Shadowrun: Berlin

ein spielerischer Artikel von Jörg Deutesfeld - 07.06.2013
Shadowrun: Berlin
Lesezeit: ca. 8 Minuten

Zum Äußeren: Mit dem Quellenband Berlin veröffentlicht Pegasus Spiele einen komplett von deutschen Autoren verfassten Band für das Fantasy-Rollenspiel Shadowrun. Mit insgesamt 192 Seiten präsentiert sich dieser als solide gebundene Hardcover-Ausgabe, die in Sachen Qualität den bereits veröffentlichten Bänden der Reihe in Nichts nachsteht. Als nützliche Ergänzung und Helfer gibt es wieder ein Lesebändchen.

Das Layout ist durchgehend schwarz-weiß und zweispaltig im Aufbau, wobei die einzelnen Kapitel übersichtlich gegliedert sind und jeweils mit einer einseitigen Kurzgeschichte aufwarten können. Problematisch ist auch in diesem Band weiterhin die Suche nach einzelnen Abschnitten in den Kapiteln, da diese nicht sonderlich deutlich hervorgehoben sind und durch den Seitenumbruch immer wieder auch mitten auf einer Seite beginnen können. Hier hätte ein etwas auffälligerer Schrifttyp bei den Überschriften bei dem ansonst recht ordentlich gegliederten Texten Wunder gewirkt. Das Druckbild selbst ist sauber und lässt sich angenehm lesen.

Neben dem üblichen „Shadowtalk“ gibt es zur Auflockerung der Texte Werbeeinblendungen, Kommentare anderer User, Systemmeldungen und noch andere recht ansprechende (und zum Teil auch informative!) Textblöcke. Die Zahl der Illustrationen ist dabei zwar im Vergleich zu anderen Veröffentlichungen vielleicht etwas geringer ausgefallen, diesmal dafür allerdings komplett aus deutscher Hand und jeweils gut auf die Texte abgestimmt. Wo ich mich sonst immer über die manchmal nicht sonderlich hohe Qualität der Abbildungen und Illustrationen beklagen muss, bin ich diesmal voll und ganz zufrieden. Einzig eine Karte des Berliner Stadtgebiets wäre eine schöne und brauchbare Zugabe gewesen.

Der Inhalt: Inhaltlich liefert gibt es in diesem Quellenband zwei große Kapitel, die sich auf jeweils 96 Seiten mit der Stadt beschäftigen: Zum einen den Teil über die Welt der Konzerne und einen weiteren, der sich mit dem „alternativen“ Berlin auseinandersetzt.

Berlin: Konzernteil

Die neue Lichtaura der Metropole lässt Berlin wie einen Stern im Dunkel der ADL erscheinen. Hier zeigt es sich, dass die Konzerne für die Metamenschheit sorgen. Du willst Strom, Nahrung, einen Arbeitsplatz? Dann lass dich registrieren, begib dich in die behütenden Arme der neuen Ordnung, und bald schon wirst du feststellen: Auch du hast deinen festen Platz in der Gesellschaft.

Überblick: Auch wenn im Konzernteil angesiedelt, so startet der erste Abschnitt sinnvollerweise erst einmal mit einem Überblick über die Lage der Stadt, den Einreismöglichkeiten und den Fortbewegungsmitteln nebst allerlei anderen nützlichen Infos. Natürlich darf ein Überblick über die recht bewegte Geschichte dieser Stadt nicht fehlen, den es auch gibt und der bis ins Jahr 2073, also die Gegenwart, reicht.

Große Politik: Dieses Kapitel bietet viele Informationen rund um die politischen Strukturen der Stadt Berlin und beschäftigt sich mit den bestehenden politischen Institutionen und Verwaltungsstrukturen der Stadt, wozu insbesondere der Berliner Rat gehört. Was natürlich nicht fehlen darf, sind Informationen über die mehr oder weniger vorhandene Einflussnahme durch Konzerne und andere mächtige Institutionen, die hinter den Kulissen die Strippen ziehen.

Konzernbelange: In Berlin sind nicht nur die Bigshots der AAA-Konzerne vertreten, wie beispielsweise Aztechnology, VOO Corporation, Frankfurter Bankenverein und etliche andere, sondern auch Kleinvieh, die in die Kategorie A-Level-Multinational fallen oder aber Großkonzerne, die nur kleine Niederlassungen haben. Die Ziele, Vorgehensweise und Gerüchte zu diesen Vertretern gibt es ordentlich aufbereitet und mit viel Platz für eigene Ideen.

Was es mit der Berlin Verwaltungs AG (BERVAG) auf sich hat und wie der gesicherte Westteil der Stadt durch die BERVAG organisiert wird, erfährt man ebenfalls. Laut Vertrag mit der BERVAG übernimmt der Sternschutz Berlin sämtliche Aufgaben der 2039 abgeschafften Polizei. Aufbau, Hintergründe und Funktionsweise des Sternschutz, der auch in Stuttgart und Groß-Frankfurt für Recht und Ordnung sorgt gibt es dann noch mit dazu.

Leben unterm Logo: Wer die vermeintlich sichere Seite der Stadt wählt, muss auch lernen unter dem Edikt der Konzerne zu leben, die unweigerlich ihren Einfluss in der Stadt geltend machen. Eines der interessantesten Dinge dürfte sicherlich die „Aktion Berliner Zukunft“ sein, wo es für vorbildliches Verhalten der Bürger ein Bonuspunktesystem gibt, das beispielsweise mit Werbeausblendungen belohnt. Insgesamt ist ein Leben in Konzern-Berlin ein Leben unter totaler Überwachung. Neben Informationen über die gelebte  Konzernsoziologie und die Konzernmatrix erfährt man in diesem Kapitel einiges über die neuesten Styles und Trends im Konzernbereich, als auch über die alltäglichen Stolperfallen.

Rundreise: Ein Upload von Informationen aus der Sicherheitsabteilung von S-K gibt ein stimmungsvollen Überblick über die Bezirke von Berlin, als auch über die Hotspots, an denen Runner Kontakte knüpfen können oder die man einfach kennen sollte, wenn man in Berlin Fuß fassen will.

Hinter den Kulissen: Dieses recht knapp gehaltene Kapitel bietet endlich Informationen dreckige Jobs im Schatten von Konzern-Berlin. Hier erfährt man einiges über Grauzonen, Intrigen, den Antisprawl mit entsprechenden Job-Angeboten, die Runnerszene und noch einiges mehr.

Spielinformationen: Auf rund 20 Seiten werden Spielinformationen zu mehr oder weniger bedeutenden oder interessanten Orten in Berlin nebst diversen Abenteuervorschlägen beschrieben. Hierzu zählen das Scheunenviertel, die Nobel-Bar „The Orchid“, der Revuepalast „Wintergarten“, der Club „Himmel & Hölle“, der Beauty-Komplex „Schöner Leben“, das Galerie- und Auktionshaus „Nimmerland“, exemplarisch für eine lokale Einrichtung des Sternschutz die Wache 114, das Atelier-Apartment Haus Olymp, den Supermarkt Stuffer-Plus sowie einige Beispielcharaktere und kleine Szenarien.

Berlin: Alternativer Teil

Lass dich nicht von der Konzernpropaganda täuschen! Die autonome Szene ist nicht tot. Dort wo die Kieze sich illegal ans Stromnetz hängen, wo der Troll mit der Schrotflinte im Erdgeschoss dein bester Freund ist, wo du mit den falschen Gangfarben erschossen wirst, gilt das Letzte Gesetz! Die Schatten in Berlin sind tief, die sozialen Netze eng – pass also auf, wann du für wen was erledigst. Sonst gehst du im Haifischbecken unter.

Überblick: Wie im Konzernteil, so bietet das Kapitel Überblick einen ersten Eindruck über das „andere“ Berlin und das Leben unterm Radar. Was es mit Bezirkspolitik ohne SIN und Verstand, anarchistisch, autonom und alternativ und dem Status Fluxus V2073 auf sich hat, kann man hier erfahren.

Machtgruppen: Im alternativen Berlin gibt es keine Konzerne – hier herrschen die Gangs und das Organisierte Verbrechen. In diesem Kapitel werden die großen und kleinen Akteure aus diesem Spektrum beleuchtet und vorgestellt. Hier erfährt man alles über deren wichtige Personen, Mitgliederzahl, Betätigungsfeld, allgemeine Beschreibung des Aufbaus und Hintergründe, als auch Logo und das Einflussgebiet.

Unter den Begriff Sprawlguerilla fallen verschiedene Zellen, mit meist linken Ideologien und Zielen, die nicht selten mit Waffengewalt umgesetzt werden. Hierzu zählen beispielsweise das Kommando Konwacht (KK), eine Gruppe extremistischer Matrixaktivisten oder aber auch die „Front zur Befreiung digitaler Lebensformen“. Hier ist bei den Machtgruppen auf jeden Fall für viel Abwechslung und Unterhaltung gesorgt worden.

Leben ohne Logo: Wer nicht in der vermeintlichen Sicherheit von Konzern-Berlin lebt, muss lernen, in den alternativen Bezirken zu überleben, wo Kontakte und Einfluss manchmal das Leben retten können. Hier regieren freies Unternehmertum und alternative Lebensformen, Retrokultur und hier und da gibt es auch Bereiche, in denen man keinen Zugang zur Matrix bekommt. Es haben sich sogar eine Reihe alternativer Berufe gebildet, zu denen beispielsweise der Spawner, ein bezahlter Gerüchteverbreiter oder aber der Dachwächter – ein Ausguck auf dem Dach eines Mietshauses, der verhindert, das über das Dach eingebrochen wird, zählen.

Insgesamt eine recht drastische Darstellung von Lebensformen und -entwürfen, die in sich aber ziemlich stimmig und abgedreht ist. Nach manch brav-biederem amerikanischen Stadtentwurf mal etwas erfrischend anderes.

Rundreise: Eine alternative Stadtrundfahrt mit einer ganzen Reihe von Infos führt den Leser nach Oranienburg, Falkensee, Pankow, Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg und Gropiusstadt. Aber auch alternative Hotspots, die einfach zur Allgemeinbildung gehören, echte Insidertipps oder relevante Orte für den nächsten Job sind, werden vorgestellt.

Alternative Schatten: Wer meint, er käme als Runner an einen Ort der absoluten Gesetzlosigkeit, der täuscht sich. Auch im alternativen Berlin gibt es einige Regeln im Umgang mit Kontakten, beim Beschaffen von Informationen und Ausrüstung. Auf wenigen Seiten noch einmal vertieft einige Informationen, die es zum Teil schon im Kapitel „Leben ohne Logo“ gab.

Rund um Berlin: In diesem Kapitel dreht sich alles um das Schattenleben im Berliner Umland und so gibt es eine Reihe von Informationen über Brandenburg, Geisterdörfer und verlassene Gehöfte, die sich als Verstecke eignen, den Spreewald und die Sorben aufgreifen als auch beschreiben. Als kleines Extra gibt es auch einen Abschnitt über die urbanen Mythen von Berlin.

Spielinformationen: Auf rund 25 Seiten werden Spielinformationen zu mehr oder weniger bedeutenden oder interessanten Orten im alternativen Berlin nebst diversen Abenteuervorschlägen beschrieben. Hierzu zählen U-Bahn-Tunnel, die autonome Insel-Festung Eiswerder, die Wohnanlage BV-1837, die Anarcho-Bar „Rattennest“, der Piratensender „VibesFolk“, der Altbaublock „Das Logenhaus“, das Versteck der Sprawlguerilla im Treptower Park, der Schwarmarkt „Das Fundstübchen“, beliebig einsetzbar die Kneipe „Destille“ und die Kampf-Arena „Sechs Tief“. Ergänzt wird das Kapitel mit einigen direkt spielbaren Beispielcharakteren und einigen Vorschlägen für Szenarien.

Berlin - das Fazit

Nach vielen amerikanischen Örtlichkeiten ist Berlin wohltuend anders, da für den deutschen Leser von seinen Ausmaßen und seiner Optik eher vorstellbar. Mit diesem Shadowrun-Band bekommt man eine Fülle von Hintergrundmaterial, um Szenarien oder auch ganze Kampagnen in dieser Stadt anzusiedeln. Die Vorschläge zu Szenarien sind allerdings recht knapp gehalten und man muss als Spielleiter schon einige Informationen aus diesem Band filtern, um vollständige Szenarien zu erschaffen. Wer in absehbarer Zeit seine Spieler nicht nach Berlin schicken möchte, oder aber mit der Stadt als Schauplatz für Abenteuer nicht viel anfangen kann, dem sei auf jeden Fall vom Kauf abgeraten. Die Hintergrundinformationen zu Berlin sind zwar recht umfassend und informativ, doch bringen sie außer für den Spielleiter keinen sonderlich großen Erkenntnisgewinn.

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