Grand Austria Hotel

eine Spielerezension von Jürgen Strobel - 01.09.2016
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Grand Austria Hotel - Foto von Lookout Spiele
Lesezeit: ca. 7 Minuten

"Küss die Hand, gnä' Frau, was darf ich ihnen bringen!? Darf ich ihnen unseren „Kleiner Brauner“ für heut' empfehlen?!"

Wien zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Als Hotelier versuchen wir bei Grand Austria Hotel von Simone Luciani und Virginio Gigli (Lookout Spiele) unser schmuckes Hotel auszubauen und kulinarisch unsere Gäste zu verwöhnen. Die Stadt pulsiert und ist eines der großen Zentren Europas. Doch auch der Kaiser hat seine Ansprüche und man sollte tunlichst darauf achten, diese zu berücksichtigen!

Um was geht es bei Grand Austria Hotel!?

Unser Ziel, das eines jeden Mitspielers, ist es, zahlreiche Kunden in unser schönes kleines Kaffeehaus zu locken. Genau drei Gäste haben dort Platz, um ihre Bedürfnisse und Wünsche erfüllen zu können. Darüber befinden sich die einzelnen Zimmer unseres Hotels in unterschiedlicher Farbe. Maximal 20 Gäste können wir dort unterbringen. Ihrerseits bleiben sie aber nur, wenn wir jedem Gast genau das serviert haben, was er gerne hätte, und das passend farbliche Zimmer hergerichtet haben. Im Angebot haben wir Kaffe, Wein, Torte und Strudel. All diese Speisen und Getränke stehen auf der Speisekarte und können von dem Kunden bestellt werden. Apropos Kunden: Diese unterscheiden sich (wie auch schon die Hotelzimmer) in ihrer Farbe. Dabei sind die Bedürfnisse eines jeden komplett unterschiedlich.

Wie wird Grand Austria Hotel gespielt?

Auf unserem Hotelplan befinden sich auf vier Stockwerken 20 Gästezimmer in drei verschiedenen Farben. Darunter liegt unser kleines aber feines Kaffeehaus, in dem wir drei Kunden bewirten können. Daneben unsere Küche, in denen wir die gewünschten Gerichte zubereiten. Die Gäste unterscheiden sich hier nicht nur in der Farbe (Rot, Gelb, Blau, Grün), sondern auch in Ihrer Wertigkeit. Geben manche Gäste beim Erfüllen ihrer Bestellung viele Siegpunkte, so fällt bei anderen die Belohnung dafür besser aus.

Die Hotelpläne sind beidseitig bedruckt. Auf der Nachtseite starten wir mit identischen Hotels. Während auf der Rückseite die Konstellationen unterschiedlich und deswegen auch etwas schwerer zu spielen sind. Wir starten unsere Hotelkarriere mit drei vorbereiteten Gästezimmern, drei Waren und sechs Personalkarten! Gespielt wird über sieben Durchgänge, wobei nach Runde 3, 5 und 7 eine so genannte Kaiserwertung stattfindet. Auf die Kaiserwertung gehe ich weiter unten noch mal etwas genauer ein. In jedem Durchgang haben wir verschiedene Optionen, um unsere zwei Aktionspunkte zu planen.

Zunächst schauen wir uns aber erst einmal den zentralen Spielplan (Hofburg) an. Auf diesem befinden sich die so genannte Kaiser- und Rundenzählleiste, Platz für die Politikkarten (Sondersiegpunkte) und fünf Kunden die darauf warten, bedient zu werden. Aber wie können wir nun unsere zwei Aktionspunkte verwenden, die wir pro Runde haben haben? Dies geschieht, indem wir auf dem Aktionsplan eines der sechs Aktionsfelder auswählen. Denn je nach Spieleranzahl variiert die Summe der Würfel, die wir dann auf dem Plan verteilen können. Die sechs Aktionsfelder sind nummeriert von Eins bis Sechs. Jedes Feld steht für eine andere Aktion, die wir ausführen können. Zum Beispiel können wir uns verschiedenste Waren nehmen, Räume vorbereiten (herrichten), auf der Geld- oder Kaiserleiste vorrücken, eine Personalkarte ausspielen oder aber eine andere Aktion wählen.

Und jetzt nämlich kommt der Clou an der ganzen Sache! Je nach Anzahl der Würfel auf einem der Aktionsfelder kann man die jeweilige Aktion unterschiedlich oft nutzen. Das heißt: Befinden sich vier Würfel auf dem Aktionsfeld „Waren nehmen“, so bekommt man dann auch vier Waren. Hat man diese Aktion genutzt, wird ein Würfel auf dem Aktionstableau abgelegt. Somit reduziert sich natürlich auch jedes Mal die Menge. Man merkt schon, auch hier gibt es eine Menge zu taktieren und überlegen.

Zusätzlich zur eigenen Aktion hat man nun die Möglichkeit, auch noch eine Zusatzaktion zu spielen. Diese reichen von Bestellungen erfüllen (bis zu drei Speisen und Getränke beliebig auf Kunden zu verteilen), eine Politikkarte besetzen (wir erinnern uns, Sondersiegpunkte) bis zu Gäste in einen Raum seines Hotels einziehen lassen (komplette Erfüllung einer Bestellung). Hat jeder Mitspieler seine zwei Aktionen getätigt und beide Felder seines Reihenfolgeplättchens sind belegt, endet ein Durchgang. Man hat aber auch die Möglichkeit zu passen. Dies geschieht meistens, wenn man keine passende Aktion mehr ausführen kann oder aber zu wenig Würfel auf Aktionsfeldern vorhanden sind.

Die Kaiserleiste oder das Damoklesschwert der Strafe

Nun noch ein paar Worte zur so genannten Kaiserleiste und Wertung. Nach dem dritten, fünften und siebten Durchgang findet eine Kaiserwertung statt. Vor so einer Wertung sollte man tunlichst die Leiste im Auge behalten. Denn die Bestrafung kann schlimme Auswirkungen auf das eigene Spiel haben. Die Kaiserleiste besteht aus 14 Feldern, und jedem dieser Felder ist eine bestimmte Anzahl an Siegpunkten zugeordnet. Nach jeder Wertung wird der Spielstein um so viele Felder zurückgesetzt, wie vorher Durchgänge gespielt wurden. Befindet man sich danach mit seinem eigenen Spielstein im gelben Bereich, erhält man die Siegpunkte die dort angegeben sind und den Kaiserbonus. Im weißen Bereich (Feld 1 und 2) bekommt man zwar die Siegpunkte, aber leider keinen Kaiserbonus. Im schwarzen Bereich (Feld 0) wird man dementsprechend vom Kaiser bestraft. Die Bestrafung kann dabei ganz unterschiedlich ausfallen. Von Geld- bis zum Siegpunktverlust ist alles dabei. Ebenso fallen die Belohnungen mal mehr oder weniger gut aus. Zum Glück werden die Kaiserplättchen beim Aufbau des Spieles von allen Spielern zusammen ausgesucht. Somit kann man die Auswahl am Erfahrungsgrad der Spieler festmachen.

Wie gut ist das Brettspiel Grand Austria Hotel?

Grand Austria Hotel ist Optimierung pur! Aber kommen wir zunächst zum Material und der Spielregel. Das Material ist sehr schön anzusehen. Holzklötzchen in verschiedenen Farben, gute Kartenqualität und sauber gestanzte Plättchen. Unter dem Strich eine sehr schöne Aufmachung. Die Spielregel ist strukturiert aufgebaut und erklärt Schritt für Schritt vom Aufbau bis zum Ablauf des Spieles alles sehr übersichtlich. Was ich aber vermisst habe, ist eine kleine Übersicht für jeden Mitspieler. Gerade bei den Personalkarten und Belohnungen. Hier musste man doch allzu oft nachschlagen. Besonders, wenn man es nach einiger Zeit wieder auf den Spieletisch packt und sich dann erst wieder zurechtfinden muss. Hier wäre eine solche Übersicht Gold wert gewesen. Die grafische Gestaltung wiederum mag gefallen und spiegelt doch sehr schön das Wien im 20. Jahrhundert wider. Hier hat Klemens Franz sehr schöne Arbeit geleistet.

Der Spielerische Gehalt von Grand Austria Hotel

Kommen wir nun zum spielerischen Gehalt von Grand Austria Hotel. Man spielt hier doch sehr solitär vor sich hin. Die einzige Interaktion besteht darin, eventuell einem anderen Mitspieler einen Gast vor der Nase wegzuschnappen. Auch ist Väterchen Zufall stark beteiligt beim Ziehen der Gäste. Dies spiegelt sich auch wider bei den Personalkarten. Jede gibt es nur einmal und alle haben unterschiedlich starke Fähigkeiten: Es gibt einmalige, einmal pro Durchgang, permanente und welche, die bei der Schlusswertung noch mal Siegpunkte ausschütten. Je nachdem, welche Konstellation man bekommt und sich zusammendraftet, kann man sich hier schon einen Vorteil verschaffen. Gerade am Anfang ist man zudem von den komplexen Mechanismen und Optimierungsmöglichkeiten etwas überfordert. Dies hat einen schwierigen Einstieg zur Folge.

Auch ist die Downtime bei vier Spielern enorm hoch. Fast zu hoch, möchte ich bemerken. Denn man hat doch selbst keinen Einfluss auf die Spielzüge der anderen Mitspieler und diese interessieren auch nur minimal. Jeder Mitspieler ist zu sehr auf sein eigenes Hotel fixiert. Man kommt sich kaum ins Gehege oder kann anderen Hotelmanagern Steine in den Weg legen. Am besten funktioniert Grand Austria Hotel tatsächlich zu zweit. Kaum Downtime und die einzelnen Aktionen gehen zügig von der Hand. Zu dritt ist es auch noch gerade so spielbar. Aber zu viert würde ich es keinem empfehlen. Hier ist die Wartezeit, bis man selbst wieder am Zug ist, doch ein wenig zu hoch. Auch ist die Kartensymbolik nicht immer gleich logisch zu erfassen.

Doch bei all dieser negativen Kritik möchte ich doch noch ein paar Dinge hervorheben. Zum einen ist es eine erfrischende Spielidee, als Hotelmanager zu fungieren und die Geschicke seines eigenen kleinen Hotels zu lenken. Man muss sich immer wieder auf neue Spielsituationen und Vorraussetzungen einstellen. Das fordert und macht Spaß! Mir gefällt Grand Austria trotz allen Schwächen und dem schwierigen Einstieg. Es fordert, aber überfordert nicht. Aber ganz klar ist das Brettspiel Grand Austria Hotel in die Kategorie der Vielspieler einzuordnen. Jedoch nach einigen Partien geht vieles leichter und man erreicht die nächste Stufe der Evolution eines Hotelmanagers!

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Grafik: 
Spielerzahl: 
2-4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
90
Jahrgang: 
2015
Spielkategorisierung
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Kommentare

Ja, das fand ich auch. Mir hat das Spiel insgesamt sehr gut gefallen. Aber die Spieldauer und besonders die Downtime zu viert ist schier unerträglich. Sehr schade.