Ich werde heute spielen!

Am Tag nach Paris

ein Spiele-Artikel von Michael Weber - 14.11.2015
Lesezeit: ca. 3 Minuten

Ich werde heute spielen! Diese Aussage ist einen Tag nach den blutigen Anschlägen von Paris ein gewagtes Statement. Dennoch: Ich werde heute spielen! Es gibt keinen Grund, es abzusagen. Und ich finde es richtig so.

Es gibt kein Wort, das Leid ausreichend lindert

Nein, ich bin weder kaltherzig noch unsensibel. Ganz im Gegenteil. Was da gestern in Paris passiert ist, bestürzt mich. Es ist einmal mehr ein Ausdruck dessen, was in der Welt falsch läuft. Es gibt offensichtlich keinen Schutz vor irgendwelchen geistesgestörten Fanatikern, die der Meinung sind, sie müssten das Leben anderer Menschen vernichten, nur weil sie mit ihrem eigenen nicht klarkommen. Es wäre dennoch falsch zu behaupten, man würde trauern. Die Kanzlerin weint ja sogar. Betroffen und getroffen sind wir alle. Aber wer hat denn wirklich einen Bezug zu den Menschen, die gestern Nacht auf bestialische Weise aus dem Leben gerissen wurden? Wir können es den Angehörigen und Freunden der Opfer nicht nachfühlen. So etwas geht nicht, ohne selbst involviert zu sein. Pray For Paris? Bitte, wer mag. Aber ich bezweifele, dass dies der Ausdruck ist, der irgendwem wirklich hilft. Es ist wieder so ein virales Ding, das mehr Starre als wirklich Handlungsoption ist. Es gibt kein Wort, das genug Trost spenden kann, um den betroffenen (!) Menschen zu helfen. Solche Gesten sind aber wichtig, wenn sie wirklich ernst gemeint sind. In dem Sinne hoffe ich für alle, die den Opfern nahe stehen, dass sie genug Kraft in dieser Situation finden.

Wir sind ganz nah dran

Ich sagte, dass wir fast alle das alles nicht nachfühlen können. Dazu sind wir zu wenig involviert. Aber so ganz stimmt das nicht. Gestern Abend meldete sich Spieleautor Bruno Faidutti auf Facebook "safe". Da wurde doch deutlich, dass Paris nicht so weit weg ist. Und dass Spielen durchaus einen Bezug zu solchen Geschehnissen hat. Denn Spielen das ist etwas, was menschlich ist. Etwas, was Menschen (!) miteinander voller Freude und Spaß machen. Und dann das.

Persönlich gibt es noch einen Bezug. Die Geiselnahme fand bei einem Konzert statt, bei dem ich anwesend gewesen wäre, wenn ich in Paris leben würde. Das ist ein Wahnsinn, was speziell dort passiert ist. Es ist ohnehin nicht in Worte zu fassen, was gestern in Paris geschehen ist.

Ich möchte aber die Worte von Bruno Faidutti aufgreifen. Er hat geschrieben: "We don’t need more prayers, we need less, much less." Aus dieser atheistischen Sichtweise entspringt dann aber eine Handlungsaufforderung, die auch davon unabhängig sagt: weitermachen. Denn Paris steht sinnbildlich für Leben. Und dieses Leben müssen wir leben. "We need more booze, more death metal and, yes, may be even more soccer." (Anmerkung: Die Band, die gestern bei der Geiselnahme auf der Bühne stand, spielt alles andere als Death Metal).

Wir werden weiter spielen. Jetzt, heute, morgen. Aus welcher Haltung heraus auch immer. Und wenn es der Wunsch ist, den Attentätern und ihren gestörten Mitstreitern zu zeigen, dass sie keine Angst schüren können, die ausreicht, das Leben der Menschen wirklich zu verändern. Daher spielen wir. Gemeinsam. Miteinander. Ohne Hass. Aus Spaß.

Ich werde heute spielen. Es gibt keinen Grund, es abzusagen. Und ich weiß, dass diese Zeilen nicht jeder unterschreiben wird.

Kommentare

Ich war gestern zum Spielen verabredet. Ich hab es vorgestern in Echtzeit verfolgt und bin viel, viel erschütterter als jemals bei sowas, eben weil es mich nie direkt betraf. Aber hier ging es nicht gegen den Nachwuchs einer Partei oder eine Satiremagazin-Redaktion, Menschen, die eine Art Zielgruppe waren. Das unterschiedslose Abschlachten ist eine neue Dimension. Ich bin total baff.

Ich habe meinen Spieleabend am Folgetag auch nicht abgesagt. Ich habe meine Perle aus Essen eingepackt, um über das Spielen eine Hommage an die Opfer zu richten. Das außergewöhnlichste Spiel für mich war Les Poilus. Ein Coop, bei dem eine Gruppe von Freunden zwangsweise in den Krieg eingezogen wird. Sie schwören sich, bis zum Ende zusammenzuhalten. Ziel ist es, das Ende des Krieges zu erreichen, ohne den Hoffnungsstapel aufgebraucht zu haben. Wenn einer stirbt, verlieren alle. So muss man sich geschickt gegenseitig unterstützen, der Mechanismus dazu ist sehr raffiniert.

Es ist ein Spiel über Freundschaft in schweren Zeiten, über Loyalität und Kaffee. Die Illustrationen sind herrlich schräg. Die Zeichnungen von dem Cartoonisten Tignous angefertigt, es war eins seiner letzten Projekte. Er hat bis Januar bei Charlie Hebdo gearbeitet.