Ulm

eine Spielerezension von Michael Weber - 29.07.2017
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Spielmaterial von Ulm - Foto von HUCH!
Lesezeit: ca. 4 Minuten

"In Um, um Ulm und um Ulm herum" - so oder so ähnlich heißt diese Floskel, die mir zur Stadt an der Grenze von Baden-Württemberg und Bayern hängen geblieben ist. Nun bin ich kein deutscher Südländer, sondern ein echtes Nordlicht. Aber Ulm als Brettspiel von Günter Burkhardt (HUCH!), doch, das habe ich mir dann näher angesehen.

Vorweg das Fazit für die schnelle Leserschaft

Um es vorwegzunehmen: Ulm ist ein tolles Brettspiel, das den Bogen zwischen Ulmer Geschichte und modernem Spielmechanismen schlägt. Dabei ist es anders als die Donau uferlos und kompliziert, was dem Spielspaß abträglich ist. Dennoch ist Ulm ein Leckerbissen für Fans von strategischen und ineinander greifenden Mechanismen. Nur eben ein "bisschen" überladen oder zumindest unübersichtlich.

Worum geht es beim Brettspiel Ulm?

Thematisch schlüpfen die Spieler in die Rolle edler Patrizier, die am Ulmer Münster mitbauen, Waren verschiffen, Einfluss gewinnen und am Ende hoffentlich siegreich durch eine Masse von Punktequellen sind. Das alles ist aber trotz einer dichten Geschichte nebensächlich und wirkt austauschbar. Allerdings - und das ist entscheidend - sind die Mechanismen richtig interessant.

Die Spielmechanismen von Ulm

Ulm hat einen spielerischen Motor und das ist das Münsterfeld. Dabei handelt sich um einen dreimal drei Felder großen Bereich, auf dem Plättchen liegen. Kommt ein Spieler an die Reihe, zieht er zunächst ein neues Plättchen und schiebt dieses dann in eine Reihe, sodass ein Plättchen auf den Rand des Münsterfeldes liegen bleibt. Die anderen drei Plättchen der gerade bewegten Reihe (also auch das gezogene) werden als Aktionsplättchen genutzt. Das ist trickreich, denn wenn ein Plättchen auf dem Rand liegen bleibt, sperrt es die Reihe, sodass nachfolgende Spieler zu anderen Aktionsreihen gezwungen sind.

Aus dem Münsterfeld ergeben sich Aktionen wie Geld nehmen, Randplättchen nehmen, das eigene Schiff auf dem Fluss bewegen, eine Siegelaktion oder eine Kartenaktion durchführen. Das klingt wenig, ist aber im Detail sehr komplex. So ist ohne Geld alles sehr schwierig, ohne Karten gibt es keine Beteiligung am punkteträchtigen Münsterbau oder am Warenverschiffen und keine weiteren Vorteile im Spiel. Aktionsplättchen sind für verschiedene Aktionen bzw. Teilaktionen erforderlich und die anfangs unscheinbare Flussaktion ist sehr wichtig, da das Boot so in Stadtviertel vordringt, in denen die Siegelaktion auszuführen ist. Die Siegelaktion wiederum erlaubt es, Einfluss auf Stadtgebiete zu nehmen. Dahinter versteckt sich wiederum fast ein eigenes Spiel, kommen doch so Boni, Zusatzaktionen, neue Möglichkeiten und vor allem Punktequellen ins Spiel.

Ulm: super, aber kompliziert und weniger elegant

Eins muss man Autor Günter Burkhard lassen: So kompliziert das alles klingt, greifen diese kleinen Details unfassbar gut ineinander. Wären die Aktionen nicht so verschachtelt erklärt und dank zweier Regelteilhefte umständlich nachzuschlagen, wäre Ulm ein rundes Spielvergnügen. Aber genau hier gibt es einen derben Abzug in der B-Note. Denn der erfüllten Pflicht eines überzeugenden Spielmechanismus ist ein Patzer in der Kür der sinnvollen Aufbereitung der Aktionen gefolgt. Wer bitte versteckt wichtige Teilregeln in einer Chronik und packt diese nicht in die Hauptspielanleitung? Hier vermisse ich ganz deutlich eine besser strukturierte Anleitung. Denn so kompliziert, wie Autor und Verlag das Spiel hier machen, ist es nicht. Nur fällt es schwer, sich bis zum Aha-Erlebnis durchzukämpfen. Wer das aber schafft, findet in Ulm eine wirklich spannende Herausforderung, die überrascht, Spieltiefe offenbart und viele Wege zum Ziel ermöglicht.

Es scheint, dass Ulm nur wenige Aktionen ermöglicht. Allerdings ist jede Teilaktion tiefgründig und hat Einfluss auf eine strategische Gesamtausrichtung. So lassen sich wie oben erwähnt Siegelaktionen nur in Stadtvierteln ausführen, die an den Flussabschnitt mit dem eigenen Schiff angrenzen. So kommt der Schiffsbewegung eine zentrale Rolle zu und nicht immer ist das Vorpreschen sinnvoll, obwohl am Ende Bonusmodifikationen auf den Donaufeldern warten. Die Siegelaktionen sind ebenfalls interessant. In einigen Stadtvierteln gibt es nur Punkte, in anderen können die Spieler hilfreiche nachkommen ins Spiel bringen oder Kosten für Aktionen verändern. Das alles ist wichtig, denn Geld und Karten sowie eigene Aktionsplättchen sind Mangelware. Hier kommt wiederum dem Münsterfeld eine wichtige Rolle zu. Denn es ist eine Kunst, aus der jeweiligen Situation das Beste für die eigene Strategie herauszuholen. Und eine Strategie sollte bei allen (aber moderaten) Zufallssituationen auf dem Münsterfeld jeder spätestens in der zweiten Partie Ulm haben. Sonst laufen die Mitspieler auf der Punkteleiste uneinholbar weg.

Das Zusammenspiel der Mechanismen macht Ulm zu einem extrem interessanten Spielerlebnis. Leider bleibt der Spielspaß durch die unnötig verschachtelte und verkomplizierende Spielanleitung auf der Strecke. Wer sich durchkämpft, wird jedoch mit einem wirklich gelungenen Brettspielerlebnis belohnt. Die vielen kleinen Details sind sehenswert und auch optisch macht Ulm einiges her. Nur die Turmplättchen sind mir etwas zu fitzelig. Also, mit Abstrichen beim Design und der redaktionellen Aufbereitung gibt es von mir eine Kaufempfehlung für spielerfahrene Menschen.

Video: 

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2-4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
10
Spieldauer (Minuten): 
60
Jahrgang: 
2016
Spielkategorisierung
Fotos
Spielschachtel von Ulm - Foto von HUCH!
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