Karriereleiter

eine Spielerezension von Verena Segert - 21.06.2020
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Karriereleiter - Ausschnitt - Foto von Wonderland Spiele
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Lesezeit: ca. 5 Minuten

Ehrlich gesagt habe ich bisher noch nie so genau darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, in einer völlig anderen Branche einen Neuanfang zu starten. Ich bin recht zufrieden in meinem derzeitigen Beruf und brauche für mein Glück keine großen Karrieresprünge. Doch immer wieder höre ich in Gesprächen mit Freunden und Bekannten, dass es nicht allen so geht. Einige sind unzufrieden in ihrem Job, haben Bock auf eine Karriere in einem komplett neuen Zweig und manch einer würde sicher auch nicht davor zurückschrecken, anderen in die Suppe zu spucken und ihnen Steine in den Weg zu legen. Um dies allerdings wirklich zu tun und den Absprung zu wagen, braucht es einiges an Mut und Durchhaltevermögen. Für Angsthasen wie mich, die lieber auf Nummer Sicher gehen, ist dieser Sprung ins kalte Wasser nichts. Da kommt eine spielerische Auszeit mit der Chance, Chef zu werden, gerade recht. In dem Kartenspiel Karriereleiter für zwei bis sechs Spieler ab 12 Jahren kann sich jeder neu erfinden, ohne gleich ein Kündigungsschreiben aufsetzen zu müssen.

Stufe für Stufe die Karriereleiter empor

Zu Beginn des Spiels entscheiden sich die Spieler für einen von drei möglichen Karrierepfaden und erhalten die entsprechenden Karrierekarten der Stufen eins bis sechs. Egal ob im Handwerk, Konzern oder öffentlichen Dienst, zunächst startet jeder Spieler als Praktikant. Zusätzlich zu den Karrierekarten legt jeder Spieler vor sich eine Mentorenkarte und vier Vorgangskarten aus. In der Tischmitte wird ein großes Kartenfeld mit zwölf Kartenstapeln, zwei Nachziehstapeln und einem Ablagestapel ausgelegt. Wer an der Reihe ist, füllt, sofern notwendig, das Kartenfeld in der Tischmitte auf, kann eine Karrierestufe aufsteigen oder Sonderaktionen aufgrund der niedrigsten oder höchsten Karrierestufe am Tisch ausführen. Anschließend darf der aktive Spieler zwei Aktionen wählen, mit deren Hilfe er durch geschicktes Tauschen, also dem Ablegen eigener Karten, oder Anwerben, dem Vorzeigen persönlicher Karten, neue Karten dazugewinnt. Im Laufe des Spiels bauen sich die Spieler nach und nach eine Engine auf, durch die sie immer bessere Karten anwerben und mit diesen in ihrer Karriere aufsteigen können. Doch Vorsicht vor den Konkurrenten. Wer selbst seine Felle wegschwimmen sieht oder einfach nur schadenfroh ist, kann den Mitspielern gehörig die Karriere vermiesen. Durch das Auslösen von Ereignissen kann sich das Blatt ganz schnell wenden und so manch einer einen ziemlichen Karriereknick erleben. Da hilft es manchmal nur noch, mit einem vermeintlichen Gegenspieler gemeinsames Spiel zu machen und eine Allianz zu bilden. Denn auf dem Weg zum Chef ist fast alles erlaubt - schließlich möchte jeder als erster die höchste Karrierekarte einlösen und damit zum Sieger des Spiels gekürt werden.

Karriere ist für alle da

Karriereleiter - Kartenmotive - Foto von Wonderland Spiele

Für Spielrunden mit wenigen Spielern schlägt die Anleitung eine alternative Spielweise vor. Hierbei konzentrieren sich die Spieler nicht so sehr auf sich selbst, spielen also nicht um ihren individuellen Karriereweg. Bei dieser Variante gibt es in der Tischmitte zwei oder drei gemeinsame Karrierestapel, um deren oberste Karten die Spieler zeitgleich wetteifern. Auch hier müssen die Spieler wieder geschickt agieren und ihren Mitspielern einen Schritt voraus sein, um genügend Punkte zu machen. Am Ende gewinnt in dieser Variante der Spieler mit den meisten Karrierekarten.

Wer sollte den Aufstieg auf der Karriereleiter wagen?

Das dynamische Kartenspiel eignet sich für Querdenker, Planer und Strategen. Weitsicht und Vorausschau sind hier gefragt, wer nur aus dem Bauch heraus entscheidet, wird schnell das Nachsehen haben. Auch wenn der Zufall so manchen Spielern ab und an wohl gesonnen ist, kommen diese hier vor allem durch Denken ans Ziel. Der komplexe Enginebuilder erinnert in seiner Mechanik an andere Draft-Spiele und vergleicht sich selbst in seiner Komplexität mit Dominion und Machi Koro.

Kinder unter zwölf Jahren werden nur wenig Freude an dem Spiel haben, denn weder das Thema noch der Mechanismus sprechen eine junge Zielgruppe an. So ist die Altersangabe passend gewählt, auch wenn wohl selbst Fünfzehnjährige andere Spielthemen bevorzugen werden. Die humorvollen Anspielungen wird nur verstehen, wer schon einige Jahre an Berufserfahrung auf dem Buckel hat und sich bestenfalls auch in den wählbaren Branchen etwas auskennt.

Berufserfahrung hin oder her, um die Karriereleiter emporzusteigen wird in jedem Fall ein großer Tisch benötigt. Das Ikea-Küchentisch-Standartmaß von 120 cm *75 cm reichte in unseren Testrunden für vier Mitspieler gerade so aus. Wer mit sechs Spielern auf Jobsuche geht, benötigt noch einiges mehr an Ablagefläche. In der ersten Partie des Spiels benötigten wir auch einiges mehr als die angesetzten 60 Minuten. In einer Spielrunde mit vier Spielern, von denen drei jeden Schritt gewissenhaft planten, saßen wir über 2 ½ Stunden an dem Spiel.

Zunächst schien das Spiel recht vorausschaubar, doch als der Frustpegel stieg, wuchs damit auch die Lust daran, anderen Steine in den Weg zu legen. Ob durch das Auslösen von fiesen Ereignissen oder durch das Wegnehmen von erwünschten Karten – dadurch, dass man den Mitspielern dauerhaft in die Karten schauen kann, lassen sich auch leicht die Pläne der anderen durchkreuzen. So gehört in einigen Spielrunden ein gewisser Biss dazu, um den Sieg einzufahren. An ein fröhliches Nebenbeispielen ist da nicht zu denken. Wer mit weniger Verbissenheit an das Spiel geht, kann Karriereleiter aber auch locker aus dem Handgelenk spielen. Entscheidungsfreudige Spieler benötigen für eine Partie sicher nur die angesetzte Zeit und auch zu zweit spielt sich das Spiel um einiges flotter und flüssiger.

Karriereleiter - Schachtel - Foto von Wonderland Spiele

Mich hat das kleine Kartenspiel leider dennoch nicht abgeholt. Ob es daran liegt, dass ich mich in meinem Beruf gut aufgehoben fühle oder meine Testrunden einfach zu zäh verliefen, kann ich dabei nicht genau sagen. Schade, denn Karriereleiter ist die erste Veröffentlichung des frischen Verlages Wonderland. Der Spieleautor Alexander Florin ist zugleich Gründer des Verlags und hat sich mit der Herausgabe des Kartenspiels einen Lebenstraum erfüllt. Wer sich also selbst noch finden möchte, seine Branche auf die Schippe nehmen oder ausprobieren möchte, wie es im knallharten Karrierebusiness vor sich geht, kann in diesem kleinen Kartenspiel als Praktikant noch einmal von vorne beginnen. Mit einem Augenzwinkern lassen sich zwischen Büroalltag, Werkstattlärm und Telefonkonferenzen mit ein bisschen Kartenglück hohe Ziele erreichen. Und manch einer wird dabei vielleicht erkennen, dass der eigene Job doch besser ist als gedacht.

Video: 

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spieleautor: 
Grafik: 
Spielerzahl: 
2-6
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
60
Jahrgang: 
2019
Spielkategorisierung
Fotos
Karriereleiter - Kartenmotive - Foto von Wonderland Spiele
Karriereleiter - Schachtel - Foto von Wonderland Spiele
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