Reich der Spiele
Reich der Spiele >> Beiträge >> Spiel ’20: Verenas Tagebuch zur SPIEL.digital

Spiel ’20: Verenas Tagebuch zur SPIEL.digital

Virtuelle Halle auf der Spiel digital

Mit Jogginghose und Headset

Nervös sitze ich vor dem Fernseher. Das Handy liegt neben mir auf dem Sofa, der PC ist schon hochgefahren. Es ist ein verregneter Donnertag, kurz vor zehn Uhr. In wenigen Minuten startet die Spielemesse SPIEL.digital 2020. Anders als sonst, so wie alles in diesem Jahr. Denn ich sitze in meinem Wohnzimmer und stehe nicht vor den Türen der Messehallen in Essen. Obwohl ich mich an meinem Wohlfühlort befinde, ist da dieses Gefühl in mir, welches mir noch von meinem allerersten Besuch der SPIEL im Gedächtnis ist. Bauchkribbeln, Anspannung, positive Aufgeregtheit mit einem Hauch von Angst, nicht gut genug vorbereitet zu sein. Kann ich einfach so in diese vier Tage starten, ganz ohne einen Plan? Ist es möglich, sich trotz der räumlichen Distanz mit anderen verbunden zu fühlen, einfach weil sie die gleiche Leidenschaft haben? Ich bin skeptisch, erwarte nicht viel, bin gespannt, was gleich passieren wird.

Werbung

Werbung Next Station Tokyo von HCM Kinzel

Endlich zehn Uhr!

Ich blicke immer wieder auf die Uhr und frage mich, wie ich so ganz allein in diese Messe starten soll. In Essen hatte ich immer jemanden zur seelischen Unterstützung an meiner Seite, nun lümmel ich hier auf der Couch und fühle mich einsam. Schnell suche ich dank der vielfältigen Möglichkeiten nach Verbündeten und lande bei dem Twitch-Stream von Vanillekeksy. Ich fühle mich sofort begleitet und finde es sehr erfrischend, ihr bei den ersten Schritten auf der SPIEL.digital zuzusehen. Ich muss nicht selbst meine ersten Gehversuche machen, um dann frustriert festzustellen, dass nicht gleich alles so läuft, wie es vielleicht sollte. Denn um zehn Uhr passiert nichts.

Die Seite lädt nicht oder ist nicht auffindbar, es dauert, bis überhaupt etwas zu sehen ist. Immerhin kann ich dabei in Jogginghose im kuscheligen Wohnzimmer chillen und muss nicht im Gedränge vor den Messehallen stehen. Ich beobachte ein wenig den Stream und entscheide mich dann, selbst die SPIEL zu betreten. Der Lärm, die Gerüche, die Menschenmassen fehlen, die Überforderung ist dennoch da. Wo fange ich an? Wohin bewege ich mich zuerst? Worauf fällt mein Blick? Es sind keine weiten Wege, die ich zurücklege, sondern etliche Klicks, bis ich bei den Spielen gelandet bin, die mich interessieren.

Ich schaue zuerst bei den „Großen“ vorbei, da weiß ich in etwa, was mich erwartet. Bei Pegasus und Kosmos wäre ich auf der Messe sicher in einen Kaufrausch verfallen, hier blättere ich mich durch meine offenen Tabs und markiere erst einmal alles, was tendenziell in meinem Warenkorb landen könnte. Aussortieren kann ich später immer noch. So verbringe ich den Donnerstag damit, mit der digitalen Umsetzung der Messe warm zu werden, meine Merkliste zu füllen und mich nebenbei von Videos über Spieleneuheiten auf diversen Youtubechannels berieseln zu lassen. Auf Instagram entdecke ich viele Posts zur SPIEL, dennoch fühlt es sich noch nicht an, als wäre ich auch dabei. Ich bin doch zu Hause.

viele Browsertabs offen

Ab ins Netz

Statt der Suche nach einem Parkplatz, startet der zweite Tag der SPIEL für mich mit der Morning-Show des offiziellen Messe -Streams. Es ist entspannt auf meiner Couch, aber ich vermisse die Vorfreunde auf die vollen Tüten am Abend. Wieder scrolle ich mich durch die Neuheiten und lande zwischendurch immer mal wieder vor einem Spieltisch. Aber irgendwie fehlt mir der Mut. Was, wenn ich mit der Bedienung nicht zurechtkomme, meine Internetverbindung nicht stabil genug ist, mein Mikrofon nicht funktioniert? Obwohl ich mich hinter meinem Monitor in der Anonymität des Internets verstecken könnte, bleibt diese Hemmschwelle. Als „digital native“ sollte ich eigentlich damit vertraut sein, fühle mich aber unsicher. Es ist wohl nicht mein Tag.

Erst am späten Nachmittag traue ich mich und trete dem Discord-Channel von Amigo bei. Dort werde ich freundlich von einer realen Person begrüßt. Sie schreibt mich direkt an und sagt mir, dass ich gerne in einen Sprachchat gehen kann, um über Tabeltopia an einem Tisch Platz zu nehmen. Ich springe über meinen Schatten und schliddere in den Channel für das Spiel Excalibohn. Nicolas, der Promoter von Amigo, sitzt vor seiner Webcam und lädt mich ein, an einer Partie teilzunehmen. Es ist schön, nun eine realen Person als Gegenüber zu haben. Mit mir sitzen außer Nicolas noch ein Vater mit seinem Sohn und eine Bohnanzaliebhaberin an dem virtuellen Tisch. Nachdem uns das Spiel erklärt wurde und wir dazu noch ein paar Tricks und Tipps für die Handhabung der Benutzeroberfläche bekommen haben, geht es endlich los. Ich halte die ersten Karten dieser ungewöhnlichen SPIEL in der Hand. Es ist seltsam und gut zugleich. Wir spielen die ersten Züge und merken bereits, dass hier nicht die Spielregeln das Komplizierteste sind, sondern die Nutzeroberfläche. Karten, die bereits abgelegt wurden, sind plötzlich wieder da, Bohnenkarten auf dem eigenen Beet verschwinden während des Spiels, der Kartenstapel in der Mitte schwebt in der Luft.

Virtuell Excalibohn spielen

Immer wieder müssen wir die Website neu laden, damit wir alle den aktuellen Stand sehen. Es ist anstrengend und zieht die Partie sehr in die Länge. Auch wenn das Spiel an sich und vor allem die Interaktion mit den anderen über den Sprachchat sehr amüsant sind, entscheiden wir uns, Excalibohn nach etwas über einer Stunde zu beenden. Der Promoter weist uns noch auf die anderen Spiele hin und wir verabschieden uns freundlich voneinander. Ich setzte das Headset ab und bin geschafft. Mit einer Tüte Chips schmeiße ich mich wieder auf die Wohnlandschaft und verfolge den Rest des Abends den Messe-Stream über Youtube. Davon fühle ich mich gut unterhalten und bin positiv überrascht, wie das Team es schafft, die Chatcommunity in das Brettspielquiz mit einzubinden. Das erste Mal auf dieser Messe kommt das Gefühl von Gemeinschaft in mir hoch.

Jetzt wird gespielt

Am Samstag nehme ich mir vor, endlich so richtig zu spielen. Ich stehe früh auf, um den Wocheneinkauf hinter mir zu haben, der Nachteil an dieser Art der Messe. Zu Hause fällt halt immer Arbeit an. Die Wäsche muss nebenbei aufgehängt werden, meine Kinder wollen mit mir raus, das Mittagessen muss gekocht werden. Die Zeit des Kochens nutze ich, um die Morning Show des Livestreams zu verfolgen. Vier spielbegeistere Blogger im Studio, zwei von zu Hause zugeschaltet. Alle sind mir durch Spielevideos bekannt, einigen folge ich seit langem auf Instagram. Sie machen ihre Sache gut und bringen mich dazu, den halben Tag mit dem Handy in der Tasche und Kopfhörern rumzulaufen. Wie einen Podcast verfolge ich den Stream sogar beim Saugen und schnappe viele Spieltitel auf, die ich mir genauer anschauen möchte.

Am späten Nachmittag ist etwas Ruhe eingekehrt und ich will nun endlich spielen. Ich lande wieder bei Pegasus auf der Seite und befinde mich nach einigen Klicks an einem Tisch für Punkte Salat. Das einfache Kartenspiel ist schnell erklärt und ebenso schnell gespielt. Das Spiel gefällt mir, es landet in meinem imaginären Warenkorb. Danach geselle ich mich an einen Tisch dazu, an dem der neue Rosenberg New York Zoo gespielt wird. Grafik und Material haben mich bereits überzeugt, nun will ich noch das Spielsystem verstehen. Die süßen kleinen Tierfiguren fliegen über den Tisch, die Puzzleteile werden in die Zoos gebaut. Nach wenigen Minuten verlasse ich das Geschehen wieder, zuschauen ist dann doch nicht so meins.

Am Abend bin ich mit meiner Spielgruppe verabredet. Wir treffen uns auf Tabletopia und probieren zunächst King of 12 (Corax Games) aus. Das neue Spiel von Rita Model holt mich ab. Ich denke, dass du denkst, dass ich denke… Ich mag den Mechanismus und mag es, das Spiel mit meiner Gruppe zu spielen. Und das, obwohl wir nicht in einem Raum sind. Ich würde das Spiel gerne direkt kaufen, geht ja aber nicht. So kommt auch dieses auf meine „Haben-Wollen-Liste“.

King of 12 virtuell spielen Danach spielen wir Switch & Signal (Kosmos). Auch dieses Spiel überzeugt mich. Kooperativ müssen wir Waren durch Europa befördern, ohne dass die Züge sich gegenseitig behindern. Die ersten Runden gehen uns noch recht leicht von der Hand, zum Schluss wird es wirklich knifflig. Aber wir schaffen es tatsächlich und gewinnen gemeinsam das Spiel. Die Mechanik gefällt mir und es stört mich dabei auch nur wenig, dass die Bedienung auf Tabletopia etwas friemelig ist. Ich habe Lust, das Spiel auch in real zu spielen und kann mir schon jetzt gut vorstellen, dass es damit auf den Listen zum Spiel des Jahres landet. Wir quatschen noch ein wenig über Discord und schauen nebenbei das Brettspielquiz des Livestreams. Auch heute ist die Stimmung wieder super und es macht Spaß, das eigene Wissen zu testen.

Ich bleibe noch ein wenig wach und klicke mich wieder durch die Neuheitenliste, vielleicht entdecke ich ja noch ein paar Schätze. Mittlerweile habe ich etwa dreißig Spiele auf meiner Merkliste, mindestens fünf hätte ich in Essen sicher bereits in meinem Besitz. Da ich nicht schlafen kann, lande ich beim Late Night Talk mit Ben vom Brettspieleblog, Marie von Nordsprech, Krimimaster Stephan und Christoph von Betterboardgames. Die vier schnacken bis tief in die Nacht, es fühlt sich an, als würde ich mit ihnen in einem Raum sitzen. Irgendwie gemütlich. Es erinnert mich an lange Abende in der Jugendherberge, an denen eigentlich alle längst im Bett sein sollten, es aber einfach so heimelig ist. Ich döse immer wieder weg, verpasse kurze Abschnitte, verpenne die Zeitumstellung. Plötzlich ist es wieder zwei, Ben liest immer noch den Chat mit und geht mit Marie trotz der fortgeschrittenen Zeit auf alle Fragen ein. Um kurz vor drei Uhr wünschen sie den verbleibenden über 100 Zuschauern eine Gute Nacht, welch ein Durchhaltevermögen!

Ein gemütlicher Sonntag

Am letzten Tag der Messe habe ich endlich so richtig Zeit. Ich habe keine Verpflichtungen und habe den ganzen Tag für mich. Ich starte schon früh den PC und überlege, welche Spiele ich gerne noch testen möchte. Um kurz vor elf sitze ich am ersten virtuellen Spieltisch des Tages. Ich teste L.A.M.A. (Amigo), das bisher tatsächlich an mir vorbeigegangen ist. Die Promoterin ist sehr nett, wir unterhalten uns gut. Die Mitspielerin hingegen kann uns leider nur hören und nicht mit uns sprechen und will wohl auch nicht so recht am Spiel teilhaben. Sie schmeißt immer wieder falsche Karten ab, reagiert gar nicht, wenn sie am Zug ist, sortiert Dinge auf dem Tisch um. Irgendwann kickt die Promoterin die Mitspielerin aus dem Spiel und wir fangen noch einmal von vorne an. Wir quatschen noch ein wenig, bevor ich mich bei ihr für die nette Runde bedanke.

Danach wechsele ich auf den Discord Server von Pegasus und geselle mich zu einer Runde Doodle Dungeon. Auch hier habe ich kein Glück mit meinen Mitspielerinnen. Erst finden sie nicht den richtigen Channel auf Discord, dann haben sie nach dem ersten Drittel des Spiels schon keine Lust mehr und verlassen den Tisch. Ich spiele noch ein wenig mit der Erklärerin. Das Prinzip habe ich verstanden, das Gefummel mit den vielen kleinen Plättchen nervt mich. Dennoch gefällt mir das Spiel, in echt müsste ich auch keine kleinen Plättchen mit der Maus manövrieren, sondern hätte einen Bleistift in der Hand.

Nebenbei klicke ich mich immer wieder durch die Neuheiten, bleibe bei den Spielen Kräutergarten (Quality Beast), Fantastische Reiche (Strohman Games), Wildes Weltall (Board Game Circus) und Relevations (Corax Games) hängen. Am Nachmittag bin ich wieder mit Freunden verabredet, wir spielen Sherlock (Abacusspiele) über Tabletopia. Im Anschluss stöbere ich in den Onlineshops und versuche einen Handel zu finden, bei dem ich all meine Spiele bestellen kann. Vergeblich. Ich müsste bei mindestens vier Händlern bestellen und lasse es erstmal ganz.

Zum Ende der Messe gehe ich dorthin, wo alles begonnen hat: auf meine Couch. Ich schalte wieder in den Livestream und schaue statt Tatort die Closing Party. Nebenbei suche ich auf meinem Handy immer mal wieder die Onlineshops durch, fündig werde ich nicht. Im Stream geht es derweil um die persönlichen Highlights der Messe, auch Dominique und Max Metzler sind live aus dem Wohnzimmer dazu geschaltet. Die beiden sehen müde aus, aber auch zufrieden. Und das können sie auch sein. Bei all dem, was um uns herum gerade passiert, waren diese vier Tage ein Ausbruch in eine andere Welt. Einfach mal den Kopf ausschalten, mit anderen ins Gespräch kommen, Spiele kennenlernen, ausprobieren und auf die Wunschliste für den Weihnachtsmann schreiben.

Ein volles Herz bleibt

Wäre alles nicht so wie es ist, würden mir nun die Füße und die Schultern schmerzen, nun brennen die Augen, meine Ohren zwicken vom Headset und meine Hand spannt vom vielen Klicken. Auch wenn ich keine vollen Taschen habe, schließe ich die Messe mit einem guten Gefühl ab. Während das letzte Mal das Brettspielquiz über den Stream läuft, sortiere ich in meinem Kopf die neusten Entdeckungen nach Dringlichkeit auf meiner „Haben-Wollen-Liste“ und nehme mir fest vor, in der nächsten Woche mal wieder zu spielen. So ganz in echt, mit Karten in der Hand und Meepeln auf dem Küchentisch. Lust auf Spielen habe ich jetzt nach der ersten SPIEL.digital auf jeden Fall reichlich!blank

Werbung
kaufen Nach neuen Spielen schauen bei:
Amazon
Spiele-Offensive

Mehr Spiele-Themen entdecken

5 Kommentare

Avatar-Foto
Dirk Janßen 29. Oktober 2020 at 10:57

War ja auch die vier Tage am Start. Dann hätten wir ja teils zusammen die digitale Brettspielwelt erkunden können. Mit der Technik habe ich auch zu kämpfen gehabt, aber das war nicht so schlimm. Ich habe keinen gesehen, der nicht von dem einen oder anderen Malheur betroffen war. Gekauft habe ich übrigens bei Fantasy Welt. Gute Preise, guter Service, große Auswahl und immer mal wieder 10% Rabbat währen der Messe.

Antwort
Avatar-Foto
Axel Bungart 29. Oktober 2020 at 14:04

Die Amigo-Promoterin hat die echt rausgekickt?? 😀 😀 😀 Ich lach mich schlapp…

Übrigens: Sollten wir nicht mal eine Runde zusammen auf TT spielen, solange wir den Premium-Account noch haben? Habe ich Dirk auch vorgeschlagen. Wäre doch witzig, eine RdS-Runde.

Antwort
Avatar-Foto
Verena Segert 29. Oktober 2020 at 16:07

Ja, nachdem sie das Spiel wirklich gefühlt sabotiert hat…
Ich war mir erst nicht sicher, ob sie einfach nur mit der Bedienung nicht umgehen konnte, aber nachdem mehrfach die falschen Zahlen abgelegt und dann auch noch Spielchips lustig auf dem Tisch verteilt wurden, war klar, dass sie gar nicht spielen wollte.
Aber die Promoterin und ich hatten danach ein lustiges Spiel und haben uns nebenbei wirklich gut unterhalten:-)
Die Promoter*innen von Amigo waren übrigens durch die Reihe total nett und haben ihre Sache wirklich gut gemacht. Der für mich sympathischte Discord-Channel:-)

Wir können gerne versuchen, eine gemeinsame Spielrunde auf die Beine zu stellen. Terminvorschläge im Forum?!

Antwort
Avatar-Foto
Dirk Janßen 29. Oktober 2020 at 19:38

Wäre bei einem geeigneten Termin dabei.

Antwort
Avatar-Foto
Axel Bungart 9. November 2020 at 15:47

Treffen wir uns dort.

Antwort

Kommentieren