Hoftheater

eine Spielerezension von Alexandra Fauth - 06.11.2016
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Hoftheater - Foto von Asmodee/Brombyx
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Die Aufgabe, ein neues Spiel auszupacken, ist in der Regel nicht sehr beliebt. Stanzteile entpöppeln, Anleitung lesen, Karten und Spielchips sortieren … Abgesehen von der Vorfreude auf das Spiel ist das eher langweilig. Anders bei Hoftheater: Vor dem Spiel ist vor dem Spiel … oder so ähnlich. Denn bevor wir das eigentliche Spiel spielen, werden wir wieder in unsere Kindheit versetzt. Wie früher bei Lego und Co gibt es eine Aufbauanleitung (wie auch schon beim Spiel des Jahres 2015 Colt Express), mit deren Hilfe wir den 3D-Aufbau einer Theaterbühne zusammenbasteln. Erst dann heißt es: Bühne frei! Anders als RV Rigals Bühnenbrettspiel Shakespeare spricht Hoftheater von Bruno Cathala und Christian Martinez aus dem Hause Bombyx/Asmodee also schon vor dem eigentlichen Auspacken explizit Familien an: Farbenfrohes Design, lustige Figuren und der 3D-Aufbau animieren dazu, Hoftheater sofort und so schnell wie möglich aus der einengenden Schachtel zu befreien. Und dieses Mal will jeder das Aufbauen übernehmen.

Spielzeit am Hoftheater: Komödie oder Tragödie?

Alles dreht sich darum, den launischen König zu beeindrucken. Will er über eine Komödie lachen oder melancholisch einer Tragödie beiwohnen? Das ändert sich mehrfach und wird über eine Stimmungsanzeige an der kleinen Theaterbühne angezeigt. Und nur, wer des Königs Stimmung trifft, wird in der Bühnenwelt erfolgreich sein. Hoftheater bedient sich dabei verschiedener bekannter Mechanismen. Per Worker-Placement wählen wir in der Reisephase eine Stadt, um die dort liegenden Karten nutzen zu können. In der Begegnungsphase setzen wir diese ein und erhalten entweder direkt Boni (wie Almosen) oder nehmen Gaukler und Schauspieler in unser Ensemble auf – hier findet also das kartenspieltypische Deckbuilding statt. Pro Zug darf einer der Schauspieler zum Hof geschickt werden, um des Königs Stimmung zu beeinflussen. Die Gaukler haben Sonderfunktionen und werden im Laufe des Spiels eingesetzt, das Schauspieler-Ensemble dagegen kommt am Ende jeder Spielzeit zum Einsatz (gespielt wird über zwei Spielzeiten). Ob dem König das aufgeführte Stück gefällt (und er entsprechend „Gage“, also letztlich Siegpunkte, bezahlt), hängt von der Zugehörigkeit der Schauspieler zu Tragödie/Komödie (je nach Laune des Königs) und den Zahlenwerten der Karten ab. Neben diesem Grundprinzip gibt es bei Hoftheater noch weitere Spielaspekte wie die Soforteffekte der Schauspieler, die Impresarios, die am Hof zusätzlich Geld bringen, oder die verdeckten Bitten, die stark an die Aufträge der Königin bei Shakespeare erinnern und deren Erfüllung bei der Wertung den entscheidenden Unterschied machen kann. Anders als bei Shakespeare ist der erfolgreichste Dramaturg derjenige mit den meisten Einnahmen, nicht dem meisten Prestige.

Hoftheater als Familienspiel und als Duell

Hoftheater gehört zu den Spielen, die in der Zweierkonstellation nur mit Sonderregeln und einem imaginären dritten Spieler funktionieren. Erstaunlicherweise verändert dieser Geistspieler das Spielgefühl aber kaum – ganz im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsspielen, die auf diesen Behelfs-Mechanismus zurückgreifen. Vielleicht liegt das daran, dass der imaginäre Dritte im Bunde hier nur die Funktion hat, Städte zu besetzen, und sich ansonsten aus dem Spielgeschehen raushält.

Die Spielanleitung unterstützt die an sich leicht verständlichen Regeln hervorragend durch einen sehr übersichtlichen Aufbau und große Farbabbildungen. Damit eignet sich Hoftheater besonders gut für Familien. Doch auch reine Erwachsenenrunden werden Hoftheater dank der gut durchdachten und ansprechenden Spielmechanismen gerne aus dem Regal holen – zumal das verspielte und detailverliebte Design nicht nur Kinder begeistert.

Hoftheater: gelungene Mischung aus Deckbuilding und Worker-Placement

Auf den ersten Blick bietet Hoftheater nicht viel Neues. Es ist eines dieser Kartenspiele, die "nur so tun, als ob" und trotz der Konzentration auf Spielkarten weit mehr als das flüchtige, glücksbasierte Spielgefühl eines klassischen Kartenspiels (wie etwa Uno, Rommee oder Gaigel) entfaltet. Nun ist der Mechanismus des Deckbuildings inzwischen fast ein alter Hut. Hoftheater setzt diesen aber mit sehr viel Charme um und schafft es, ihn so mit anderen Mechanismen zu verknüpfen, dass er zunächst alles andere als augenfällig ist. Die Laune des Königs erhöht die Interaktion zwischen den Spielern und bringt taktische Möglichkeiten ein. Daneben sind – was ein wenig an Shakespeare erinnert und dennoch ein anderes Spielgefühl bewirkt - Menschenkenntnis und Bluffen gefragt. Schließe ich mich meinem Mitspieler an und sammle Komödianten, oder wird er kurz vor Ende doch noch umschwenken und die Tragödiendarsteller im Ensemble verstärken – natürlich nicht ohne die Laune des Königs zu beeinflussen? Oder handelt er gar im Geheimen für einen verdeckten Auftrag? Oder soll ich lieber weiter Tragödienschauspieler sammeln und selbst versuchen, die Stimmungsanzeige zu meinen Gunsten zu beeinflussen? Bei aller taktischer Überlegung entscheidet am Ende oft ein einziger an den Hof geschickter Schauspieler als Zünglein an der Waage. Dadurch bleiben Planbarkeit und Glücksfaktor sehr ausgewogen. Hoftheater ist damit kein Kennerspiel, aber ein sehr gelungenes Familienspiel, das durch die Vermengung von Worker-Placement und Deckbuilding eine sehr ansprechende Spielatmosphäre schafft.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spielerzahl: 
2-5
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
10
Spieldauer (Minuten): 
40
Jahrgang: 
2016
Spielkategorisierung
Spielethema: 
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Spiele-Offensive

Kommentare

Liebe Alexandra,

 

wer (außer Dir) hat denn behauptet, dass Spiele auspöppeln keinen Spaß mache?  Das ist doch ein Highlight bei jedem neuen Spiel und wird entsprechend zelebriert. Das ist, als würde man sich in ein neues Auto setzen und sagen: "Örks... der riecht ja noch ganz neu". ;-)

 

Axel