Van Helsing

eine Spielerezension von Wolfram Troeder - 13.07.2011
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Van Helsing von Reich der Spiele
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Der Adel hat es heutzutage besonders schwer, insbesondere die blutsaugende Variante. Von der mythischen, südosteuropäischen Volkssage über Abraham Stokers Roman bis hin zu einer modernen Mystery-Horror-Film-Adaption spannt sich die Reise, die Graf Dracula zurücklegt. Glaubt man jedoch mit "Van Helsing - der Film" sei der Tiefpunkt erreicht, wird man durch Van Helsing - das Brettspiel eines Besseren belehrt. Spiel und Film teilen die Hauptpersonen und das Libretto; wo jedoch im Film CGI-Spielereien, Filmmusik und Crossovers zum Teil für Ausgleich sorgen können, bietet das Spiel nur Plastikfiguren und Pappcounter.

Doch frisch gewagt, öffnen wir die Büchse der Pandora, ähm, die Spielschachtel. Ins Auge fällt der Spielplan mit Grundrissen jeden Stockwerks des düsteren Refugiums unseres Antagonisten. Wie das Schloss selbst, ist der Spielplan düster, verwirrend und zu klein, dafür hat jeder Raum, wie in einem guten Hotel, eine Nummer. Die Spielfiguren sind dagegen bunt, jedenfalls die vier Helden, Dracula und seine acht Bräute sind erwartungsgemäß dunkel. Würfel, Bewegungsbögen, Charaktertafeln und jede Menge Pappcounter bilden den Rest, der im Tiefziehteil lusrig durcheinander wuselt. Die Counter kommen in mehreren Sorten: Anfangsausrüstung der Charaktere, Verschlussanzeiger, herumliegende Ausrüstung und Blutpunkte. Wie bei jedem (x-1)-Koop-Spiel übernimmt ein Spieler den Bösewicht, der Rest der Spieler teilt sich die Helden untereinander auf. Um dabei Streitereien zu vermeiden, unterscheiden sich Van Helsing, Mina, Lord Godalming und Jonathan Harker nur durch die Farbe. Die Spieler erhalten nun die zugehörigen Figuren und Charaktertafeln, Dracula zusätzlich noch einen Bewegungsbogen. Im Anschluss erfolgt das große Teilen. Dracula erhält einen Fledermaus-Counter (einen Re-Roll) und die Jäger teilen die sechs Anfangsgegenstände verdeckt unter sich auf. In fast jeden Raum des Schlosses kommt nun verdeckt ein Ausrüstungsplättchen sowie auf die angegebenen Türen ein Verschlussplättchen. Die Jäger starten am Tor und Dracula standesgemäß in der Gruft. Die auf den Tafel angegebenen Blutpunkte zeigen sowohl die Lebenspunkte als auch das Tragelimit und die verfügbaren Aktionspunkte der Charaktere an. Dracula beginnt nun mit seinem Zug, danach folgen die Spieler im Uhrzeigersinn. Das Spiel endet, wenn alle Charaktere vom Dracula-Spieler geführt werden, vier Vampir-Bräute in der Gruft in Sicherheit sind oder fünf Bräute oder Dracula erlöst, Verzeihung, beseitigt wurden. Das kann bis zu einer Stunde dauern.

Mit den Aktionspunkten können sich die Charaktere bei Van Helsing bewegen, kämpfen, Räume durchsuchen und Gegenstände anwenden. Im Gegensatz zu den Jägern kann sich Dracula verdeckt und durch verschlossene Türen bewegen, er muss nur zu Beginn seiner Runde seinen Standort bekanntgeben, ob er gesehen werden kann oder nicht. Sichtbar wird er auch, wenn er sucht, kämpft oder einen Gegenstand anwendet. Deswegen vermeidet er das ohne Not. Nicht so die Jäger; die Mehrzahl der zu findenden aund anwendbaren Gegenstände ist überraschenderweise hilfreich: Hostien, Weihwasser, Knoblauch, Lagepläne, Generalschlüssel, Leitern, Lagepläne, Gegengifte, Verbandkästen, Bluttransfusionen, Holzpflöcke und Waffen liegen herum und warten nur darauf, vom nächsten vorbeikommenden Helden gegen den Hausherren und dessen Gemahlinnen in spe eingesetzt zu werden. Der dunklen Seite dienlich hingegen sind nur Fledermäuse und Kelche voller Blut. Werden bei den Durchsuchungen Vampirbräute aufgedeckt, dürfen diese zwar vom Dracula-Spieler bewegt werden, durch ihre Schwäche (1 Blutpunkt) sind sie jedoch leichte Beute für die Jäger. Der Kampf an sich zeichnet sich dadurch aus, dass er (fast) immer gefahrlos für den Angreifer ist. Nicht nur dass ein Opfer sich nicht nur nicht wehren kann, der Angreifer kann (fast immer) angreifen, bis er seine Aktionspunkte aufgebraucht hat. Dass Dracula keine Waffen benutzen kann, aber trotzdem durch jede Waffe getroffen werden kann, macht das grundlose Herumliegen selbiger nur noch widersinniger. Naja, Junggesellenbude halt. Während des Spiels fühlt man sich bei Van Helsing an längst vergangene Computerspiel-Tage erinnert, Räume ablaufen, Gegenstände aufsammeln, Monster plätten, heilen und schließlich den Endgegner besiegen. Hier fällt es nur schwerer, da sich im Laufe der Zeit der Spielplan immer unübersichtlicher darstellt; auf bestimmten Feldern türmen sich Counter und Figuren, dazu die (aus produktionstechnischen Gründen?) überdimensionierten "Tür verschlossen"-Plättchen. Ein Spannungsbogen oder Spielfreude baut sich nur in Ausnahmefällen auf. Nach einer Stunde ist Van Helsing dann zu Ende, man hat das Gefühlt ein Mehrfaches an Zeit am Tisch verbracht zu haben.

Empfehlen kann ich Van Helsing demjenigen, der keinen Bezug zum Thema hat, dessen Ansprüche an Mechanismen eher simpel sind, den offensichtliche logische Brüche kalt lassen, der sich nicht durch ein kleines, enges, düsteres, überfüllte Spielbrett abschrecken lässt, der mehrere Sprachen beherrscht, um durch den Vergleich der Übersetzungen Regel-Unklarheiten zu beseitigen. Alle Anderen seien gewarnt: "Lasciate ogne speranza, voi ch’intrate’"

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Grafik: 
Spielerzahl: 
2 - 5
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
10
Jahrgang: 
2010
Spielkategorisierung
Spielethema: 
Spielegattung: 
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