Kyoto

Ein Klimaspiel

eine Spielerezension von Jörn Frenzel - 02.05.2021
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Kyoto - Ausschnitt - Foto von Deep Print
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Kyoto - was für ein komischer Name für ein Spiel? Und dann noch das Thema: Klimakonferenz! Das führt nicht dazu, dass man sofort zu diesem Spiel greift, dabei ist allein das Thema so wichtig. Denn die gleichnamige Konferenz 1997 zeigte, wie sehr jedes einzelne Land an bestimmten Lobbyismen festhält. Und wir spielen hier im eigentlichen Sinne die Konferenz nach - uninteressant? Nein keineswegs, das Spiel hat es in sich. Es zeigt, wie sehr bestimmte Mechanismen zusammenhängen und macht dabei auch noch Spaß. Dass auf der Schachtel "Ein Klimaspiel" aufgedruckt ist und das in einem düster wirkenden Cover, lädt allerdings nicht gerade dazu ein, es zu kaufen. Und jeder meiner Mitspieler guckte komisch, als ich Kyoto von Sabine Harrer und Johannes Krenner (Deep Print Games/Pegasus Spiele) auf den Tisch packte. Ein Umweltspiel, das Spaß macht? Ja und das aus gutem Grund.

Wie läuft eine Partie ab?

Kyoto - Spielszene - Foto von Jörn Frenzel

Wir finden einen kleinen Spielplan in Form der Erde, auf den wir fünf Tierarten und fünf Wolken legen. Gleichzeitig noch fünf Elemente eines Thermometers, die die einzelnen Erhitzungsstufen der Erde darstellen. Dabei tragen jeweils drei Wolken und drei Thermometerstufen auf der Rückseite Schadenssymbole, von denen wir immer eins zufällig entfernen. Die Tiere sind alle auf der Rückseite als Skelett dargestellt und damit ausgestorben, sobald diese Seite sichtbar wird. 24 Studienkarten werden verdeckt bereitgelegt, von denen jede bestimmte Ziele im Sinne der Umwelt erfordert. Jeder Mitspieler nimmt sich ein Land und je nach Spieleranzahl eine bestimmte Menge an Millionen. Genauso werden nach Spieleranzahl Wohlstandskarten verteilt, die Schadensarten und Lobbyarten aufweisen. D. h., jedes Projekt darauf verschlechtert die Umweltbedingen, wird aber oft von Lobbyisten verteidigt. Auch werden gerade eben von diesen Lobbyisten Agendakarten an jeden Mitspieler verteilt: Diese gilt es in ihrem Sinne zu beschützen, denn dafür gibt es die meisten Punkte. Jeder Spieler übernimmt abwechselnd den Vorsitz und dann geht die Versammlung los. Ein Timer sollte die Verhandlungszeit (90 Sekunden), die dann folgt, kontrollieren, der liegt leider nicht bei. Aber wozu haben wir ein Handy?

Kyoto - Vorsitzprotokoll - Foto von Jörn Frenzel

Der Vorsitzende nimmt sich aus dem Umweltfond zwei Millionen, so ist Geldnachschub gewährleistet, und nimmt nicht abgegebene Karten aus den Runden davor auf die Hand. Diese Karten wurden von anderen Vorsitzenden im Spiel nicht benutzt - dazu gleich mehr. Er liest aus zwei Studienkarten eine vor - diese bestimmt unser Ziel, welches es zu erreichen gilt. Das Reduktionsziel kann ein bestimmter CO2 Wert sein, bestimmte Schadensarten und eine bestimmte Menge Geld gehören natürlich auch dazu. Wird dieses Ziel nicht erreicht, sieht die Gruppe einen auftretenden Schaden, nur der Vorsitzende weiß mehr. Er kennt noch verborgene Schäden, denn die Studienkarte wird so in das Renderpult gesteckt, dass diese anderen Schäden für die Mitspieler nicht zu sehen sind. Ab jetzt gilt es, in 90 Sekunden alles zu geben! Denn das Ziel ist der Wohlstand auf dem Rücken der Welt.

Kyoto - Spielkarten - Foto von Jörn Frenzel

Hauen und Stechen um Umweltziele

Jeder bietet Wohlstandskarten und legt die vor seiner Landesflagge hin. Genauso kann man auch Geld für den Umweltfonds dazu legen. Wohlgemerkt: Kann! Denn es gilt, stets seine Lobby im Auge zu behalte, man will ja keine Punkte verschenken. Auch kann man versuchen, andere Länder (Mitspieler) zu bestechen, damit Sie bestimmte Karten legen oder eben nicht! Sind die 90 Sekunden um, wird ausgewertet. Der Vorsitzende nimmt passende Karten und legt sie auf einen seperaten Stapel. Das Geld kommt in den Umweltfonds, von dem der nächste Vorsitzende wieder seine Einnahmen nimmt. Nicht genommen Karten, legt jeder Mitspieler unter seine Flagge - er bekommt Sie ja wieder. Scheitert die Verhandlungsrunde, wirken die Schäden auf der Studienkarte. Da stirbt eine Tierart aus oder die Temperatur steigt auf unserem Planeten oder die Luftverschmutzung nimmt zu, was ggf. noch zu weiteren Katastrophen führen kann. Die Partie endet, wenn ein Umweltschaden seinen kritischen Wert von fünf erreicht oder der Studienstapel endet. Sollten die Umweltsünden eintreten, wird derjenige mit den meisten Punkten vom Sieg ausgeschlossen, da er das in Kauf genommen hat. Sonst gewinnt der punkteträchtigste Mitspieler. Punkte gibt es für die auf der Hand gebliebene Wohlstandskarten, also wozu abgeben? Für Geld und für die erfüllten Agendas der Lobbyisten.

Kyoto - Kartentext - Foto von Jörn Frenzel

Lohnt sich das Umweltspiel Kyoto?

Da ist viel drin in der kleinen Kiste von Deep Print. Viel Spielwert und viel Aktualität. Mein Gott, wird hier gezockt und geblufft. So muss es wohl auch auf der Klimakonferenz zugehen. Warum ich und nicht die anderen? Jeder versucht hier, jeden anderen dazu zu bringen, mehr für die Umwelt zu tun und sich selbst im Hintergrund zu halten. Das ist richtig spannend und sehr kommunikativ. Es setzt natürlich vorraus, dass sich die Mitspieler darauf einlassen. Aus dieser Kommunikation und dem aktuellen Thema zieht Kyoto seinen Spielreiz. Interaktion ist hier groß geschrieben.

Kyoto - Schachtel - Foto von Deep Print

Ganz liebenswürdig ist auch das Material mit dem Rednerpult, das passt irgendwie. Nur der Spielplan mit seinen Plättchen ist etwas futzelig, aber funktionell. Aber die Runde muss sich auf das Thema einlassen. Wer nur trockene Stragtegiehammer spielen mag, wird Kyoto dröge finden. Am meisten Spaß macht es mit möglichst vielen Mitspielern. Wir waren coronabedingt immer nur vier oder fünf, aber auch das war schon Klasse. Wer gern Junta spielt, sollte sich Kyoto mal ansehen, alles etwas kürzer, aber ähnliche Diskussionen. Aber auch den anderen Spielern kann ich Kyoto empfehlen, denn es hat irgendwie was. Etwas, das mich nach Wiederholungen schreien lässt. Das Thema ist ernst und das Spiel ist ernsthaft gut!

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spielerzahl: 
3-6
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
10
Spieldauer (Minuten): 
30-45
Jahrgang: 
2020
Spielkategorisierung
Spielegattung: 
Fotos
Kyoto - Vorsitzprotokoll - Foto von Jörn Frenzel
Kyoto - Spielszene - Foto von Jörn Frenzel
Kyoto - Kartentext - Foto von Jörn Frenzel
Kyoto - Spielkarten - Foto von Jörn Frenzel
Kyoto - Schachtel - Foto von Deep Print
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