Haithabu

eine Spielerezension von Kevin Ewe - 06.06.2016
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Haithabu - Gesellschafsspiel - Foto von Spielworxx
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Haithabu? Ganz ehrlich: Da bin ich ja erstmal versucht, "Gesundheit" zu wünschen. Aber nachdem ich mich informiert habe, steht nun fest: Haithabu war in der Wikingerzeit vom 9. bis zum 11. Jahrhundert eine Siedlung in Norddeutschland. Gegen Ende des Mittelalters DAS Seehandelszentrum an Nord- und Ostsee. Ach sooo ... Mal wieder eine historische Stadt, die als Namensgeber für ein Brettspiel herhalten muss, jetzt verstehe ich. Und das mit Äxten, Booten, Schilden und dem ganze Kram wird mir jetzt auch klar. Einzig der Sinn der allgegenwärtigen Knüpfteppiche will sich mir partout nicht erschließen.

Das Spielbrett zeigt eine Wiesenlandschaft, der größte Teil wird dabei von einer Warentabelle eingenommen. Sogar wer sein Leben lang nur Phase 10 gespielt hat, dürfte sofort verstehen: Achtung, hier handelt es sich um eine Wirtschaftsspiel! Ebenfalls augenfällig: Ein drehbares Rondell, beschriftet mit acht verschiedenen Aktionen - liebevoll von mir nach dem Auspacken zusammengesetzt. Worker-Placement spielt also auch eine Rolle, soso.

Wie wird Haithabu gespielt?

Grundsätzlich geht es in Haithabu um das Erfüllen von Warenaufträgen. Met, Tuch, Keramik, Werkzeuge, Waffen und Gewürze können am Markt erstanden - oder verkauft werden. Jede Ware hat eine eigene Preisskala. Nehme ich eine Ware aus dem Markt heraus, verringere ich das Angebot und der Preis der Ware steigt. Verkaufe ich eine Ware, sinkt der Preis; ein Wirtschaftskreislauf halt. Zu Beginn findet man sich mit einem ersten Auftrag konfrontiert, der auf seine Erfüllung und damit auf die Auszahlung in Form von Gold und Siegpunkten wartet. Der geschäftige Spieler verdient sich natürlich postwendend neue Aufträge dazu. Verschiedene Waren werden zur Erfüllung der Aufträge gefordert, müssen gekauft, im eigenen Lager angesammelt und dann mit einem Transportmittel zu seinem Handelsposten gebracht werden. Haben die Warensteine erst einmal den Handelsposten erreicht, kann man die Aufträge abschließen und, wie bereits erwähnt, dafür Gold und Siegpunkte kassieren.

Getrieben wird das Spiel von einem Rondell mit acht Aktionsfeldern, Zeitscheibe genannt. Nur durch die dort ausgelösten Aktionen komme ich an Warensteine und Transportmittel, neue Auftragskarten oder Gold. Auch Aufträge abschließen und das Einsetzen von Transportmitteln geschieht ausschließlich über das Aktivieren der entsprechenden Felder auf der Zeitscheibe, immer wieder hat man die Qual der Wahl. In jedem der drei Durchgänge einer Runde entscheide ich mich für eins der Aktionsfelder, auf dem noch keine Figur meiner eigenen Farbe steht und führe diese Aktion durch. Das klingt erstmal ganz einfach. Ist es auch, abgesehen von einer kleinen Besonderheit: Jeweils vier Aktionen sind Tagaktionen, vier Aktionen sind Nachtaktionen. Das Rondell dreht sich nach jeder Runde um exakt ein Feld, dadurch ändern sich stets die zur Verfügung stehenden Tag- und Nachtaktionen. Die Tagaktionen sind immer wählbar. Die Nachtaktionen eigentlich auch, allerdings sind Aktionen nachts gefährlich, daher entscheidet dann der Wurf eines Würfels über ein gutes oder schlechtes Ereignis, das möglicherweise eintritt. Das reicht vom Verlust eine Ware bei allen anderen Spielern, über Gold, was man von allen Spielern bekommt, bis zum Verlust eines eigenen möglicherweise mühsam zusammengesparten Transportmittels. Nach acht Runden mit jeweils drei Durchgängen ist die Schlusswertung erreicht und der Spieler mit den meisten Siegpunkten hat gewonnen.

Abgerundet wird das ganze Treiben noch von neun Charakterkarten mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die ich an- oder sogar von meinen Mitspielern abwerben kann. Zwei bis vier Spieler können teilnehmen, das Spiel funktioniert zu zweit genauso gut wie zu viert.

So gut ist das Gesellschaftsspiel Haithabu

Die Entwicklung "anspruchsvoller Spiele für den Spielegourmet" hat sich Spielworxx auf die Fahnen geschrieben. Haithabu von Wolfgang Heidenheim und Andreas Molter bleibt diesen Anspruch mit einem drögen und mechanischen Nachgeschmack eher schuldig. Teilweise scheint es, als wollte man auf Teufel-komm-raus Spielmechanismen kombinieren. Dabei ist die Idee, einen komplexen Warenmarkt in ein Worker-Placement Spiel einzubauen, eigentlich eine gute. Aber was man auch tut: Ich hatte nie das Gefühl, den Warenmarkt gezielt für mich zu beeinflussen und damit vielleicht sogar spekulieren zu können. Dafür sind die Preisänderungen zu unberechenbar, aber auch die Waren, über die ich verfüge, zu rar und der Lagerplatz begrenzt, als dass sich Spekulieren lohnen würde. Doch mit Waren spekulieren zu können, erwarte ich eigentlich, wenn der Warenmarkt schon gut zwei Drittel des Spielplans einnimmt. Stattdessen sollen nach jeder Runde am Markt Preisanpassungen gemacht werden, die immer eine kleine Würfelorgie bedeuten. Puh.

Das Zeitrad ist eine spannende Idee, man muss bei Haithabu für seine Aktionen immer den passenden Zeitpunkt abwarten, das verleiht eine besondere Dimension. Eine aufwendige Planung im Voraus wäre zwar möglich, aber durch die vielen Unwägbarkeiten des Spiels lohnt sich das tiefe Nachdenken nicht so richtig. Also beobachtet man das Drehen des Rondells mit einem leicht unbefriedigenden Gefühl und wartet bis man dran ist. Durch die Wahl einer Nachtaktion und dem damit verbundenen Würfelwurf kann dann eigentlich so ziemlich alles passieren, die Auswirkungen können richtig gut, neutral oder richtig schlecht sein. So viel Zufall wirkt bei einem komplexen Spiel wie Haithabu mit seinen etwa zwei bis drei Stunden Spieldauer ist für meinen Geschmack etwas deplaziert. Auch die braun-beige, geknüpften Teppichen nachempfundene Spielgrafik empfand ich weder als thematisch passend (waren Wikinger denn eigentlich wirklich für ihre schicken geknüpften Teppiche bekannt?) und nur wenig ansprechend.

Als gelungen und spielbereichernd empfinde ich dagegen die Charakterkarten von Haithabu. Richtig eingesetzt können diese stark sein. Die Charaktere sind in unterschiedlichen Spielphasen unterschiedlich gut. Daher muss man intensiv abwägen, wann es sinnvoll ist, welche Charakterkarte zu spielen. Oder ob man zur Mitte des Spiels einfach die Gelegenheit nutzt, die Charaktere gegen Siegpunkte zu tauschen und dafür abzulegen. Leider ist die Siegpunktevergabe am Ende nicht sehr kreativ: Wer eh schon durch die Aufträge abgesahnt hat, bekommt nochmal Punkte für die meisten erfüllten Aufträge obendrauf. Das ist irgendwie nicht rund.

Nein, zu mir ist Haithabu irgendwie nicht so richtig durchgedrungen. Mensch, hätte ich jetzt Lust was mit Warensteinen, Transportaufträgen und einer raffinierten Aktionsauswahl zu spielen. Jemand bei einer Runde Panamax dabei?

Video: 

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Grafik: 
Spielerzahl: 
2-4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
90-180
Jahrgang: 
2015
Spielkategorisierung
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