Die Kolonisten

eine Spielerezension von Ralf Schallert - 09.10.2017
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Die Kolonisten - Foto von Lookout Spiele
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Die PC-Spielereihen: "Die Siedler" und "Anno" genießen im digitalen Spielesektor schon seit Jahrzenten einen Kultstatus. Das ruhige Erforschen unbekannter Landstriche, das Ansiedeln und Kolonisieren sowie der Aufbau von Warenketten zog rasch viele Spieler in seinen Bann. Man war hier auf sich allein gestellt und spielte hauptsächlich gegen die KI des Spiels. Auch deshalb war es extrem schwer, dieses sehr erfolgreiche Genre auf den Brettspielsektor zu übertragen. Die Siedler von Catan wählten hier einen anderen Ansatz und die Brettspielumsetzungen der "Anno"-Reihe schafften es leider nicht, das Spielerlebnis der digitalen Spiele äquivalent auch auf das Medium der Brettspiele zu übertragen. Erst mit Agricola und den folgenden Spielen von Uwe Rosenberg änderte sich die Situation. Hier konnte man in Ruhe den Startbereich entwickeln und Warenketten aufbauen. Nun versucht Tim Puls mit seinen Kolonisten dieses Genre nochmals weiterzuentwickeln und beschert allen Freunden von Aufbauspielen mit Die Kolonisten bei Lookout Spiele vor Aufregung feuchte Hände.

Worum geht es bei Die Kolonisten?

Der Kaiser schickt euch als Spieler mit einem klaren Auftrag in die Wildnis. Ihr sollt dort eine neue Siedlung gründen und aus dieser im Laufe der Zeit eine pulsierende und wohlhabende Stadt machen. Dafür stehen euch zu Beginn des Spiels lediglich ein Verwalter, etwas Nahrung, Werkzeug, Holz und Lehm sowie zwei Höfe mit Bauern zur Verfügung.

Bei Die Kolonisten gibt es zwei Spielbereiche, die es auszubauen gilt. Zum einen der eigene Gemeindeplan und zum zweiten die für alle Spieler zugängliche Kernsiedlung. Diese wird nach und nach aus Hexfeld-Plättchen zusammengesetzt und besteht zu Spielbeginn aus zwei Märkten und zwölf in ihrer Funktion festgelegten Startorten, welche zufällig um einen Markt herum gruppiert werden. Sie wächst um jeweils zwölf Ortsplättchen pro Epoche. Hier können die Spieler sechs verschiedene Ortstypen wie Märkte, Orte für Baustoffe, Orte für Versorgungsgüter, Baumeister, Veredler und sonstige Orte finden. Der jeweilige Gemeindeplan der Spieler ist hingegen ein in seiner Größe festgeschriebenes Tableau, welches mit Gebäuden bestückt werden kann. Auch hier gibt es natürlich die unterschiedlichsten Arten von Gebäuden wie z. B. Wohngebäude, Lagerstätten, Produktionsgebäude, Geldgebäude und andere. Allerdings müssen diese, um genutzt werden zu können, im Gegensatz zu den Orten auf der Kernsiedlung dauerhaft mit Arbeitern bestückt werden. Außerdem ist es möglich, die eigene Gemeinde mittels Anschaffungen aufzuwerten oder gar diplomatische Beziehungen zu entfernten Kolonien aufzunehmen und im Lauf des Spiels zu intensivieren.

Lagerhaltung und Aufbausimulation bei Die Kolonisten

Die Kolonisten verläuft wahlweise über ein bis zur vier Epochen. Jede diese Epochen erstreckt sich über fünf Jahre, die wiederum in zwei Halbjahre aufgeteilt sind. In jedem dieser Halbjahre kann ein Spieler hintereinander drei Spielzüge ausführen. Dazu bewegt er seinen Verwalter über die Ortsplättchen der Kernsiedlung und führt die jeweilige dort mögliche Aktion aus. Wie in Aufbauspielen üblich, sollte man sich anfangs natürlich erst einmal um wichtige Grundressourcen wie z. B. Holz und Lehm oder die Erweiterung der eigenen Lagerkapazität kümmern. Mit zunehmender Spieldauer kommen dann immer mehr Waren und Gebäude ins Spiel und somit wächst die Komplexität der Waren- und Produktionsketten sprunghaft an.

Vieles an diesen Ketten ist logisch und nachvollziehbar, allerdings gibt es einen Punkt, der zwar im Spiel gut integriert ist, aber gerade Einsteigern einige Probleme bereiten kann: Die Lagerhaltung. In Die Kolonisten stehen den Spielern drei Lagerorte zur Verfügung: der Speicher, das Lager und das Zwischenlager der Gebäude. Da die Waren aber zum Bezahlen von Aktionen direkt aus dem Lager kommen müssen und das Verschieben von Waren zwischen den Lagermöglichkeiten nur nach einem vorgegebenen Muster ablaufen darf, ist der Grübel-Faktor in diesem Punkt nicht gerade klein.

Sind alle Halbjahre der festgelegten Anzahl von Epochen gespielt worden, kommt es zur Schlusswertung. Hierbei wird der Geldwert aller Gebäude, Arbeitskräfte, etc. zusammengezählt und ein Sieger ermittelt.

Lohnt sich das Brettspiel Die Kolonisten?

Die Kolonisten des Autorenneulings Tim Puls ist ein echtes Schwergewicht geworden. Das betrifft nicht nur das Gewicht des mit Material vollgestopften Kartons, sondern auch das Spiel selbst. Die Kennzeichnung als Kennerspiel stellt hier schon fast eine Untertreibung dar, denn dieses wahrhaft epische Spiel sollten nur Experten zur Hand nehmen. Durch den hohen Grübelfaktor und die damit verbundene Down-Time ist es ohne Probleme möglich, dass die Spieldauer bei voller Besetzung und unter Ausspielung aller vier Epochen zwischen acht bis zehn Stunden liegt! Aus den vorgenannten Gründen sollte man das Spiel allein als Solospiel genießen oder maximal zu zweit spielen.

Dann jedoch kann man sich in dieser wirklich allumfassenden Aufbausimulation (und nichts anderes ist es) verlieren. Ständig müssen Produktionsketten, die Infrastruktur oder der Nachschub bedacht werden, um nicht irgendwann in einer Sackgasse zu landen. Die Interaktion zwischen den Spielern ist allerdings so gering, sodass solch ein Fauxpas den Mitspielern nicht unbedingt in die Karten spielt. Das eigene Ego wird jedoch durch solche Fehler deutlich angekratzt. Zwar verfügt das Spiel über eine extrem hohe Varianz und eine Vielzahl von Aktionsmöglichkeiten, allerdings leidet darunter manchmal auch die Übersichtlichkeit. Deshalb sollte man jederzeit sorgfältig spielen, um dem unguten Gefühl, etwas übersehen oder einen Fehler gemacht zu haben, aus dem Weg zu gehen.

Dank der sehr guten und ausführlichen Anleitungen und Erläuterungen, sowie einer beiliegenden und vorbildlich illustrierten Einführungspartie ist der schrittweise Einstieg ins Spiel problemlos möglich. Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass man für das Regelstudium und auch für den Spielaufbau ausreichend Zeit eingeplant werden muss. Zum Glück ist aber sowohl an eine Möglichkeit, eine Partie jederzeit abzubrechen und den Spielstand abzuspeichern, als auch einzelne Epochen separat zu spielen, gedacht worden.

Die Kolonisten kann allen Vielspielern, die sich in solchen Spielen verlieren können, nur wärmstens ans Herz gelegt werden. Sofern man mit den vorgenannten Mängeln leben kann, wird man mit einem epischen Spielerlebnis der Extraklasse belohnt werden. Aktuell werkelt der Autor an einer Erweiterung auf die man zu Recht gespannt sein darf.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spieleautor: 
Grafik: 
Spielerzahl: 
1-4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
30-240
Jahrgang: 
2016
Spielkategorisierung
Mehr zum Spiel

Kommentare

Ich mag das Spiel sehr, habe nur ein Problem mit den Verwalterzügen. Wie im Text angemerkt, kann das Vordenken des nächsten Zuges durchaus einiges an Zeit in Anspruch nehmen. Gerade im Solospiel passiert es mir häufig, dass ich, nachdem ich mich endlich für meinen nächsten Zug entschieden habe, nicht mehr sicher bin, wie viele Züge ich in diesem Halbjahr bereits gemacht habe. Das nervt mich dann. Für die nächste Runde habe ich mir vorgenommen, den Verwalter durch einen Würfel zu ersetzen, der für die 6 Phasen eines Jahres darstellen soll. Bin gespannt, ob ich damit besser klar komme?!

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