Merkator

eine Spielerezension von Silke Groth - 09.10.2011
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Merkator von Reich der Spiele

Hamburg erlebte in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, weil es konsequent beide Kriegsparteien mit Gütern versorgte. Als Hamburger Händler dieser Zeit reisen die Spieler bei Merkator durch Europa, kaufen Waren, erfüllen Verträge und errichten Gebäude.

Jeder Spieler besitzt bei Merkator ein eigenes Kontor und acht Warensteine in verschiedenen Farben. Jede Farbe steht für zwei unterschiedliche Warensorten, die ihre endgültige Gestalt erst annehmen sobald sie ihren Weg ins heimische Kontor gefunden haben. So steht ein gelber Farbwürfel zum Beispiel zunächst sowohl für Getreide, als auch Salpeter. Zusätzlich startet jeder Spieler mit vier Verträgen in den Werten zwei bis fünf. Mit Ausnahme des Startspielers erhalten alle Spieler zudem noch ein oder zwei Zeitmarken, die für die Reise benötigt werden.

Merkator ist ein sehr geradliniges Spiel, weshalb der Einstieg auch relativ leicht fällt. Während eines Zuges setzt ein Spieler den Merkator-Stein auf einen beliebigen Ort des Spielplans. Sofern es sich um einen der acht Hauptorte handelt, nimmt er sich alle Warensteine ins eigene Kontor, fügt bestimmten, meist benachbarten Orten einen Stein hinzu, bezahlt (wenn der Ort weiter entfernt liegt) mit Zeitmarken oder spart sich Zeit indem er in beispielsweise in Hamburg bleibt. Im Anschluss können Lieferverträge dieses Ortes erfüllt werden, in dem die geforderten Warensteine abgegeben werden. Gegen Abgabe von ein oder zwei Zeitmarken an den Zugspieler können nun Mitspieler „mitreisen” und ebenfalls Verträge vor Ort erfüllen und bei einer passenden Bonuskarte Waren einsacken.

Der Erlös wird ausnahmsweise einmal nicht in barer Münze, sondern in Form des offen ausliegenden Vertrages des nächsthöheren Wertes ausgezahlt. Fünf dieser Verträge finden im eigenen Kontor Platz, jeder überzählige muss zu Beginn der Folgerunde zu Geld gemacht, und sollte die Geldbörse dabei auf über 15 Talerchen anwachsen, reinvestiert werden. Hier können Bonuskarten erworben werden, die zusätzliche Rohstoffe bringen oder Gebäude, die am Spielende Siegpunkte versprechen.

Merkator endet sobald die letzte Zeitmarke vom Plan genommen wurde, oder ein Spieler die höchstrangige Vertragskarte „Westfälischer Frieden” erwirbt. Nach einer Schlussrunde (das Vertragslimit gilt hier nicht mehr) werden nun die fünf wertvollsten ausliegenden Verträge ganz und alle überzähligen zur Hälfte gewertet. Zusätzlich geben Gebäude Punkte, beispielsweise für bestimmte Waren im eigenen Kontor oder die meisten Zeitmarken. Der Spieler mit den meisten Punkten gewinnt das Spiel.

Merkator ist ein Fest für Optimierer und damit gleichzeitig der Alptraum für alle, die ein eher lockeres Spielchen bevorzugen. Vieles gilt es zu bedenken und durchzuplanen, auch wenn eigentlich „nur” der Merkatorspielstein von einem Ort zum anderen bewegt werden will: die Anzahl der Warensteine in den Orten, die eigenen Verträge und möglichen Folgeverträge, das „Zeitmanagement”, welche Gebäude und Bonuskarten liegen aus, wann ist der beste Moment zu einem Nebenort zu reisen und wie werden Vorlagen für Mitspieler vermieden. Da ist einiges an Gehirnschmalz nötig.

Die Mechanismen von Merkator sind stimmig und man spürt förmlich die Arbeit, die in die Spielentwicklung geflossen sind, um jedes kleine Rädchen feinzujustieren: die Handschrift von Autor Uwe Rosenberg ist unverkennbar. Zugegebenermaßen ist Merkator etwas trocken und abstrakt, der Mechanismus steht deutlich im Mittelpunkt und der thematische Bezug wirkt hier und dort ein wenig aufgesetzt. Nichtsdestotrotz macht es einfach sehr viel Spaß mit den zum größten Teil offen liegenden Informationen seinen optimalen Zug auszuknobeln. Eine kleine Glückskomponente gibt es durch die Folgeverträge. Zum Teil liegen dort Karten, die zum eigenen Warenbestand passen (und mitunter direkt erfüllbar sind). Es kann aber auch passieren, dass keine optimalen Verträge ausliegen, was das eigene Spiel dann ins Stocken kommen lässt. Gleiches gilt für die ausliegenden Gebäude, die ebenfalls mal besser und mal schlechter passen. Die Leerzeit zwischen den einzelnen Zügen (keine Dauergrübler vorausgesetzt) hält sich aufgrund der Kürze der Spielzüge in Grenzen, durch die Mitreisemöglichkeit sollte man auch in den Mitspielerzügen nicht komplett abschalten.

Die Ausstattung und grafische Umsetzung von Merkator ist, wie man es von Lookout Games nicht anders gewohnt ist, wieder über jeden Zweifel erhaben. Als besonderes Gimmick hat jede Warensteinsorte sein eigenes, kleines Pappkistchen auf dem Spielplan. Eine gut funktionierende Solovariante darf natürlich auch nicht fehlen. Alles in allem kommt Merkator nicht ganz an Agricola oder Le Havre heran, ist aber nicht sehr weit von diesen Top-Titeln entfernt. Mit Sicherheit nichts für jedermann, aber jeder, der anspruchsvolle, taktisch geprägte Spiele schätzt, sollte sich einmal als Hamburger Händler versuchen.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Grafik: 
Spielerzahl: 
1 - 4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
90
Jahrgang: 
2010
Spielkategorisierung
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