Mobbing

Reine Chefsache

eine Spielerezension von Bernhard Zaugg - 17.07.2011
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Mobbing von Heidelberger Spieleverlag
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Der ewige Traum vom Sprung nach ganz oben, vom Aufstieg an die Hebel der Macht, dem Nachrücken auf den Sessel des Chefs - bei Mobbing kann er geträumt und ausgelebt werden wie kaum je im realen Leben. Allerdings zeigt sich rasch, dass er mit harten Kämpfen verbunden ist, die mit Haken und Oesen geführt werden. Das gibt ein ziemliches Getümmel, alle versuchen die Konkurrenz runterzumachen und sich selber ins beste Licht zu rücken, um im Moment des Versterbens des greisen Vorsitzenden am besten dazustehen, wenn seine Nachfolge geregelt wird. Wer da die Wahl schafft, gewinnt das erschreckend realistisch wirkende Spiel, das tatsächlich hält, was es verspricht.

Mobbing verlangt Nehmerqualitäten und die Bereitschaft, selber ebenfalls mit harten Bandagen einzusteigen und auszuteilen. Zu Beginn des Spiels wird der Aufsichtsrat der Firma ausgelegt, bestehend aus Symbolkarten für den Vorsitzenden und weitere fünf Mitglieder. Letztere sind für die bevorstehende Wahl des neuen Chefs verantwortlich und sollen daher umgarnt und auf die eigene Seite gezogen werden. Dazu haben die Spieler je einen identischen Satz Lobby-Karten, von denen sie drei beliebige auf die Hand nehmen und den Rest als persönlichen Nachziehstapel bereitlegen. Als Ergänzung dienen Mobbing-Karten, von denen jeder drei ausgeteilt erhält, dann geht’s los.

Pro Spielzug werden bei Mobbing bis zu zwei Karten ausgepielt und danach zwei neue nachgezogen. Dabei kann frei kombiniert werden zwischen Lobby- und Mobbing-Karten. Letztere können bis zu einem Limit von sechs Karten zu einem Aufsichtsratsmitglied gelegt werden und beeinflussen dessen Stimmabgabe bei der Chefwahl am Ende der Partie. Wer den höchsten Lobbywert bei einem Aufsichtsrat erreicht, sichert sich dessen Stimme. Dabei werden Karten bei Mobbing zuerst verdeckt ausgelegt und erst umgedreht, wenn eine neue dazukommt, sodass eine gewisse Unsicherheit besteht über das absehbare Stimmverhalten des entsprechenden Aufsichtsratsmitglieds.

Mobbing-Karten dagegen werden offen und unter Vorlesen des jeweiligen Kartentextes vor einen der Anwesenden gelegt. Sie enthalten Aussagen, welche die Reputation des jeweiligen Spielers positiv oder negativ beeinflussen können wie Einzelheiten zu seinem Arbeits- oder Sozialverhalten oder andere mehr oder weniger pikante Geheimnisse, die so offengelegt werden. Das ist insofern entscheidend, als Spieler mit einer insgesamt negativen Reputation von der abschliessenden Wahl in den Aufsichtsrat ausgeschlossen bleiben. Eventuelle Lobby (-mehrheiten) eines solchen Spielers verfallen, worauf die Stimme des jeweiligen Ratsmitglieds an den Spieler mit dem zweitmeisten Lobbywert geht.

Effektiv gewählt wird bei Mobbing, wenn die zweite von drei "Der Chef ist gestorben!"-Karten im Nachziehstapel der Mobbing-Karten auftaucht oder wenn bei allen Aufsichtsratsräten das Limit von sechs Lobby-Karten erreicht ist. Wer nach Ausschluss der ungeeigneten Kandidaten mit einer negativen Reputation die meisten der insgesamt fünf Stimmen der Wählenden erhält, wird zum neuen Vorsitzenden ernannt. Bei Gleichstand entscheidet der höchste Lobbywert bei einem der Mitglieder.

Mobbing kann ganz schön gemein und ungerecht verlaufen. Das verlangt subtiles Taktieren. Absehbare Lobby-Übergewichte bei einem oder mehreren der Mitglieder des Aufsichtsrates werden gnadenlos mit negativen Mobbing-Karten gekontert. Weitere Wirren verursachen Spezialkarten, mit denen vorherige oder nachfolgende Karten beeinflusst oder gar annulliert werden können. Nicht selten darf so der erfolgreichste Stimmensammler gar nicht erst zur entscheidenden Wahl antreten, da er zuvor mit entsprechenden Mobbing-Karten der Konkurrenz eingedeckt wurde und seine Referenzwerte nicht mehr rechtzeitig über Null heben konnte.

So unberechenbar das Ganze daher ist, so spannend bleibt Mobbing bis zuletzt. Wichtig ist dabei, das niemand das Geschehen und die Aktionen der Gegnerschaft persönlich nehmen darf oder gar irgendwie Gerechtigkeit erwarten sollte - solche Hoffnungen sind normalerweise vergeblich. Stattdessen wird intrigiert und gezickt, jeder kriegt sein Fett ab, bis zuletzt kaum noch jemand weiß, weshalb die eine oder andere Kandidatur am Ende erfolglos geblieben ist oder eben obenaus geschwungen hat. Wer sich da behaupten und durchsetzen kann, wird möglicherweise vergleichbare Stürme im richtigen Leben etwas besser bewältigen können als andere. Und sonst war es den Versuch wert, das Ganze mal am Stubentisch zu üben in einer Art Simulation, deren Realitätsnähe teilweise erschreckende Ausmaße annehmen kann.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spielerzahl: 
3 - 6
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12 - 12
Spieldauer (Minuten): 
45
Jahrgang: 
2010
Spielkategorisierung
Spielethema: 
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