Microworld

eine Spielerezension von Alexandra Fauth - 28.04.2017
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Spielmaterial Microworld - Foto von Cranio Creations/Pegasus Spiele
Lesezeit: ca. 3 Minuten

Martino Chiacchiera hat durch die Lupe oder vielmehr das Mikroskop geschaut und entführt uns mit seinem neuen Spiel Microworld (Cranio Creations/Heidelberger Spieleverlag) ins Innere unseres Körpers. Viren und Antikörper duellieren sich um die Vorherrschaft in den verschiedenen Körperzellen – der aus Risiko bekannte Area-Controll-Mechanismus wird dabei stark taktisch ausgerichtet. Zugleich formieren sich die Rahmenbedingungen immer wieder neu, sodass ähnlich Fluxx jede Partie mit anderen Regeln gespielt wird.

Der wechselnde Kampf im Organismus: So spielt sich das Duellspiel Microworld

Wie bei Risiko und anderen Area-Controll-Spielen geht es primär darum, die Vorherrschaft in möglichst vielen Gebieten – hier Körpergewebe – zu sichern. Abwechselnd setzen wir dazu Marker in die verschiedenen Gewebezellen. Siegpunkte gibt es am Zugende für eigene benachbarte Marker sowie bei Spielende für die Mehrheit je Gewebefläche. Dieses simple Grundprinzip wird mittels Baukasten-System mit weiteren Spielelementen kombiniert. Für jede Partie werden andere Zusatzregeln gewählt, die den taktischen Fokus verschieben (man könnte also – analog zum Begriff des Deckbuildings – von Regelbuilding sprechen). Ähnlich wie das Kartenspiel Fluxx ist Microworld somit sehr variabel aufgebaut. Allerdings entscheiden wir hier nicht während, sondern vor dem Spiel über die Zusatzregeln. Bereits in der Basisregel gibt es außerdem sogenannte Genmarker, die uns Vorteile und Sonderfähigkeiten verschaffen. In diesem Punkt erinnert die thematische Umsetzung an Ursuppe (Spiele von Doris & Frank, 1997). In Microworld sind wir jedoch keine Amöben, sondern Antikörper bzw. Viren – und, taktisch wie thematisch ein bedeutender Unterschied, wir erwerben diese Vorteile nicht dauerhaft, sondern geben sie nach dem Einsatz wieder ab.

Variabel = komplex? Von mutierenden Regeln …

Der Schwierigkeitsgrad der Zusatzregeln hängt von der jeweiligen Regelkombination ab und lässt sich frei wählen: Vom Basisspiel bis hin zu Eigenkreationen. Denk- und spielbar ist nahezu alles, was das Baukastensystem Microworlds hergibt. Wir müssen aber nicht selbst eine passende Regelkonstellation finden (wobei das durchaus auch eine reizvolle Herausforderung sein kann). Auf dem beigefügten Szenarienblatt werden verschiedene Regelvorschläge von einfach bis legendär vorgestellt. Manche Zusatzregeln sind bereits in sich so ansprechend, dass sie auch als Stand-Alone hervorragend funktionieren. So führt Regel C beispielsweise Mutationsmarker ein (die dann auch tatsächlich den dauerhaften Genveränderungen entsprechen, wie wir sie aus Ursuppe kennen), Regel B ändert die Zielvorgaben (und erinnert dabei verstärkt an Fluxx).

Auch wenn durch diese starke Variabilität natürlich die Komplexität nach oben hin kaum Grenzen kennt, scheint das angegebene Alter ab 14 Jahren doch etwas hoch angesetzt. Mit den weniger komplexen Szenarien werden Kinder ab 12 gut zurechtkommen, einfache Szenarien beziehungsweise Einzelregeln oder das Basisspiel sind sicherlich auch für etwas jüngere geeignet. Dagegen passt die Altersangabe jedoch sehr gut zu den eher eigenwilligen Illustrationen von Ruslan Audia. Antikörper und Viren erinnern gleichermaßen an Ungeheuer oder kleine Monster, wobei der Illustrationsstil klar auf Erwachsene ausgerichtet ist (und auch diese polarisiert, zumindest in unseren Spielrunden). Kinder und Familien wird Microworld grafisch weniger ansprechen.

… austauschbarer Thematik und taktischer Raffinesse

Spielerisch ist das Thema austauschbar, Microworld vermittelt auch kein biologisches Hintergrundwissen. Wer also eine Art Es war einmal … das Leben (französische Trickfilmserie der 80er-Jahre von Albert Barillé) in Brettspielform erwartet, wird enttäuscht. Diesen Anspruch (schon gar keinen pädagogischen) erhebt Microworld aber auch nicht. Die Thematik kleidet lediglich das taktische Spielprinzip ein, ohne als solche zentral zu sein.

Und dieses Spielprinzip ist überaus gelungen. Die vom Basisspiel an vorhandene taktische Tiefe ermöglicht ein umso interessanteres Spielerlebnis, da sich anhand der Regelvariationen tatsächlich jede Partie anders gestaltet. Eine Spielschachtel, ein Spiel – und dennoch viele Spiele in einem. Jede Regel und jede Regelkombination erfordert taktisches Umdenken, jedes Szenario eine andere Strategie. Durch weitere Varianten innerhalb der Regeln (z. B. verschiedene Zielsetzungen in Regel B) sind die neuen Spielmöglichkeiten pro Partie nahezu unzählbar – und der Wiederspielwert entsprechend hoch. Ein etwas anderes, aber sehr interessantes Duellspiel, das geschickt verschiedene Mechanismen verknüpft und dessen Herzstück nicht etwa das Area-Controlling, sondern das ‚Regelbuilding‘ ist.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
14
Spieldauer (Minuten): 
10
Jahrgang: 
2016
Spielkategorisierung
Fotos
Microworld - Foto von Cranio Creations/Pegasus Spiele
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