spielvorbereitung passt die Redewendung "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen". Für jedes einzelne Warenfeld auf dem Spielplan werden zwei Warensteine gezogen. Passt die Ware zum aufgedruckten Symbol des Feldes, darf es liegenbleiben, ansonsten wird es abgeräumt. Nach einem ähnlichen Muster kommen rote und grüne Passagiere und Landbesitzer auf den Plan. Mühsam, aber es lohnt sich, denn der variable Aufbau sorgt für sehr unterschiedlich verlaufende Partien.

Jede Runde von First Train To Nürnberg besteht aus zehn Phasen, was erst einmal ziemlich monströs anmutet, aber dadurch relativiert wird, dass die meisten Phasen eher Verwaltungscharakter besitzen und sich das eigentliche Spielgeschehen auf drei bis vier Phasen beschränkt. Zu Beginn jeder Runde erhalten die Spieler zwölf Investitionssteine, eine Währung im Spiel. Die andere Währung ist Einfluss in vier verschiedenen Bereichen (Regierung, Betriebsmittel, Einfluss auf die rote oder grüne Gesellschaft). Auf einem separaten Spielplan befinden sich bestimmte Felder, auf denen Einflusspunkte liegen. Abwechselnd bieten die Spieler mit ihren Investitionssteinen auf diese Felder, in dem sie eine beliebige Anzahl als Gebot hineinlegen und gegebenenfalls einen Mitspieler damit überbieten. Dies geht solange, bis jeder Spieler zwei dieser Felder für sich gesichert hat. Danach wird der gewonnene Einfluss auf den entsprechenden Leisten vermerkt.

Die ersten beiden Leisten regeln bei First Train To Nürnberg die Spielerreihenfolge der kommenden Phasen. Wer den größten Einfluss auf die Regierung hat, darf als erster seine Bauvorhaben in Angriff nehmen. Berührt die gewünschte Streckenführung eine der großen Gesellschaften oder führt durch das Feld eines weißen Landbesetzers - pardon -besitzers - hindurch, muss mit dem entsprechenden Einfluss "bezahlt" werden. Investitionssteine und Einfluss beliebiger Art begleichen die entstandenen Kosten des Streckenbaus. Eine Besonderheit gibt es auf der Nürnberg-Seite: Sobald eine direkte Verbindung zwischen Nürnberg und Fürth besteht, erfolgt eine Sonderwertung, bei der alle an der Strecke beteiligten Spieler einige Punkte bekommen können.

Die Betriebsmittelleiste gibt die Reihenfolge der nächsten Phase vor. Hier können die Spieler entweder einen Zug mieten oder Waren und Passagiere transportieren. Züge gibt es in drei Preiskategorien, lange Züge bieten mehr Platz, kosten aber auch dementsprechend mehr Betriebsmittelpunkte. Passagiere möchten gerne zu einer Station ihrer Farbe reisen, Waren können einfach unterwegs "eingesammelt" werden, wenn eine eigene Strecke durch das entsprechende Feld hindurch führt. Der Warentransport wird generell mit einem Punkt pro Ware belohnt, Passagiere können je nach gespielter Variante bis zu drei Punkten bringen. Wie erfolgreich gewirtschaftet wurde, zeigt sich nun: Passagiere und Post/Käse zählen eine Geldeinheit, Bier und Steine zählen doppelt. Jedes Streckenteil kostet eine Geldeinheit. Aus dieser Gewinn- und Verlustrechnung ergibt sich die neue Spielerreihenfolge; wer gut wirtschaftet wird neuer Startspieler. Vor Beginn der neuen Runde sollten nun noch unrentable Strecken an eine der beiden Großgesellschaften abgestoßen werden.

Am Spielende von First Train To Nürnberg gibt es noch einmal eine Endwertung. Hier geben komplette Sets mit jeweils einem Stein pro Passagier- und Warenart zwei Punkte. Der Stand auf der Gewinn- und Verlustleiste schlägt entsprechend positiv oder negativ zur Buche. Zu guter Letzt kosten alle verbliebenen Streckenteile noch einen Punkt.

First Train To Nürnberg ist definitiv nichts für Einsteiger. Zu viele kleine Stellschrauben beeinflussen das Spielgeschehen, fast alles ist in irgendeiner Form verzahnt und verlangt Beachtung. Die Investitionssteine werden sowohl für die Auktionen der unterschiedlichen Einflusskategorien benötigt, als auch für den Schienenbau benötigt. Politischer Einfluss ist gut, um früher Schienen legen zu dürfen. Betriebsmitteleinfluss benötigt man, um die passenden Züge zu sichern und früher "umkämpfte" Warensteine abzutransportieren. Einfluss bei den beiden Unternehmen ermöglicht, unrentable Strecken im richtigen Moment wieder abstoßen zu können. Und man kann auch "betriebsmittelfremden" Einfluss und Investionssteine noch benutzen, um Züge zu kaufen. Genauso wichtig wie dieses Ressourcenmanagement ist der effiziente Streckenbau, um nicht früh in die Schuldenfalle zu tappen. Also viele mögliche Optionen, nicht ganz einfach, da die richtigen Prioritäten zu setzen.

Argentum hat mit First Train To Nürnberg vieles richtig gemacht – Last Train To Wensleydale hat die Überarbeitung gut getan. Der Spielplan ist deutlich schöner, die einzelnen Leisten und Züge wurden auf externe Tableaus ausgelagert, was der Übersichtlichkeit zugute kommt. Die Nürnbergseite ist durch seine Topologie und Verteilung der Waren etwas "einsteigerfreundlicher" (so man denn bei dieser Art Spiel von so etwas sprechen mag). Auch die Zwei-Spieler-Variante spielt sich sehr gut. Einzig die Handhabung mit dem vielen Holzmaterial, beginnend beim Aufbau und später während des Spieles beim Anpassen der Leisten, ist etwas fummelig. Ebenso nicht von der Hand zu weisen ist, dass es sich etwas trocken und abstrakt spielt. Durch die ungewöhnliche Herangehensweise an die Eisenbahnthematik in Verbindung mit vielen kleinen Regeldetails fällt der Einstieg nicht ganz leicht. Letztlich ist dies aber Jammern auf hohem Niveau, denn First Train To Nürnberg ist ein richtig gutes Spiel und wer strategische und taktische Spiele schätzt, sollte zugreifen.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2 - 4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
120
Jahrgang: 
2010
Spielkategorisierung
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