Himmelwärts zwischen Buch und Brett

Michael Rieneck über sein Spiel Die Säulen der Erde

ein Spiele-Artikel von Michael Weber - 30.09.2006
Die Säulen der Erde von Kosmos
Lesezeit: ca. 6 Minuten

Michael, mit Die Säulen der Erde hast du wie bereits bei In 80 Tagen um die Welt ein Buch spielerisch umgesetzt. Worin unterschied sich die Arbeit an dem aktuellen Spiel vom letztgenannten?
"Ein wesentlicher Unterschied ist sicherlich, dass ich bei In 80 Tagen um die Welt zunächst auf mich allein gestellt war. Die Säulen der Erde konnte ich dagegen mit meinem Freund Stefan Stadler als Co-Autor entwickeln. Wenn ich ein Spiel alleine mache, folge ich meist schon in einem frühen Entwicklungsstadium meiner eigenen Vision. Ich habe meist relativ konkrete Vorstellungen, in welche Richtung sich das Spiel bewegen soll. Wenn man zu zweit an einem Projekt arbeitet, hat natürlich jeder seine eigenen Ideen und man kann aus einem viel größeren kreativen Pool schöpfen. Insgesamt sind die Die Säulen der Erde deutlich komplexer. Es gibt viel mehr verschiedene Mechanismen, die ineinander greifen müssen. Die Reisegeschichte von Jules Verne ist da ja viel gradliniger."

Die Kathedrale von KosmosGab es zuerst die Idee, genau dieses Buch zum Spiel zu machen, oder gab es das Spiel und das Thema wurde angepasst?
"Als erstes hatten wir die Idee ein gemeinsames Spiel zu machen. Stefan hat mir zuvor bereits als Spieletester mit seinen Ideen und Kritiken wichtige Impulse gegeben. Er selbst bevorzugt komplexere und anspruchsvollere Spiele. Also haben wir beschlossen ein Spiel zu machen, bei dem sich etwas entwickelt und bei dem es darauf ankommt die eigenen Ressourcen möglichst effektiv einzusetzen. Da bot sich ein Bauspiel irgendwie an, und ehe wir uns versahen, entstand die Idee das Buch von Ken Follet spielerisch umzusetzen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch gar nichts, keinen Mechanismus, kein Spielziel, nichts. Aber ich hatte ja schon sehr gute Erfahrungen mit Literaturspielen gemacht und wusste auch, dass Kosmos ein gewisses Interesse an der spielerischen Umsetzung bekannter Bücher hat. Vorraussetzung ist natürlich, dass das Spiel auch Spieler überzeugen kann, die das Buch nicht gelesen haben."

Michael Rieneck hat Die Säulen der Erde vom Buch auf das Spielbrett gebracht von KosmosGab es eine Abstimmung mit Buchautor Ken Follett oder seinem Verlag bei der Entwicklung?
"Zu welchem Zeitpunkt sich Kosmos um die Lizenz gekümmert hat, weiß ich gar nicht. Der persönliche Kontakt zu Ken Follett entstand meines Wissens aber erst, als wir die Spielentwicklung weitgehend abgeschlossen hatten. Wolfgang Lüdtke vom Redaktionsteam ist mit einem englischen Prototypen nach London geflogen und hat sich dort mit Ken Follett zum Spielen getroffen. Das Spiel konnte ihn glücklicherweise so überzeugen, dass er anschließend grünes Licht gegeben hat."

Wie wird dieses Thema spielerisch getragen?
"Es geht um einen Kathedralenbau im England des 12. Jahrhunderts. Niemand baut eine Kathedrale alleine, und so bauen die Spieler auch im Spiel gemeinsam an den 'Säulen der Erde'. Dabei stehen die Spieler vor verschiedenen Herausforderungen. Zum einen müssen sie dafür Sorge tragen, dass sie über genügend Baustoffe verfügen, das sind im Spiel Stein, Holz, Sand und Metall. Diese Baustoffe gilt es möglichst effektiv an der Kathedrale zu verbauen. Dazu werden vom Mörtelmischer bis zum Glockengießer die unterschiedlichsten Handwerker benötigt. Die Spieler dürfen aber nur fünf Handwerker in ihren Bautrupp aufnehmen. Also versucht jeder ein möglichst gutes 'Handwerkerportfolio' zusammenzustellen und dieses mit den richtigen Baustoffen zu versorgen. Zum anderen dürfen die Spieler aber auch die Finanzierung ihrer Pläne nicht aus den Augen verlieren, denn ohne liquide Mittel bleibt manches Vorhaben nur ein Traum. Nicht zuletzt müssen sich die Spieler auch um die Gunst von König und Erzbischof bemühen, sonst droht manch unangenehme Überraschung."

Baumeister von KosmosWie funktioniert das im Spiel?
"Wesentlicher Spielmechanismus ist das Einsetzen von Baumeisterfiguren auf dem Spielplan. Alle Einsetzfelder sind positiv und unterstützen die Spieler in den unterschiedlichsten Bereichen des Spiels. Jedem Spieler stehen pro Runde drei dieser Figuren zur Verfügung. Nun werden diese aber nicht reihum auf dem Spielplan eingesetzt, sondern zufällig aus einem Beutel gezogen. Wer zuerst gezogen wird, hat die freie Auswahl. Diese freie Auswahl hat allerdings eine entscheidenden Haken. Wer zuerst gezogen wird, muss nämlich sieben Goldstücke bezahlen, will er seine Figur auf dem Plan einsetzen. Mit jeder weiteren aus dem Beutel gezogenen Figur sinkt der Preis für das Einsetzen und so kann es manchmal sinnvoll und nötig sein zu passen. Wer passt, darf seine Figur später nämlich umsonst einsetzen, muss sich dann allerdings mit den Feldern begnügen, die ihm die anderen übrig gelassen haben. Geldmanagement spielt also eine wichtige Rolle, denn nicht nur das Einsetzen der Baumeister kostet Gold, sondern auch der Erwerb der Handwerker. Außerdem verlangt der König Steuern nach reiner Willkür."

Wodurch setzt sich Die Säulen der Erde von anderen Bauspielen ab?
"In erster Linie ist Die Säulen der Erde thematisch ein Bauspiel. Es wird ja nicht wirklich gebaut, wie beispielsweise bei Villa Paletti, obwohl Kosmos dem Spiel eine tolle sechsteilige Kathedrale spendiert hat. Man sieht also tatsächlich, wie eine Kathedrale auf dem Spielplan entsteht.
Spieltechnisch geht es aber - wie bei vielen anderen Bauspielen auch - darum, Ressourcen in Siegpunkte umzuwandeln. Wie man das macht, ist bei allen Spielen anders. Da kommt dann der reine Spielmechanismus zum Tragen. Ich persönlich finde allerdings, dass man bei Die Säulen der Erde tatsächlich das Gefühl hat, an einer Kathedrale zu bauen. Wesentlichen Anteil daran haben ohne Zweifel die fantastischen Illustrationen von Michael Menzel."

Handwerker von KosmosWelches ist die größte spielerische Herausforderung und wie lassen diese sich meistern?
"Wie gesagt, das Haushalten mit den eigenen finanziellen Mitteln ist ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Man sollte sich wirklich genau überlegen, wofür man sein Gold ausgibt. So verlockend es manchmal auch sein mag, Baustoffe in Siegpunkte umzuwandeln, so sinnvoll kann es in einigen Situationen auch sein, einige Baustoffe auf dem Baustoffmarkt zu verkaufen, um den eigenen Handlungsspielraum für die folgenden Runden zu erhöhen. Basierend auf den verschiedenen Baustoffarten und den Einsetzfeldern auf dem Spielplan, gibt es unterschiedliche Strategien, die man entdecken und ausprobieren kann. Taktisch sollte man aber flexibel bleiben, denn man weiß vorher nie, wann die eigenen Baumeisterfiguren aus dem Beutel gezogen werden. Da gilt es dann, aus der Situation das Beste zu machen. Aber wie schon erwähnt, wer spät dran kommt, spart wertvolles Gold, das an anderer Stelle noch sehr nützlich sein kann. Abhängig davon, wann welche Ereignis- und Vorteilskarten auftauchen, nimmt jede Partie einen anderen Verlauf."

Du arbeitest immer wieder an Literaturspielen. Selbst Dracula gehört dazu. Was reizt dich an solchen Spielen besonders?
"Heute haben die meisten Spiele ein Thema. Ich finde das auch gut, denn eine tolle Grafik kann ja viel zum Spielreiz beitragen. Wenn es bereits einen originellen Spielmechanismus gibt, müssen sich die Autoren und Redakteure hinterher eine eigene Geschichte ausdenken. Diese wirkt dann in manchen Fällen aufgesetzt und austauschbar. Wenn ich aber zuerst das Thema habe, beispielsweise ein spannendes Buch, dann beschäftige ich mich bereits bei der Spielentwicklung mit der Frage, wie ich die bestehende Handlung spielerisch umsetzen kann. Für mich als Autor kann das inspirierend und hilfreich sein, denn ich fange ja nicht bei 'Null' an. Das sprichwörtliche 'weiße Blatt Papier' bleibt mir quasi erspart, denn ich habe schon die Geschichte und damit oft auch schon ein Spielziel. Wenn dann ein interessantes Spiel dabei rauskommt, entsteht das schöne Gefühl, dass Spielmechanismus und Spielgeschichte eine Einheit bilden. Das heißt aber nicht, dass ich nur noch Literaturspiele machen will. Ich entwickle auch Spiele, bei denen erst der Mechanismus da ist, nur waren die bisher noch nicht so erfolgreich."